Ausgabe 
(5.10.1915) 234. Zweites Blatt
Seite
27
 
Einzelbild herunterladen

r

Ur. 234 zweites blatt

Erscheint täglich mit Ausnahme des Sonntags.

DieGießener Famillenblätter werden dem Anzeiger viermal wöchentlich beigelegt, das Kreisblatt für den Kreis Gießen zweimal wöchentlich. DieLandwirtschaftlichen Seit⸗ fragen erscheinen monatlich zweimal.

165. Jahrgang

Gießener Anzeiger

General⸗Anzeiger für Oberhessen

Dienstag, 5. Oktober 1915

Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts- Buch- und Steindruckerei. R. Lange, Gießen.

Schriftleitung, Geschäftsstelle u. Druckerei: Schul⸗

straße 7. Geschäftsstelle u. Verlag: 51, Schrist⸗

leitung: S112. Adresse für Drahtnachrichten: Anzeiger Gießen.

Kriegsbriefe aus dem Westen.

Veon unserm Kriegsberichterstattet. Außerechtigter Nachdruck, auch aus zugt weise, derboten)

Das Gesamtergebnis der englisch⸗französischen Offensive.

Großes Hauptquartier, 3. Okt. Das Gesamtergebnis der e ee Offensive stellt sich folgendermaßen dar: Der nach tagelanger, schwer⸗ ster Artillerievorbereitung, die sich zuletzt zu dauerndem Trommelfeuer steigerte, am 25. früh begonnene Angriff in Westflandern, war schon am Abend gebrochen. Aus den wenigen Stellen, wo die Engländer durch Sprengungen in unsere Gräben gekommen waren, wurden sie nicht nur wieder hinausgeworfen, sondern die darnach von uns er⸗ Fesslne Gegenoffensive östlich von e brachte uns gute srfolge, namentlich durch sehr erfolgreiche Sprengungen, bei welchen englische Minen verwendet wurden. Bei Dix⸗ muiden entwickelten sich Handgranatenkämpfe. Offenbar hin⸗ derten die Engländer die. Verluste, die sie na⸗ mentlich im deutschen Artilleriefeuer erlitten, sich erneut zu großen Vorstößen aufzuraffen. In Artois hatte der breite Massenangriff den Engländern, wie ich in meinen Einzel⸗ berichten vom Schauplatz der Ereignisse gemeldet habe, neben ganz ungeheuerlichen, etwa auf jeden zweiten Mann zu be⸗ rechnenden Verlusten, nur durch die Gasangriffe kleine ört⸗ liche Gewinne an Schützengrabenstücken gebracht, die ihnen dann Schritt für Schritt in unwiderstehlich vorgetragenem Nahkampfe wieder entrissen wurden. Statt hier, wie sie be⸗ absichtigt hatten, nach Belgien durchzubrechen, blieb die Offensive in unseren vorderen Stellungen hängen. Nicht mehr Erfolg hatten die Franzosen, die bei ihren verzweifel⸗ ten Angriffen im Souchezgebiete übrigens innerhalb ihres 5 8 schnittes von Schotten unterstützt wurden. Statt in reiter Front durchzubrechen, mußten sie alsbald die ge⸗ ringen, mit gewaltiger Uebermacht und Gasangriffen er⸗ ielten Verbesserungen ihrer Stellungen gegen die deut⸗ 5 5 1 8 verteidigen. Beide Verbündete haben hier so schwere Verluste erlitten, daß sie vorerst wohl einer Er⸗ holungspause bedürfen werden, ehe sie an neue Angriffe denken können.

In der Champagne ist nach den ersten Wochen der 8 Offensive als Gesamtergebnis festzustellen: Der in reitester Front zwischen Reims und den Argonnen nach tagelanger Trommelfeuer⸗Vorbereitung unternommene Durchbruchsversuch hatte nur den Erfolg, daß es der sehr großen Ueberzahl des Feindes gelang, in die kleine Strecke unserer Front etwa von Auberive bis nördlich Les Mesnil vorzustoßen. Es gelang ihm aber weder, an dieser Stelle einmal zum Ste gebracht, weiter vorwärtszudringen, noch konnte er, wie es sein Plan en war, die Flanken dieser Beule von Auberive bis Reims westlich und nördlich Massiges bis zum nahen Argonnerwald östlich eindrücken.

Durch die todesverachtende Tapferkeit unserer Truppen, denen rechtzeitig Verstärkungen zu Hilse kamen, und ch die vorbereiteten Befestigungen, wurden seine immer er⸗

neuten Teilangriffe aufgehalten, und an der östlichen Flanke hatte sogar ein Gegenstoß erfolgt. Der Artilleriekampf dauerte Tag und Nacht fort, bis er ebenso, wie der Infan⸗ teriekampf, gegen Ende der Woche merklich an Kraft verlor. In den letzten en bemerkt man bei den Franzosen viel Schanzarbeit, was vielleicht den Schluß zuläßt, daß sie sich für die Defensive einzubauen beginnen.

W. Scheuermann, Kriegsberichterstatter.

Uriegsbriefe aus dem Osten. Von unserem zum Ostheere entsandten Kriegsberichterßßtatter (Unberechtigter Nachdruck. auch aus zugsweise, verboten.)

Auch Wilna.. Wilna, 19. Sept. 1915.

Seit zwei Wochen brennt die gewaltige Schlacht; die Armeen Hindenburgs schlagen von Wilna bis Lida in ununterbrochenem Hammerschlag auf den starken russischen Nord⸗Ost⸗Flügel. Die Be⸗ wegungen sind, da ich diese Zeilen schreibe, noch in vollem, glück⸗ lichem Lauf. Auf Morastwogen geht es vorwärts, Regen und sturm⸗ durchfegte Herbstnächte machen es dem deutschen Heere nicht leicht, aber die wundervolle, wenn man ihre Entwickelung täglich sieht, täglich sich neu und großartiger offenbarende Hindenburg⸗Luden⸗ dorssche Strategie weiß selbst die Schwierigkeiten zu eigenem Vorteil umzugestalten. Aber die Truppen marschieren, es ist über die Operationen daher natürlich nichts zu sagen, nur: als Frucht des großen Kampfes, der sich da vor uns weiterrollt, ist auch Wilna in deutsche Hände gefallen.

Die Russen haben erklärt, jetzt beginne das neue Spiel. Wilna würde bis zur letzten Patrone gehalten, bis zum leiten Atem von 1 5 und Roß. Das Spiel hat begonnen auch Wilna ist

Gestern sind die Truppen des Generals Litzmann pon Westen her von den Seen bei Troki⸗Nowe, in die Stadt gezogen. Sie wurden wie die Sieger in Warschau, mit Rosen und Astern beworfen, aus den Häusern winkte und jubelte es. Ein Winken vom Pferde, ein Lachen aus der Reihe, sie zogen weiter, wie sie weiter durch Kowno gezogen waren: auch Wilna grüßte die deut⸗ schen Sieger. 8

Als ich Bialystok am 12. verließ, war die Armee Gallwitz auf dem Wege gegen Lida. Bialystock selbst sah etwas freundlicher aus, weil das eleltrische Licht brannte, auch in den Köpfen der Bewohner war etwas Licht gemacht worden. Sie waren 9965 750 bis dahin der Meinung gewesen, es genüge, wenn man erkläte, man habe die Deutschen erwartet. Dies Woh wollen des Mundes schließe alle Leistungen aus. Trotzdem die Russen mit schwerer Faust in das Leben den Stadt gegriffen hatten, wußte man nach 14 Monaten Krieg weniger von seinen Erfordernissen als ein Schulkind in Berlin oder Wien, oder man tat so. Stellte sich die deutsche Armee als eine Schar von jungen Lämmern vor, dachte nur an die eigene sicherlich nicht leichte Lage und an ihre Verbesserung, man war: bemitleidenswert und frech. In Wilna hatte der erste Tag schon ein anderes Gesicht, und das ist natürlich das Entscheidende dabei die Haltung der F ist nicht von den Erwägungen einer Weberei⸗Stadt wie Bialystok abhängig. Letzten Endes sind die wirtschaftlichen Interessen daß die von Bialystok nach der russischen Seite zielen, muß man zugeben ausschlaggebend. Es ist nämlich auch bei den Juden so, daß sie in erster Linie weder deutsch⸗ noch russen freundlich, sondern juden⸗ freundlich sind, was vielen scheinbar entgeht. Es würe sehr merk⸗ würdig von ihnen, die nicht an Sentimentalität haben leiden können, dafstr sorgten die Russen, sich etwas anderes vorzustellen.

Seitdem Warschan gefallen ist, haben auch die Polen ihre Hoffnungen auf unsere ite gepflanzt. Sichtlich. Wir sind will⸗ kommene Sieger, wir werden, je mehr die Schale Rußlands sinkt, umso willkommener sein. Die russische Drohung und Mahnung: in einem Monat sind wir wieder da, die sie auch in Wilna hinter⸗ ließen, ist zum Kindergespött geworden, auch in Wilna.

Ueber Ossowiece, das noch sehr viel stärker war, als man sich vorgestellt hatte, von der Nordseite uneinsehbar und uneinnehm⸗ bar(noch 2 Kilometer vor den Hauptwerken erkennt man sie nicht), und Grajewo fuhr ich in diesen Tagen nach Kowno. Im Gegen⸗ satz zu Grodno, wo am Einnahmetag doch selbst Leben und Ge⸗ schäfte unter dem Kugelregen merkwürdig genug weitergingen, war Kowno eine tote Stadt, in der kein bürgerliches Leben mehr, auch nur schüchtern, sich zeigte. Alle Läden das Dutzend Ausnahmen betonte das Tote der Stadt nur noch mehr waren geschlossen, die schönen alten Gotteshäuser ragten über stille gestorbene Straßen.

Nur die schlendernden und marschierenden deutschen Soldaten i von Lehen, von dem heißen, hastigen Leben einer großen Soldatenstadt, nicht fern von der kämpfenden Riesenfront.

Ueber Wilkomir fuhr ich dann gestern nacht gegen Wilna. Regen und Hagelschauer. In Wilkomir, es war 3 Ühr, unter⸗ brach sich die Fahrt, denn die gute Straße hörte auf. Es ist er⸗

Berliner Theaterbrief:der künstliche mensch.

Die neue Operette Leo Falls, die Sonnabend im The⸗ ater des Westens im Rahmen einer Festvorstellung zugun⸗ sten des österreichisch⸗ungarischen Hilfsvereins zum ersten Male aufgeführt wurde, fand sehr freundlichen Beifall, ohne jedoch einen wirklich großen Premièrenerfolg erringen zu können. Der don A. M Wüllner und Rudolf Oesterreicher verfaßte Text gründet sich auf eine aus dem Reiche der Phantasieromane herübergeholte ee, die viel zu versprechen scheint, deren im Banalen verflachende Aufführung aber nur allzu schnell die üb⸗ lichen Operettengleise abrollt. Professor Gramwell eine Art amerikanis. Ueber⸗Edison arbeitet an einer Erfindung, der er alle Anstrengungen und Kräfte seines Lebens gewid⸗

et hat; er will auf künstlichem Wege den Homunculus schaffen, en künstlichen Menschem! Mit Hilfe seines Assistenten, der die Versuche des Professors für Ausgeburten des Größenwahns erklärt, gelingt es ihm schließlich, das Wunderwerk leibhaftig auszuführen. Der Kessel, in dem das Chemikalien⸗Gebräu des Professors durch einen elektrischen Strom von 2000 Volt saliche wird, explodiert, und heraus steigt Chrysostomus, der künstliche Mensch. Bis dahin ist der Akt recht hübsch gezimmert, und auch die ersten Bewegungen und gesanglichen Aussprüche des wunder⸗ baren Chrysostomus sind trotz allen Operettenunsinns noch eigen⸗ artig und interessant. Im zweiten Akt aber setzt die übliche Overettenfabel ein. Chrysostomus ist von der Milliardärsgattin Lady Castoria adoptiert worden und erscheint auf dem Fest, das ihm zu Ehren im Milliardärspalast veranstaltet wird. Auch Pro⸗ fessor Gramwell und seine Tochter Elsie sind erschienen. Und das stürmische Auftreten des Assistenten Harry Wenson, der in Elsie verliebt ist, bringt den Operettenkonflikt ins Rollen. Elsie hat den Assistenten wegen seiner mädchenreichen Vergangenheit zurück⸗ gewiesen und verlobt sich mit Chrysostomus. Als sie aber die Nachteile einer Ehe mit einemchemischen Menschen erfährt, als sie hört, daß Chrysostomus täglich 18 Stunden schlafen und mit Glycerinsuppe und Aluminiumklößchen genährt werden muß, fällt ihre vor dem Assistenten aufgeführte Komödie in sich zu⸗ ann und sie fliegt i verzeihend dem früheren Geliebten um den Hals. Nun also sind Elsie und der Assistent wie schon ein flottes Duett im ersten Akt hatte erwarten lassen endlich ein glückliches Paar geworden. Nur Chrysostomus, der offizielle Bräutigam, steht noch hinderlich im Wege. Diese und vielleicht auch ihre eigene Verlegenheit zu beseitigen, erinnern sich die Textdichter der chemischen Zusammensetzung ihres künst⸗ lichen Kindes, das durch eine kleine Menge Koßlenfäure der Zer⸗ störung anheimfallen muß. sopsssch met durch seine Liebes⸗ enttäuschung sentimental⸗philosophisch A e hält eine Ab⸗ schiedsrede, in der er den natürlichen Menschen Mangel an Herz und Gemüt vorwirft, und leert selbst ein Glas Champagner, er sic durch die Kohlensäure natürlich in seine

5 Elemente auflöst und im wahrsten Sinne des Wortes verduftet.

Das Schlußbild zeigt das in die Luft gesprengte Laboratorium. Der Professor erwacht aus seiner durch die Explosion hervorge⸗ rufenen Ohnmacht: das ganze Chrysostomus⸗Spiel war ein Traum. Unter den Klängen des Schlußthemas segnet der von seinem Wahn geheilte Professor Gramwell den Bund seiner Tochter Elsie mit dem liebenswürdigen Assistenten. Leider haben die Text⸗ dichter es nicht verstanden, ihren hübschen Einfall auszubeuten. Das Buch ist zu unsinnig, um als ernsthafte Satire zu gelten, und zu sentimental, um ein wirklicher toller Ulk zu sein. Die Musik Leos Falls gibt ihr Bestes im Orchestralen. Die klangvolle Instrumentation zeigt sein reifes Können. Leider läßt er aber, selbst zu sehr im Sentimentalen verlaufend, diesmal ursprüngliche Melodik und nachdrücklich⸗tönende Schlager vermissen. Das Lied Papa, Papa... im ersten Akt und ein hübscher, einfach estellter Walzer im zweiten bleiben im Ohr haften. Die Auf⸗ führung im Theater des Westens war zum Teil vorzüglich. Am besten gefiel Herr Paul Harden, eine neue Erscheinung, der die schwierige Rolle des Chrysostomus mit vieler Begabung und erfreulichem Geschmack spielte und sang. Ein für Berlin ebenfalls neuer Herr Boogaarts erwies sich als routinierter, aber un⸗ persönlicher Liebhaber. Oscar Sachs als Professor Gramwell und Karl Geßner als Milliardär Castoria zeigten ihre vor⸗ trefflichen, auch künstlerisch zu wertenden Komikertalente. An⸗ sprechend war auch die Elsie des Fräulein Käthe Dorsch. Die Ausstattung warprunkvoll-operettenhaft, an Chor und Ko⸗ stümen wurde nicht gespart.

Zum 250jährigen Jubiläum der Uni⸗ versität Kiel(5. Oktober). Die Geschichte der Kieler Uni⸗ versität, deren 250jähriges Gründungsjubiläum durch die stür⸗ mische Gegenwart eine besondere Weihe erhält, ist außerordentlich eng mit den geschichtlichen Ereignissen Deutschlands und der um⸗ liegenden Länder verknüpft. Ein Krieg Europas sieht dieses Jubiläum politischer Kultur und völkischer Gelehrsamkeit, und ein Krieg, der der Dreißigjährige genannt wurde, hat wenig⸗ stens indirekt das Bedürfnis und den Boden für die Universität Kiel geschaffen und ihr Entstehen mit hervorgerufen. Das deutsche Universitätsleben war den Schrecken, Wirrnissen und Verlusten des Dreißigjährigen Krieges zum Opfer gefallen, das Studenten- leben war verwildert und ermangelte eines stabilen, gründlich 9 Zentrums. Aus dieser Notwendigkeit heraus entstand ie Universität, die später noch viele schwere Zeiten durchmachen sollte. Der 1641 unternommene Versuch des Herzogs Friedrich III. von Holstein, unterstützt durch den Dänenkönig, die Gründung der Universität einzuleiten, scheiterte an der durch den Krieg gesteigerten 7 igkeit der Stände. Schließlich, nach Been⸗ digung des ischen Krioges, fand unter Christian Albrecht die

staunlich, aber eigentlich nur russisch, nach Wilna, nach der Groß⸗ stadt von über 200 000 Einwohnern, führt von Norden, Westen und Süden keine einzige Chaussee. Nur russische verbesserte Land⸗ wege und Straßen, die auf der Karte schon mit mehr als verdäch⸗

Hotel De Noblesse. Noch aus der französischen Ententen⸗Erin⸗ nerung hat man sich dort eingeprägt:noblesse oblige und das ins Oestliche dahin übersetzt, daß man besonders ausdauerndes und zahlreiches Ungeziefer züchtet. Es war da übrigens ein Zim⸗ mer, das noch ganze Fensterscheiben hatte. Wir deuteten dort Schlaf an, eine erbeutete russische Kanone stand vor der Tür und eine Wache, die das Geschütz, das Hotel und den Schlaf bewachen sollte. Der Regen schlug gegen die Scheiben, eine Automobil⸗ kolonne ratterte durch die dunkle Nacht da draußen, um denen vorne Proviant zu bringen. Denen vorne, die Wilna genommen hatten und deren Dach die jagenden Wolkenfetzen waren.

Um 4 Uhr ging ein fahles Licht dur es in ganz Wilkomir nicht. Alles Wasser war von Mann und Pferd ausgetrunken, die Brunnen streikten. Viel Böses kann Gutes bergen. Der schwere Regenguß gab reichliche Traufe aus der Dachrinne des HotelDe Noblesse, das bei zunehmendem Licht Billard und Speisesäle enthüllte. Eine Billardpartie war noch nicht bezahlt, sie stand an der Tafel, und der sie zu zahlen hatte, war ein russischer Leutnant. Wie alle diese Wohnstätten an den Kriegsheerstraßen sahen die ehemals vielleicht und besonders für Wilkomir erstaunlich guten Räume wie eine Gesellschaft 190 b Nacht aus: hohl, schmutzig, wüst, böse und voll Ekel. 0 f

Schirwinky, Meiszagola. Danach begann der Weg des gestrigen letzten Nachhutgefechtes vor Wilna. Die ersten Gräben wurden noch gehalten. Zerschossene Häuser, glimmende Asche, Granat⸗ trichter auf den Feldern. Ein kleines Waldstück. Linie gegen Linie auf 50 Meter nahe. Russische Tote. Hier, da. Das hügelige Ackerland ist mit den braunen, armen Saaten übersät. Da, hier. Am Straßengraben, neben einer Hütte. Granattrichter. Ein Feld von Toten. Die russische Nachhut ist zerrieben. Ein Kreuz, noch eins... Auch das Zerreiben kostet. Auch Wilna wurde bezahlt. Neue russische Stellungen schmiegen sich in die Hügel, fertige und halbfertige, frontale und sich flankierende, sie zeigen die Male des Kampfes nicht mehr: es war entschieden an anderer Stelle längst entschieden: auch Wilna war unser.

Die Höhen am Ufer der Wilia tauchen auf. Goldene Kuppeln, Zwiebeltürme und Spitzen. Die Kirchenstadt Wilna hebt sich in dem lichtgrauen Horizont.

Die Vorstadt auf dem rechten Wiliaufer. Kolonnen über Kolonnen. Astern zwischen den Waffenrock, blaue, rote, weiße Astern, am Karabiner, am Wagen.

Wir fahren zur Seljony⸗Brücke. Gesprengt. Aber die neue Brücke, die in den Stadtteil Sukischki führt, ist fahrbar. Die russische Sprengung hat nur an der linken Seite das Pflaster

passieren, wie es die Artillerie konnte. Und nun wiederholt sich

der Krieg drücken, aber doch kaum sonderlich stören könnte. Das Straßenbild ist voll Leben und Bewegung. Die Hotels sind offen. In den Läden ist alles zunormalen Kriegspreisen zu haben.

rn seufzte der Hauptmann:Ach, in einem richtiggehenden Bett möchte ich mal liegen, ein Hotelzimmer, einen weißgedeckten Tisch, ordentlich, drei Gänge! Vorher Waschen und Baden! *' Es war wie im Märchen von der Ilsebill, heute atte er alles. f

Eines schien mir aufzufallen, die Bevölkerung war noch freundlicher als die Warschauer, und wenn man mit Offizieren in die alten, winkligen, entlegenen Viertel einbog, Viertel, die noch keine Uniform gesehen hatten, war man der Gegenstand

und Freude, daß die gehaßten Russen fort find. Der Ge⸗ meinderat, der zum Teil geblieben ist, soll sehr energisch gegen russische Evakuierungspläne Wilnas aufgetreten sein. Man soll nicht undeutlich erklärt haben, daß die Polen die himmelschrei⸗ ende russische Behandlung mit anderen als dem flawischen Ver⸗ brüderungslied beantworten würden, daß man es satt habe, Polen zu einer Wüste machen zu lassen. Es gäbe auch den Pariser Einzugsmarsch, der 5 sehr gut pfeifen ließe, der augenblick⸗ lich überhaupt ein sehr beliebter Marsch sei. Auch das nicht Faßbare würde den Russen schaden, der Haß der Polen, der Haß, zu dem man kommen müßte. Es wurde mir so erzählt. Ich kann die Richtigkeit weder bezweifeln, noch beweisen. Die pol⸗ nischen Musikkapellen haben jedenfalls gute Fähigkeiten im Spielen

prunkvolle Gründungsfeier statt, die fünf Tage lang dauerte. Die ungünstigen politischen Verhältnisse in Holstein führten nach einigen Jahren günstiger Entwicklung zu einem raschen Rückgang, der dem Verfall sehr nahe kam. Und auch in der Folge war das Schicksal der Universität so unzertrennlich mit dem politischen Geschehen verknüpft, so sehr durch dänische und deutsche Einflüsse bestimmt, daß weder das 100jährige, noch das 200jährige Jubi⸗ läum mit Ruhe und Würde gefeiert werden konnte. Schl eßlich, unter preußischer Herrschaft, begann die vielgeprüfte Univerfität neu und sicher aufzublühen. Während der letzten 15 Jahre trat sie in die derste Reihe der akademischen deutschen Lehr⸗ institute. Das Schicksal will es, daß auch dieses neueste, 250 jährige Jubiläum der Universität Kiel in die Zeit eines so ge⸗ waltigen Ringens fällt, so daß auch diesmal eine große Jubi⸗ läumsfeier dem Sturm der Tage hintangesetzt werden muß. Zu⸗ gleich aber ist das heutige reiche Blühen der oft gewandelten Universität im besten Sinne ein Wahrzeichen der Kraft Deutsch⸗ 55 die äußerlich wie innerlich nicht mehr beengt zu werden g.

Der Anfang der Theaterspielzeit in Stock⸗ hol m. In Stockholm hat die neue Theaterspielzeit mit bemerkens⸗ werter Frische und Lebhaftigkeit eingesetzt. An verschiedenen Ta⸗

*

erlebt. Viel besprochen wird ein Schauspiel von Didring,Die Flug maschine, wegen der Aktualität seines Stoffes. Der Inhalt läßt sich kurz dahin zusammenfassen, daß in packender Weise geschildert wird, wie ein Großindustrieller den Patriotismus als Deckmantel für einen Riesenschwindel benutzt. Ganz anderer Art war der Erfolg, den die OperetteFrau Sibylle errang. Dieser Erfolg war der Erfolg eines neuen Operettensternes, des finnischen Sängers Adolf Niska, der gleich bei seinem ersten Auftreten in Stockholm sich das Publikum im Sturm erobert hat. Jung, gut gewachsen und von angenehmer Erscheinung besitzt Niska zugleich eine bedeutende Gabe als Darsteller, singt vortrefflich und tanzt nicht minder gut und der leichte finnische Akzent, der seinem Schwe⸗ disch anhaftet, dient vielleicht nur dazu, seiner Sprache beim Publikum einen pikanten Beigeschmack zu geben. ImDrama⸗ tischen Theater wurde eine Strindbergwoche veranstaltet und zu alledem kamen nun noch verschiedene interessante Gastspiele, dar⸗ unter das der bekannten Frau Bosse und das des Schauspielers Olaf Poulsen vom Kgl. Theater in Kopenhagen. Olaf Poulsen, gegenwärtig einer der besten Holberg⸗Spieler des fkandinavischen Nordens, errang durch seine gesunde, feine, von charakteristischem Humor belebte Darstellungskunst großen Erfolg und die Presse ist seines Ruhmes voll. Im übrigen steht Stockholm gegenwärtig

sieht, hat die neue Spielzeit der schwedischen Hauptstadt bishe recht viel gebracht. 15

*

tig bezeichnet sind, sind vorhanden. In Wilkomir gibt es das i

das Fenster. Wasser gab

aufgerissen und ein paar Eisenteile verbogen. Das Auto kaun mir das Bild des ersten Tages in Warschau. Eine Großstadt, die

großstädtischer Ovationen. In der Mischung, Freude am Neuen

gen hat die schwedische Hauptstadt drei Neuaufführungen zugleich

77S

unter dem Zeichen des kommenden Reinhardt⸗Gaftspieles; wie man 1

3