Ausgabe 
29.10.1771
 
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Wochenblatt. r6r

Menschen abnehmen kann. Auch sind nicht alle dergleichen Mienen und Gcberden unanständig: Denn viele deuten entweder etwas Gutes an, oder lassen sich nicht zurückhallen, wenn man auch gern wollte; wiewohl eini­ge davon sehr verächtlich sind, z. E. wenn ein Spötter die Nase rümpft, wenn ein Kochmüthiger andere Leute über die Schultern ansieht, wenn sich eiu falscher Mensch freundlich stellet, u. v. m.

Dabey erinnere ich mich, als ich neulich in Gesellschaft mit andern bey einem guten Freunde saß, so kam , indem wir mit einander redeten, sein Kind gelaufen, stolperte über die Schwelle, taumelte ins Zimmer herein, und schlug endlich mit der Nase nieder auf den Fußboden. t

Einigen aus der Gesellschaft mißfiel die Ungelenkigkeit dieses Kindes, an­dere fragten aus Geringschätzung, was es mit seinen Füßen machte, und andere sagten noch was anders- Ein guter alter Mann aber, der in einem Winkel saß, seufzte und schwieg still. Man fragte ihn, warum er seufz­te? ,, Ach! antwortete er, ich bedaure diesen Knaben, daß er niemals ei- niges Glück in der Welt machen wird; denn er hat kein Nachdenken. ,/ Wenn er nicht mit den Augen, die er im Kopfe hat, vor sich sicht; wie wird er mit den Augen des Verstandes sehen. Denn die müssen erst durch Nachdenken geschärft werden.

Diese wenigen Worte des alten Mannes (baten eine so gute Wir­kung bey dem Kinde, daß es ganz beschämt und niedergeschlagen in seine Kammer gieng. Ich habe mit Freuden vernommen , daß es nach der Zeit gelernt hat, nicht allein vor sich sehen , sondern auch über sein Thun und Lassen nachdenken. Hieraus schließ ich, daß ein guter Rath, zu rechter Zett gegeben, nicht vergebens bey wohl-gearteten Kindern sey, sondern mehr Nutzen schaffe, als Fallbäuste und Gängelbänder. Wie konnte auch ein Mensch andere regieren, der nicht einmal sich selbst leiten kann ? Ich habe Kinder gesehen, welche die Ruthe bekamen, wennsie gefallen wä­ren; aber dieses Bestrafungsmittel ist etwas streng , und muß nicht eher als im Nothfalle gebraucht werden.

Ich weiß, mein'Prinz, daß es meist aus Flüchtigkeit der Jugend geschieht, wenn sie stolpern. Allein, Sie müssen sich in Acht nehmen, gnädiger Herr. Die Leute sind schnell mit Urtheilen, und viele' könnten

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