8 Generalmajor von Langermann: 8
Die Ausführungen des Abg. Bauer sind geeignet, unter un⸗ 45 Soldaten die größten Beunruhigungen hervorzurufen und n Schein zu erwecken, als ob die Militärverwaltung für die Hinterbliebenen der gefallenen Krieger nicht genügend sorgt, son⸗ dern noch etwas abknappst. Ein derartiger Vorwurf ift mir noch nicht gemacht worden, und ich habe es auch nicht für möglich ge⸗ halten, daß mir, der ich für diese Sache verantwortlich bin, dieser Vorwurf hier gemacht würde. Diese Beunruhigung tritt nicht nur für die Frauen daheim ein, sondern auch für die Leute draußen im Felde. Ich habe selber draußen mit meiner Brigade gekämpft, ich weiß selbst. was es für ein schönes Gefühl ist, wenn man weiß: Trifft dich die Kugel, dann ist für deine Familie gesorgt. Darum rufe ich auch unseren treuen Kameraden draußen im Felde heute l. 255 eure Hintekbleibenden wird gesorgt!(Stürmischer Bei⸗
1 Abg. Liesching(Pp.)
erichtet über die Beratungen des Haushaltausschusses, über die Unterstützungen, die den Hinterbliebenen der im Kriege Gefalle⸗ nen zu gewähren find. Eine Aufrechnung der Hinterbliebenen⸗ renten gegen die Unterstützung ist gesetzlich nicht zulässig.
Abg. Dr. Paasche(Natl.):
Der Vorredner sprach als Berichterstatter. Ich spreche aber als Abgeordneter und kann daher frei von der Leber weg reden. Ich gebe der Ansicht der großen Mehrheit des Hauses Ausdruck, wenn ich mich den anerkennenden Worten des Ministerialdirek⸗ tors Lewald und des Generalmajors von Langermann für die Leistungen des deutschen Volkes für die Familien der Kriegsteil⸗ nehmer durchaus anschließe.(Lebhafter Beifall.) Ich will nicht u scharf werden, ich will nicht in den feierlichen Anfang der Sitzung einen Mißklang hineinbringen. 5 Aber der Abg. Bauer erweist den Hinterbliebenen und
en Angehörigen der Kriegsteilnehmer keinen Dienst, wenn er in dieser Weise alles, was geschehen ist, in den Schmutz zieht. (Großer Lärm b. d. Soz., lebhafte Zustimmung rechts und b. d. Nationalliberalen, Rufe b. d. Soz.: Unerhört!) Unerhört war, was der Abg. Bauer hier vorgebracht hat.(Lebhafter Widerspruch b. d. Soz.) Bedenken Sie doch, wenn das in die weite Welt hinaus⸗ seht, was man da sagen wird, wo man uns doch immer als Bar⸗ ren hinstellt. Bedenken Sie, was das heißt, wenn man da er⸗ zählt, die Angehörigen müßten sich mit Wasser und Brot ernähren (Große Unruhe), ihre Kinder müßten nackend herumlaufen!(Er⸗ neute große Unruhe.)
Das geht nun alles in das feindliche Ausland hinaus! Wir haben alle Ursache, unsserer Zivilverwaltung für alles das, was in der Kriegsfürsorge geleistet wird, ite ation herzlichsten Dank auszusprechen. (Lebhafte Zustimmung.) Wie haben sie gearbeitet! Was haben 4 8 5 erreicht!(Lebhafte Zustimmung.) Ich möchte aber auch
Gemeinden danken. Vorhin wurde schon angedeutet, nie⸗ mand hat mit einer so langen Dauer des Krieges gerechnet und manche Gemeinde, die in der ersten Begeisterung aus patrioti⸗ schem Gedanken heraus das Gleiche tun wollte wie das Reich, wird auch schon gedacht haben, wie lange können wir das noch durchhalten.(Sehr richtig!) Mancher Arbeitgeber, der den Frauen der ins Feld gezogenen Männer die Gehälter weiter ge⸗ zahlt hat, fragt sich heute schon, ob er es verantworten kann, diese großen Summen noch weiter zu geben. Alle die Männer und Frauen, die sich heute in den Dienst der Fürsorge unserer Krieger stellen, meinen Sie denn, sie arbeiten mit derselben Be⸗ geisterung weiter, wenn ihnen hier gesagt wird:
Alle diese Verordnungen und Gesetze sind ja ganz schön, aber das praktische Ergebnis ihrer. Hunger und Not der Angehörigen der Kriegsteilnehmer.(Lebhafte Unruhe.) Ich bedaure nocheinmal, daßsoetwasüberhaupthier 2 9 werden kannl(Lebhafte Zustimmung.) Man könnte 1 viele Gegenbeispiele anführen. In einer der Wohltätigkeits⸗ küchen, wo täglich 400 bis 500 Kinder gespeist werden, 5 die
Dame, die sich ohne jede Entschädigung in den Dienst der Sache 8 hatte, zwei Kinder:„Was macht denn eure Mutter?“ ie Frau bekommt ihre Unterstützungsgelder vom Reich und von der Stadt Berlin für sich und ihre beiden Kinder.— Die Kinder wußten gar nicht, wo ihre Mutter hingeht, sie ließ die Kinder hun⸗ gern und steckte das Geld selber ein.(Großer Lärm.) Was soll man mit einer solchen Mutter machen? Soll man die Kinder Rabenmutter wegnehmen? Vielleicht gehört sie auch zu den 3000 en, die sich bei dem Abg. Bauer beschwert haben(großer Lã bei den Soz.).— Man erweist den Kindern auch keinen Dienst, wenn man die Mutter etwa einsperrt. Wie soll man für die Kinder sorgen? Ich habe mich in meiner Heimat selbst umge⸗ hört, wie es den Frauen geht. Sie sind sehr zufrieden mit den Unterstützungen, die sie bekommen. Sie arbeiten allerdings fleißig, um sich etwas dazu zu verdienen.. Den Frauen wird überall Arbeit gegeben, und es werden Löhne gezahlt, an die man früher nicht dachte. Wer nicht arbei⸗ ten kann, für den wird gesorgt. Wir wehren uns gegen den
Vorwurf der Barbaren, wir sind mit Recht ftolz darauf, die höhere Kultur zu vertreten, wir werden die Angehörigen un⸗ serer Krieger nicht in Not lassen. Wir haben einen Antrag ein⸗ gebracht, der dafür sorgen will, daß die Zahl der Invaliden nicht unnötig vermehrt werde dadurch, daß die Leute nicht rechtzeitig für die Kräftigung ihrer Gesundheit sorgen können. Die Heeres⸗ verwaltung schickt die Leute ja jetzt auch nicht gleich nach Hause, sondern schickt sie noch in Bäder und Heilanstalken, damit sie sich möglichst auskurieren. Aber manche Leiden werden erst nach ein bis zwei Jahren hervortreten, wenn der Mann wieder praktisch tätig gewesen ist. Für solche Fälle muß eine Organfalion ge⸗ schaffen werden und müssen vom Reichstag Mittel bewilligt sein.
Ein anderer Antrag will den Kriegsbeschädigten die Freude an der eigenen Scholle geben durch Schaf⸗ fung von kleinen Siedlungen. Vielfach ist die Lust erwacht, aus der angeblich freieren Großstadt wieder hinauszu⸗ ziehen aufs Land und dort Glück und Zufriedenheit im eigenen Hause zu finden und sich die nötigen Produkte an Fleisch und Ge⸗ müse selber zu erzeugen. Nichts wäre schlimmer als tausende von mißvergnügten Rentenempfängern in den Großstädten zusammen⸗ gehäuft. Würden wir den einfachen Leuten solche Siedlungen schaffen, so wäre damit eine soziale Wohltat vollbracht, und wir würden dem Ziele näher kommen, möglichst zufriedene Staatsan⸗ gehörige zu schaffen.(Lebhafter Beifall.)
Zur Verhandlung steht noch eine Resolution, die eine Denk⸗ schrift über das Nachtarbeitverbot im Bäckereigewerbe verlangt und die ferner dieses Nachtarbeitverbot auch für die Friedenszeit wei⸗ terbestehen lassen will.
Abg. Malkewitz(Kons.):
Auch wir waren über die Rede des Abgeordneten Bauer sehr erregt. Den scharfen Worten der Abwehr stimmen wir durchaus zu. Herr Bauer hätte sich nicht so weit von den Tatsachen ent⸗ fernen sollen. Er hat eine schpere Schuld auf sich ge⸗ laden. Doch das muß er mit sich selbst abmachen. Den gestrigen Ausführungen des Abgeordneten Böttger über die Verhältnisse der kleingewerblichen Bevölkerung stimmen wir im wesentlichen zu. Wir sind auch einverstanden, daß eine Denkschrift über die Nachtarbeit im Bäckereigewerbe vorgelegt wird. Wir sind aber nicht dafür, daß jetzt schon die Ausdehnung dieser Verordnung für die Friedenszeit festgelegt wird.
Abg. Behrens(Wirtsch. Vgg.):
Reichsleitung, Heeresverwaltung und Reichstag sind eifrigst bemüht, den Mißständen nachzugehen und auch im Unterstützungs⸗ wesen Besserung zu schaffen. Gewisse Härten mögen vorgekom⸗ men sein, aber im allgemeinen ist doch Großes geleistet worden. Die Denkschrift über das Nachtbackverbot muß noch während des Krieges kommen, damit gleich beim Friedensschluß eine neue Verordnung erlassen werden kann.
Abg. Spahn(Zentr.):
125 Ausschußverhandlungen beiwohnte, hat heute nichts Neues gehört. Alle Mitglieder und auch die Vertreter des Bundes⸗ rats haben das gleiche warme Interesse für die Angehörigen der Kriegsteilnehmer bekundet. Die Beschlüsse fordern weitergehende Maßnahmen. Mit tiefer Trauer haben wir deshalb die heutigen Ausführungen des Abg. Bauer gehört, die das Ansehen unseres Vaterlandes schwer herabsetzen.(Lebh. Zustimmung.)
8 Abg. Stadthagen(Soz.):
Abg. Bauer hot doch in sehr vorsichtiger Form hier gespro⸗ chen.(Große Unruhe und Zurufe.) Wenn wir Zensurfreiheit hätten und man könnte alle Klagen in der Presse vorbringen, dann würden Sie einsehen, daß Ihre Vorwürfe unberechtigt sind. Ich muß dringend warnen, ein Gesetz zu beschließen, das zweifellos eine Schlechterstellung unserer Witwen u. Waisen bringen würde. Der Redner wendet sich dann gegen einen Antrag Erzberger, der folgende Bestimmung treffen will: Die Familienunterstützung wird während dreier Monate über den Zeitpunkt hinaus, von dem an die den Hinterbliebenen zu zahlenden Hinterbliebenenbezüge zuständig sind, weitergewährt. Etwa darüber hinaus gezahlte Familienunterstützungen gelten als Vorschußzahlungen auf die Hinterbliebenenbezüge und sind bei deren Auszahlung einzu⸗
behalten. g Schatzsekretär Dr. Helfferich:
Der Abgeordnete Stadthagen hat seine Ausführungen im Ausschuß hier wiederholt, nur mit einem etwas stärkeren Tempe⸗ rament, wie es ihm für einen Kreis, der öffentlicher ist, besser an⸗ steht.(Heiterkeit.) Eine Doppelzahlung von Hinterbliebenen⸗ bezügen und Famjlienbezügen kommt nur ganz selten in Be⸗ kracht, wenn der Tod eines Gefallenen oder an Krankheit Verstor⸗ benen erst lange nach seinem Eintritt festgestellt wird und damit auch die Hinterbliebenenrente zur wirklichen Auszahlung gelangt. Ein Recht auf eine Doppelzahlung besteht nicht, sondern sie soll ausgeschlossen sein. Der ganze Streitpunkt ist der, wie man den§ 10 auslegen will. Der Fall wird dadurch noch seltener gemacht, als in Preußen und auch in anderen Staaten
men will. Weiter angenommen wird eine Resolution, die die Gewährung von Badekuren an Kriegsteilnehmer for⸗ dert, die die Ansiedlung von Kriegern auf dem Lande anregt, die Herausgabe von Kriegsbriefmarken i und für den eintritt.
einer besonderen Kommission von 21 Mitgliedern zur Beratung aller das Wohnungswesen betreffenden Anträge und Bitt⸗ schriften wird angenommen. i 5
(Natl.) zur Abänderung des Gesetzes 1 Be⸗ lagerungszustand, l Budget⸗ kommission. N 5
elne zweimonafliche Hoppelzahfung purch Verfügung worden ist, es handelt sich also nur zin Doppelzahlungen zwei Monate hinaus. Die zwei Monate, die doppelt gezahlt wer⸗ den, werden gegen das Gesetz gewährt. Diesen Verstoß denke ich, laßt es der Billigkeit entspricht, einen gewissen Spielraum zu assen. 5
Der Sinn der neuen Anträge ist, daß ganz allgemein allen Hinterbliebenen, die Familienunterstützungen N D nate lang Doppelzahlung 1 werden soll. Wie groß das Reich dadurch belastet wird, ist noch nicht abzusehen. Trotzdem will ich einen ablehnenden Standpunkt nicht einnehmen und dafür eintreten, daß die Sache auf dieser Grundlage geregelt wird. Es wird dann einheitlich allen Hinterbliebenen die Wohltat einer dreimonatigen Doppelzahlung gewährt. Wenn es nach dem Abgeordneten Stadthagen ginge, würde die Wohltat vielleicht nur dem hundertsten oder tausendsten Teil und nicht in gleicher Höhe erwiesen werden. Das ist der Unterschied. Es ist mir unverständlich, wie man das nicht ein⸗ sehen kann und will. Es kommt mir vor, nach dem Plaidoher des Abgeordneten Stadthagen, als ob das Brot, das wir bereiten, in Stein verwandelt werden soll. Wem die Steine an den Kopf geworfen werden sollen, ist mir nicht klar.(Lebh. Beifall.)
Abg. Dr. Neumann⸗Hofer(Vp.) 8 Auch wir bedauern die heutige Rede des Abg. Bauer.(Bei⸗ fall.) Wenn vielleicht auch die einzelnen Fälle richtig sein mögen, so sind sie doch Ausnahmen. Gebbafte Zustimmung, Widerspruch bei den Soz.) Er hätte auch die Lichtseiten der Fürsorge zeigen müssen.(Zustimmung.) Die Kameraden an und hinter 8— Front wissen sie auch richtig einzuschätzen!(Zustimmung.) Sie geht weit über das hinaus, was unsere Feinde hierin leisten. (Lebhafte Zustimmung.) Nirgends haben aber die Sozialdemo⸗ kraten des Auslandes solche scharfe Worte hierüber fallen lassen. (Sehr richtig!) Wir Deutschen wollen und müssen ein einig“ Volk sein! Der deutsche Reichstag muß hier mit gutem Beispiel vorangehen.(Lebhafter Beifall.) 5
. Abg. Vogt(Konf.)„ hebt die Leistungen unserer Kriegsfürsorge nochmals hervor.
Abg. Bauer(Soz.): N Ich habe die Leistungen der Kriegsfürsorge durchaus aner⸗ kannt. Besonders die Gemeinden haben Großes geleistet. Ich habe die Wunden aufgedeckt, aber nicht verallgemeinert.(Sehr richtig! b. d. Soz., Widerspruch bei den übrigen Parteien.) Wenn 5 im Auslande unserm Ansehen Schaden zugefügt wird, so sind Sie allein daran schuld.(Sehr richtig! b. d. Soz., Widerspruch b. d. übrigen Parteien.) Den Generalmajor v. Langermann habe ich keineswegs angreifen wollen. Im Gegenteil, ich schätze ihn als 1 sehr sozial denkenden Herrn, der jeder Anregung zugängig ist, f außerordentlich hoch. Wenn Abgeordneter Dr. Paasche meint, ich 0 zöge alles in den Schmutz, so verbietet mir meine Arbeiterbildung, im gleichen Tone zu antworten.(Sehr gut! b. d. Soz.) g 5
Präsident Kaempf:
N
Daß der Abg. Paasche den Ausdruck„in den Schmutz gezogen“ gegenüber dem Abg. Bauer gebraucht hat, habe ich nicht gehört; 1 wenn ich es gehört hätte, würde ich es gerügt haben.(Heiterkeit.) ö
1 a U 1 1 0 Abslimmungen. 5 Die Resolutionen auf Gewährung von Teuer ungs⸗ 4
zulagen und Unterstützungen an gering besoldete Be⸗ amte und Arbeiter der Reichsbetriebe, ferner für Textilardeuner 5 und Arbeiterinnen werden angenommen. Ferner wird angenom⸗ men die Resolution, die eine Denkschrift über die Nachtarbeit im Bäckereibetriebe verlangt und das Verbot dieser Nachtarbeit auch in die Friedenszeit müberneh⸗
Schutz der Ein Antrag bon Trampezynski(Pole), auf Wahl
Haus arbeiter
Einige Bittschriften werden erledigt. 1. Das Haus vertagt sich. 5 5 0 Freitag, 11 uhr: Vereinsgesetz, Antrag Schiffer weitere Resolutionen
Schluß 8 Uhr. 17 N
1
Das muftkalische Dorf.
Man schreibt uns: Fern vom Verkehr, umrauscht von Wald Wasser, liegt verträumt das friedliche thüringische Dörfchen M. Seine Bewohner leben alle in einem issen Wohlstand. Es sind Bauern, die Generationen ee e der ererbten Scholle wohnen. Wenige von ihnen sind wohl längere Zeit aus dem Dorfe hi sekommen. Insofern gleicht also dieser Ort vielen anderen, etwas hat er allen übrigen voraus: in ihm lebt die Musik! Schon die übliche Dorfkapelle beweist durch ihre Stärke, daß es hier viele Männer geben muß, die eine musikalische Ader besitzen. Aber nicht genug damit: fast jeder männliche Einwohner N liebt die Musik, hat Begabung zur Musik und spielt Klavier. Wenn man vor Kriegsbeginn in den Abendstunden die Dorfstraße passierte, klan. einem aus allen Häusern und Hütten Töne von wunderbarer Reinheit, Fülle und Schönheit ans Ohr. Man merkte sofort, daß sich hier nicht bloße Dilettanten auf den Tasten tum⸗ 1 ten, sondern Menschen von natürlicher musikalischer sabung, die sich durch stetes Ueben eine erstaunliche Fertigkeit im Klavier⸗ spiel angeeignet hatten. Schlichte Männer waren es, die selbst nicht sehr viel von ihrer Kunst hielten und sie nur als eine an⸗ 1 5 Abwechslung und einen schönen Zeitvertreib pflegten. Als dann der Krieg kam, wurde es still im Dorfe. Die meisten Männer waren ins Feld gezogen und den Frauen war es nicht gegeben, außer unstreitbar großen wirtschaftlichen Vorzügen auch Musikkenner, oder richtiger, musikalisch zu sein. So ruhten die Klaviere lange verschlossen und bedeckt, vergessen in den Zimmer⸗ ecken, bis unsere neuen Soldaten lieder auch in das Dörschen drangen und von der Dorfjugend gesungen wurden. Ein Junge empfand nun den Ehrgeiz, diese Lieder auf dem Klavier spielen zu können. Er versuchte seine Kunst, und es gelang ihm bald, das ganze Dorf durch seine Musik zu überraschen. Nun wurden aber auch die anderen Instrumente wieder geöffnet und statt der Väter begannen sich die Söhne der Musik zu widmen. In wenigen Tagen konnte man Ach Mädchen weine nicht, 5
Sei nicht so traurig, t ö Mach deinem Landsturmmann das Herz nicht schwer— von den Jungen spielen und den Mädchen singen hören. Mit
diesem Lied war selbstverständlich das Repertoire der Kleinen nicht erschöpft. Abwechselnd kamen die alten Soldatenlieder an die Reihe,
und den Ausklang bildete stets: a
der Heimat, in der Heimat, a gibt's ein Wiederseh'n.
Wie die Alten sungen, so zwitschern die Jungen. Das werden
auch die Väter zu ihrer Ueberraschung entdecken, wenn sie aus
dem Kriege in das heimatliche Dorf zurückkehren. dt.
*
— Die schönen Tage von Bialystok. Der wichtige Eisenbahnknotenpunkt Bialystok, der bei dem Vormarsch unserer Truppen auf Brest⸗Litowsk jetzt so oft erwähnt wird, besitzt ein altes, einst hochberühmtes Schloß, das in der Erinnerung jedes Polen von romantischem Schimmer verklärt ist. Es spielte in den polnischen Freiheitskämpfen des ausgehenden 18. Jahrhunderts eine große Rolle: gehörte es doch damals dem„Kastellan von
und M
Krakau“ wie der höchste Würdenträger des altpolnischen Reiches hieß, Grafen Branicki, dessen Gattin eine Schwester des letzten „legitimen“ Polenkönigs Stanislaus August Poniatowski war. Er hat in Bialystok, das vielleicht richtiger Bjelostok geschrieben wird, manche glückliche Stunde verlebt, ehe ihn Kaiserin Katha⸗ rina II., die ihn einst gekrönt hatte, zu Grodno in Ketten legen und nach Petersburg führen ließ. Dort büßte er in einem langen grausamen Todeskampfe sein Vertrauen auf ein russisches Kaiser⸗ wort und russische Treue. Eine Großnichte dieses unglücklichen Schattenkönigs, Gräfin Anna Wonsowicz, hat die alte Herrlichkeit des Bialystoker Schlosses lebendig geschildert.„Französische Tape⸗ zierer, die mit großen Kosten verschrieben waren, hatten Mobiliar, Spiegel, Holzbekleidungen mitgebracht, die des Versailler Schlosses würdig gewesen wären. Die Säle waren von gewaltigen Pro⸗ portionen, die Vestibüle mit Marmorsäulen geschmückt, Die An⸗ ordnungen des Parkes, die verschiedenartigen prachtvollen Treib⸗ häuser, die herrliche Orangerie— das Ganze machte aus Bialystok eine in der Tat königliche Residenz.“ Zu Lebzeiten der Witwe des Kastellans von Krakau gab es im Winter eine französische und eine polnische Schauspielertruppe, auch eine Ballettgesellschaft im Schloß. Das Theater, von einem italienischen Architekten erbaut, faßte 300 bis 400 Personen. Alle diese Herrlichkeit ver⸗ ödete langsam, seit 1794 Kosziuscos unglücklicher Aufstand den Russen unter dem fluchbeladenen Feldmarschall Suwaroff erwünsch⸗ ten Vorwand gab, das Land ringsum auf das grauenvollste zu verheeren. Zwar hatten Großfürst Paul, der spätere Zar, und seine Gemahlin sich einige Tage in Bialystok aufgehalten, als sie unter dem Namen„Graf und Gräfin du Nord“ jene denkwürdige Reise antraten, die damals ganz Europa beschäftigte(wie wenig⸗ stens die Gräfin Wonsowicz notiert)— aber die alten schönen Tage von Bialystok kamen nicht wieder. Französische Emigranten ließen es sich hier später bei der berühmten alten polnischen Gast⸗ herrlichkeit wohl sein und Ludwig XVIII., der unter dem Inkognito eines Grafen de Lille einer Einladung Kaiser Pauls nach Mitau folgte, machte hier kurze Rast... Später wurde Bialystok von den Erben der Kastellanin von Krakau an Kaiser Alexander J. verkauft, der im Schlosse alles beim alten ließ. Kaiser Nikolaus hat dann die vielbewunderte Orangerie nach Petersburg schaffen lassen und aus dem dein Pensionat gemacht... Sic transit gloria mundi— auch in Bialystok. N Historische N 1 i hre 9 8 man, vom Beginn des 19. Jahrhunderts ausgehend, die Hagen Schlachten der Geschichte imd die duch sie Peibor⸗ gerufenen Verluste untereinander vergleicht, gelangt man zu dem
Ergebnis, daß bis zum Ausbruch des gegenwärtigen Weltkrieges
die Verluste in keinem Verhältnis zu den Fortschritten der Waffen⸗ und Kriegstechnik standen. Toch all dies hat sich seit 1914 jäh geändert, denn wie die„Revue hebdomadaire“ ausführt, waren niemals, in keinem Zeitalter und in keinem Lande, die Verluste so gewaltig wie in der Jetztzeit. In der Schlacht bei Marengo (14. Juni 1800), in der sich 65 000 Soldaten gegenüberstanden, beliefen sich die Verluste an Gefallenen, Verwundeten und Ge⸗ fangenen insgesamt auf 13 700 Mann. In der Schlacht bei Jena (18. Oktober 1806) verloren die 115000 Kämpfenden 27150
Mann. In der Schlacht bei Waterloo(18. Juni 1815) verloren 228 000 Kämpfer 57200 Mann. In acht bei Solferino (18. Juni 1859) verloren 275 000 Kämpfer 31 250 Mann. In
der Schlacht von Liao Jang(August⸗September 1904) standen
sich 95 000 Russen und 100000 Japaner gegenüber. Die Gesamt⸗
verluste beider Parteien beliefen sich auf 30400 Mann. In der entscheidenden Schlacht bei Mukden(Februar⸗März 1905) kämpften
350000 Russen gegen 300 000 Japaner. Die Russen verloren 70000 Mann, die Japaner 42 000 Mann.... Wie gewaltig der Unterschied zwischen den genannten Zahlen und den allgemeinen Verlustziffern ist, die vor allem unsere Feinde in diesem Kriege aufzuweisen haben, wird sich erst später in Gänze feststellen lassen. Doch läßt sich schon heute sagen, daß ganz besonders die Verluste der Russen mindestens viermal so hoch sind, wie die im früheren Verlauf der Weltgeschichte bekannt gewordenen. Als Beispiel mag man sich die Schlacht bei Ortelsburg⸗Gilgenburg vergegenwärtigen, in der die Russen im Verlauf eines Tages und einer Nacht allein an Gefangenen 70000 Mann verloren. Wenn man die gefallenen und verwundeten Russen dazu zählen wollte, würde sich der Gesamtverlust des Gegners in dieser einzigen Schlacht wohl als doppelt so hoch herausstellen.. 0
— Das Betrugsbüchlein. In dem im Jahre 1721 erschienenen„Betrugsbüchlein“ ist die Rede von allerlet Be⸗ trügern, und auch die Italiener fehlen dabei nicht. DD merkt man bald, daß die Italiener schon vor zweihundert Jahren von Treu und Glauben keine Ahnung hatten. So wird ihnen vorgeworfen, daß sie„mit Fleiß die liederlichste und verlegen, Ware einhandeln und solche dennoch wiederum theuer verkauffen“ Weiter wird ihnen vorgehalten,„daß sie Schuh⸗Schnallen, Knöpffe und dergleichen mit Gold⸗Farbe überstreichen lassen, und es vor gut vergüldet ausgeben“.— Man klagt sie weiter an, daß sie „die in Teutschland gemachte Handschuhe vor parfumierte Spanische und Romanische verkaufen“. Sie machen die tollsten Geschichten. So nehmen sie„aus Zitronen, Pomerantzen und Limonien,
1 1 3
gut genug vor die Teutschen!“ Die Zollstellen vermieden geflissentlich, Holländische und Schweizer Manufakturware schacherten sie als Mailänder Seide. Seise, die in Deutschland an⸗ gefertigt war, wurde von ihnen als kostspielige! n
1 15
etianet Bologneser Seife an den Mann gebracht. 3


