i Nr. 201
Erscheint täglich mit Ausnahme des Sonntags. 5 Die„glehener Famlilienblätter“ werden dem „Anzeiger“ viermal wöchentlich beigelegt, das „Kreisblatt für den Areis Gießen“ zweimal wöchentlich. Die„Landwirtschaftlichen Zeit⸗ fragen“ erscheinen monatlich zweimal.
165. Jahrgang
Gießener Anzeiger
General⸗Anzeiger für Oberhessen
Freitag, 27. August 1915
Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts Buch- und Steindruckerei. R. Lange, Gießen.
Schristleitung, Geschäftsstelle u. Druckerei: Schul⸗
straße 7. Geschästsstelle u. Verlag: S 51, Schrift-
leitung: 112. Adresse für Drahtnachrichten: Anzeiger Gießen.
Mb. Deutscher Reichstag.
19. Sitzung. Donnerstag. 26. Au gu st 1915. Am Ministertisch: Dr. Delbrück, Lis co, v. Wandel, Dr. Helfferich. 0 Präsident Dr. Kaempf eröffnet die Sitzu 3 Uhr 15 Min. und teilt mit:.. Meine Herren!
Es ist die Nachricht eingetroffen, daß dte Festung Brest⸗Lit g 125 if f 5
t owsk auch gefallen ist.(Bravo im Hause und auf den Tribünen.) Wir grüßen unsere tapferen Soldaten, Offiziere und die Heerführer unserer Armee und der uns verbündeten österreichisch-ungarischen(Bravo!), die in den letzten Wochen und Monaten so Unglaubliches geleistet und diese ihre Leistungen durch die Bezwingung von Brest-Litowsk ge⸗ krönt haben.(Lebhafter Beifall im Hause und auf den Tribünen.) Die Beratung der Anträge und Entschließungen des Haus— haltsausschusses wird fortgesetzt. b. 5 8
Heeresfragen.
Der Ausschuß beantragt, den Ver p flegungssatz für Ma nunschaften des Heeres und der Marine für die Dauer des Krieges ganz allgemein auf 1,20 Mark für den Tag festzusetzen, den jüdischen Feldpredigern gleiche Aufwandsentschä⸗ digung und Ausrüstungsgelder wie für die nicht angestellten christlichen Feldgeistlichen zu gewähren, ferner festzustellen, daß die im Heeresdienst vertragsmäßig angestellten Aerzte zum ak⸗ tiven Heere im Sinne des§ 38 B. Z. 2 des Reichsmilitär⸗ gesetzes vom 2. Mai 1874 gehören und demgemäß ihnen die den Angehörigen des aktiven Heeres zustehenden Rechte(Steuerfrei⸗ heit, Mobilmachungsgelder) ebenfalls gewährt werden, und eine Regelung der Gehälter der vertragsmäßig angestellten Aerzte durchzuführen, die das Alter und die Leistungen des einzelnen Arztes berücksichtigt. 7
Abg. Stücklen(Soz.):
Die Aufopferung unserer tapferen Soldaten in Ost und West hat uns vor dem russischen Einfal bewahrt. Dies erkennen wir gerne an. Es sind uns aber Wünsche und Beschwerden über un⸗ sachgemäße Behandlung bei der Ausbildung zu⸗ gegangen. Diese können wir hier natürlich nur andeuten. Jeden⸗ falls darf das Ehr⸗ und Menschlichkeitsgefühl unserer Mann⸗ schaften nicht verletze werden, damit sie nicht mit verbittertem Herzen kämpfen, sondern mit Lust und Liebe. Es ist zuzugeben,
das Kriegsministerium nachdrücklich auf Abstellung der Miß⸗ stände hingewirkt hat. In Bayern ist aber noch in diesem Jahre ein militärisches Unterrichtsbuch gedruckt worden, in dem es heißt, daß die Soldaten Wirtshäuser, in denen staats⸗ und militärfeindliche Parteien ihre Zusammen⸗ künfte halten oder in denen sonst gegen die gesetzliche Ordnung ge⸗ sprochen oder gehandelt wird, nicht betreten dürfen. Bücher und Zeitschriften solcher Parteien darf der Soldat nicht besitzen, noch lesen oder verbreiten.(Hörl! hört!. bei den Soz.) Neuerdings sind ja auch wieder verschiedentlich sozialdemokratische Zeitungen für die Soldaten verboten worden. Ein solches Unterrichtsbuch darf wenigstens während des Krieges nicht benutzt werden. Wie es nach dem Kriege mit dem Burgfrieden wird, müssen wir erst abwarten.
„Die Klagen des Auslandes über die Behandlung unserer Kriegsgefangenen sind durchaus unberechtigt. Ich selbst habe bei Besichtigung verschiedener Gefangenenlager den Eindruck gewon⸗ nen, daß in der Tat alles geschieht, um den Gefangenen ihr Los so erträglich zu machen wie nur möglich. Anfänglich war in der Verpflegung der eee manches mangelhafk. Jetzt ist das aber besser geworden. Ein Verpflegungsoffizier sagte mir, für die Beköstigung der Kriegsgefangenen gelte: Hinaus mit den brofitgierigen Privatunter nehmern!(Sehr rich⸗ tig!) Das gilt übrigens auch auf anderen Gebieten! Zwischen Mannschaften und Offizieren herrscht im Bewegungskrieg ein ausgezeichnetes Verhältnis. Beim Stellungskrieg scheint es allerdings nicht immer so zu sein. Es scheint Offiziere zu geben, die es für ihre Aufgabe halten, die freie Zeit der Leute mit Exer⸗ zieren, Appellen usw. auszufüllen. Die Offiziere müssen in ihren Anforderungen Maß halten. Die Ablösungen müssen rascher er⸗ folgen. Das Beschwerderecht der Soldaten bedarf einer gründlichen Reform. Läßt sich das während des Krieges nicht durchführen, so müssen die Kommandobehörden Er⸗ lasse hinausgehen lassen, die auf eine Milderung der Schwierig⸗ keiten beim Beschwerderecht hinwirken.
Zur Aufrechterhaltung der Difziplin, deren Notwendigkeit wir durchaus anerkennen, müssen die richtigen Mittel angewandt wer⸗ den. Der Herr Reichsschatzsekretär scheint aus Kn Sparsam⸗ keit die Urlaubsbewilligungen behindert zu haben. Die freie Fahrt muß jeder Urlauber erhalten, wo er auch stehe und wohin er reise. Erst die Presse hat das Reichsschatzamt zur Nachgiebig⸗ keit bewogen. Den Kranken und Verwundeken wird endlich statt der Krankenlöhnung von 10 Pf. täglich die immobile Löhnung von 38 Pf. gewährt, es scheint aber noch nicht bei allen Stellen be⸗ kannt zu sein. Neuerdings werden auch Klagen laut, daß ver⸗ stümmelte Soldaten aus der Oeffentlichkeit zurückgehalten werden, um sie vor mitleidigen Blicken zu schützen. Die Soldaten brau⸗ chen sich ihrer Wunden nicht zu schämen. Warum werden die preußischen freiwilligen Krankenpfleger nicht im Solde mit den bayerischen und württembergischen gleich gestellt? Ueber die Ver⸗ pflegung der Soldaten wird vielfach geklagt. Die Privatunter⸗ nehmer sollte man gänzlich ausschalten, damit nicht den Soldaten
die unglaublichsten Dinge vorgesetzt werden. Gegen die Aus⸗ beutung der Soldaten durch geschäftliche Prozentpatrioten und Liebesgabenfabrikanten muß vorgegangen werden. Wir haben gar nichts dagegen, wenn sie in der Presse an den Pranger ge⸗ stellt werden oder der Militärbohkott über sie verhängt wird.
„ fFReichsschatzsekretär Dr. Helfferich!
Der Abgeordnete Dr. Stücklen hat dem Reichsschatzamk den Vorwurf gemacht, bei der Gewährung freier Tage für Mann⸗ schaften üngebührliche Erschwerungen und Verzögerungen veran⸗ laßt zu haben. Die Reichsleitung ist einheitlich. Ueber innere Angelegenheiten der Reichsleitung kann ich keine Aufklärung geben. So weit sich der Vorwurf gegen das Reichsschatzamt be⸗ sonders richtet, kann er nicht auf Kenntnis von Tatsachen be⸗ ruhen, sondern lediglich auf Vermutungen.(Sehr richtig! links.) In der Sache selbst hat der Reichstag am 29. Mai eine Resolu⸗ tion angenommen, die Bewilligung von Urlaub für die Mann⸗ schaften forderte. Diese Bewilligung ich erfolgt mit Kraft vom 1. Juli an. Seit dem Beschluß des Reichstags und seiner Aus- führung liegt ein Zeitraum von rund einem Monat. In diesem Monat war die Armee durch Urlaubsgesuche für landwirtschaft⸗
liche Zwecke und andere notwendige Verrichtungen in der Heimat 0
richtig!)
sehr stark in Anspruch genommen, so daß weitere Beurlaubungen nicht in Frage gekammen sind.
Weiter meinte der Abg. Stücklen, daß Reichsschatzamt sei zur Entschließung freier Urlaubsfahrten erst durch Artikel der Presse genötigt worden, das soll heißen: durch Artikes des„Vorwärts“. Der bewußte Artikel des„Vorwärts“ ist aber ein oder zwei Tage vor dem Beschluß des Kriegsministeriums, freie Urlaubsfahrt zu gewähren, erschienen. Abg. Stücklen überschätzt wohl den Einfluß des„Vorwärts“ und macht aus dem post hoe ein propter hoc. (Sehr gut!)
Ich habe als Staatssekretär des Reichsschatzamtes für unsere Soldaten ein ebenso gutes Herz wie der Abg. Stücklen oder irgend jemand sonst. Neben meinem guten Herzen habe ich aber leider noch die Verantwortung für die Finanzen des Reiches. Das hin⸗ dert mich zuweilen, von meinem guten Herzen den Gebrauch zu machen, wie jeder gute Staatsbürger. Ich nehme hier eine Aus⸗ nahmestellung ein und würde dem Hause dankbar sein, wenn Sie hierauf Rücksicht neymen würden. Herr Stücklen hat mir ver⸗ sprochen, zu zeigen, wo Millionen gespart werden können. Ich bin für solche Fingerzeige sehr dankbar. Aber auch ohne solche Finger— zeige sind sehr erhebliche Ersparnisse gemacht worden, wie ich das in der Kommission nachgewiesen habe. Wir tun hier, was wir können. Wenn ich aber die Verhandlungen der Kommission in den letzten Tagen übersehe, so kamen die meisten Anregungen dort nicht auf Ersparnisse hinaus, sondern auf das Gegenteil.(Sehr Sie haben doch gewiß nicht den Eindruck gewonnen, daß ich alles abweise, was auf eine Neubelastung des Reiches hin⸗ aus kommt. Sehr viele Härten sind ausgeglichen, praktische Maßnahmen in die Wege geleitet worden, auch wenn daraus eine finanzielle Mehrbelastung des Reiches entstand.(Beifall.)
Abg. Dr. Müller⸗Meiningen(Pp.): Angesichts der militärisch⸗politischen Lage und angesichts des 2 8 Erfolges dieses Tages möchte ich mich namens meiner artei auf eine kurze Erklärung beschränken. Wir stimmen allen Anträgen zu, die geeignet sind, die Verhältnisse der Kriegsteil⸗ nehmer, ihrer Angehörigen und Hinterbliebenen zu verbessern und zeitgemäße Reformen einzuführen. Wir haben auch unsererseits zahlreiche Wünsche und Beschwerden unserer Truppen aus der Hei⸗ mat und der Front in der Kommission vorgetragen und energisch vertreten. Insbesondere verlangt, daß jeder Mann aus der Front die Möglichkeit bekommt, in einem Urlaube seine Angehörigen zu sehen. Auch die Verbesserung der Löhnungs⸗ und Verpflegungs⸗ verhältnisse, insbesondere auch zugunsten unserer Verwundeten, denen wir so unendlich viel zu verdanken haben, haben wir in der Kommission dringend vertreten. Wir glauben, die sichere Er⸗ wartung aussprechen zu dürfen, daß eine baldige Abstellung der anerkannten Mängel und Beschwerden erfolgt und unsere dort erhobenen gerechten Forderungen alsbald erfüllt werden.
Auch sonstige technische Klagen in bezug auf die Landes⸗ berteidigung haben wir in der Kommission pflichtgemäß unter voller Anerkennung der glänzenden organisatorischen Leistungen des Generalstabes und des Kriegsministeriums eingehend erörtert. Wir versprechen uns aber von einer Wiederholung dieser rein mili⸗ tärischen Debatte im Plenum in dieser Zeit keinen Nutzen.(Sehr richtigl) Dankbar und stolg auf unsere von der ganzen Welt, auch von unsern Feinden bewunderte Armee, ihre Führung, und, was ich gang besonders unterstreiche, ihre Manneszucht, die groß da⸗ steht in aller Welt trotz aller Verleumdungen und Verzerrungen der Gegner, haben wir heute für sie nur den einen Wunsch, daß es ihr gelingen möge, den baldigen endgültigen Sieg an ihre Fahnen zu knüpfen und einen Frieden zu erringen, der unsere Kinder und Kindeskinder vor so furchtbaren Blutopfern bewahrt und dauernd die friedliche Kulturarbeit des deutschen Volkes sichert und schützt. Mit der Armee wird das fal Volk durchhalten bis zum glück⸗ lichen Ende.(Lebhafter Beifall. 175
Abg. Bassermann Natl.)j)
Der Reichstag hat gründliche Arbeit geleistet, er hal in viel⸗ stündigen Ausschußsitzungen die vielen K agen, Beschwerden und Wünsche, die ausgesprochen worden waren, behandelt und ist keiner Erörterung aus dem Wege gegangen. Hunderte von Wünschen sind aus diesem Millionenheer an uns herangetreten. In einer Reihe von Beschlüssen finden sich die Ergebnisse der Beratung des Haushaltsausschusses. Der stellvertretende Kriegsminister und seine Vertreter haben uns auf jede Frage Auskunft erteilt, genaue Prüfung aller Beschwerden zugesagt und auch die Abstellung fest⸗ gestellter Mängel zugesichert. Wir haben den Eindruck, daß unsere Kriegsverwaltung pflichttreu bemüht ist, jeden Fleck auf dem N Bilde zu beseitigen, unter Einsetzung aller Kraft Voll⸗ ommenes zu leisten.(Beifall.) Angesichts der vertrauenswür⸗ digen Behandlung unserer Wünsche verzichten wir im Plenum auf eine weitere Besprechung und werden den Beschlüssen des Haus⸗ haltsausschusses zustimmen. Vor den gewaltigen, herzbewegenden, weltgeschichtlichen Erfolgen unserer herrlichen Heere, unerreicht in der Geschichte aller Zeiten, möge die Kritik heute schweigen.(Leb⸗ hafter Beifall.) Dankbaren Herzens 5 0 auch wir im Reichs⸗ tag unserer tapferen Soldaten.(Lebhafter Beifall.)
Abg. Spahn(Zentr.):. Ich will nur feststellen, daß die Beschlüsse des Haushaltsaus⸗ schusses unsere Zustimmung gefunden haben, und auch ich nehme Anlaß, besonders nach dem uns heute mitgeteilten großartigen Er⸗ folg, unseren Soldaten herzlichen Dank auszusprechen.(Beifall.)
Abg. Kreth(Kons.):
Auch wir hätten manche Wünsche gern vorgetragen, wenn es die Lage, in der wu uns befinden, zuließe. Die verhältnismäßig wenigen Beschwerden, die von der Front und hinter der Front über unangemessene Behandlung von Soldaten vorgebracht worden sind, verschwinden vollkommen vor dem glänzenden Bilde der Kameradschaftlichkeit, das unsere deutsche Armee bor der ganzen Welt zeigt. Wir da draußen haben sämtlich die Ueberzeugung, daß alle Stände, Offiziere, wie Mannschaften und Unteroffiziere, treu an dem einen großen Ziele arbeiten, gemein⸗ sam und kameradschaftlich uns einen ruhmreichen Frieden zu er⸗ kämpfen.(Beifall.)** Stellvertr. Kriegsminister v. Wandel:
Nach den Erklärungen, die vorhin von den Parteien abgegeben worden sind, glaube ich nicht mehr nötig zu haben, das, was ich im Ausschuß ausgeführt habe, zu wiederholen. Ich habe bereits zugesagt, daß ich den Anregungen, Veschwerden und Klagen, die in reicher Zahl vorgetragen worden sind, nachgehen werde und mich bemühen werde, sie abzustellen, damit, wenn der Reichstag das letzte Mal zusammentritt, ich sagen kann, es ist da, wo wirklich eine Besserung not. wendig geworden war, auch Besserung einge⸗ treten. Die Militärverwaltung wird im übrigen bemüht sein,
das Heer schlagfertig zu erhalten und schlagfertig zu machen für seine großen Aufgaben(Lebhafte Zustimmung), durch eine
sorgfältige Aushebung, eine vernünftige Aus⸗ bildung und Förderung und Erhaltung eines Geistes in der Armee durch gute und angemessene Behandlung, der neben einer tüchtigen Ausbildung und Führung allein zum Sieg führen kann.(Lebhafter Veifall.) 5.
Die Aussprache schließt. Die Resolution wird ange⸗ nommen.
Kriegsunterstützungen. i
Zur Verhandlung stehen dann Resolutionen, die Teue⸗ rungszulagen und Lohnerhöhungen für Beamte und Arbeiter fordern. Den Beamten und Pensionären des Reichs und den Arbeitern der Reichsbetriebe, den Militärrenten⸗ empfängern und Militärmvaliden sollen Kriegsteuerungszulagen nach Zahl der zu ugterhaltenden Familienange⸗ hörigen gewährt werden. Bei Aufträgen der Militärverwaltung soll dafür gesorgt werden, daß die Bemühungen der Arbeiter auf Gewährung angemessener Löhne unterstützt werden. Die Unterstützungen für Familien sollen erhöht werden. Die durch das Herstellungsverbot für Baumwollstoffe arbeitslos werdenden Textilarbeiter und Arbeiterinnen sollen ausreichend unterstützt werden, wenn ihnen andere Arbeit nicht ver⸗ schafft werden kann. Die erforderlichen Mittel sollen aus den für 1 70 8 der Kriegswohlfahrtspflege bereitgestellten 200 Millionen
ark gegeben werden.
Ferner steht zur Beratung ein Gesetzentwurf über die F a⸗ milienunterstützungen, wonach bis zur Dauer von drei Monaten eine Aufrechnung der Familien⸗ unterstützung auf die Hinterbliebenenrente nicht stattfinden soll. 8—
Abg. Bauer(Soz.):. Im Kriege hat sich die nützliche Wirksamkeit der Ge⸗ werkschaften gezeigt. Trotzdem sind immer noch Erscheinun⸗ gen vorhanden, die aus einer kleinlichen Bekämpfung hervor⸗ gehen. Man darf ihnen doch nicht ihre Weiterentwickelung ab⸗ schneiden, wenn sie nach Friedensschluß ihren großen Unter⸗ stützungsaufgaben gewachsen sein sollen. Aber die kommandieren⸗ den Generäle sind eben allmächtige Götter. Wenn nichts hilft, muß eben an den obersten Kriegsherrn herangegangen werden. Besonders schlimm steht es mit der Behandlung der Dienstboten und Arbeiter augenblicklich in Ostpreußen. Die polnischen Ar⸗ beiter werden namentlich in den Bergwerken sehr schlecht behan⸗ delt. Das dient nicht dazu, Sympathien für das Deutschtum unter den Polen zu erwerben. Die Regierung muß hier mit scharfen Mitteln eingreifen. Im Bäckereigewerbe muß das Ver⸗ bot der Nachtarbeit auch nach dem Kriege bestehen bleiben. Die e für die Heimarbeiter müssen endlich in Kraft reten. 1 In der Textilindustrie sind. Millionen Frauen beschäftigt⸗ Es besteht nun die Gefahr, daß sie arbeitslos werden. Dann erhalten sie keine Kranken⸗ und Wöchnerinnenunterstützungen, wenn sit keine Beiträge bezahlen können. Es muß Vorsorge getroffen wer⸗ den, daß sie diese Unterstützungen nicht verlieren. Warum zieht man nicht die Arbeiter bei der Regelung der Fürsorgefragen zu? Bei der Zuweisung der Unterstützungen wird vielfach zu kleinlich verfahren. Die unehelichen Kinder dürfen nicht unberücksichtigt bleiben. Ueberhaupt darf nicht zu fiskalisch verfahren werden, es muß mehr soziales Empfinden mitsprechen. Die Familienunter⸗ stützungen reichen nicht aus. Es besteht große Not. Die Beamten⸗ familien stehen sich viel besser. Das erregt Verbitterung. Am 1. Oktober sollten die Unterstützungen erhöht und außerdem eine allgemeine Zulage gegeben werden. 5 8
Ministerialdirektor Dr. Lewald:
Auf die Ausführungen des Abg. Bauer will ich in dieser Stimmung des Hauses nicht mit der Schärfe antworten, mit der man es tun könnte.(Zustimmung. Widerspruch bei den Soz.) Wenn man das hört, was bier vorgebracht ist, so möchte man meinen, daß das Reich mit vollkommen zugeknöpften Taschen dastünde. Im Ausschuß habe ich bereits ausgeführt, daß die be⸗ 5 zahlten Unterstützungssummen von Monat zu Monat gewachsen sind. Wir haben im Monat August mit 26 Millionen angefangen und sind auf etwa 100 Millionen im vorletzten Monat gekommen. Als Mindestleistung sind im ganzen rund 800 Millionen Mark ge⸗ währt worden.(Hört! 1 Daneben ist von den leitenden Stellen nicht nur vorgeschrieben, sondern in der Praxis ausge⸗ führt worden, daß überall da, wo die Mindestsätze nicht ausreichen, die Lieferungsberbände Zuschüsse zu leisten haben. Es waren in Preußen im Juli 84 Millionen, zu denen freiwillige Zuschüsse von 50 Millionen kamen. 2
Auch aus den anderen Bundesstaaten liegen Berichte vor, daß die Ausgaben dafür sehr stark gestiegen sind. In einer Zu⸗ sammenkunft der Mimisterioldirektoren aller Bundesstaaten, die mit der Ausführung des Gesetzes zu tun haben, ist uns versichert worden, daß die Lieferungsverbände überall ihre Pflicht erfüllen. Wenn es sich um mehrere Millionen bon Familien handelt, so ist es nicht schwer, eine Reihe von Klagen zu sammeln und damit schwarz in schwarz zu malen. Jeder wird mir zugeben, daß es im Lande in Wirklichkeit nicht so aussieht. (Widerspruch b. d. Soz.] Es wäre geradezu unglaublich, wenn all die Männer, die in den Lieferungsverbänden drin sitzen, wenn alle die Bürgermeister, die Ausschüsse, die gebildet sind, den Krie⸗ gerfrauen gegenüber ftatt eines Herzens einen Stein hätten und nicht ein warmes Empfinden besäßen.(Unruhe b. d. Soz.) Da⸗ gegen ist die außerordentlich weitgehende frei⸗ willige Wohltätigkeit nicht erwähnt worden. Wir haben eine besondere Bundesratsverordnung machen müssen, um der ziellosen Wohltätigkeit entgegenzutreten und sie in geregelte Bahnen zu lenken. Fragen Sie den Kollegen Fischbeck, ob das Bild, das der Abg. Bauer entrollt hat, wirklich der Wahrheit ent⸗ spricht oder ob er nicht eine Reihe von Ausnahmefällen in einer geschickten Weise zusammengesetzt hat, um ein 3 errxbild der Wirklichkeit zu geben.
Im Ausschuß ist bereits erklärt worden, es Werde in eine Prüfung eingetreten werden, ob nicht die Mindestsätze vielleicht erhöht werden könnten. Das Gesetz uaterscheidet zwischen Sommer⸗ und Wintersätzen. Nachdem wir mit voller Zustimmung des Hau⸗ ses eine b 1 8 an die Behörden und Lieferungsverbände ge⸗ richtet haben, die ommer⸗ und Wintersätze auch zu zahlen, kann jetzt, wo eine große Steigerung der Lebensmittelpreise einge⸗ treten ist, der Frage nähergetreten werden, ob nicht eine Steige⸗ rung der Mindestsätze um 25 bis 30 Proz. stattfinden müffe. Ich habe mit einem sehr sachkundigen Herrn gesprochen, der sagte, es ist auf dem Lande nicht 8 aber es wird das Deputat wei⸗ ter gezahlt und die Familien haben zu kun. In den Städten mag
1
erfahrenen und wohlwollend sozial denkenden Mannes.
die Sache zum Teil anders liegen. Das ist die Stimme eines sehr Ich habe
mich für verpflichtet gehalten, dies gegenüber den
0 ehr einseitj Ausfübeungen des Ad. Bauer fefeuftelen.„ e


