deutscher Märsche entwickelt. großen Cafs ausgezeichnet. Die Menge drängte sich vor den großen Spiegelscheiben. Wila ist immer eine galante— sagen wir einmal galante Stadt ge⸗ wesen. Sie hat während des Krieges auf diesem Gebiete übertreiben velernt, und sie hat am ersten Einzugstage sichtlich ihren Raf w hren wollen. Selbst für jemanden, der weiß, daß das Fleisch willig ist, war das Treiben ein bißchen recht bunt. Mit großen, so viel Licht und so viel Weiblichkeit entwöhnten Augen sahen un⸗ sere Soldaten in das Wiegen und Trippeln, das Girren und Sichanbieten. Ein Landwehrmann fragte den Verbeuger:„Gibt's hier Bier?“„Bier nicht da, Kaffee, Tee, und... Bewegung der Welt, die sich nicht langweilt.„Dat is ja Quatsch,“ sagte der Mann entrüstet.„Nicht mal Bier und dann die Uffmachung!“ Er ging empört weiter. Die Wilnaer aber kosteten den Abend ordentlich aus. Sonst hieß es um ½11 Uhr Schluß, und schon von 8 Uhr an brannten die Laternen in sehr großen Abständen. Flieger⸗Dämmerung. Die Wilnauer haben sich mit dem Schicksal der Londoner getröstet.„Ist es wahr, daß in London ist ganz dunkel, am Abend?“ fragte mich ein polnischer Herr, der mit mir im gleichen Laden Mepfel, sehr gute Aepfel, kaufte. Ich meinte, daß es schon stimmen würde.„Das ist gut. Russen,“ er zuckte die Achseln,„aber Engländer“— es kam eine polnische Redewendung, die den Gipfel des Abscheus aus⸗ drücken sollte. Seine politischen Ansichten waren im übrigen durchaus in dem Nebensatze enthalten:„Da wir jetzt mit den Deutschen zusammen sind, wird der Zucker bald billiger werden.“ Andere— aber die machen den Rubel trotz der Anordnung nicht u 1,65 Mark, sondern zu 2 Mark— sagen schlechtweg„Daitsche ieder“. Mir sind die nichtbrüderlichen Läden dann doch lieber. Eine Polin erzählte mir da beim Einpacken von Bleistiften, wie am letzten Vormittag russische Offiziere durch die Straßen 0 1 wären. Verschmutzt, abgerissen und hungrig. In großer ile. Der eine hatte ein großes Stück Brot, in das biß er gierig hinein. Ich glaube gern, daß es so war, denn bei der Lage, wie sie ist, dürften die Russen erhebliche Proviantierungsschwierig⸗ keiten haben. Das alte und immer wiederlehrende Geschichtchen wird auch wie die letzten Offiziere schnell noch die Kibitkas bestiegen hät⸗ ten und in rasender Fahrt nach Südosten davongesaust seien. Die Kibitka als letzte Zuflucht scheint russische Eigentümlichleit zu sein. Daß die Kosaken im letzten Augenblick ihre Gewohnheiten betätigt haben, war wie überall so auch in Wilna der Fall. Ja, aber noch eine andere Sache erzählte man mir. Russische Offiziere haben die Zeitungen, die von dem angeblichen Siege bei Tarno⸗ pol berichteten, voll Wut zerrissen.„Wir machen keine dreißig⸗ tausend Gefangene. Es ist Lüge, es ist Dummheit. Wir werden ge⸗ schlagen, wir sind fertig, fertig!“ Und die Fetzen wurden noch mit den Füßen getreten. Ich glaube, daß die Geschichte wahr ist, sie wurde so mit Kleinigkeiten erzählt, die immer verschieden waren, und sie wurde oft erzählt, aber der starke Schein der Wahr⸗ heit war immer der gleiche. Vielleicht auch mehr das Gefühl, daß es keinen Sinn mehr habe, und die Furcht vor polnischem
Heute abend ging es in einem
nen und Plündern nennen, nichts zu merken ist. Nur der hübsche Platz steht leer, in dessen Mitte das große Bronzestandbild von Katharina II. sich erhob und auch das Marajew⸗Denkmal vor dem weißen Gouverneurspalast, ehemals Residenz der Erzbischöfe in Wilna, ist sortgeschleppt worden. Die Polen werden den Verlust des Erzbildes des Generalgouverneurs von Wilna, der den polni⸗ schen Aufstand niederschlug, verschmerzen. Ihre Blicke sind mehr nach der alten Universität gerichtet, die am gleichen Platze steht. Das alte hübsche Haus mit den schön gewölbten Hörsälen und dem verträumten Hof, ist unter Stephan Bathory seiner Bestimmusig als Akademie gegeben worden. Kaiser Alexander I. hat dann 1803 in der Hauptsladt von Litauen die Universität gegründet, bis der andere Wind nach dem Jahre 1832 die Studenten vertrieb und die Professoren auf die Straße jagte. Bis zum Kriegsausbruch war ein Lehrerseminar da in den Räumen. Auf dem schönen Hof sind jetzt Kühe eingepsercht, und der hübsche„astronomische“ Turm, der die Zeichen des Jahres, die zwölf. zählt, sieht nicht mehr auf den Aufschwung litauisch⸗polnischen Geisteslebens hinab. Owohl ich weiß, daß die beiden Worte, die da so dicht neben⸗ einander stehen, in Wirklichkeit oft nicht einen Binde⸗ sondern einen Trennungsstrich haben müßten, sei es einmal so zusammen⸗ gefaßt. Es ist ein Thema für sich, auf weitem Felde. Ich glaube übrigens, daß wir mit den Litauern die leichteren und glücklichen Erfahrungen machen könnten. Es sieht wenigstens beim Vergleich oft so aus. Auch Wilna wäre vielleicht ein Beispiel.
Ein großes Symbol aber, das alle Gegensätze, sogar die zwi⸗ schen Katholiken und Orthodoxen überbrückt, hat Wilna. Die Muttergottes von Wilna, das wundertätige Heiligenbild in der Oßtra⸗Brana⸗Kapelle wird in ganz Polen und Litauen verehrt und auch von den Russen. Die Straße zu der Kapelle, die sich über die Straße hinüberstreckt, in der Art einer Galerie, wav auch heute mit Gläubigen gefüllt. Auf dem harten Straßenpflaster kniesen die polnischen Frauen und beteten Oben ryr dem gold⸗ strahenden Bild standen die Herbstblumen bunt und leuchtend, und die Beter waren versunken und ihre bunten Wünsche schlugen empor zu dem Gnadenbild.
Die Straße ist das Besonderste, was Wilna hat. Es gibt noch ein Dutzend Kirchen etwa, schöne alte mit goldenen Türmen und weniger schöne. Mir fiel dabei nur noch auf, daß die Russen den zentnerschweren Silbersarg des heiligen Kasimir und die großen Silberfiguren der polnischen Könige in der alten, in der Form eines griechischen Tempels gebauten Stanislaus⸗Kathedrale hier gelassen haben. So sind die polnischen Königsstatuen in deutscher Hut. Sie sind gut aufgehoben da.
Als ich mir das Seitenschiff, in dem sie prunken, aufschließen ließ, füllte sich der Raum sofort mit Betern.„Sie danken Gott für die russische Niederlage. Gott ist mit Polen.“ Der mir das sagte, schien ein geistlicher Herr zu sein. Mir widerstreben Ge⸗ spräche über derlei Dinge, die vielen das Größte, Schmerzlichste und Erhabendste in diesen Nöten sind, die aber jedem allein ge⸗ hören, sehr. Ich sagte nur: Gott wird mit den Gerechten sein.
Ernst und der Feierlichkeit, mit der mich der Sprecher ansay uno dann auf die Betenden blickte. Rolf Brandt, Kriegsberichterstatter. N(Verspätet eingetroffen.) —ͤ—e—.—.————.— Märkte. se, Froukfurt a. M. Viehhofmarktbericht vom 4. Okt. Auftrieb: Rinder 2697(Ochsen 322, Bullen 42, Kühe und Färsen 1733/ Kälber 406, Schafe 86, Schweine 890. Marktverlauf: Rinder lebhast, Kälber und Schafe ruhig, ge⸗
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