Die Franzosen landen zwar unansgese
1 en zu tzt Truppen, bis jetzt 100 000 Mann, aber sind wir mit 300 000 Serben fertig geworden, werden wir wohl auch bald fertig sein mit diesen Franzosen.“ Ein bulgarisches Lob Oesterreich⸗ungarns und Dentschlands.
Sofia, 22, Nop.(WBB. Nichtamtlich) Das offtziöse„Echo de Bulgarie“ zollt in äußerst warmen Worten dem rühren⸗ den Wetteifer Anerkennung, womit man sich in Oester⸗
reich⸗Ungarn und Deutschland beeilt, Bulgarien zu Hilfe zu kommen, um die Lücken seines unzureichenden Sanitätsdienstes auszufüllen. Das Blatt schreibt: Um die Bedürf⸗ nisse der bulgarischen Armee zu befriedigen und die Leiden unserer tapferen Soldaten zu erleichtern, zeigen unsere großen Verbündeten, Oesterreich⸗Ungarn und Deutschland, einen wahrhaft brüderlichen Eifer. Jeder Tag bringt uns Beweise von Sympathie, deren Gegenstand unser Land in Gesellschaft der beiden verbündeten Monarchien ist. Aus Wien, Budapest, Berlin, München und zahl⸗ reichen anderen Städten kamen und kommen dem bulgarischen Roten Kreuz reichliche wertvolle Spenden zu. Die Monarchen und selbst Mitglieder der Herrscherhäuser, der Hochadel und die be⸗ deutendsten Persönlichkeiten der politischen und Finanzwelt gehen beispielgebend in der Hingabe an dieses Menschlichkeitswerk voran. Die wunderbar ausgestatteten Missionen, die sich unseren Kran⸗ 5 ken in den Spitälern Sofias widmen, sind liebe und hochgeschätzte G.äste in Bulgarien. Diese Aufopferung bewegt uns umso tiefer, als viele von jenen, die gekommen sind, um bei unter oft schwierigen Verhältnissen zu arbeiten, Söhne oder Brüder haben, die auf den Schlachtfeldern kämpfen. So festigt sich das an militärischen Ergebnissen so reiche Bündnis zwi⸗ schen den Bulgaren und den Völkern Mitteleuropas als eine Quelle moralischer Kraft von großer Fruchtbarkeit. Eines Tages werden die Geschütze aufhören zu donnern und die Volker werden ihre friedliche Arbeit wieder aufnehmen. Wenn 35 alles wieder in ruhige Bahnen zurückgekehrt sein wird, dann wird man die Bedeutung des großen Ereignisses des Zusammen⸗ arbeitens der Bulgaren mit den Oesterreichern, Ungarn und Deut⸗ 5 schen zu ermessen vermögen. Die jetzige Feuerprobe wird das . Band, das den Osten mit dem Westen verknüyft, unlöslich schmie⸗
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. den. In dieser Kulturarbeit werden die bescheidenen Arbeiter, die
sich über die Verwundeten beugen, eine nicht minder edle Pflicht erfüllt haben, als die Tapferen in den Schützengräben.
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* Der türkische Bericht.
Konstankinopel, 22. Nov.(WTB. Nichtamtlich.) Amt⸗
licher Bericht: Auf der Dardanellenfront Artilleriekampf.
Bei Sedd⸗ül⸗Bahr heftiger Kampf mit Bomben. Auf den übrigen Fronten, abgesehen von Plänkeleien zwischen Patrouillen, 2 von
nichts Bedeutung.. 5 5 Konstantinopel, 22. Nov.(WDB. Nichtamtlich.) Das Hauptquartier teilt mit: An der Dardanel⸗ lenfront au Artilleriefeuer und Bomben⸗ kämpfe. Bei Anaforta zerstörte eine unserer Patrouillen am rechten Flügel Schützengräben, welche der Feind neuer⸗ dings anzulegen versuchte; sie erbeutete 500 Sandsäcke und Draht. Unser Geschützfeuer vertrieb feindliche Trans⸗ portschiffe, welche sich der Küste von Ari Burun zu nä versuchten. Am 21. November morgens. unsere Artillerie ein feindliches Torpedoboot, das in die Meerenge einfahren wollte.
An der Kaukasusfront nichts von Bedeutung 5 Scharmützeln zwischen Patrouillen. Sonst nichts zu melden.
5 8 Die Deutschen in Indien.
5 London, 22. Nov.(WTB. Nichtamtlich.) Die„Mor⸗
ning Post“ meldet aus Kalkutta: 600 deutsche Frauen und Männer in nicht militärischem Alter haben am Freitag
Indien verlassen. i
5 Kämpfe in Persien.
85 Berlin, 22. Nov.(Priv.⸗Tel.) Das„Berl. Tagebl.“
meldet aus t: Wie aus Konstantinopel gemeldet
wird, fanden in Persien ernste Kämpfe zwischen den russischen Besatzungstruppen und den Aufständi⸗
schen statt. Russische Abteilungen sind bei Senna und
Hemadan von persis Stämmen geschlagen worden.
Die Zeppelin⸗Furcht in London.
5 London, 22. Nov.(WTB. Nichtamtlich.) Die Na⸗ tionale Porträtgalerie ist mit Rücksicht auf die Ge⸗ fahren von Zeppelinbomben für die Dauer des Krieges ge⸗ schlossen worden.
Die Kritik der„Times“.
London, 22. Nov.(WTB. Nichtamtlich.) Der militärische Korrespondent der„Times“ fordert, daß der neue Kriegsrat der Alliierten die Zahl und Beschaffenheit der notwendigen Truppen feststelle, da jetzt keine Entschuldigung mehr für Trugschlüsse über die Stärke des Feindes bestehe. Die alliierten Regierungen müßten über die Verteilung der maritimen, militärischen und finanziellen 5 Lasten entscheiden. Diese Feststellung gebe erst die Grundlage, um die englische Werbefrage zu beurteilen. Eine andere notwendige Entscheidung sei, an welchen Fronten die Alliierten sich offensiv und an welchen sie sich defensiv verhalten müßten. Der Ver⸗ fasser verlangt, daß die Nation die Wahrheit kennen lerne und bemängelt, daß, während das Ergebnis des Werbe⸗ feldzuges von Lord Derby frühestens am 11. Dezember bekannt sein werde, das Parlament in Ferien gehen wird und erst im Februar sich wieder versammeln soll. Ein etwaiges Wehrpflichtgesetz könne daher erst im März eingebracht werden, und die auf Grund des neuen Gesetzes ausgehobenen Truppen könnten den Feldzug von 1916 nicht mehr beeinflussen⸗
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Der Lebensmittelverkehr in Frankreich. Lyon, 22. Nov.(WTB. Nichtamtlich.)„Progres“ mel⸗
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det aus Paris zu der Regierungs vorlage betr. die auch
Festsetzung der Lebensmittel preise, die morgen von der Kammer erörtert werden soll, daß der Minister des Innern einen Zusatzantrag eingebracht hat, wonach Wucher mit Lebensmitteln, Heizmaterial, Bodenerzeugnissen und allen für die Landesverteidigung notwendigen Stoffen mit Gefängnis bis zu sechs Monaten und mit Geldbußen bis zu 5000 Franks bestraft wird.
. Das 25⸗jährige Regierungsjubiläum
4 der Königin Wilhelmina.
Berlin, 23. Nov.. heutigen 25jährigen Regie⸗ 25 önig in Wilhelmina von Hol⸗
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England bedroht aus Rache für seine unverbrüchliche Neutralität. Die Königin begehe ihr Jubiläum in einer schweren Zeit. Umso⸗ mehr dürste ihr heute der Tribut der se für ihre Persönlichkeit und ihr Regententum gezollt werden.
Zum Kabinettswechsel in Portugal. Paris, 22. Nov.(WTB. Nichtamtlich.) Der„Temps“ 9 aus Lissabon: Ueber die Gründe des Rück⸗ tritts des Kabinetts Castro wird folgendes bekannt: Die Mairevolutionäre hatten im Parlament die Annahme eines Gesetzes erzielt, das die der Regierungsform feind⸗ lichen 24 und Beamten ihres Amtes zu ent⸗
und eine größere Anzahl anderer Offiziere abgesetzt werden. In seiner Eigenschaft als Marineminister widersetzte sich Castro der Absetzung dieser Offiziere, gegen deren republik⸗ feindliche Gesinnung nur Vermutungen vorlagen. Dieser Entschluß erregte bei einigen höheren Marineoffizieren große Unzufriedenheit. Es kam zu Zwischenfällen, welche die Diszi⸗ plin im Heere und in der Marine zu untergraben drohten. Um den Streit zu beenden, trat Castro zurück.— Das Parlament ist auf den 25. November einberufen worden.
Björnson in Malmö.
Berlin, 23. Nov. Björn Björnson hielt, wie dem „Berliner Lokalanzeiger“ aus Kopenhagen gemeldet wird, am 21. November abends seinen Vortrag über die Ein⸗ drücke von drei Fronten, der vor acht Tagen in Kopen⸗ hagen unmöglich gemacht wurde, in Malmö. Der Vortragende wußte die Anwesenden während zweier Stunden in atemloser Spannung zu halten. Er gab sich ersichtlich Mühe, nur die mensch⸗ liche Seite des Krieges zu beleuchten und jede Parteinahme zu ver⸗ meiden. Es war aber unschwer zu erkennen, daß seine Sym⸗ pathien auf deutscher Seite sind und daß er darin mit dem an⸗ wesenden Publikum übereinstimmte.
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* Der Krieg in Deutsch⸗Ostafrika.
Paris, 22. Nov.(WTB. Nichtamtlich.) Der„Temps“ meldet aus Le Havre: Man meldet aus amtlicher Quelle, daß die belgischen Kongotruppen in Verbindung mit den englischen Truppen des Ugandagebietes und Aequatorialgebietes Deutsch⸗Ostafrika vom Norden und Westen zu bedrohen beginnen. Gleichzeitig marschiert eine aus freiwilligen Engländern und Buren aus Rhodesia, Transvaal und dem Oranjestaat gebildete Kolonne vom Süden gegen Deutsch⸗Ostafrika, welches bald vollkommen umschlossen ist. Infolge der großen Entfernungen und ßpe⸗ schränkten Transportmittel wird jedoch noch einige Zeit 0 bevor die Unternehmungen gegen die letzte deut⸗ sche Kolonie in Afrika genauer festgelegt werden können.
London, 22. Nov.(WTB. Nichtamtlich.) Das Reu⸗ tersche Bureau meldet aus Ostafrika: Die Deutschen sind sehr stark und beherrschen den Tan ganyika⸗See. Die Offiziere und die Bemannung des deutschen Schiffes „Königsberg“ befinden sich bei den Truppen, die auf 4000 Weiße und 30 000 Schwarze geschätzt werden. Die baue sind ins Inland transportiert worden. Neu⸗ langenburg ist eine der stärksten Stellungen. Der Bericht Reuters fügt hinzu, die Stärke des Feindes und sein Be⸗ itz von schwerem Geschütz verursachte beträchtliche Sorge. Bisher konnten die Briten und Belgier sich be⸗ haupten(), die Deutschen mußten sich in jedem Falle zurückziehen.(Daß die militärische Lage in Ostafrika den Engländern Sorge bereitet, wollen wir gern glauben.)
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Der Seekrieg. London, 22. Nov.(WTB. Nichtamtlich.) Meldung des Reuterschen Bureaus. Die britischen Dampfer„Mer⸗ ganser“ und„Hallamshire“ sind versenkt worden; die Besatzungen konnten gerettet werden.
Aus dem Reiche.
Die Lebensmittelversorgung.
Berlin, 22. Nov.(WTB. Amtlich.) Der Beirat der Reichsprüfungsstelle für die Lebensmittel⸗ preise trat Montag vormittag in seinem Ausschuß für Kartoffeln, Gemüse und Ob st unter dem Vorsitz des Präsidenten Dr. Kautz wiederum zu einer Sitzung zusam⸗ men. In der allgemeinen Aussprache über die Kartoffelver⸗ sorgung der Bevölkerung fanden die Bemühungen der Reichskartoffelstelle volle Anerkennung. Es wurde dem Wunsche Ausdruck gegeben, durch Einwirkung auf Landwirte und Händler eine. schnelle Beschaffung der ange⸗ meldeten Beträge und der weiter erforderlichen Winter⸗ vorräte zu sichern. Sollte, wie mehrfach angenommen wurde, eine Zurückhaltung der Händler vorliegen, so müßte ihnen gegenüber von dem den Städten zustehenden Enteignungs⸗ recht Gebrauch gemacht werden. Von den Eisenbahn⸗ verwaltungen sind schnellste Beförderung und Maß⸗ nahmen gegen Frostgefahr zugesagt worden. Nach einer Mit⸗ teilung des Eisenbahnzentralamtes wurden zwischen dem 28. Oktober und 16. November 9 Millionen Zentner Speise⸗ kartoffeln befördert. Es ist anzunehmen, daß sie meist nach dem Westen bestimmt waren, so daß die immer noch be⸗ hauptete Kartoffelknappheit füglich behoben sein sollte. In der Erörterung wurden u. a. Fragen etwaiger Sonderpreise für wirkliche Saatkartoffeln und einer erweiterten Beschlag⸗ nahme unter Herabsetzung der Höchstpreise gestreift. Von dem Vertreter des Kriegsministeriums wurde erklärt, daß auch die Heeresverwaltung unbedingt an dem Höchstpreise für Kartoffeln festhält. Weiter wurde über eine Festsetzung von Höchstpreisen für Gemüse, Zwiebeln und Sauerkraut verhandelt. Eine eingehende Erörterung fand über die Bemessung der Sauerkrautpreise statt. Man war ferner darüber einig, für Obst, solange die Preise eine angemessene Höhe bewahren, von einer Höchstpreisfest⸗ setzung abzusehen. Endlich wurde über Höchstpreise für Fett⸗ ersatzmittel, in erster Linie für Marmeladen, aber für Aepfelkraut, Rübenkraut, Bienenhonig und Kunst⸗ honig verhandelt.
Aus Stadt und Cand. Gießen, 23. November 1915.
Ein Gießener Flugversuch aus dem Jahre 1785.
Was unsere Feldgrauen in Feindesland nicht alles aufstöbern! Schreibt da kürzlich ein Wetzlarer Herr, der als Sanitütshunde⸗ führer in den Champagne steht, an den Verein für Luftfahrt in Gießen, daß er in der Bibliothek eines zerschossenen Schlosses in Frankreich eine Reisebeschreibung aus dem Ende des 18. Jahrhunderts gefunden habe, in der auch ein Besuch Gießens und ein damals von einem Gießener Bürger unter⸗ nommener Flugversuch beschrieben wird. Titelblatt und viele Seiten des Buches fehlten, so daß der Schreiber des Briefes über Herkunft und Verfasser des Buches keine Angaben machen konnte. Diese Frage fand aber auf unserer Universitätsbibliothek ihre sofortige Beantwortung, dank der genauen Kenntnisse des Herrn berbibliothekars Dr. Ebel in Gießens Geschichte und Literatur. Die fraglt Stelle entstammt dem Werke:„Sammlung inter⸗ essanter und durchgängig zweckmäßig abgefaßter Reisebeschreibungen für die Jugend“ von J. H. Campe, das in Wolfenbüttel 1786 erschienen ist; sie hat also den bekannten Verfasser von Robinson. Crusoe zum Verfasser und ist der Beschreibung einer Reise ent⸗ nommen, die Campe selber im Jahre 1785 von Hamburg bis in die Schweiz unternommen hatte. Campes Besuch in Gießen dürfte nicht bloß wegen des Flugversuches, von dem er berichtet, sondern auch wegen seiner allgemeinen Bemerkungen über das damalige
setzen gestattet. Auf Grund dieses Gesetzes sollten General Jayme Castro, ein Oberst, vier Oberleutnants
Gießen unser abe verdienen. Es sei 1 97 gestattet, die Stelle seiner Reisebeschreibung, auf die die Aufmerksamleit in
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9 e 5. 5 5 so merkwürdiger Weise gelenkt worden ist, hier mi Campe erzählt ier 1„%
Der Zweck meiner Reise erlaubte mir nicht, mich hier(in Mar⸗ burg) zu verweilen. Ich reisete daher mit der nemlichen Diligence, mit welcher ich gekommen war, nach einer Stunde weiter und kam noch an eben dem Tage, wiewohl etwas spät, zu Gießen an. Auch hier gedachte ich mich nicht aufzuhalten, sondern erst in Frankfurt auszuruhen. Aber es geschahe anders. 5 3
Ich fand nemlich in dem Posthause, wo ich abtrat, eine ziemlich zahlreiche und vergnügte Gesellschaft vor, die indes anfangs eben so wenig von mir, als ich von ihr, Notiz zu nehmen schien⸗ Jeder blieb für sich; jene bei ihrem Glase Wein, ich und meine Reisegesellschaft bei unserm Abendbrod. Unterdes mogte man, ich weiß nicht wie, meinen Nahmen erfahren und nun war ich auf einmal mitten unter liebenden Freunden, die mich, da ich mich wieder nach der Diligence verfügen wollte, plötzlich umringten, mit liebreicher Gewalt zurückhielten, und, noch ehe ich eingewilligt hatte, meinen Koffer herunter nehmen und ins Haus bringen ließen. Gegen Härte, Unbilligkeit und Ungerechtigkeit kann ich mich stemmen, aber gegen Wohlwollen und Güte vermag meine Seele nichts. Ich mußte mich also ergeben und bleiben, so wenig dies auch vorher in meinem Plan gewesen war. 5
Einer in dieser Gesellschaft war der berühmte Orgelspieler, der Abt und geistliche Rat Vogler, dessen seltene Fertigkeit auf der Orgel viele meine jungen Leser kennen werden, weil er seit einigen Jahren an den vorzüglichsten Orten Deutschlands, so wie in Frankreich, England und Holland, sein Spiel öffentlich hören ließ. Das Verlangen, diesen Virtuosen,(um den es Schade ist, daß er seine Kunst seit einiger Zeit zu einer bloßen Künstelei oder Spielerei erniedriget) hier spielen zu hören, trug zu der Ver⸗ änderung meines Reiseplanes nicht wenig bei. Hierzu kam ein anderer Umstand, welcher gleichfalls einen Bewegungsgrund dazu bergab. Man erzählte mir nemlich, daß sich dermalen ein Mann in Gießen aufhalte, der die Kunst zu fliegen erfunden haben wollte und, wo nicht morgen, doch spätestens übermorgen den ersten Versuch damit anstellen würde. Dies mit anzusehen, schien mir gleichfalls der Mühe werth zu seyn. 5
Unter allen Menschen sind mir diejenigen, welche die Masse der menschlichen Kenntnisse und Geschicklichkeiten neue Erfindun⸗ vergrößerten, von jeher die interessantesten gewesen. Auch dann, wenn ihre Versuche mißlangen, bewunderte ich in ihnen noch die Kühnheit, mit der sie sich über das Bekannte und Gewöhnliche zu erheben strebten, und sie blieben mir daher, auch wenn sie fielen, noch in ihrem Falle beachtenswerth. Auch war ich immer der Meinung, daß man Geister dieser Art, selbst wenn sie sich in das Reich der Unmöglichkeit zu verirren scheinen, keineswegs abschrecken, sondern vielmehr auf alle Weise ermuntern und unterstützen müsse. Denn auch verunglückte Versuche können lehrreich werden, und man hat nicht selten gesehen, daß aus einer verfehlten Erfindung eine andere entstand, die der menschlichen Gesellschaft zu noch größe⸗ 5 Nutzen gereichte, als diejenige, auf die es eigentlich ange⸗ ehen war.
Ich hatte daher am folgenden Tage nichts angelegentlicheres, als den Mann, der die Kunst des Dädalus wiederherzusteklen verhieß, von Person kennen zu lernen. Ich fand ihn bei einen der berühm⸗ testen hiesigen Ne reh dem Hrn. Schlettwein, jetzigen Eutsbesitzer im Mecklenburgischen, dessen Anverwandter er war. Er hieß Meerwein, und ich lernte in ihm einen Mann von sehr lebhafter Einbildungskraft kennen, der seiner Sache so gewiß war, daß er sich so, wie er nächstens in der Luft zu erscheinen glaubte, schon in Kupfer hatte stechen lassen. Er zeigte mir die schon fertigen Flügel, deren er sich bedienen wollte; allein sobald ich diese gesehen hatte, konnte ich es nicht mehr der Mühe wert halten, des damit anzustellenden Versuches wegen länger hier zu bleiben. Denn es war mit mehr als bloßer Wahrscheinlichkeit, es war mit Gewißheit vorauszusehen, daß die Sache unausgeführt bleiben würde, weil offenbare Unmöglichkeiten dabei vorausgesetz waren, wie meine jungen Leser selbst finden werden, wenn ich ihnen eine Beschreibung dieser Flügel mache.
Jeder 7 war ein großes Oval, ohngefähr 70 58 lang, und in der Mitte ohngefähr sechs bis acht Fuß breit. äußere Rand bestand aus ziemlich schweren hölzernen Latten; der Zwischenraum war mit einem Netzwerk von Bindfaden ausgefüllt, und an demselben hatte er eine Menge papierner Lappen von glei⸗ cher Größe dergestalt befestigt, daß sie wie Schuppen über einander lagen, und, wie die Federn der Vögel, von der Luft bewegt werden konnten. Beide Flügel wurden durch ein Leder zusammengehalten, doch so, daß die damit vorzunehmende Bewegung dadurch nicht gehindert wurde. 5
Seine Absicht war nun diesg. Er wollte sich, auf einer Anhöhe stehend, durch Hülfe gepolsterter Riemen an diese Flügel festbinden lassen, und sich alsdann von der Anhöhe herab⸗ werfen. Dann hoffte er es nicht bloß in seiner Gewalt zu haben, sich schwebend zu erhalten, sondern auch durch eine leichte Bewegung der Flügel sich gemächlich fortzuschwingen. Allein man durfte das Gewicht dieser ungeheuren Flügel nur gefühlt haben, um mit völli⸗ ger Gewißheit vorherzusehen, daß es ihm unmöglich seyn würde, die geringste Bewegung damit vorzunehmen, sobald er keinen festen Standpunkt mehr haben, sondern in freier Luft schweben würde Ich äußerte ihm diese Bedenklichkeit; allein er eee daß er alles wohl berechnet habe und seiner Sache gewiß wäre
Auch hat er sich nachher, wie ich auf meiner Rückreise, erfuhr, durch keine Vorstellungen abschrecken lassen, sondern den beschlosse⸗ nen Versuch wirklich angestellt. Allein dieser Versuch fiel so aus, wie man vorhersehen konnte. Zum Glück war der Ort, von welchem er sich herabstürzte, eben nicht hoch, und die ausgebreiteten großen Flügel hielten seinen Fall doch so viel auf, daß er nicht gar zu unsanft niederstürzte. Er soll indeß die Hoffnung, seine Erfindung
zu Stande zu bringen, keineswegs aufgegeben haben. l
Ich brachte diesen Tag auf die angenehmste Weise zu, indem ich theils verschiedene der hiesigen verdienstvollen Professoren kennen lernte, theils Hrn. Vogler die Orgel schlagen hörte, theils von einem meiner neuen Freunde, in Gesellschaft verschiedener würdiger Männer auf einem sehr angenehm liegenden öffentlichen Landhause bewirthet ward.
Gießen ist eine Hessen⸗Darmstädtische Stadt und Universität an der Lahn von ungefähr 700 Häusern und etwa 5000 Ein⸗ wohnern. Die alte Befestigung dieses Ortes ist sehr unbedeutend; aber die angenehme Lage desselben, die außerordentlich wohl⸗ feilen Preise der meisten Bedürfnisse des Lebens, der gute
esellige Ton, welcher hier, sogar unter den Professoren, ja sogar unter den Studenten zu herrschen scheint, müssen diese Stadt zu einem angenehmen Aufenthalte machen. Es giebt hier z. B. Regierungsräthe, welche nur 200 Gulden, d. i. ungefähr 112 Thaler einzunehmen haben, und doch, so. sie unverhei⸗ rathet bleiben, so ziemlich damit fertig werden. Welch ein Abstich egen das theure Hamburg, wo ein sogenannter Ochsenschreiber eine 2000 Thaler, ein sogenannter Zehnpfennigsknecht seine 4000 Thaler schwer Geld einzunehmen hat, und vielleicht kaum damit auszukommen weiß!— Was aber die Sitten der hiesigen Studie⸗ renden betrifft: so war es mir, bei meinem dreimaligen Aufent⸗ halte an diesem Orte ungemein auffallend, auch nicht einen unter ihnen zu bemerken, der etwas Sonderbares affectierte, sich durch einen liederlichen oder abgeschmackten Anzug auszeichnete, oder durch Grobheiten gegen Fremde unkluger Weise sich ein lächerliches Ansehn zu geben suchte. Aber freilich ist ihre Zahl hier auch nicht groß, die Mannszucht hingegen strenger, als sie auf deutschen Universitäten gemeiniglich zu seyn pflegt. *
Krieger⸗Weihnachtsspende 1915.
Die für den 25. und 26. vorgesehene Sammlung des Roten Kreuzes bezweckt die Aufbringung der Mittel zu einer Weihnachtsspende für unsere Feldgrauen im Felde und in den Lazaretten. Jeder wird gerne sein Scherf⸗ lein dazu beitragen und ich. eine Weihnachtsfreude be⸗ reiten helfen, wenn er sich dessen erinnert, was unsere Truppen in den 16 Kriegsmonaten geleistet haben, daß sie uns den Feind fern gehalten und unsere 1 Gaue vor Verwüstung bewahrt haben. Sicher sind die Zeiten schwer und die Lebenshaltung hat sich sehr verteuert. Wi wäre es aber geworden, wenn wir den Feind i nd
hätten? Wer daran denkt, hat gewiß eine Gabe


