Ausgabe 
(20.8.1915) 195. Zweites Blatt
Seite
106
 
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Aus dem Reiche.

Die sozialdemokratische Reichstagsfraktlon gegen Liebknecht.

Berlin, 20. Aug.(WTB. Nichtamtlich) DerVor⸗ wärts veröffentlicht eine Erklärung der sozialdemo⸗ kratischen Reichstagsfraktion, wonach Liebknecht entgegen einem am 8. Mai 1912 von der Fraktion gefaßten Be⸗ schluß, von der Absicht der Einbringung einerkleinen Anfrage dem Fraktionsvorstand keine Kenntnis gegeben, sondern unter dem 31. Juli ihm mitgeteilt hat, daß er diese Anfrage bei dem Reichs⸗ tagsbureau eingereicht habe. Liebknecht habe ferner jeden Versuch, diese Angelegenheit bis zur Fraktionssitzung zurückzustellen, ver⸗ eitelt, obgleich ihm bekannt war, daß die Fraktion sich mit der⸗ selben Veröffentlichung befassen werde und obgleich in der ma⸗ teriellen Behandlung der Anfrage durchaus weder eine Aenderung noch eine Verzögerung eingetreten wäre.

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Berlin, 19. Aug.(WTB. Amtlich) In der heutigen Sitzung des Bundesrats gelangten zur Annahme: eite Wer lage, betreffend Prägung von Dreimarkstücken als Denkmünzen

anläßlich der Jahrhundertfeier der Vereini von Mans mit dem n Staate, eine Nenderung des Teles lf Ziffer 4 der Anle für Zollabfertigung, der Entwurf einer Bekanntmachung, betreffend Feststellung der Ortslöhne, der Ent⸗ wurf einer anntmachung über Prei mittel, eine Aenderung des Verzeichnisses der Einlaß⸗ und Unter⸗ suchungsstellen für die Einfuhr von leisch, den Entwurf einer Bekanntmachung über den Verkehr mit Kakaoschalen.

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Kirche und Schule. 8 1 Kardinal Vanutelli. 0 om, 19. Aug.(WTB. Nichtamtlich.) Wie derOsser⸗

vatore Romano meldet, ist Kardinal Vanutellt 8. erkrankt. Er empfing die Sterbesakramente und den be⸗ sonderen Segen des Papstes.

Rom. 19. Aug.(WT. Nichtamtlich) Kardinal Serafino Vanutelli ist heute macht gestorben.

Die Fuldaer Bischofskonferenz. h. Fulda, 19. Aug. In feierlicher Weise wurde heute nachmittag in der Bonifaziusgruft die diesjährige Bi chofskonferenz geschlossen. Nach einer Dank⸗ andacht und einer Fürbiktandacht der Bischöfe für einen ehrenvollen Frieden legte der 550 Bischof dem Kardinal

se usw, für Kraftfutter⸗

v. Hartmann als Konferenzvorfsitzenden die Reliquie des hl. Bonifazius aufs Haupt, worauf der Kardinal bei allen Kon⸗ ferenzteilnehmern die gleiche Zeremonie vornahm. Die . 255 10. Chören der Alum⸗ nen umr Die meisten Bischöfe reisten noch im Laufe des Abends ab. 5 5 0 1

Aus Stadt und Land. Gießen, 20. August 1915.

Auf dem Felde der Ehre gefallen.

(Aus Hessen und den Nachbargebieten.) Landsturmmann Aug. Dött, Inf. ⸗Agt, 168, aus Weilburg. Landsturmmann Willy Tacker, Ins.-Agt. 222, aus Offen- bach a. M. Ers.-Res. Johs. Etchenauer aus Metzlos. Gefreiter Friedr. Speier, Juf.⸗Rgt. 34, aus Großbieberau. Musketier Hermann Sack, Inf.⸗Agt. 254, aus Heuchelheim (Wetterau). Ers.⸗Res. Karl Scherer, Inf.-Rgt. 168, aus Geiß⸗ Nidda. Musk. Heinrich n 1 223, aus Wingers- hausen. Lt. d. Res. Referendar Alfred Glück, nf.-Rgt. 129, usketler Kark Hack, Res.⸗Inf.⸗Rgt. 168, aus Musk. Karl Faust aus Lorbach. Musk. Heinr. Dorth, Ins.⸗Agt. 108, aus Dillenburg. Landsturmmann Frttz Naufoks aus Marburg. Musk. Heinrsch Martin, Ins.

Rgt. 224, aus Kaichen. 1

8* 7 ** Militärische Ausbildung der Jugend. Nächsten Sonntag unternimmt unsere hiesige Jungmann⸗ mannschaft einen Reisemarsch. Angetreten wird um 7.45 Uhr vormittags am Bahnhofsgebäude. Die Abfahrt nach Lollar erfolgt um 8.15 Uhr, von da geht der Marsch über Staufenberg, Heideköniggrab, Maistrauch, Toten⸗Berg, Treis, Hangelstein, Gießen. Marschzeit etwa sechs Stunden. Fahrgeld und Mundvorrat sind mitzubringen. Die Rückkehr

erfolgt gegen 6 Uhr abends.

felverkauf. Der Preis

* Städtischer e für 1 Pfund Kartoffeln ist auf 5 Pfg. festgesetzt worden,

aus Friedberg. Stockbeim.

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Deutsche Dichter⸗Erinnerungen aus Warschau.

Warschau ist bekanntlich schon einmal, von der dritten Teilung Polens bis zum Jahre 1807 als Hauptstadt von Südpreußen in preußischem Besitze gewesen. Wenn die Zugehörigkeit Warschaus zum preußischen Staate sonst in der preußisch⸗deutschen Geschichte nur wenig Spuren und nur eine vorübergehe Erinnerung hinterlassen hat, so bleibt für die deutsche Literaturgeschichte diese Preußische Zeit Warschaus mit dem Leben zweier romantischer Dichter von Bedeutung verknüpft. Das sind Zacharias Wer⸗ ner, der Dichter derWeihe der Kraft und E. T. A. Hoff⸗ mann, der unerreichte Meister der phantastischen Novelle. Beide kamen nach Warschau, um in der dortigen preußischen Verwaltung zu arbeiten und zwar war es zuerst Zacharias Werner, durch seinen Lebensweg 1151 Warschau geführt wurde. Werner war, als er im Jahre 1796 als Kammersekretär 11 Regierung

u kam, erst 28 Jahre alt, aber ein wildes und uner⸗ freuliches Leben hatte er bereits hinter sich. Leidenschaftlich, ugleich aber schwach und unbeherrscht, hatte er sich wilden

ergnügungen und Ausschweifungen in die Arme ge⸗ fen 4 5 eine leichtsinnige 15 geschessep, die er aber inzwischen bereits wieder gelöst hatte. i der Kammer

in Plock hatte er zwei verhältnismäßig ruhige Jahre verlebt, 10 die Möslichleit in die große, reichbelebte Skadt Warschau u kommen, zog ihn gewaltig an und er war froh, als er sich iesen Wunsch erfüllt sah. Das Warschau der preußischen Zeit war eine merkwürdige Stadt, und wer aus dem alten wohlgeordneten Staate Preußen kam, der mochte sich, wenn er sich plötzlich nach Warschau versetzt sah, in den Orient entführt glauben. Abe ländische Kunst, asiatischer Prunk und grönländischer Schmutz fanden liz damals in Polens Hauptstadt dicht nebeneinander, und die Bevölkerung glich einem Maskenzuge: alte polnische 2 15 1 5 ineller Nationaltracht, und Lebemänner nach der neuesten

es bunt und bewegt zu; Theater, Vol ikalische Darbietungen jagten einander kurz,

und die ihn während seiner

nd⸗ die Straßen endlich ruhig geworden

ückte. Aber Warschau een ).

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wie der Oberbürgermeister heute bekanntmacht. Es werden Mengen bis zu einem Zentner abgegeben.

Verhalten gegen Gefangene. Damen, die aus irgend einem Grunde die gebotene Distanz zwischen sich und den Kriegsgefangenen nicht halten können, schärft das Generalkommando noch einmal das Gewissen und er⸗ innert daran, daß gemäß Verordnung vom 25. November 1914 III a. Nr. 44110/3575 das Zustecken von waren oder anderen Sachen, sowie das unbefugte Verkaufen, Ver⸗ tauschen oder 1 von Sachen an Kriegs ge⸗ fangene mit Gefängnis bis zu einem Jahre bestraft wird. Hierzu gehört auch das Zustecken von Geld. Ebenso ist es aus militärtschen Gründen Unbefugten ver⸗ boten, sich mit 1 daß did egg zu unterhalten, ganz abgesehen davon, daß die Kriegsgefangenen dadurch unnötig von der Arbeit abgelenkt werden.

Landkreis Gießen.

Heuchelheim, 20. Aug. Im Feldlazarett zu Tuezempy starb am 4. August infolge schwerer Verwundung der von hier ge⸗ bürtige Musketier Karl Germer. Er ist das 23. Opfer dieses Krieges aus unserem Orte und hinterläßt eine Witwe mit zwei unmündigen Kindern.

m. Lollar, 20. Aug. Nachdem unser Schulkörper durch Einztehung von Lehrkräften schon wiederholt Veränderungen erfuhr, steht ihm wiederum eine solche bevor. Lehrer R. Eckert, auch als Maler weiteren Kreisen bekannt, ist nun dauernd zum Heeres⸗ dienst einberufen worden. Da er als schätzenswerte Krast gilt 1 75 allgemeiner Beliebtheit erfreut, sieht man ihn ungern

eiden.

[Nonnenroth, 18. Aug. Der Unteroffizier Koch von hier, der im 21. Reserve-Fuß⸗Artillerie-Bataillon steht, wurde mit der Hessischen Tapferkeitsmedaille ausgezeichnet. Nächsten Sonntag findet eine Gedächtnisfeier für die Gefallenen unserer Gemeinde statt. Es sind dies Karl Trapp aus dem Jnsanterte-Regiment 116, der am 31. Oktober v. J. bel Le Quesnoy den Tod sand, und Heinrich Metzger vom Insanterle-Regiment 61, der am 21. Jult selnen am Tage vorher erhaltenen Wunden erlag.

Kreis Büdingen. Stockheim, 18. Aug. Den Heldentod starb der Musketier Karl Hack im Reserve⸗Infanterle-Regiment 168.

Kreis Alsfeld.

h. Alsfeld, 19. Aug, Im nahen Schwaben rod starb im Alter von 89 Jahren die Witwe Elise Albach. Sie hat das seltene Glück 1 75 Ur⸗Urgroßmutter gewesen zu sein. Die Frau hinterläßt 67 direkte Nachkommen, und zwar 6 Kinder, 27 Enkel, 30 Urenkel und 4 Ur⸗Ur⸗Enkel.. Der Stadtvorstand lehnte das Gesuch des hiesigen Geschichtsvereins um Errichtung eines ehernen Wahrzeichens in Form einer Säule mit der einleuchtenden Begründung ab, daß bei der geringen Gin⸗ wohnerzahl der Stadt an einen nennenswerten Erfolg nicht zu denken sei. 5 0 ö

Kreis Friedberg.

Friedberg, 18. Aug. Das Goldene Militär- Sanitätskreuz 1. Klasse erhtelt der Krankenwärter Bertold Koltzenburg, Sohn des Verwalters der Herberge zur Heimat. Ju Alter von 16 Jahren trat er als Sanitätshundführer in den

Dienst des Vaterlandes. Hessen⸗Nassau.

m. Kirchhain, 19. Aug. Ein Einwohner des Kreises Kirchhain, der kürzlich Kriegsbeorderung erhielt, schlachtete eiligst zwei Schweine und einen setten en. Beim Abschie) nahm er sich einen gut gespickten Ranzen voll Vorrat mit und gab den Zurückgehliebenen den Auftrag, ihn nicht ver⸗ hungern zu lassen. Einige Tage später erschien der Mann wieder in seinem Heim, weil er sich nicht zum ilitärdienste eignete.

etzt stellt er Se e dariber an, ob es nicht besser gewesen ei, mit dem rA ch noch etwas zu warten. Die dies⸗ jährige Kartoffelernte verspricht im allgemeinen sehr gut, in manchen Gegenden vorzüglich auszufallen, so daß man auf eine preiswerte Versorgung der Bevölkerung mit der unentbehrlichen Frucht rechnen kann.

m. Neustadt, 19, Aug. Ein im nahen Ransbach bet dem Landwirt Glinger in Stellung befindliches Dienstmädchen war gestern bei seinen Verwandten in Röllshausen gewesen und wurde nachmittags auf dem Rückwege von einem Gewitter überrascht, Von einem gerade vor ihm in die Erde fahrenden B litzstrahl wurde es betäubt, erholte sich jedoch wieder und begab sich weiter nach Ransbach. Dort angekommen, merkte es erst, daß es die Sprache verloren halte; es konnte nur durch Zeichen mit- leilen, was ihm geschehen war. Das Mädchen ist in ärztliche Be⸗ handlung genommen. 5

h. Schlüchtern, 19. Aug. In Voll merz benutzte eine 2 Mutter von neun Kindern, Petroleum zum Herd⸗ eueranfachen. Die Kanne explodierte, wobei die Kleider der Frau in Brand gerieten. Ehe Hilse herbeikam, war die Unglückliche bei lebendigem Leibe verbrannt.

J Berleburg, 19. Aug. In vorletzter Nacht brach in der Holzwarenfabrik von C. Koch(Inh. Breimer) ein verheeren⸗

tung geworden, und hat neben der angeregten Atmosphäre der Stadt und ihres Lebens vor allem auch der Verkehr bei⸗ Beenden Werner hier genoß. In erster Linie sind es die 4 7 7 zu dem jungen Assessor Hitzig aus Berlin ge⸗ wesen, die für ihn wertvoll wurden. In Hitzig fand er einen empfänglichen hingebenden Freund, dem er sich anvertrauen, dem er sich ausschütten konnte. Im Sommer des Jahres 1800 wallfahrtete er mit ihm jeden Sonnabend in die schön gelegene Camaldulenser⸗Abtei Bielany, in deren Einsamkeit Werners schönste Gaben und Regungen, aufblühten. Und unter diesen Einwir⸗ kungen 3725 er in Warschau jenes DramaDie Söhne des Tals, das als das erste bedeutende imd lebenskräftige Zeugnis seiner dichterischen Begabung gelten muß und ihm zu einer Stellung in der deutschen literarischen Welt verholfen hat. m 4 4 1804 war es dann, daß Hoffmann, der gleichfalls

aus Plock versetzt wurde, in Warschau eintraf, dessen wunder⸗ liches Leben er mit seinen sch Stifte rege beobachtete. Der junge Hitzig war es, der Hoffmann im Beziehung zu Werner und zu seinen anderen Freunden setzte, und so gewann Hoffmann in Warschau einen angeregten und anregenden Umgang. Für seine Entwicklung ist dieser Umgang insofern von geradezu entscheidender Bedeutung geworden, als

er hier durch 11 1 19 5 auf die neuere romantische Richtung] der e

und Dichtung au sam gemacht wurde, und dadurch das gei⸗ tige Gebiet entdeckte, auf dem er au Lorbeeren ernten sollte. e Hoffe war es freilich weniger die Dichtung als die Musik, die Hoffmann ganz und gar beherrschte. Er und Hitzig wohnten in zwei aneinander stoßenden Häusern; in später Nacht, wenn waren, konnte man hören, wie Hoffmann bei offenen Fenstern auf seinenn Flügel den Hitzigs, die gleichfalls die Fenster ihrer Wohnung geöffnet hatten, vor⸗ phantasierte, bis der Morgen graute. Ganz und gar bemächtigte sich ie Musik seiner, als der Adpokgt Kuhlmever die Veranstaltung großer Orchesterkonzerte in Warschau in die Wege leitete und dafür den Mniszekschen Palast mietete. Da wurde Hoffmann Feuer und Flamme. Er bestieg das Malergerüst und malte die Räume des teilweis beschädigten Gebäudes aus; er bauma den Dirigentenstab und leitete die Konzerte; auch war er damals selst musikalisch schöpferisch tätig; er vertonte eine Dichtung Werners, von dem er sich freilich önlich ziemlich bald entfernte, weil ihn der unberechenbare, schrankenlose Mensch, so interessant er auch war, im ganzen eher abstieß. a 8 So hat Hoffmann in Warschau lebensreiche und filr ihn bedeutsame Jahre verlebt. Der Abschluß seiner Warschauer Zeit estaltete 1 aber recht 8 Die Franzosen rückten ein, ie Tätigkeit der preußischen Verwaltung wurde unterbrochen und Hoffmann begann in Bedrängnis zu geraten, als er den uten Gedanken hatte, sich in eine Tachkammer jenes Mniszekschen Palastes zu flüchten, den inzwischen General Daru zu seinem ae quartier g e und wo er daher natürlich von allen

Belästigungen befreit blieb. Im übrigen hielt Hoffmann, als dem

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der Brand aus, der den oberen Teil des Gebäudes völlig ver⸗

nichtete und großen Schaden anrichtete. Um die Bekämpfung des gewaltigen Brandes bemlihten sich neben der hiesigen Feuerwehr auch eine Anzahl Feuerwehren der umliegenden Ortschasten. Vor 10 Jahren ist dieselbe Fabrik schon einmal bis auf die Grund- mauern niedergebrannt.

Der pflug hinterm Schwerte.

Wer eine Fahrt zur deutschen Front unternimmt, der wird 5 von den Taten, die in der Kampflinie selbst i 1 kaum mehr zur Bewunderung hingerissen, als durch die Leistungen, 1 die beutscher Fleiß und deutscher Kulturwille hinter der Front 1 vollenden. Dem Schwerte folgt der Pflug, dem Kampfe die Ord- nung, der unvermeidlichen Zerstörung der schnelle Wiederaufbau. Das schildert Leonhard Schrickel in einem interessanten Aufsatze Über eine Kraftwagenfahrt zum Weichsellande, der im neuesten Hefte derGrenzboten veröffentlicht wird. Wer dies polnische Land, das eben noch Schauplatz wilder Kämpfe gewesen ist, durcheilt, der kann kaum noch erkennen, daß vor wenigen Tagen. erst die Kriegsfurie darüber hingebraust ist. Da steben die niedri« gen, blau und rosarot getünchten Häuschen genau so verträumt, 1 wie sie all die langen Jahre daher gestanden haben, geduckt unter das moosige Strohdach, unter dem die kleinen schmalen Fenster, halb versteckt, nur scheu herporlugen. Andere strecken den First nur wie in zaghafter Neugier ein wenig über das wogende Korn, das diese Stätten des Friedens mit seinen goldgelben Mauern hoch um⸗ baut, also daß es ist, als sollten die ütten im Segen der Ernte ersticken. Hier und da verrät ein kalkweißes, aufgepinseltes Kreuz an der Hauswand, daß auch der Kindersegen herangewachsen, daß ein mannbares Töchterlein des Freiers harrt, Ist das Gütchen groß und der Feldsegen desgleichen, ist auch die Zahl der heran⸗ pilgernden heiratslustigen Kandidaten nicht klein und ehe die Ernte seborgen oder verkauft ist, ist das Kreuz an der Wand wieder ver⸗ schwunden. Aber es gibt auch Häuser, die drei und vier Kreuzlein zieren da mag denn hinter den Scheiben der so friedlich an⸗ mutenden Fenster manch stilles Seufzen in die Weite gehen. Sieht man die Schönen indessen bei Tageslicht, lassen sie von ihrem stillen Kummer nichts merken; im Ge enteil, die Weiberlein im ganzen Lande Polen sind ausnehmend fröhlich und frisch und lachen mit den bunten Farben ihrer kurzen Röcke um die Wette in das Land

hinaus.

Prächtig sind die Straßen. Noch vor kurzem unbefahren, Sandwüsten und Schlammströmen ähnlich, halten sie jetzt, dank der deutschen Arbeit, jeden Vergleich mit den heimatlichen Landstraßen aus. Auch die Dörfer, in denen der Schmutz in lieblicher Eintracht mit dem ländlichen Düngerhaufen die geheiligten Ueberlieferungen der Bauern erfolgreich gegen alle Zeitenstürme verteidigte, sind reinliche Wohnstätten geworden. Die zahllosen Stege, Brückchen und Brücken, die unsere zurückweichenden Feinde gründlich zerstört

atten, sind wieder hergestellt: kurz, überall treffen wir auf die 5 Spuren deutschen Fleißes, deutscher Kultur. Auch Bahnen und Bähnchen kreuzen unsern Weg und freundliche Holzhäuser aller Art grüßen herüber. Da gibt es eineSchlesische Baude und eine Berliner Hütte, darinnen unsere wackeren Landstürmer Wache halten oder ihre Kantine aufgetan haben; da steht einFeldbahn⸗ hof Hasenheide, und einFeldbahnhof Sumpfloch, die ein prangendes Blumengärtchen einfriedigt: alles schmuck und ge⸗ diegen, daß es eine wahre Lust ist. Und überall deutsche Ordnung. In Plock z. B.: saubere Straßen, von grünen Bäumen umfaßt, die Aulagen der Plätze sind gepflegt und wirkliche Schmuckstücke. Hochgelegen, breitet sich zu Füßen der Stadt das weite Land aus mit der breit dahinziehenden, tiefgrünen Weichsel. Und am Anker⸗ platze und auf den wandernden Wellen was für eine bunte Menge von Dampfern und Lastlähnen! Das drängt sich und engt sich, tutet und flutet! Wohin das Auge sich wendet: de Wimpel. Und alle deutsch, alle deutsch! Nach russischer Art ist auch die Weichsel sich selbst überlassen worden, also das weite Sandbänke die Schiffahrt erschweren. Aber nun setzt mitten im 57 auch hier die deutsche Arbeit allenthalben ein. Auf der Weichsel find 12 5 Bagger am Werk, den Fluß von den Schäden russischer? 3 schaft zu heilen. Wie lange noch und der prächtige, brett aus?, ladende Strom zieht stark durch ein fruchtbares, von freudig schaffenden Menschen bevölkertes 5 6

Durch wundervolle Wälder, durch weites Land mit langen Seen und lichten Wiesengründen führt ein kleines Städtchen, das dank der 5 und der Arbeit unserer Landstürmer gleichfalls sauber und anmutig 1 seworden ist Der Markt steht voller Vieh und Lebensmittel.

amentlich Pferde und Fohlen sind in erstaunlicher da, ein Kalb von anderthalb Wochen wird für sieben Mark ver⸗ 5 handelt; ein Ei kostet funf Pfennige, ein Pfund Butter eine Mark! Und das sind hohe Preise, über die man zetert; zahlte der be⸗ dächtige Bürger oder vielmehr seine rechnerisch begabte Haus⸗ frau vor dem Kriege doch höchstens halb so viel wie jetzt; zahlt man im benachbarten Ry pin auch heutigentags nur noch 60 bis 70 Pfennige für ein Pfund Butter, für eine Ente 60 bis 80 Pfennig, für eine Gans das doppelte. 0 5 5

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arfen Augen und seinem behenden hatt

chon die Mehrzahl seiner Freunde den heißgewordenen Boden

arschaus verlassen hatte, aus, bis er infolge der mannigfaltigen Erregungen der letzten Zeit in ein heftiges Nervenfieber ver e, bei dem ihm seine mustkalischen Phankasten hart zusetzten, Als er genesen war, merkte er, daß es Zeit sei, den Wanderstab 1 weiter zu setzen. Im Anfange des Sommers 1807 verließ er Warschau, um über Posen nach Berlin zu gehen. 1

* e Die Einführung des Gebets beim Zapfen

05 eich. Die Einführung des Gebets beim Zapfenstreich 93 ie preußische Armee dem russischen Vorbilde, was wenig bekannt sein dürfte. Diese Einführung wurde den preußischen Truppen durch eine Kabinettsorder vom 19. August 1813 bekanntg 5 König Friedrich Wilhelm III. hatte sie infolge eines Vorsalleg erlassen, der sich am 2. Mai des genannten Jahres abgespielt e. Die Schlacht bei Groß⸗Görschen war geschlagen; nahe an 8000 Gefallene der Verbündeten und ebensoviel Franzosen be⸗ declten das Schlachtfeld. Der König von Preußen und Kaiser Alexander von Rußland waren hinausgeritten auf das Schlacht⸗ feld, sprachen den Sterbenden Trost zu und ließen den undeten Hilfe bringen. Es wurde Abend, und das Stöhnen und Aechzen r. Verwundeten und Sterbenden klang durch das Dunkel. Die beiden Monarchen, die kief bewegt waren, gelangten so auf den Russenflugel, wo der Trommelwirbel sie begrüßt, der in den Russischen Zapfenstreich überging. Die Musik fiel ein und spielte das erhebende Gebet. Als die Herrscher dann nach Groitsch heim⸗ ritten, konnte Friedrich Wilhelm III. seiner Bewegung kaum Herr werden, und lange er den überwältigenden Eindruck nicht vergessen vergsesen. Während des Waffenstillstandes vom 5. Juni bis 10. August brachte der König dann den längst gehegten Plan, die so erhebende militärische Feierlichkeit auch in 1 Armee einzuflühren, zur e Die erste Probe fand im Haupt⸗ artier zu Neudorf in Schlesien statt. Am 19. Migust wurde den Truppen dann die 1 Kabinettsorder bekannt gemacht:Es ist Mein Wille, daß Meine Truppen in bezug auf die Gottesber⸗ ehrung keinen anderen nachstehen sollen, und so befehle Ich hier⸗ mit, daß die Wachen von jetzt an, wenn Reveille oder Zapfenstreich geschlagen wird, ins Gewehr treten, sodann das Gewehr präsen⸗ tieren, hierauf den Tschako mit der linken Hand abnehmen und, ihn mit beiden Händen vor dem Gesicht hattend, ein stilles Gebet, etwa ein Vaterunser lang, verrichten sollen. Die Mannschaft nimmt mit dem kommandierenden Offizier oder Unteroffizier gleich⸗ zeitig den Tschako ab und setzt ihn ebenso wieder auf, In den Feldlagern sollen die vor den Fahnen versammelten Trompeten oder Hauthoisten gleich nach beendigtem Zapfenstreich ein kurzes Abendlied blasen, nach welchem die vor dem ohne Gewehr in Jacken oder Mänteln hervorgetretenen Eskadrons und Kompagnien zugleich

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mit den Wachen das Haupt zum Gebet entblößen, auf ein Signal mit der Trompete oder Trommel 5 28 0 8

Gewehr treten und die Kompagnien