Ausgabe 
(6.11.1915) 262. Erstes Blatt
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garischen Staatsschuldenverwaltung Stojanoff trafen, von Wien kommend, heute vormittag auf dem Anhalter Bahnhof ein. Zum Empfang hatten sich der bulgarische Ge⸗ sandte Rizow mit dem Gesandtschaftspersonal und der bulgarische Konsul Mandelbaum eingefunden.

Die Lage im Lichte der amerikanischen Presse.

New Nork, 5. Nov.(WTB. Nichtamtlich.) Die hiesige Presse bespricht die militärischen Mißerfolge der Alliierten und die daraus sich ergebenden politi⸗ schen Verhältnisse in England eingehend und rück⸗ haltlos.

DieWorld schreibt, wenn der Krieg günstig verllefe, hätte die englische Regierung kaum zu Hause eine politische Un⸗ zufriedenheit zu fürchten. Ein ansehnlicher Sieg würde den Kriti⸗ kern der Regierung die Waffen aus der Hand nehmen, aber keine noch so glänzende staatsmännische Lerstung vermag den verzweifelten Widerstand der Tür⸗ ken zu überwinden und die lange Reihe der rus⸗ sischen Niederlagen auszulöschen. Die Verhältnisse in England sind jetzt ähnlich wie zur Zeit des Bürgerkrieges.

DieNew Nork Tribune schreibt: Wenn der letzte Zeppelinangriff die Rekrutenanwerbung in London günstig be⸗ einflußt hat, so hatte er auch andere Folgen, die Deutschland als hoch befriedigend betrachten wird. Die Deutschen wissen, daß London von Entsetzen erfüllt war, wo immer die Bomben nieder⸗ fielen. N.

Sun bespricht den Mißerfolg des Generals Hamilton und schreibt: Es war immer zweifelhaft, ob er die Befühigung für ein hohes Kommando besaß. Es kann angenommen werden, daß

die Regierung, als sie ihn nach den Dardanellen entsandte, das

Gebiet nicht kannte und nicht verstand, welche riesenhafte Auf⸗ gabe dem General anvertraut wurde. 3

DieNew York Times schreibt: Das Mißlingen des Dardanellenunternehmens muß auf die englisch⸗französische Dr⸗ plomatie eine verhängnisvolle Wirkung ausüben Was geschieht, wenn die Alliierten diesen Feldzug verlieren? Es wäre vielleicht besser gewesen, diese Unternehmung nie zu beginnen. Jetzt tau⸗ chen Gerüchte auf, daß dieser Feldzug ebenso plötzlich abgebrochen mird, wie er begonnen worden ist. Das würde das Ansehen der Alliierten in Osteuropa zweifellos noch mehr schwächen. Am Be⸗ ginne des Krieges gegen die Türkei sagte jeder: Das ist das Ende der Türken; ihre Zeit in Europa ist abgelaufen. Aber es war doch nicht so, wie es aussah. ö

Aus dem englischen Parlament.

London, 5. Nov.(WTB. Nicktamtlich.) Oberhrus. Lord St. Davids(liberal) sagte, die frühere Regierung habe Fehler gemacht, aber den Krieg mit großer Energie geführt. Seit die Koalitionsregierung bestehe, sei keine besondere Energie der Regierung bemerkbar gewesen. England befände sich jetzt in einer schweren Krisis. Keine Nation habe sich jemals in gefähr⸗ licherer befunden. Er erinnere an die Lage Frankreichs nach der Revolution. Er wolle nicht das Verfahren der Schreckens herr⸗ herrschaft gegen unfähige Generale empfehlen, aber sie müßten

wenigstens entlassen werden. Lord Willoughby de Broke richtete einen scharfen Angriff gegen Asquith. Seine gestrige Rede t aug e e 15 5 1 5 5 N Zeitungsleser nicht längst gewu abe. Sie manches sehr belastende Material gegen Asquith selbst enthalten. Ein wirklich eindrucksvoller Teil sei die Mitteilung gewesen, daß Asquith im Amte bleiben wolle, solange er könne Die Franzosen entfernten einen Minister nach dem anderen. Wenn die Russen während des Krieges einen Großfürsten loswerden konnten, könne man auch Asquits loswerden. Asquith gleiche Pitt, den er in seiner Rede erwähnt habe, jedenfalls nicht darin, daß er nach dem Worte Macaulays in jedem Palast von Lissabon bis Moskau mit heiliger Scheu genannt wurde. Es wäre schlimm, wenn man unter 1200 Parlamentsmitgliedern nicht einen Nachfolger finden könnte.

Lord Morley bedauerte die persönlichen Angriffe auf As⸗ quith, sagte aber, daß der Vorredner im Grunde recht habe. Er bemängelte die Art, wie die Zensur arbeite, und erklärte, daß sie sich überaus töricht benehme. Man führe die notwendige Rücksicht auf die Verbündeten an, aber einige von ihnen besäßen noch nicht die Presse⸗, Rede⸗ und Meinungsfreiheit. Die Zensur verfälsche direkt gewisse Nachrichten, zum Beispiel amtliche Berliner Berichte. Ein Holländer habe kürzlich zu einem Freunde gesagt:Früher galt die britische Presse als die zuverlässigste in der ganzen Welt, jetzt aber nicht mehr. Morley erinnerte an die unglückliche englische Expedition im Jahre 1809, die Vlis⸗ fingen und Antwerpen erobern sollte. Sie mußte aufgegeben wer⸗ den. Der Ausschuß im Unterhause habe die Schuldfrage unter⸗ sucht. Wenn das Unternehmen an den Dardanellen ebenso verlaufe, würde das Parlament auch eine Untersuchung verlangen. Lord Crewe suchte in einer längeren Rede die Regierung zu ver⸗ teidigen. Lord Ribblesdabe sagte, die Politik der Regierung sei in verschiedenen Fällen, wie bei der Frage, ob Baumwolle Banngut sei, und bei der Munitionsfrage, von derTimes beeinflußt worden. Es sei bedauerlich, daß diese Zeitung ein neues Regierungswerkzeug geworden sei. g

Der Lordkanzler sagte: Als ich das Pressebureau geleitet habe, war die Schwierigkeit wegen der amtlichen deutschen Berichte akut. Ich gab die amtlichen deutschen Berichte frei, vorausgesetzt, daß sie nicht Dinge enthielten, von denen wir be⸗ gründeterweise annahmen, daß sie unrichtig waren oder einen un⸗ serer Verbündeten beleidigten. Wenn zum Beispiel der amtliche deutsche Bericht sagte, daß die Franzosen Grausamkeiten gegen deutsche Verwundete begangen hätten, so schnitt ich sie aus. Ich selbst konnte die Wahrheit nicht feststellen und lehnte es ab, durch die britische Presse Nachrichten verbreiten zu lassen, die wahr⸗ scheinlich falsch waren. Die Deutschen haben zwei Arten Funken⸗ telegramme. Die einen sind die Berichte des Hauptquartiers, die anderen ein phantasievoller Auszug von Nachrichten mit der aus⸗ drücklichen Absicht, sie von der englischen Presse verbreiten zu lassen, damit sie aus dieser in die neutrale Presse übergehen. Als die Deutschen übrigens merkten, daß wir die amtlichen Berichte des Hauptquartiers freigaben, hingen sie andere Meldungen an, um sie durchzubekommen. Die britische Zensur schnitt diesen Anhang weg und es wäre wahnsinnig, in einem Krieg gegen uns gerichtete Nachrichten zu verbreiten, die die Deutschen veröffentlichten, um unsere auswärtigen Beziehungen zu stören. Der Lordkanzler deutete schließlich an, daß die Pressefreiheit infolge der Angriffe auf die Regierung eingeschränkt werden möchte.

Lord Bry es sagte, die Unzufriedenheit mit dem Pressebureau sei daher entstanden, daß die Zensur in den 16 Monaten und in. den Debatten wenig gelernt habe. Die Debatte wurde darauf vertagt.

Eine englische Niederlage an der südarabischen Küste.

Konstankinopel, 5. Nov.(WTB. Nichtamtlich.) Das im Bagdad erscheinende arabische BlattSada⸗i⸗Islam erfährt: Die englische Expedition gegen Mesopotamien hat unter den Arabern der Küste Südarabiens von Bab el Mandeb bis Maskat große Exregung hervorgerufen. Seit der Einnahme von La Hadj durch türkische und arabische Truppen ist die Er⸗ regung sen. Die das Bergland von Hadraumant be⸗ wohnenden Stämme griffen unter dem Gouverneur von Djebel, der den heiligen Krieg verkündete, zu den Waffen; sie griffen die englischen Kolonien an der Küste an. Nachdem die Engländer in Makalla Verstärkungen gelandet hatten, fand im Innern des Landes ein Kampf statt. Obwohl die Engländer über Kanonen und Maschinengewehren verfügten, wurden sie von 12 000 Ara⸗ bern umzingelt, die drei Kanonen, sieben Ma⸗ schinengewehre, über 800 Gewehre und Munition erbeuteten. Eine große Zahl der Engländer wurde getötet, der Rest flüchtete nach Makalla in die Kanonenboote und räumte Makalla in Erwartung indischer Verstärkungen. Die Nieder⸗

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lage, die von den Engländern geheimgehalten wird, hat bei der indischen Regierung lebhafte Beunruhigung hervorgerufen.

Die Kämpfe in Kamerun.

London, 5. Nov.(WTB. Nichtamtlich.) Das Presse⸗ bureau teilt mit, daß Truppen aus Nigeria am 22. Okt. Bamenda und am 24. Oktober Banyo, beide in Kame⸗ run gelegen, eingenommen haben. In dem Gefecht bei Banyo wurden drei Deutsche und 25 Eingeborene getötet; die britischen Verluste betrugen vier Tote und neun Verwun⸗ dete, alles Eingeborene.

(Die Station Bamenda liegt etwa 80 Kilometer östlich der deutsch-englischen Grenze auf dem Bali⸗Hochlande. Ob der Angriff auf Bamenda von den bei Ossidinge versam⸗ melten englischen Truppen ausgeführt wurde, oder ob andere Truppen von Nigerien den Donga⸗Fluß entlang gegen Bamenda vorgedrungen sind, läßt sich aus den vor⸗ liegenden Nachrichten noch nicht ersehen. Ebensowenig läßt sich bereits jetzt über die Bedeutung der Einnahme von Bamenda durch feindliche Truppen ein Urteil abgeben. Bamenda liegt etwa 200 Kilometer nordöstlich vom Ba⸗ menda⸗Nordrande des Kameruner Hochplateaus. Mit dem Fall dieser Station wurde gerechnet, nachdem die englischen und französischen Truppen Ende Juni 1915 Ngaundere besetzten und nachdem am 16. August 1915 auch Gaschka von einer englischen Abteilung, die anscheinend den Ta⸗ bara⸗Fluß aufwärts gekommen war, eingenommen wor⸗ den war. Eine Bestätigung dieser Meldung bleibt indessen abzuwarten. Anm. d. WTB.)

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5 Eine türkische Anleihe.

Konstantinopel, 5. Nov.(WTB. Nichtamtlich.) Das Amtsblatt veröffentlicht die von der Kammer an⸗ genommenen 9 durch welche die Regierung ermäch⸗ tigt wird, mit der deutschen Regierung ein Abkom⸗ men betreffend einen Vorschuß von 6 Millionen Pfund abzuschließen, der von der deutschen Regierung ge⸗ währt wird, und durch die ferner der Finanzminister zur Ausgabe von Kassenscheinen im Betrage von 6 Millionen ermächtigt wird, deren Gegenwert vollständig in Schatz⸗ scheinen der deutschen Regierung 1 01 ist, die der Ver⸗ waltung der osmanischen Staatsschuld übergeben sind. Die Kassenscheine werden einen Zwangskurs haben und ein Jahr nach Abschluß des Friedens rückzahlbar sein.

Eine Abordnung aus Syrien an der Dardanellenfront und Konstantinopel.

Konstantinopel, 4. Nov.(Nichtamtlich.) Die Abord⸗ nung von Schriftstellern, Rechtsgelehrten und Geistlichen aus Syrien ist von ihrem Besuch an der Dardanellenfront zu⸗ rückgekehrt, wo sie aus eigener Anschauung feststellen konnte, wie unendlich klein trotz ihrer seit neun Monaten erlittenen enormen Verluste das Gebiet ist, auf dem sich die Engländer noch halten können. Alle Mitglieder der Abordnung hoben die in der Geschichte einzig dastehende Tapferkeit der türkischen Truppen hervor und gaben ihrer Anerkennung für ihre Leistungen lebhaften Ausdruck. Sie erklärten, daß sie, nach der Rückkehr in ihre Heimat, es sich angelegen sein lassen werden, ihren Landsleuten die empfangenen Eindrücke schildern und dadurch alle Zweifel, wenn es solche noch geben sollte, zu zerstreuen. Zu Ehren der Abordnung veran⸗ staltete die türkische Presse heute abend unter dem Vorsitz des Direß⸗ tors des Pressebureaus, Hikmet Bey, ein Bankett, bei dem Reden in türkischer und in arabischer Sprache gehalten wurden. Sämtliche Redner hoben den Wert der brüderlichen Eintracht zwischen Türken und Arabern hervor, dank welcher die gerettete Türkei und der gerettete Islam ein neues Leben beginnen und sich einer glänzenden Zukunft erfreuen werden.

Die Disziplin bei den Italienern.

Wien, 4. Nov. Aus dem Kriegspressequartier wird unter dem TitelDisziplin im italienischen Heere gemel⸗ det: Bei einem gefallenen italienischen Offizier wurde ein vom 29. September datierter Zirkularerlaß des italieni⸗ schen Armeeoberkommandos gefunden, der beweist, daß die Disziplin im italienischen Heere, namentlich nach der Isonzo⸗ schlacht, sehr im argen gelegen haben muß, wenn solche drakonische Gefehle nötig waren. Zugleich beweist das Schriftstück, daß die in einem unserer Preßberichte seinerzeit gemeldete Tatsache, daß die Italiener in die eigenen Trup⸗ pen hineinschießen, auf Wahrheit beruht. An dieser für die italienische Oeffentlichkeit allerdings recht bitteren Wahr⸗ heit können nunmehr auch alle italienischen Regierungs⸗ communiques nicht mehr rütteln. Der Zirkularerlaß lautet wie folgt:

Armeeoberkommando, Operationsabteilung, Bureau für ver⸗ schiedene Angelegenheiten, Sektion für Instruktionen und Diszi⸗ plin. Zirkularerlaß. Nr. 3525(an alle Offiziere auszugeben). In Ergänzung der im Zirkularerlaß Nr. 1 festgelegten Grundsätze über die Disziplin im Kriege gebe ich noch nachfolgendes bekannt und verlange, daß es sofort in die Tat umgesetzt werde: 1. Die Disziplin ist die geistige Flamme des Sieges. Es siegen die best⸗ disziplinierten Truppen, nicht die bestausgebildeten. Es siegt, wer im Herzen den hartnäckigen Willen zu siegen und die unerschütter⸗ liche Zuversicht auf Erfolg hat. 2. Wahre Disziplin zeigt sich im Geist und in der Form: Sie muß aus innerstem Herzen hervorgehen und Vorgesetzte und Untergebene in heiliger Liebe verbinden. Sie muß aber auch stets unbedingten Respekt in allen Handlungen, auch in Aeußerlichkeiten fordern 3. Jeder Soldat muß si⸗ sein, in einem Vorgesetzten im Notfall Bruder oder Vater zu finden. Er muß aber auch überzeugt sein, daß der Vorgesetzte die heilige Vollmacht besitzt, Widerspenstige oder Feiglinge niederzumachen. 4. Jeder muß wissen, daß im Angesicht des Feindes nur ein Weg für alle offensteht: jener der Ehre, der zum Siege oder Tode in den feindlichen Linien führt. Jeber muß wissen, daß, wer versuchen sollte, 1 12 ergeben oder zurückzuweichen, raschestens, noch bevor er diese nde auf sich ladet, vom Blei der hinter ihm stehenden Truppen oder von den Kugeln der hinter den Kampftruppen zur Beaufsichtigung verwendeten Carabinieri ereilt werden wird, wenn er nicht schon früher von seinem Offizier kalt gemacht wurde. 5. Wem es gelingen sollte, diesem heilsamen abgekürzten Ver⸗ fahren zu entkommen, der wird der unerbittlichen exemplarischen und sofortigen Aburteilung durch die Militärgerichte verfallen. Zur Schande des Betreffenden und zum warnenden Beispiel für die anderen ordne ich an, daß die Todesstrafen stets in Anwesenheit von entsprechenden A ungen der Truppenkörper zu vollziehen sind. 6. Wer sich ergibt und lebend in die Hände des Feindes fällt, wird sofortin contumaciam verurteilt werden. Die Todes⸗ strafe wird nach Beendigung des Krieges vollzogen werden. Die Vorgesetzten aller Grade sind mir persönlich für die genauesto Durchführung aller dieser Bestimmungen verantwortlich.

Der Chef des Generalstabes des Cadorna. 1

Der Seekrieg.

Die Versenkung eines englischen Transportdampfers. ö

Heeres.

Madrid, 5. Nov.(zens. Frkft.) Zuverlässigen Nachrichten zufolge ist der englische TransportdampferWoodfield, mit Kriegs material an Bord, von einem Unterseeboot ver⸗ senkt worden. Der Dampfer, der 3581 Registertonnen groß ist, war von Gibraltar nach dem österreichischen Mittelmeer unter⸗

Aus dem Reiche.

Berlin, 5. Nov.(WDB. Nichtamtlich.) In der Bun⸗

desratsverordnungüber die Regelung der Preise für Schlachtschweine und Schweinefleisch sind mit Wirkung vom 12. November die für 50 Kilo⸗ gramm Lebendgewicht nach den Abstufungen für Schwei im Lebendgewicht erstens über 80 bis 100 Kilogramm, zweitens über 60 bis 80 Kilogramm, drittens unter 60 Kilo⸗ gramm, viertens für Sauen wie folgt festgesetzt: Für Frank⸗ furt a. M., Wiesbaden, Mainz, Karlsruhe und Mannheim auf 155 Mk., 155 Mk., 78 Mk. und auf 110 fk 995 A im Breisgau, Straßburg und M 7. 50 M. und 10 W. 8 5 a München, 5. Nov.(WTB. Nichtamtlich.) Staats⸗ minister Graf Hertling hat in Begleitung des Mimiste⸗ rialdirektors v. Meinel und des Legationsrates Freiherrn v. Stengel gestern abend eine zehntägige Reise nach Bel⸗ gien und Nordfrankreich angetreten. 5

Aus Stadt und Cand. Gießen, 6. November 1915.

Sonntagsgedanken.

Als die Menschen aus dem Paradiese vertrieben wurden, traf sie ein schwerer Fluch. Darum muß der Mann im Schweiße seines Angesichts sein Brot essen und mit Mühsal seinen Acker bauen. Das Weib soll mit Schmerzen gebären. Und zum Staub, wovon der Mensch genommen ist, muß er wieder zurückkehren. In alter, alter Zeit also hat man schon so gedacht, wie es auch in unserer Zeit viele N haben. Tag für Tag mühevolle Arbeit, Sorgen und Mühen: so geht es das ganze Leben hindurch. Es scheint nicht anders, als ruhe ein schwerer Fluch auf der 1 5.

tele, die diese Meinung haben, suchen zwar diesem Fluche zu entgehen. Sie peitschen die Triebe ihrer Natur auf, daß sie zu scheinbar unbändigem Leben chossen. Aber es sind Schößlinge, die dennoch von Anfang i Keim der Krankheit in sich tragen. Man will Ablenkung haben, will vergessen. Aber was nützt es? Wir werden des⸗ 15 nicht vergessen. Wer den Fluch zu fürchten hat, den rifft er.

Aber wir atmen auf, denn der Furchtsamen sind weni geworden. So alt die Klage ist, so when ste at mit tausend Gründen, so oft sie immer wieder ihr zu erheben wagte, so ist sie dennoch wiederum überwunden durch das wirkliche Leben. Und noch mehr könnte sie auch bei uns zu Hause überwunden sein, wenn wir uns mehr erinnerten an das Beispiel derer, die draußen kämpfen. Sie müssen Mühsale erdulden, und doch sind sie fröhlich; sie werden müde, und doch ermatten sie nicht; sie stecken in Schmutz und Nässe, und doch wer ist ihnen gleich; sie sterben, und erst recht sind sie ewig Sieger. Wo sind nun die, die da reden von dem Fluche, von dem Elend und der Mühsal des Lebens, von dem Kampf und den Opfern, die töricht, von den unheilbaren Wunden, die der Krieg ft 5

selbst das Doch

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Sie sind nur sich selbst zum Fluche, sie sind sich

größte Elend, und sie schlagen sich selbst die 5

der Furchtsamen sind weniger 2 Denn da ist ja nichts, was sie fürchten sollten. Mühsal ist nicht Mühsal, Sorge ist nicht Sorge, Trauer ist nicht Twauer, Tod ist nicht Tod, sondern Sieg. 0 ck.

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Die Politik des Kochtopfs.

Gestern im Laufe des Tages und zwar um die Mittags⸗ und Abendessenszeit öffnete sich manche Haus⸗ bezw. Klchen⸗ tür und herein trat freundlich lächelnd die Polizei: Bitte, lassen Sie sich nicht stören; ich wollte nur einmal nachsehn, was heute zu Mittag(oder zu Abend) gegessen wird!2!Es ist wegen der fleischlosen Tage! Sie ditrfen doch heute kein Fleisch an ihre Gäste und Pensionäre verabreichen! Richtig, erst da ging manchem ein Licht auf, und man ließ den Boten des Gesetzes seines appetit⸗ anreizenden Amtes walten und nahm mit gutem und auch, wie man uns erzählt, stellenweise mit schlechtem Gewissen seine Wünsche für eine gedeihliche Mahlzeit entgegen. Ja, wer uns das vor einem Jahre erzählt hätte, daß das Auge des Staates sogar in die Kochtöpfe gucken werde, den würde man für einen Mies⸗ oder günstigstenfalls für einen Spaßmacher gehalten haben. Und nun ists doch Wahr⸗ heit wie so manches andere Ungeahnte geworden, daß man den Küchenzettel mit der Polizei überlegen muß. Freilich, so intensiv wie gestern wird die Mitwirkung derselben ja wohl nicht bleiben; ihre Rolle muß das patriotische Gewissen über⸗ nehmen und ihr Auftreten mag gestern noch einmal dazu gedient haben, stumpfe Gewissen zu schärfen. Ob das nötig ist, das zu entscheiden kann nicht Sache der Oeffentlichkeit sein; aber nach den Erfahrungen, die man in verwandten Dingen gemacht hat, muß mans annehmen. J. 8 zeigt es, daß man mit allem Ernst gewillt ist, den neuen Verfügungen zur beabsichtigten Wirkung zu verhelfen. Und ein winkendes Strafmandat tut bei manchem Lauen Wunder. Nun soll ein Fachmann ein paar Worte über das sagen, was er von den fleischlosen Tagen erwartet. St Zucht reift die tüchtigsten Leistungen; das ist eine alte Er⸗ 8 und danach ist die Hoffnung nicht unbegründet, daß die Verpflichtung der fleischlosen und fleischarmen

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sielleicht gar zur Begründung einer wirkli Kirche führen werde. Wie bekannt, gibt es wohl eine franzö⸗ sische, österreichische, italienische, englische, es gibt aber keine deutsche Küche Wohl haben die einzelnen deutschen Gaue und Stämme ihre Eigen⸗ und Sonderart auch in der Küche und ihre Lieblingsgerichte, indes hat sich in Deutschland bisher noch kein übereinstimmender Geschmack in ug auf die Zubereitung der Nahrungsmittel herausbilden kön⸗ nen. Der große Fehler, an dem bi

die Wirtshäuser und Gasthöfe in Betracht kommen, leidet, ist unzweifelhaft die Uebertreibung der Fleischkost. Gemüse werden als Nebensache, f

behandelt, Salate arg vernachlässigt, und auf die Zuberei⸗ tung der Gemüse wird im allgemeinen viel zu wenig Sorg⸗ falt verwandt. Das Gebratene herrscht durchaus vor, und daran kann sich eine feinere Kochkunst niemals entwickeln. An der Einrichtung der fleischarmen und der fleischlosen Tage könnten die Speisewirte sich nun gewöhnen, ein besseres, bekömmlicheres und geschmackvolleres Gleichgewicht 1 60 55 den verschiedenen Bestandteilen der Nahrung her⸗ zustellen, sodann aber der schmackhasten Zubereitung der Gemüse weit mehr Aufmerksamkeit zuwenden, als dies bisher der Fall war. Schließlich ist es ja eine wohlbekannte Tatsache, daß in den deutschen Speisehäusern selbst die Fleischgerichte in zahlreichen Fällen nicht sorgfältig und liebevoll genug zubereitet sind. JeneWirtshaustunke, die jedem A nur zu gut bekannt ist, und die, wie

wegs, um den Alliierten neues Kriegsmaterial zu bringen.

sie auch auf der Speiselarte genannt sei, immer

19 und immer gleich schmeckt, ist schon zu einer geschi hen

9 85 am Ende zu einem Fortschritte der biellichen Kochkunst, vielle deutschen

e deutsche Küche, so weit

eln nur als Zugabe