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Zuhörern vorenthalten, und
Veröffentlichung ist der Achtung unserer Gegner wert. Soviel ich gesehen habe, ist fie aber von der englischen Pvesse mit einer einzigen Ausnahme bisher ignoriert worden. Ich will deshalb hier noch einmal auf die Sache kurz eingehen.
Zunächst machten wir, um dauernde Beziehungen mit Eng⸗ land zu erreichen, den Vorschlag eines unbedingten Neutralitäts⸗
vertrages. Als dieser Vorschlag, allzu weitgehend, von Eng⸗ land abgelehnt wurde, schlugen wir bor, die Neutralität auf Kriege zu beschränken, bei denen man nicht sagen kann, daß die Macht, der die Neutralität gugesichert worden sei, der Angreifer sei. Auch das schlug England ab. Inzwischen hatte England seinerseits folgende Formel vorgeschlagen: England wird keinen unprovozierten Angriff auf Deutschland machen und sich einer aggressiven Politik gegen Deutschland enthalten. Ein Angriff auf Deutschland ist in keinem Vertrage enthalten und in keiner Kombination borgesehen, der England zurzeit angehört, und Eng⸗ land wird keinen Abmachungen beitreten, die einen solchen An⸗ griff bezwecken. Nun, meine Herren, ich war der Ansicht, daß es unter zivilisterten Staaten nicht üblich ist, über andere Mächte ohne Grund herzufallen oder Kombinationen abzuschließen, die solche Angriffe planten, und daß deshalb das Versprechen, sich solcher unprovozierter Ueberfälle zu enthalten, nicht wohl dem Inhalt eines solchen feierlichen Vertrages abgeben könnte. Das englische Kabinett war sichtlich anderer Ansicht und glaubte, auf unsere Vorstellungen ein Uebriges zu tun, indem es der Formel folgende Worte voranschickte:„Da die beiden Mächte gegenseitig den Wunsch haben, Friede und Freundschaft untereinander sicher⸗ zustellen, erklärt England, keinen unprovozierten Angriff auf Deutschland machen zu wollen“ usw., wie ich vorher es vorge⸗ lesen habe.
Dieser Wortlaut konnte an dem Inhalt des englischen An⸗ gebotes nichts ändern. Ich glaube noch heute, kein Mensch hätte es mir übel nehmen können, wenn ich schon damals die Ver⸗ handlungen abgebrochen hätte. Ich habe das damals nicht getan, ich bin, um alles zu tun, um den europäischen und den Weltfrieden zu sichern, auch auf diesen englischen Vorschlag eingegangen und habe ihn diskutiert mit der einen Bedingung, daß der Zusatz aufgenommen würde:„England wird danach selbstverständlich wohlwollende Neutralität wahren, sollte Deutschland ein Krieg aufgezwungen werden.“ England lehnte diesen Zusatz rundweg ab, und zwar, wie dem Botschafter Graf Metternich gesagt wurde, um nicht die Freundschaft mit anderen Staaten zu gefährden. (Hört! Hört!) Das bildete für uns den Schlüssel. England wollte sich wohl verpflichten. nicht ohne Grund über uns her⸗ zufallen, behielt sich aber freie Hand vor, wenn seine Freunde dies tun würden. Dieser Hergang ist bisher in England noch nicht vollständig mitgeteilt worden, allerdings in Bruchstücken, aber auch da nicht richtig. Asquith hat 1914 darüber gesprochen. Er teilte damals den englischen Vorschlag mit, uns nicht un⸗ provoziert angreifen zu wollen, den ich soeben verlesen habe, und fährt dann fort: Aber das war den deutschen Staatsmännern nicht genug. Sie forderten, wir sollten uns absolut zur Neu⸗ tralität verpflichten, wenn Deutschland in einen Krieg verwickelt werden sollte. f
Diese Behauptung von Asquith ist eine Entstelung. Aller⸗ dings hatten wir bei Beginn der Verhandlungen unbedingte Neutralität gefordert. Im Laufe der Verhandlungen hatten wir unsere Neutralitäts forderung auf den Fall beschränkt, daß uns ein Krieg aufgezwungen werden sollte. Das hat Asgquith seinen ich halte mich für berechtigt, zu sagen, daß er damit die öffentliche Meinung in England in un verantwortlicher Weise irregeführt hat.(Sehr richtig!) Aber freilich, hätte Asquith eine vollständige Darlegung darüber ge⸗ geben, dann hätte er in seiner Rede, die auf die Stimmung seiner Zuhörer stark zugeschnitten war, nicht so verfahren können: und diese Forderung der unbedingten Neutralität in jedem Kriege stellten die deutschen Staatsmänner in einem Augenblick, in dem Deutschland seine aggressiwen und defensiwen Machtmittel besonders auf dem Meere ins Ungeheure vermehrte. Sie ver⸗ langten, daß wir ihnen freie Hand gäben, falls sie sich eine Gelegenheit aussuchten, Europa zu überwältigen.(Lachen.) Es ist mir unfaßbar, wie ein so hoher Staatsmann wie Mister Asquith, einen Vorgang, den er genau kannte, objektiv so un⸗ richtig darstellen konnte, um daraus Schlüsse zu ziehen, die der Wahrheit ins Gesicht schlagen.
Und diese seine Darstellung leitete Mister Asquith mit den feierlichen Worten ein:»Ich möchte nicht nur Ihre Aufmerksam⸗ keit, sondern die der ganzen Welt auf meine Worte hinlenken, da jetzt so viele falsche Legenden erfunden und berbreitet werden.“ (Große Heiterkeit.) Ich frage, wer hat Legenden erfunden und verbreitet?
Ich bin auf diesen Vorfall näher eingegangen, um vor aller Welt Verwahrung einzulegen gegen die Unwahrhaftigkeit und Ver⸗ leumdung, mit der unsere Gegner uns bekämpfen.(Lebhafte Zustimmung.) Nachdem wir in voller Kenntnis der deutschfeind⸗ lichen Richtung der englischen Politik mit äußerster Geduld bis an die letztmögliche Grenze gelangt waren, nachdem uns statt Brot Steine gereicht waren, sollen wir durch eine unerhörte Verschiebung der Tatsachen vor aller Welt an den Pranger gestellt werden. Mag es unseren Feinden gelingen, auch diese Feststellungen in der letzten großen Verhetzung der Völker und in dem Waffenlärm unter⸗ gehen zu lassen, die Zeit wird kommen, wo die Geschichte ihr Urteil fällen wird.(Sehr richtig) Es war der Augenblick gekom⸗ men, wo durch eine Verständigung zwischen England und Deutsch⸗ land jeder europäische Krieg, jeder Weltkrieg vermieden werden konnte, wir waren bereit, es zu tun, England hat es abgelehnt, und diese Schuld wird es in alle Ewigkeit nicht mehr los.(Stürmische Zustimmung.)
So fing die Episode an. Bald darauf wechselten Grey und Cambon die bekannten Briefe, die auf ein französisch⸗englisches Defensivbünbnis lauteten, indessen infolge der Vereinbarungen der Generalstäbe und Admiralitäten zu einem Offensivbündnis führten. Auch diese Tatsache hat die englische Regierung der Oeffentlichkeit und ihrem Lande vorenthalten. Erst als es kein Zurück mehr gab, am 3. August v. J., wurde sie bekanntgegeben. Bis dahin hatten die englischen Minister immer wieder erklärt, baß sich England vollkommen freie Hand vorbehalten hätte für den Fall eines europäischen Konflikts. Das war nach dem Buchstaben vielleicht, in Wirklichkeit aber nicht der Fall. Genau dieselbe Taktik hat das englische Kabinett verfolgt, als es im
Frühjahr 1914 Verhandlungen mit Rußland über ein Marine⸗
abkommen einleitete und die russische Admiralität den Wunsch hatte, mit der Zuhilfenahme von englischen Schiffen unsere Pro⸗ bing Pommern die Wohltat einer russischen Invasion kennen zu lehren.(Heiterkeit) So hatte sich der Ring der Entente mit ausge sprochen antideutscher Tendenz zusammengeschlossen.
Die Saat König Eduards war in⸗ die Halme geschossen. Wir waren gezwungen, die Situation mit der großen Wehrvorlage von 1913 zu beantworten. Sie wissen, aber ich will hier ausdrücklich davon sprechen, daß wir in voller Klarheit über den Ernst der Weltlage neben den Verhandlungen mit England stets bestrebt gewesen sind, unsere Beziehungen mit Rußland nach Möglichkeit zu verbessern. Ich habe darüber wiederholt hier im Reichstage gesprochen, wie ich denn in unserer gesamten Politik niemals
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ekwas bor der Vollsbertretung zu berheimlichen hatte.(Beifall), und es auch niemals verheimlicht habe.(Zu⸗ ruf des Abgeordneten Liebknecht:„Das belgische Ultimatum!“ Pfui⸗Rufe, Unruhe, Rufe: Raus! Ruf: Herostrat!)
Auch Rußland gegenüber, dessen Polttit ja für die Entschlüsse Frankreichs von entscheidender Bedeutung war, habe ich stets nach der Ueberzeugung gehandelt, daß freundliche Beziehungen zu den einzelnen Ententegenossen die allgemeine Spannung mildern konnten, und daß jedes begonnene Jahr wenigstens die Aussicht auf die allgemeine Explosionsgefahr abschwächte. Wir waren da⸗ bei in den Einzelfragen mit Rußland zu einer Verständigung gelangt. Ich erinnere an das Potsdamer Abkommen. Die Be⸗ ziehungen von Regierung zu Regierung waren nicht nur korrekt, sondern von persönlichem Vertrauen getragen. Aber die Gesamt⸗ lage wurde dadurch nicht berührt, die war bis in die Wurzeln ver⸗ giftet, weil die chauvinistischen Revanchegedanken Frankreichs und die kriegerischen panflawistischen Expansionsbestrebungen in Ruß⸗ land durch die antideutsche Politik der balance of powers Eng⸗ lands nicht sowohl beschwichtigt als unausgesetzt. aufgestachelt wurden und frische Nahrung erhielten.(Sehr wahr!)
Die Spannung wurde so groß, daß die erste große schwere Belastungsprobe zum Bruche führte.
Es kam der Sommer 1914. Ich habe die einzelnen Vor⸗ gänge am 4. August geschildert. Immer wiederholte unrichtige Darstellungen und Angriffe von seiten unserer Gegner nötigen mich aber auch hier, noch auf einen Punkt zurückzukommen. In England wird neuerdings immer wieder behauptet, der ganze Krieg hätte vermieden werden können, wenn ich auf den Vorschlag Sir Edward Greys eingegangen wäre, mich an einer Konferenz zur Regelung des russisch⸗österreichischen Streitfalles zu beteiligen. Die Sache verhielt sich folgendermaßen:
Der englische Konferenzvorschlag wurde hier am 27. Juli durch den englischen Botschafter überbracht. Wie auch aus dem englischen Graubuch hervorgeht, hat der Staatssekretär des Aus⸗ wärtigen Amts in der Rechtfertigung der Unterredung mit Sir Edward Goschen, in der er den Vorschlag überhaupt als unzweck⸗ mäßig bezeichnete, mitgeteilt, nach feinen Nachrichten aus Pe⸗ tersburg sei Herr Sasonow zu einem direkten Meinungsaustausch mit Graf Berchthold geneigt, er sei der Ansicht, daß eine direkte Aussprache zwischen Petersburg und Wien zu einem befriedigen— den Ergebnis führen könne, es sei daher das beste, zunächst das Ergebnis dieser Aussprache abzuwarten. Sir Edward Goschen meldete das nach London und erhielt von dort eine telegraphische Antwort, in der Sir Edward Grey folgendes erklärt hat:
„Solange Aussicht für einen direkten Austausch zwischen Oesterreich und Rußland vorhanden ist, würde ich auf jede an⸗ dere Anregung verzichten(Hört! hört! hört!), da ich durchaus damit übereinstimme, daß dies das Verfahren ist, das allen anderen dabei vorzuziehen ist.(Hört! hört! hört!)
Sir Edward Grey schloß sich also damals dem deutschen Stand⸗ punkt vollkommen an(Sehr richtig! bei den Soz.) und stellle seinen Konferenzvorschlag zurück. Ich habe es aber nicht nur, wie Sir Edward Grey, bei dem platonischen Wunsche bewenden lassen, es möge eine Aussprache zwischen Wien und Petersburg erfolgen, sondern ich habe alles getan, was in meinen Kräften stand, um die russische und österreichisch⸗ungarische Regierung dem Gedanken zugänglich zu machen, sich in einem Meinungsaustausch zwischen Kabinett und Kabinett auseinanderzusetzen. Ich habe es an dieser Stelle schon einmal ausgesprochen, daß wir unsere Vermitt⸗ lungsaktion speziell auch in Wien in einer Form betrieben haben, die, wie ich damals sagte, bis an das Aeußerste dessen ging, was mit unserem Bundesverhältnis zu vereinbaren war. Da diese meine vermittelnde Tätigkeit im Interesse des Friedens immer wieder in England in Zweifel gestellt wird, will ich hier an der Hand der Tatsachen zeigen, wie nichtig diese Zweifel find.
Am 29. Juli traf hier folgende Meldung des kaiserlichen Botschafters in Petersburg ein:
„Herr Sasonow, der mich eben zu sich bitten ließ, teilte mir mit, daß das Wiener Kabinett auf den Wunsch, in direkte Besprechungen einzutreten, mit einer kategorischen Ablehnung geantwortet habe. Es bleibe somit nichts anderes übrig, als auf den Vorschlag Sir Edward Greys auf eine Konversation zu Vieren zurückzukommen.“
Da sich die Wiener Regierung zu einem direkten Meinungs⸗ austausch mit Petersburg bereit erklärt hatte, war es klar, daß ein Mißverständnis vorliege. Ich telegraphierte inzwischen nach Wien und benutzte gleichzeitig die Gelegenheit, um meiner Auf⸗ fassung Herrn v. Tschirschty gegenüber bestimmtesten Ausdruck gu geben. Meine Instruktion an Herrn v. Tschirschty lautete folgendermaßen:
„Die Meldung des Grafen Pourtales steht nicht im Ein⸗ klang mit der Darstellung, die Eure Exzellenz von der Haltung der österreichisch⸗ungarischen Regierung gegeben haben. An⸗ scheinend liegt ein Mißverständnis vor, Wir können Oester⸗ reich⸗Ungarn nicht zumuten, mit Serbien zu verhandeln, mit dem es im Kriegszustand befindlich ist. Die Vermeidung eines Meinungsaustausches mit Petersburg würde ein schwerer Fehler sein. Wir sind zwar bereit, unsere Bundespflicht gu erfüllen, müssen es aber ablehnen, uns durch Oesterreich⸗Ungarn unter Nichtbeachtung unserer Ratschläge in einen Weltkrieg hineinziehen zu lassen.(Hört! Hört!) Eure Exzellenz wollen. dieser Auffassung mit allem Nachdruck Ausdruck geben.“
Herr v. Tschirschky meldete darauf am 30. Juli, Graf Berch⸗ told sagte mir, es liege in der Tat ein Mißverständnis, und zwar auf russischer Seite vor. Nachdem er auch schon dem österreichi⸗ schen Botschafter in Petersburg Kenntnis gegeben, habe er auch dem Grafen Szaparh sofort entsprechende Instruktion erteilt. Ich habe, als in England kurz vor Ausbruch des Krieges die Erregung sich steigerte, und ernste Zweifel an unseren Bemühun⸗ gen zur Erhaltung des Krieges laut wurden, damals schon das Nötige erklärt. Jetzt nachträglich tritt jedoch die Insinuation hervor, der Vorgang habe gar nicht stattgefunden und die Instruk⸗ tion an Herrn v. Tschirschky sei nur fingiert worden.(Pfui⸗Rufe.) Sie werden mit mir übereinstimmen, daß diese Verdächtigung keiner Erwiderung bedarf.(Sehr richtig!) Ich will aber gleich⸗ zeitig auf das österreichisch⸗ungarische Rotbuch berweisen, das meine Darstellung richtig bestätigt und erkennen läßt, wie nach Aufklärung des Mißverständnisses die Konbersation zwischen Wien und Petersburg in Fluß kam, bis sie durch die allgemeine Mobilmachung der russischen Armee einen jähen Abschluß fand. Meine Herren, ich wiederhole: Wir haben die direkte Aus⸗ sprache zwischen Wien und Petersburg mit dem äußersten Nach⸗ druck und mit Erfolg betrieben. Die Behauptung, daß wir durch Ablehnung des englischen Konferenzvorschlages an diesem Kriege schulb geworden wären, gehört in die Kategorie der Verleumdungen, hinter denen unsere Gegner ihre eigene Schuld verstecken wollen.(Sehr richtig l)
Unausbleiblich wurde der Krieg lediglich durch die tussische Mobilmachung.(Sehr richtig!). Ich will das noch einmal mil aller Bestimmtheit feststellen.
Meine Herren, ich habe mich auf einzelne diplomatische Vor⸗
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gänge näher eingelassen, um der Flut von Verdächtigungen ent⸗
gegenzutreten, mit denen das reine Bewußtsein und reine Ge wissen Deutschlands im Auslande zu schwärzen versucht wird.
Aber wir werden letzten Endes den Kampf gegen diese Ver⸗ leumdungen ebenso siegreich bestehen, wie den großen Kampf draußen auf den Schlachtfeldern.(Lebhafter Beifall.
Unsere und die österreichisch-ungarlschen Truppen ben die Grenzen Kongreß⸗Bolens gegen Osten erreicht. Uns beiden fällt die Aufgabe zu, das Land zu verwalten. tische Schicksale haben seit langen Jahrhunderten Deutsche und Polen gegeneinander zu kämpfen gezwungen. Die Erinnerung an diese alten Gegensätze mindert nicht die Achtung vor der Leidenschaft, Vaterlandskiebe und Zähigkeit, mit der das polnische Volk seine alte westliche Kultur, seine Freiheitsliebe gegen das Russentum verteidigt und auch durch das Unglück dieses Krieges hindurch gekwagt hat.(Beifall.) Die gleißnerischen Versprechungen unserer Feinde ahme ich nicht nach, aber ich hoffe, daß die heutige Besetzung der polnischen Grenzen gegen Osten den Beginn einer Entwicklung darstellen wird, die die alten Gegensätze zwischen Deutschen und Polen aus der Welt schafft und das vom russischen Joch befreite Land einer glücklicheren Zukunft entgegenführen wird, in der es die Eigenart seines nationalen Wesens pfleger und entwickeln kann. Das von uns besetzte Land wer den wir unter möglichster Heranziehung der eigenen Bevölkerung gerecht zu verwalten, die Schwierigkeiten, die dieser Krieg mit sich bringt, auszugleichen und die Wunden, die Rußland dem Lande geschlagen hat, zu heilen suche n.(Bewegung und Beifall.)
Dieser erseg wird, je länger er dauert, ein zerrüttetes, ein aus tausend Wunden blutendes Europa zurücklassen. Die Welt, die dann erstehen wird, soll und wird nicht so aussehen, wie unsere Feinde es sich träumen. Diese streben zurück nach dem alten Europa mit einem ohnmächtigen Deutschland in der Mitte als dem Tummelplatz fremder Länder und, wenn nötig, als dem Schlacht⸗ feld Europas, ein Deutschland, in dem kraftlose Einzelstaaten auf fremde Winke lauern, ein Deutschland mit zerrütteter Industrie, nur mit Kleinhandel auf dem inneren Markt, und ohne Flotte, die das Meer von Englands Gnaden befahren könnte, ein Deutsch⸗ land, das Vasallenstaat wäre des russischen Riesenresches, das den ganzen Osten und Südosten Europas beherrschen, alle Slawen unter dem Szepter Moskaus vereinen will. So träumte man im Anfang des Krieges in Paris, in London und in Petersburg. Nein, meine Herren, dieser ungeheure Weltkrieg, der die Fugen des ganzen Weltalls knacken macht, wird nicht zu alten vergangenen Zeiten zurückführen, ein Neues muß entstehen. Soll Europa jemals vorankommen, so kann das nur durch eine starke und un⸗ antastbare Stellung Deutschlands geschehen.(Lebhafte Zu: stimmung.) l
Die Vorgeschichte dieses Krieges redet eine harte Sprache. Mehr als zehn Jahre lang ist das Sinnen und Trachten der En⸗ lentemächte einzig darauf gerichtet gewesen, Deutschland zu sso⸗ lieren, es auszuschließen von jeder Mitverfügung über die Welt. Die englische Politik der balance of powers muß verschwinden. Denn sie ist, wie ste der englische Dichter Bernhard Shaw neulich genannt hat, ein Brutofen für den Krieg. Bezeichnend ist in dieser Beziehung eine Bemerkung, die Sir Edward Grey zu un⸗ serem Botschafter, dem Fürsten Lichnowski, machte, als er sich von diesem am 4. August verabschiedete. Er sagte mit besonderer Be⸗ tonung: Der zwischen England und Deutschland ausgebrochene Krieg würde ihm Gelegenheit geben, uns beim Friedensschluf größere Dienste zu leisten, als wenn England neutral geblieben wäre.(Gelächter) Vor den Augen des englischen Ministers er⸗ stand also wohl schon hinter dem geschlagenen Deutschland die Riesengestalt eines siegreichen Rußlands, und dann wäre Deutsch⸗ land gut genug gewesen, Vafall und Helfer von England zu sein. Deutschland muß sich seine Stellung so ausbauen, so festigen und stärken, daß die Mächte nie wieder an eine Einkreisungspolitik denken. Wir müssen zum Heile aller Völker und Nationen die Freiheit der Weltmeere erringen(Beifall), nicht zum Ziele, wie es England will, sie allein zu beherrschen, sondern damit sie allen
Völkern in gleicher Weise dienstbar sein können.(Beifall.) 3
Wir sind es nicht, die die kleinen Staaten bedrohen. Wir wollen sein und bleiben ein Hort des Friedens, der Freiheit der großen und der kleinen Nationen. Ich sage das nicht nur mit Bezug auf die Völker germanischer Rasse. Welche Mühe gibt sich der Vierverband gegenwärtig, die Balkanvölker davon zu über⸗ zeugen, daß der Sieg der Zentralmächte ste in die Knechtschaft stürze, der Triumph des Vierverbandes ihnen aber Freiheit, Un abhängigkeit, Ländergewinn und wirtschaftliches Gedeihen schen⸗ ken würde. Wenige Jahre ist es her, wo der Machthunger Ruß⸗ lands unter dem Schlagwort„Der Balkan den Balkanvölkernl“ den Balkanbund schuf, den es dann wieder unter Begünstigung der
anderen gegen Bulgarien fallen ließ. Unsere Siege in Polen haben 0
die Balkanvölker vom russtschen Druck befreit. England war ein⸗ mal ein Schutz der Valkanstaaten, als Alliierter Rußlands kann es nur der Bedrücker und Bedränger der Unabhängigkeit sein, was es schon jetzt mit selbstsüchtiger harter Hand fühlen läßt.
Meine Herren, ich fasse zum Schluß alles zusammen: Wohl kein großes Volk hat in ten letzten Jahrhunderten solche Leiden au tragen gehabt wie das deutsche. Und doch können wir dieses Schicksal lieben, das uns mit folchen Leiden den Ansporn zu unerhörten Leistungen gegeben hal. Für das endlich geeinte Reich war jedes Friedensjahr ein Gewinn. Ohne Kriege kamen wir am glücklichsten vorwärts. Nie hat Deutschland die Herr⸗ schaft über Europa angestrebt. Sein Ehrgeiz war es, einem friedlichen Wettbewerbe der Nationen in den Aufgaben del Wohlfahrt und Gesittung boranzustehen.
Dieser Krieg hat es an den Tag gelegt, welcher Große wir fähig sind, gestützt auf die eigene sittliche Kraft. Die Macht, die uns unsere innere Stärke gab, können wir auch nach außen hin nur im Sinne der Freiheit gebrauchen. Die von den fremden Regierungen gegen uns in den Krieg gehetzten Völker hassen wir nicht, aber wir haben die Sentimentalität ver⸗ lernt.(Großer Beifall.) Wir halten den Kampf durch, bis jene Völker von den wahrhaft Schuldigen den Frieden fordern bis die Bahn frei wird für ein neues, bon französischen Ränken von moskowitischer Eroberungssucht und von englischer Vormund. schaft befreites Europa.(Stürmischer, langanhaltender Beifall. Händeklatschen im ganzen Hause und auf den Tribünen.)
f Abg. Spahn(Ztr.)⸗ e
Ich beantrage nach den gehörten Ausführungen den Nach⸗ tragsetat an die Budgekkommisston zu verweisen. ö
Der Nachtragsetat wird an die Budgetkommission berwiesen.
Der Gesetzentwurf zum Schutz der Schwesterntracht wird in erster und zwefter Lesung angenommen. 5 Das Haus vertagt sich. Freitag, 2 Uhr: Kleine Anfragen, zweite Lesung des Nach⸗ tragsetats.. ö 5 e Schluß 377 Uhr. i 5
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Geographische und poli⸗


