Ausgabe 
(6.10.1915) 235. Erstes Blatt
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Ur. 235

Der Sleßener Anzeiger erscheint täglich, außer Sonntags. Beilagen: viermal wöchentlich Gießener Famillenblätter; zwennal wöchentl. Kreis- latt für den Kreis Gießen (Dienstag und Freitag); zweimal monatl. Land⸗ wirtschaftliche 5 FNerusprech- Anschlusse: sür die Schriftleitung 112 Verlag, Geschäftsftelledl Adresse für Drahtnach⸗ richten: Anzeiger Hleßen. Annahme don Anzeigen für die Tagesnunimer bis zum Abend vorher.

105. Jahrgang

Geleral⸗ Anzeiger für Oberhesen

notationsdruc und verlag der Brühlschen Univ.⸗Buch⸗ und Steindrucerei k. Lange. Schriftleitung, Geschäftsstelle und druckerei: Schulstr. 7. A

Mittwoch, 6. Oktober 4915

Bezuggvreis: monatl. 85 Pf., viertel⸗ jährl. Mk. 2.50: durch Abhole- u. Zweigstellen monatl 75 Pf.: durch die Post Mk. 2.30 viertel- jährl. ausschl. Bestellg. Zeilenpreis: lokal 15 Pf., ausw. 20 Pf. Haupt- schristleiter: Aug. Goetz. Verantwortlich für den politischen Teil und das Feuilleton: Aug. Goetz; für Stadt und Land, Vermischtes und Ge⸗ richtssaal: Otto Braun;

Rücktritt des griechischen Ministerpräsidenten.

Paris, 6. Oktober.(W. T. B. Nichtamtlich.) Agenee Haves erfährt aus Athen, daß Ministerpräsident Venizelos gestern vom König empfangen wurde, der ihm erklärte, er könne der Politik des gegenwärtigen Kabinetts nicht bis zum Ende folgen. Venizelos hat dem König sein Abschiedsgesu ch eingereicht.

(WTB.) Großes Hauptauartier, 5. Oktober.

Amtlich.) 5 Westlicher Kriegsschauplaß. 8

Englische Handgranatenangriffe auf das Werk nördlich von Loos wurden wieder abgewiesen. Bei den vergeblichen Angriffen auf dieses Werk haben die Engländer außer den sonstigen sehr beträchtlichen Verlusten an Toten und Ver⸗ wundeten über 80 Gefangene und zwei Minenwerfer in un⸗ serer Hand gelassen. 5..

Die von den Franzosen an der Höhe nordwestlich Gi⸗ venchy besetzte Grabenstück ist gestern zurückerobert, vier französische Maschinengewehre wurden dabei erbeutet.

In der Champagne lag stärkeres feindliches Ar⸗ tilleriefeuer auf der Stellung nordwestlich von Souain, wo auch Angriffsabsichten beim Feinde erkennbar waren. Unser Artilleriefeuer verhinderte ein feindliches Vorgehen.

Bei Vauquois kamen wir mit Minensprengungen dem Feinde zuvor, zahlreiche feindliche Minenstollen wurden abgequetscht. 5

Jeindliche Flieger bewarfen den Ort Biache St. Vaast nordöstlich Arras mit Bomben, ein Einwohner wurde getötet, sonst entstand kein Schaden.

Oestlicher Kriegsschauplaß.

Heeresgruppe des Generalfeldmarschalls von Hindenburg.

Nach ihren Niederlagen am 3. Oktober haben die Russen gestern die Angriffe gegen unsere Stellungen nur mit 1 Abteilungen wiederholt; sie wurden leicht ab⸗ gewiesen. ö ö

Bei den anderen Heeresgruppen hat sich nichts ereignet. 5

Nussische Patrouillen tragen, wie einwandfrei festgestellt ist, zur Täuschung unserer Truppen deutsche Helme. Es ist selbstverständlich, daß solche russischen Mili⸗ tärpersonen, wenn sie in unsere Hände fallen, nach dem Kriegsrecht behandelt werden.

Oberste Heeresleitung. . 1

Die überraschende Wendung in den Balkanereignissen, über die wir heute das obige inhaltschwere Telegramm erhielten, darf von Deutschland mit Genugtuung begrüßt werden. Zwar wissen wir damit noch nicht, ob König Kon⸗ stantin geneigt ist, die skrupellose i der griechischen Neutralität durch den Vierverband mit Nachdruck, das heißt, mit allen möglichen Mitteln, zurückzuweisen. Der schlaue Kreter Venizelos hatte bekanntlich mit einem formellen Protest sich begnügt, wobei in der Presse ziemlich un⸗ umwunden zugegeben worden ist, das Kabinett habe diesen Protest zuvor mit unseren Feinden in aller Form ver⸗ einbart. Es ist kein Zweifel, daß Venizelos sich anschickte, das Gewicht der griechischen Waffenmacht ganz in die Wag⸗ schale des Vierverbandes zu legen. Darauf deuten die sensa⸗ tionellen Meldungen der italienischen Blätter, von denen wir einige nachstehend wiedergeben, wonach in Athen große Begeisterung herrsche, der griechische Verkehrsminister in Saloniki bereits die von dort nach Serbien führende Eisen⸗ bahn mit Beschlag belegt habe, und das beweist vor allem die Tatsache, daß Venizelos selbst in der Kammer verkündet hat, er gedenke mit Zustimmung Serbiens den griechisch⸗ serbischen Vertrag zu veröffentlichen, aus welchem hervor⸗ gehe, daß Griechenland dem bedrohten Nachbarlande seine Hilfe gewähren müsse. Und nun hat im letzten Augenblick die Hand des Königs den alten deutsch⸗ feindlichen Ränkeschmied wieder kalt gestellt. Wir dürsen annehmen, daß die Hitze der kriegeris Begeisterung, die angeblich in Athen herrschen soll, lediglich dem italienischen Ofen entströmt, und wir hoffen, daß das griechische Volk, wie vor einigen Monaten, als Venizelos zum erstenmal die Zügel der Regierung niederlegen mußte, auch heute wieder treu zu seinem König stehen wird. Hat dieser durch die Ergebnisse des Krieges nicht eine glänzende Rechtfertigung seiner früheren, von Frankreich so übel ver⸗ merkten und von Venizelos später durch einen schlecht ver⸗ hüllten Widerruf bloßgestellten Meinung erhalten, daß die deutsche Kriegskunst das wahre Vorbild sei? König Konstantin hat den lockenden Verführungen derEntente charakterfest widerstanden, er hat den Oberbefehl über die sogenannte Balbanaktion des Vierverbandes nicht an⸗ genommen und er hat die Demütigung Griechenlands zurückgewiesen. Denn die Truppenlandung in Saloniki ohne vorherige Anfrage in Athen war eine Demütigung, und sie lieferte den Beweis, wie England die Neutralität kleinerer Staaten zu achten gewillt ist. Der englische Lügendunst um Belgien ist zerflattert. Aber noch eins ist in dieser Stunde von Interesse. Ueber Rumänien wird berichtet, daß Ita⸗ lien Griechenlands Verlangen, die besetzten 12 Inseln zu räumen, abschlägig beschieden habe. König Konstantin hat alle Merkmale der Lage anscheinend sorgfältig erwogen und erkannt, daß Griechenland, wenn es Venizelos weiter folgte, Ungeheures aufs Spiel setzen würde, während seine Aus⸗

r

sichten gering wären. Ist es nicht besser, den Anschluß an die Zentralmächte wieder herzustellen, nachdem die italie nische Gefahr so beklemmend sich offenbart hat? Sieht das Hellenenvolk nicht ein, daß England einen Schleier für seine Niederlage und seinen Rückzug an den Dardanellen sucht? Es ist durchaus glaubhaft, daß nach der Entzündung des Brandes auf dem Balkan von den Verbündeten auf Galli⸗ poli ein erlösender Abschied genommen würde.

Es läßt sich nicht verkennen, daß König Konstantin heute vor größeren Schwierigkeiten steht als damals, 75 Venizelos zum ersten Male das Staatsschiff verließ.

enn heute genügt es nicht mehr, die neutrale Stille zu hüten, sondern wirklich das Steuerruder zu führen, um von den Klippen abzukommen, auf die der verblendete Kreter losgefahren war. Folgerichtig müßte der König den Vierverband auffordern, umzukehren, die griechische neu⸗ trale Zone zu verlassen. Und er müßte für den Fall einev Ablehnung seiner Forderung seine Entschließungen bereits gefaßt haben. Bleibt er auf halbem Wege stehen, so erntet seine Unentschlossenheit wenig Ruhm. So viel ist sicher, daß durch den Rücktritt Venizelos' vorläufig we⸗ nigstens das Ansehen der Vierverbandsmächte einen neuen empfindlichen Schlag erlitten hat. Wir müssen die Spannung der Stunde noch eine Weile weiter ertragen, bis wir zur Politik Griechenlands unsere volle Zustimmung und Freude äußern können. Wir hängen nicht mit ängst⸗ licher Erwartung an dieser Entscheidung, denn unsere Wege sind wohlerwogen, und auch Bulgarien wird, wie in den Ausführungen eines unserer Mitarbeiter im 2. Blatt näher gaben ist, alle Möglichkeiten scharf ins Auge gefaßt haben. 5

Aus Sofia ist bis zur Stunde noch nichts Entscheidendes gemeldet worden. Wenn es stimmt, daß das russische Ulti⸗ matum, angeblich von allen Vierverbandsmächten unter⸗ stützt, am Montag nachmittag überreicht worden ist, so wäre die Frist gestern bereits abgelaufen. Radoslawow hat vermutlich überhaupt keine Antwort erteilt, denn es heißt, daß die bulgarische Erwiderung auf die frühere gemeinsame Note der Vierverbandsmächte noch nicht abgegangen sei. Un⸗ sere Feinde aber machen sich dadurch ein wenig lächerlich, daß sie heute denTemps melden lassen, sie hätten in Sosia ritte unternommen, um die bulgarische Regierung zu benachrichtigen, daß sie eine Fortsetzung der kriegerischen Vorbereitungen nicht dulden könnten, und man wisse noch nicht, ob diese Aufforderung den Charakter eines Ultimatums haben werde oder nicht. Es scheint, als ob bei den itten des Vierverbandes überhaupt nicht recht zu unterscheiden sei, was Wirklichkeit und Absicht, und was Bluff und Vortäuschung ist. Das sind Zeichen der Schwäche, die Bulgarien und Rumänien nicht entgehen können. Wir möchten namentlich hinter die eilfertigen Mel⸗ dun der strebsamen Italiener dicke Fragezeichen mach Es ist höchst unwahrscheinlich, daß, wie die römischeTri⸗ bung meldet, vor dem bulgarischen Hafen von Varna bereits russische Kanonen gedonnert hätten. Wir begreifen zwar die Ungeduld des Zaren und seiner Ratgeber, wissen aber auch, daß Rußland an seinen eigenen Grenzen genug Gelegenheit zu kriegerischen Taten hat, so daß ihm anderes da unternehmen nicht mehr viel Kraft übrig bleibt. Auch

s Prophezeien der zunächst eintreffenden Ereignisse ist eine fragwürdige Sache. Noch sind Neigungen und Ziele Bulgariens und Rumäniens nicht zu vollem Leben erwacht. Die aufmerksamsten Blicke sind vorläufig auf Sosia gerichtet.

Berlin, 6. Okt. Ueber eine Antwort Bul⸗ gariens auf das russische Ultimatum war bis Mitternacht lautBerliner Lobalanzeiger eine Meldung bei den hiesi⸗ gen Stellen, die man für unterrichtet halten darf, nichts

chen eingegangen. Nachrichten brauchen jetzt, wie dasBer⸗

liner Tageblatt schreibt, um von Sofia nach Berlin zu ge⸗ langen, durchschnittlich 16 Stunden und häufig mehr. Die Entscheidung der bulgarischen Regierung kann also im Laufe des Morgens hier eintreffen. Es gelte, sagt das Berliner Tageblatt, fortgesetzt als selbstverständlich, daß die bulgarische Regierung sich dem Willen Rußlands nicht unterwerfen werde.

Petersburg 5. Okt.(WTB Nichtamtlich.) Meldung der Petersburger Telegraphenagentur. Das rufsische Ultimatum an Bulgarien ist dem Ministerpräsidenten Radoslawow gestern, Montag, den 4. Oktober, um 4 Uhr nachmittags, überreicht worden.

Berlin, 6. Okt. DieKöln. Ztg. meldet von der italienischen Grenze, daß dieTribuna aus Saloniki be⸗ richtet, zwei französische Geschwader hielten die bulgarischen Häfen von Varna unter Feuer.

Berlin, 5. Oktober. 1 9 DieB. Z. a. M. meldet aus Sofia: Ministerpräsident Rados lawow erklärte den Vertretern der regierungsfreundlichen Par⸗ keien: Wir stehen vor dem Kriege und müssen unsere nationalen Interessen verteidigen. Wir müssen unseren Geg⸗

nern alles das, was sie uns vor zwei Jahren genommen haben, mit bewaffneter Hand entreißen und uns für jede Beleidigung Genugtuung schaffen. 5

Mailand, 5. Okt.(WTB. Nichtamtlich.) Der Sonder⸗ berichterstatter desCorriere della Sella drahtet aus Petersburg, das russische Ultimatum an Bulgarien sei im Namen aller Regierungen des Vierverban⸗ des überreicht worden, welche hinter dem Wortlaut des Ultimatums ebenso geschlossen stünden, wie sie in dem Ent⸗ schlusse einig seien, den Zaren Ferdinand für alle Folgerun⸗ rungen aus dem Ultimatum verantwortlich zu machen.

Paris, 5. Okt.(WDB. e b Meldung desTemps aus Saloniki zufolge haben die Alliier⸗ ten einen Schritt in Sofia unternommen, um die bulgarische Regierung zu benachrichtigen, daß sie eine Fortsetzung der kriegerischen Vorbereitungen nicht dul⸗ den könnten. Der Vierverband werde Radoslawow da⸗ von in Kenntnis setzen, daß die Haltung Bulgariens die Alliierten gezwungen habe, ihre Vorschläge zurück⸗ zuziehen und daß Bulgarien sich den Armeen der Alliier⸗ ten gegenüber sehe, falls es Serbien angreifen sollte. Man wisse nicht, ob diese Aufforderung den Charakter eines Ultimatums haben werde, das eine sofortige unbedingte Antwort Bulgariens verlangen würde.

Mailand, 5. Okt.(WTB. Nichtamtlich.)Secolo meldet aus Saloniki vom 3. Oktober, abends, daß bisher 16großefranzösische Truppentransporte vor der Brücke von Karaburun verankert sind, die aber noch nicht in den Hafen einliefen. Es wird behauptet, daß starke französische Abteilungen zum Schutze der Eisenbahnlinie GiewgieliVeles gegen bulgarische Angriffe bestimmt sind, um dadurch die Eisenbahnverbindungen zwischen Saloniki und Serbien zu sichern.Idea Nazionale behauptet, Parte erste Landungskorps in Saloniki 30000 Mann

ark sei.

Amsterdam, 5. Okt.(WTB. Nichtamtlich.) Ein hie⸗ siges Blatt meldet aus London: Die griechische Regierung hat die Bahnlinie Saloniki Monastir bis Kenali und die Linie SalonikiUesküb bis Ghevgeli besetzt, da die griechischen Behörden diese Linie unter eigener Aufsicht haben wollen.

Mailand, 5. Okt.(WTB. Nichtamtlich.) Nach dem Secolo sollen die Russen Truppensendungen nach Pra⸗ 258 an der Donau zur Unterstützung Serbiens vor⸗

ereiten.

Bern, 5. Okk.(WB. Nichtamtlich) Mailänder Blät⸗ ter erfahren aus Athen, Venizelos habe gestern in der Kammer mitgeteilt, daß die Ententemächte ihre Angebote an Bulgarien zurückgezogen hätten. Er habe ferner hinzu⸗ gefügt, daß er von der serbischen Regierung die Ermächti⸗ gung zur Veröffentlichung des serbisch⸗griechischen Bündnis vertrages einholen werde, durch den sich Griechenland verpflichtet e, in jedem Falle jede Macht zu bekämpfen, die sich mit Bulgarien verbündet und Serbien angreifen würde. Die Erklärung machte in der Kammer großen Eindruck.

Mailand, 5. Okt.(WTB. Nichtamtlich) Der Spezial⸗ berichterstatter desSecolo drahtet aus Saloniki: Der griechische Verkehrsminister Diamantides ist am 3. Ok⸗ tober in Saloniki. Er ergriff am folgenden Nachmittag von der orientalischen Eisenbahn Saloniki⸗ser⸗ bische Grenze Besitz, welche bisher deutschen Kapitalisten gehörte. Die griechische Regierung wird wahrscheinlich die ausländischen Angestellten durch eigene ersetzen. Diese für Serbiens Verpflegung wichtige Linie wird somit dem frem⸗ den Einfluß entzogen. Die Ausschiffung französischer Trup⸗ pen ist für heute früh angesetzt. Die Alliierten werden den Bahnhof nicht besetzen. Ihre Truppen werden einige Tage in der Umgebung der Stadt kampieren, bevor sie nach Serbien marschieren. Die Ausschiffung wird rasch und mit Ordnung vor sich gehen, um die griechische Mobilmachung nicht zu behindern. 8

Berlin, 6. Okt. DerDeutschen Tageszeitung zu⸗ folge läßt sichAz Est aus Bukarest melden, daß auf das Verlangen Griechenlands an Italien, es möge die von ita lienischen Truppen besetzten 12 Inseln her- ausgeben, Italien eine abschlägige Antwort er⸗ teilte.

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Der österreichisch⸗ungarische Ta gesbericht.

Wien, 5. Okt.(WTB. Nichtamtlich.) Amtlich wird verlautbart: 5. Oktober 1915. Russischer Kriegsschauplatz. Nichts Neues. Italienischer Kriegsschauplatz. Die Lage an der Südwestfront ist unveründert. Auf den