nt. 202
Der Gleßener Anzeiger erscheint täglich, außer Sonntags.— Beilagen: viermal wöchentlich Sleßener Famillenblätter; 7 0 wöchentl. Kreis⸗
latt für den Kreis Gießen (Dienstag und Freitag); zweimal monatl. Land⸗ wirischaftliche deitfragen Ferusprech-Anschlüsse: für die Schriftleitung112 Verlag, Geschäftsstelles 1 Adresse für Drahtnach⸗ richten: Anzelger Gleßen. Annahme von Anzeigen für die Tagesnummer bis vormittags 9 Uhr.
Erstes Blatt
(TB.) Großes Hauptquartier, 27. August.
(Amtlich.) Westlicher Kriegsschauplatz.
. In der Champagne und auf den Maashöhen 1 französische Schanzanlagen durch Sprengung zer⸗
In den Vogesen wurde ein schwacher französischer
Vorstoß leicht abgewiesen. 5 Oestlicher Kriegsschauplatz. Heeresgruppe des Generalfeldmarschalls
5 v. Hindenburg.
„Die Gefechte bei Bausk, Schönberg(süüdöstlich von Mitau) und in der Gegend östlich von Kowno dauern an. 2450 Russen sind gefangen, vier Geschütze und drei Ma⸗ schinengewehre erbeutet. 1
Südöstlich von Kowno wurde der Feind geworfen.
Die Festung Olita ist von den Russen geräumt und von uns besetzt.
Weiter südlich sind die deutschen Truppen gegen den Njemen im Vorgehen.
Der Uebergang über den Bere zowka⸗Ab⸗ schnitt(östlich von Ossowice) ist erkämpft: die Ver⸗ folgung ist auf der ganzen Front zwischen Suchowola (an der Berezowka) und dem Bialowieska⸗Forst im Gange.
Am 25. und 26. August brachte die Armee des Generals b. Gallwitz 3500 Gefangene und 5 Maschinengewehre ein.
Heeresgruppe des Generalfeldmarschalls Prinzen Leopold von Bayern.
Die Heeresgruppe verfolgt; ihr rechter Flügel kämpft um den Uebergang über den Abschnitt der Lesna⸗ Prawa(nordöstlich von Kamieniec⸗Litowsk).
Heeresgruppe des Generalfeldmarschalls f v. Mackensen. Nordöstlich von Breft⸗Litowsk nähern sich e Kamieniec— Li
Süpoftlich von Brest⸗Litomvst wurde der Feind über den Ryta⸗Abschnitt zurückgeworfen. 1 Oberste Heeres leitung. 5 a. 4
unsere 8k
Als Warschau fiel, hatte Rußland seine„erste Ver⸗ keidigungslinie“, von deren Unüberwindbarkeit die Entente mittels einer wahren Zirkusreklame alle Welt, nur die! Zentralmächte nicht, überzeugt hatte, verloren. Als Brest⸗ Litowsk erstürmt wurde, hatte es keine zweite Verteidi⸗ gungslinie mehr. Aber Rußland besitzt noch eine dritte
inie, auf der es vielleicht hoffen nag, dem Ansturm unserer Heere einen Halt zu gebieten und den Bewegungs⸗ krieg zum Stellungskrieg nach dem Muster der Lage im Westen zu gestalten. Ein Blick auf die Karte sagt, daß diese dritte Linie in der Richtung von Norden nach Süden ver⸗ läuft und von den Flüssen Düna, Beresina und Dujepr gebildet wird. Die Stärke dieser Linie ist nicht mehr nach Festungen, sondern nur mehr nach Natur⸗ hindernissen zu bemessen. Von der Düna darf am meisten Rückhalt für die Russen erwartet werden an ihrer äußersten rechten Flanke, wo das Land wegen seiner zahl- reichen Sümpfe und Weiher am ungangbarsten erscheint.
Verlängert man die Richtung des Dünastroms von Riga nach Dünaburg talaufwärts weiter nach Süden, so gerät man in die Richtung der
Beresina, die dem Dujepr zuströmt. Die Beresina wird an beiden Ufern durch einen breiten Sumpfgürtel geschützt. Dadurch wird auch das Gelände westlich von Smolensk, über das die wichtigen Verbindungen nach Moskau laufen, wirk- sam geschützt. Schon zweimal hat das Beresinahindernis in der Kriegsgeschichte eine Rolle gespielt, einmal in Peters des Großen Schwedenkrieg, dann im Zuge Napoleons nach Mos⸗ kau, wo der Uebergang über den Fluß den Franzosen auf ihrem furchtbaren Rückzug ungeheure Verluste kostete. Schließlich bildet der Dujepr mit seiner Breite und seinen Ufern voll schwer durchschreitbaren Waldgebiets eine acht⸗ bare Schranke. Hinter dieser Linie wird wohl der Widerstand zu suchen sein, den die Russen in einer über London kommen⸗ den Meldung ankündigen. Was Eisen und Stahl und Festun⸗ gen nicht vermochten, sollen jetzt Schlamm und Nebel zu⸗ wege bringen: Sie sollen die Deutschen aufhalten. Man fühlt sich gedrungen zu sagen: Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr, und muß annehmen, daß die Russen selber von dieser ungewissen Aussicht nicht viel halten können. Einstweilen bewegt sich der Rückzug der Russen in ver⸗ schärftem Tempo nach Osten. Ueberall ist die Verfolgung im Gange; schonungslos sitzt der Sieger den schwer geschlagenen Feinden auf den Fersen. Ob die köstliche Ankündigung von der letzten Schlacht am Bobr, die man noch annehmen wolle, wahrgemacht wird, oder ob in der dritten Linie eine Ret⸗ tung gesucht wird? Ein so geschwächtes und zerrüttetes Heer, wie es das geschlagene russische jetzt ist, kann den im Sieges⸗ sturm erstarkten Feind nicht mehr aufhalten. Man darf auf die strategische Lage, wie sie sich jetzt entwickelt, aufs höchste gespannt sein. Schon die nächsten Tage, ja Stunden werden
darüber Aufschluß geben, in welcher Richtung das gewaltige
Kriegsdrama seinen Lauf nimmt.
165. Jahrgang
Gießener Anzeiger
General⸗Anzeiger für Oberhessen
Rotationsdruck und verlag der Brühl schen Univ. Buch⸗ und Steindruckerei R. Lange. Schriftleitung, Geschäftsstelle u. druckerei: Schulstr. 7. Geck, sämtlich n Gießen.
Die Russen in vollem Rückzug. Reichstag und deutsches Voll.
Das Reichstagsgebäude wird fortan über seinem Ein⸗ gang die Inschrift tragen:„Dem deutschen Volke!“ Der Reichskanzler selbst hat die Schmückung von Wallots Prachtbau mit diesem Wort veranlaßt. Es liegt mehr als die äußerliche Bekundung eines Dankes oder Anerkennungs⸗ bedürfnisses für die Volksboten in diesem Akt. Die Worte bedeuten ein Symbol. Die Tagung des Reichstages, die gestern ihr Ende fand, zeigte die gleiche ragende Höhe der Empfindungen und dieselbe eherne Entschlossenheit, wie ihre Vorgängerinnen im Kriege.
In dem Augenblick, wa Wort und Tat in Deutschland zu einem Einzigen von nie gesehener Konsequenz und Ein⸗ heitlichkeit verschmolzen sind, mochte es dem Kanzler ein Be⸗ dürfnis sein, für dies urgewaltige Schauspiel vaterländischer Größe die äußere Weihe zu finden, aber ihre Wichtigkeit liegt in dem Programm, das sie enthält. Das, was wir er⸗ reicht haben und noch erreichen werden, danken wir in erster Linie der Reife des Volkes. Lange hat man sich gegen die Anbringung der Inschrift in Friedenszeiten gesperrt. Daß es jetzt und in diesem Augenblick dazu kam, beweist, daß die politischen Gründe, die einst engherzig die in den bedeutsamen Worten zusammengefaßte Einheit ablehnen zu müssen glaubte, einer höheren Erkenntnis gewichen sind. Unter diesem Zeichen werden wir auch von den nächsten Tagungen des Reichstages Großes erwakten dürfen.
* 0
Der österreichisch⸗ungarische Tagesbericht.
Wien, 27. Aug.(WTB. Nichtamtlich.) Amtlich wird verlautbart: 27. August 1915.
Russischer Kriegsschauplatz.
Die bei Brest⸗Litowsk geschlagenen russischen Armeen sind in vollem Rückzuge beiderseits der nach Minsk führenden Bahn. Die Truppen des Erzherzogs Josef Ferdinand rückten gestern z ttag durch die brennende Stadt Kamieniec⸗Lito Lesna. Deutsche itkräfte verfolgen von Richtun
1 Wladimir⸗Wolynskij un
Bei Kowel, be nichts Neues.
Italienischer Kriegsschauplatz.
Auf dem italienischen Kriegsschauplatze fanden gestern nur bei Flitsch Kämpfe von einiger Bedeutung statt. Hier wiesen unsere Truppen einen feindlichen Angriff auf ihre Talstellungen zurück.
Der Stellvertreter des Chefs des Generalstabs v. Höfer, Feldmarschalleutnant.
Die Verfolgung der Russen.
K. K. Kriegspressequartier, 28. Aug. Der Erfolg der Verbündeten entlang des Flußtales von der heute eingenom⸗ menen kleinen Njemenfestung Olyta entlang bis zum Zusammen⸗ fluß Kowel—Kobrin, sowie besonders das Vordringen der nach der Einnahme von Brest-Litowsk gegen Kobrin vorrückenden Trup⸗ pen bestimmt die Russen, den gegen Minsk in Szene gesetzten Rückzug noch zu beschleunigen. Auf der über Minsk nach Smolensk und Moskau führenden Bahnstraße muß der Großfürst viel Kraft aufwenden und viel Kraftentfaltung, um so früh wie möglich der abermaligen Umfassung zu entz⸗ gehen. l
Die Russen auf der Suche nach einem Schlupfwinkel.
Rotterdam, 27. Aug. Die„Daily Mail“ erhält aus Petersburg eine halbamtliche Mitteilung, in der sich Andeutungen über die nächsten Pläne der Russen finden. Diese sollen darin bestehen, eine geeignete Stellung zu finden, in der sie sich behaupten können, bis ge⸗ nügend Nachschub von Maschinen und Munition ein⸗ getroffen sein würde, so daß jene Stellung den Ausgangs⸗ punkt zeige und ein entscheidender Vormarsch sich bilden werde. Mit anderen Worten, es dürfte sich als notwendig erweisen, eine Defensive, ähnlich der französisch⸗eng⸗ lischen im Westen, zu schaffen. Zu diesem Zwecke werde die russische Regierung zahlreiche Kräfte aufbieten. Man hofft, mit Hilfe von Nebel und Schlamm, der die Wege un⸗ gangbar mache, den Gegner aufzuhalten, bis die Verteidi⸗ gungsfront fertig gestellt sei.
Eine Schlacht am Bobr?
Wien, 28. Aug. Indirekte Meldungen aus Petersburg besagen, am Bobr stehe eine große Schlacht bevor, welches die letzte sei, die der russische Generalstab dort noch annehmen wolle.(Als ob das auf die Russen an⸗ bomme! Red.)
Russische Geständnisse.
Petersburg, 27. August. Mitteilung des Großen Be⸗ neralstabes vom 26. August, 8 Uhr abends: In der Gegend von Riga keine Veränderung. Südlich von Friedrichs⸗ stadt in der Gegend Schönberg⸗Raziwillsky hat der verstärkte Feind am 24. und 25. die Offensive wieder aufgenom⸗ men. Ein hartnäckiger Kampf dauert noch fort. In der Richtung von Dünaburg, gegen Onichty, am Swentaflusse, drängten wir die Daeutschen zurück. In der Richtung von Wilna ziehen sich
nicht verlassen, die Waggons sind verschlossen und die
Samstag, 28. August 1015
Bezugspreis monatl. 75 Pf., viertel⸗ jährl. Mk. 2.20; durch Abhole- u. Zweigstellen monatl. 65 Pf.; durch die Post Mk. 2.— viertel⸗ jährl. ausschl. Bestellg. Zeilenpreis: lokal 15 Pf., ausw. 20 Pf.— Haupt- schristleiter: Aug. Goeh. Verantwortlich für den politischen Teil und das Feuilleton: Aug. Goetz; für Stadt und Land, Vermischtes und Ge⸗ richtssaal: Otto Braun; für den Anzeigenteil: H.
unsere Truppen, die den Feind während der Tage vom 24. und 25. auf den Stellungen vor Ewie aufhielten, schrittweise zu⸗ rück, längs der beiden Ufer der Wilia. Am mittleren Njemen und auf der Front zwischen dem Oberlauf des Bobr und des Pripet weichen unsere Armeen gemäß den empfangenen Weisungen gegen Osten zurück. Der Feind bedrängt unsere Truppen bloß in gewissen Richtungen. Daher hat er am 25. August seine hauptsächlichsten Anstrengungen gegen Bialystok und auf die von der Front Kielce—Klestscheli nach Osten führenden Straßen konzentriert. In den übrigen Abschnitten unserer Front melde man keine nennenswerten Veränderungen.
Das tussische Chaos.
Das russische Flüchtlingselend. Amsterdam, 27. Aug. Nach Petersburger Berichten hat man sich in Petersburg mit dem bevorstehenden Ver⸗ lust von Riga als etwas Unabwendbares abgefunden. Die Evakuierung weiterer Gouvernements soll bevorstehen. Die bisherige Flüchtlingszahl wird auf Millionen Menschen angegeben.
Russische Vorbereitungen in Bessarabien. Budapest, 27. Aug. Seit drei Tagen werden von den Russen auf den bessarabischen Eisenbahnen außerordentliche Maßnahmen getroffen. Die aus dem In⸗ nern Rußlands abgehenden Züge werden bis Kischine w von Truppen begleitet. Die Reisenden dürfen die Waggons
5 1
Fenster durch Vorhänge verdeckt. Diese Maßnahmen werden damit in Verbindung gebracht, daß die Russen in Bessara⸗ bien große militärische Vorbereitungen treffen. Die innere Krise. Stockholm, 27. August. Dem„Swenska Dagbladed“ wird von dem Sonderberichterstatter aus Rußland gemeldet: Seitdem die russischen Heere andauernd bedrängt werden, hat auch die Neigung der Regierung der Duma, mit dem„Volk“ zu ver⸗ kehren, zugestimmt. Man spricht darüber, daß die Regi sich als Meitarpeiter in den Fiamazerbrum die Ottopristen wählen wird. Der Mimisterpräsident Goremykin wird in Kürze zurücktreten und an seine Stelle soll Rodsjanko kommen. Es unterliegt jedoch 0 i g soweit entgegenkommen wird.
Wie es mit den n 1
Von der russischen Grenze, 27. Aug.„ kij Invalid“ meldet, daß das Kriegsministerium dieser Tage einen Aufruf erlassen hat, nach dem sich alle Frauen, die mit Kraftwagen umzugehen verstehen, in den Dienst des Vaterlandes stellen sollen. In militäri⸗ schen Kreisen e man sich von dieser umfangreichen lg bie. des Automobilparks des Heeres außerordent⸗ lich viel.
Der heilige Krieg. e Von der russischen Grenze, 27. Aug. Bei der Ven einigung mohammedanischer R in Petersburg kam es zu tumultuarischen Szenen. 480 mohammedanische Rekru⸗ ten waren zur Sprechung der Eidesformel angetreten, als plötzlich einer der Rekruten einen Papierstreifen hervorzog und den An⸗ wesenden wahrscheinlich die Botschaft des Kalifen, die Verkündi⸗ gung des heiligen Krieges, vorlas. Darauf weigerten sich die Rekruten, die Eidesformel zu sprechen. Als dann Dragoner erschienen, um die mohammedanischen Soldaten festzunehmen, flüchteten diese. Trotzdem weitere Truppen zur Verfolgung aufgeboten wurden, gelang es nur einen kleinen Teil der Deser⸗ teure einzufangen.
Die russischen Litauer und die Kriegslage.
Von der russischen Grenze, 27. Aug. In Wilnct fand vor einigen Tagen eine Geheimversammlung von litaui⸗ schen Politikern statt. Die Anwesenden waren sich darüber einig, daß das Litauertum den Zeitpunkt nicht verpassen dürfe, um so viele nationale Vorteile wie möglich aus der augenblick⸗ lichen politischen Lage zu ziehen. Es sei nicht daran zu zweifeln, daß die Deutschen, die bereits den größten Teil Litauens im Besitz haben, ganz Litauen besetzen werden. Vor allem müsse Sorge dafür getragen werden, daß die Hetzarbeit der russischen Agenten auf Widerstand stoßen und daß die deutschen Truppen überall in Litauen freundlich aufgenommen werden. Die Leute sollen aufgefordert werden, vor den deutschen Truppen nicht zu fliehen, sondern im Lande zu bleiben, um der Vernichtung des Besitzes und der Ernte durch Russen vorzubeugen. Die Versammlung sprach den litauischen Dumaabgeordneten ihre lebhafteste Mißbilligung aus, da sie nichts getan hätten, um das Litauertum in der Duma zu vertreten.
Der Zar und der„Matin“.
8 Ko penhagen, 27. Aug. Der Zar empfing den„Matin“ Korrespondenten in Zarskoje⸗Selo und ermächtigte ihn, zu er⸗ klären, daß Frankreich auf Rußlands Treue bis zum endlichen Siege hoffen könne. Der Zar zeigte dem Korrespondenten Briefe von Bauern, in denen er angefleht wird, den Hrieg fort⸗ zusetzen. Einstimmig ist man für die Fortsetzung des Krieges. Der Krieg hat die ganze Industrie in Polen und Kurland zerstört. Man hat zwar einen Teil der Maschinen in das Innere Rußlands fortgeschafft. Aber der Abbruch geschah auf so ungünstige Weise, daß es unmöglich war, die einzelnen Maschinenteile zu uumerieren, geschweige die Maschinen zussa m⸗ menzusetzen Daher wurden aus Amerida kontraktich für 150 Millionen Maschinen bestellt. Aber der Mangel an Eisenbahnen und Rohmaterial und besonders an geschulten Arbeitern und guten Betriebsleitern machte sich besonders empfindlich bemerkbar. Durch die Verteidigungstaktik von 1812 hat Rußland seine Schwierigkeiten nur vergrößert, ohne aber den Feind irgendwie aufgehalten zu haben. Es sind Fälle vorgekommen, daß Wälder angezündet wurden, bloß um die Flücht⸗ linge, die dorthin geflohen waren, zu vertreiben. Es sind
1


