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. 5 chaftlichen deit⸗ fragen“ erscheinen monatlich zweimal.
165. Jahrgang
Gießener Anzeiger
General⸗Anzeiger für Oberhessen
„
Freitag, 20. August 1915
Rotationsdruck und Verlag der Vrühl'schen Universitäts Buch- und Steindruckerei. R. Lange, Gießen.
Schriftleitung, Geschäftsstelle u. Druckerei: Schul⸗
straße 7. Geschästsstelle u. Verlag: 51, Schrist⸗
leitung: 2112. Adresse für Drahtnachrichten: Anzeiger Gießen.
Mb. Deutscher Reichstag.
13. Sitzung. Donnerstag, 19. August 1915, nachmittags 2 Uhr. Das Haus ift fast vollzählig beisammen, die Tribünen sind überfüllt. Zahlreiche Ae ebnete sind in Feldgrau erschienen und mit dem Eisernen Kreuz geschmückt. Am Tische des Bundesrates: Reichskanzler v. Bethmann Hollweg, Dr. Delbrück, v. Jagow, Dr. Helffe⸗
rich, Dr. Solf, Kraetke, Havenstein, Dr. Lisco,
Dr. Lentze, Wandel.
5 Präsident Dr. Kaemptf eröffnet die Sitzung mit folgender Ansprache: 85
Meine Herren! Wir treten in unsere diesmaligen Ver⸗ handlungen, nachdem ein volles Kriegsjahr verflossen ist. In der Erinnerung haben wir noch einmal die ernsten Stunden durchlebt, in denen vor einem Jahre der Weltbrand über uns hereinbrach, noch einmal den Tag, an dem der Kaiser die erlösen⸗ den Worte gesprochen: Ich kenne keine Parteien mehr, ich kenne nur noch Deutschel, und an dem der Reichstag durch einmülige und begeisterte Annahme der Kriegsvorlagen dem einmütigen Willen des Volkes feierlichen Ausdruck gegeben hat. Die welt⸗ geschichtlichen Exeignisse des hinter uns liegenden Kriegsjahres sind noch einmal vor unseren Augen vorübergezogen, noch ein⸗ mal find uns zum Bewußtsein gekommen die schweren, vom ganzen Volke willig getragenen Opfer, aber auch die glänzenden Er folge unserer und unserer verbündeten Waffen. Während im Westen wir unerschütterlich festhalten, was wir errungen, wäh⸗ rend an den Dardanellen und an der italienischen Grenze die feindlichen Angriffe an der Tapferkeit der heldenmütigen Sol⸗ daten unserer Verbündeten zerschellen(Beifall), bringt uns und Anseren Verbündeten der Beginn des zweiten Kriegsjahres im Osten Erfolge, die ans Märchenhafte grenzen.(Beifall.)
J Wir danken dem Allmächtigen Herrscher der Heerscharen, wir danken dem Kaiser, unserem obersten Kriegsherrn, und unseren verbündeten genialen Heerführern.(Beifall) Wir danken den Offizieren und Mannschaften(Beifall), die zu Wasser und zu Lande mit heldenmütiger Todesverachtung und unvergleichlicher Tapferkeit von Sieg zu Sieg geschritten sind(Beifall). Wir dan⸗ ken nicht minder der Leitung der Geschäfte des Reiches, die an der Spitze wie in den einzelnen Zweigen, die an sie gestellten höchsten Anforderungen planvoll und unermüdlich erfüllt haben(Beifall), wir danken dem ganzen Volke(Beifall), das, von dem Bewußtsein durchdrungen, daß es sich um die höchsten nationalen Güter han⸗ delt, sich willig und einmütig in den Dienst unserer großen Auf⸗ gabe gestellt hat(Beifall). Der Stimmung und dem Gefühle der Nation hat der Kaiser in dem Aufruf an das deutsche Volk, den er am 31. Juli dieses Jahres erlassen hat, treffenden Ausdruck sberliehen. Seine sten und feierlichen Worte, getragen von deutscher Wahrhaftigkeit, und von dem zuversichtlichen Vertrauen auf die innere Stärke und den einheitlichen nationalen Willen haben überall, wo Deutsche wohnen, lebhaften Widerhall gefunden. (Lebh. Beifall.) Seit einem Jahre steht das deutsche Volk im Vertrauen auf Gott und die Stärke des Reiches, unerschütterlich zum Kaiser und zu den verbündeten Regierungen, um in diesem für jeden Deutschen heiligen Kampfe einen Frieden zu errin⸗ gen, der für alle Völker einer freien Kulturentwicklung den Weg bahnen und die deutsche Zukunft sicherstellen soll gegen alle Feinde, gegen alle Gefahren.(Lebh. anhaltender Beifall.)
Der Präsident teilt mit, daß er anläßlich des Falles von War⸗ 5 dem Kaiser die Glückwünsche des Reichstages übermittelt
abe.
Aus Anlaß des 85. Geburtstages von 1 Franz Joseph hat der Präsident im Namen des Reichstages Glückwünsche an die Präsidenten des österreichischen und ungarischen Abgeordneten⸗ hauses gerichtet. 8 5
An der Bahre des früheren Präsidenten von Wedel⸗Pies dorf, der von 1884 bis 1888 die Geschäfte des Reichstages leitete, und wegen seiner ihm eigenen Milde und Gerechtigkeit hoch geschätzt wurde, hat der Präsident einen Kranz niedergelegt.
Zum Gedächtnis des am 8. Juli verstorbenen Abg. Graf von Carmer⸗Osten erheben sich die Mitglieder von den Plätzen.
Der im Felde verwundete Abg. D'avidsohn(Soz.) ist so⸗ weit wieder hergestellt, daß er an den Verhandlungen teilnehmen kann. Der Präsident begrüßt ihn im Hause und gibt der Hoff⸗ nung auf eine baldige völlige Genesung Ausdruck.
Eine Anzahl von Rechnungsvorlagen geht an die Rechnungs⸗ kommission..
der Nachlragselal.
Zur Beratung steht der Nachtragsetat, der 10 Milliarden neue Kriegskredite fordert. 5
Die Rede des Kanzlers. Reichskanzler Dr. v. Bethmann Hollweg:
Seitdem Sie das letzte Mal tagten, ist wieder Großes ge⸗ schehen.(Beifall.) Alle mit Todesverachtung und dem äußersten Einsatz an Menschenleben bisher unternommenen Versuche der Franzosen, unsere Westfront zu brechen, sind an der tapferen Ausdauer unserer Truppen gescheitert.(Beifall.) Italien, der neue Feind, der das von ihm begehrte fremde Gut so leichthin erobern zu können glaubte, ist bisher glänzend abgewehrt.(Leb⸗ hafter Beifall), trotz der zahlenmäßigen Uebermacht, trotz der scho⸗ nungslosen Aufopferung von Menschenleben, die er doppelt um⸗ sonst zu bringen sich nicht gescheut hat.(Lebhafte Zustimmung.) Unerschüttert und unerschütterlich steht die türkische Armee an der Dardanellenfront.(Lebhafter Beifall.) Wir grüßen unsere treuen Verbündeten.(Lebhafter Beifall.) Wir gedenken auch heute noch an dieser Stelle des erhabenen Herrschers der Donau⸗Monarchie, der gestern in sein 86. Lebensjahr eingetreten ist.(Stürmischer Beifall.) Ueberall, wo wir selber die Offensive ergriffen haben, haben wir den Feind geschlagen und zurückgeworfen.(Lebhafter Beifall.) Wir haben zusammen mit unseren Verbündeten fast ganz Galizien und Polen, wir haben Litauen und Kurland von den Russen befreit. Iwangorod, Warschau und Kowno sind ge⸗ fallen. Weit in Feindesland bilden unsere Linien einen festen Wall. Starke Armeen haben wir frei zu neuen Schlägen.(Stür⸗ mischer Beifall.)
Voller Dank gegen Gott und voller Dank gegen unsere herr⸗ lichen Truppen und ihre Führer können wir fest und zuversichtlich der Zukunft entgegensehen.(Lebhafter Beifall.) Mitten in den Schrecknissen des Krieges gedenken wir dankerfüllt der werk⸗ tätigen Menschenliebe, die uns benachbarte neutrale Staaten er⸗ zeigt haben sowohl bei der Rückkehr von Zivilpersonen aus dem feindlichen Auslande wie gegenüber den ausgetauschten Kriegs⸗ gefangenen.(Beifall.) In der Schweiz haben jetzt bei dem zweiten Austausch der Kriegsgefangenen mit Frankreich alle Kreise der Bevölkerung von Genf bis zur deutschen Grenze gewetteifert, um unsere wackeren Krieger die hinter ihnen liegenden Leiden nach Möglichkeit vergessen zu lassen.(Lebhafter Beifall.) Die Nieder⸗ lande haben schon zum zweiten Male den aus England zurück⸗ kehrenden Schwerverwundeten opferwillig und hilfsbereit ihre Fürsorge angedeihen lassen.(Lebhafter Beifall.) Der jetzt zum ersten Male stattfindende Gefangenenaustausch mit Rußland, der über weite Gebietsstrecken von Schweden führt, zeigt, wie dort Regierung und Volk in der Betätigung von Menschenfreundlichkeit und Hilfe nicht überboten werden können.(Lebhafter Beifall.) Ich spreche auch von dieser Stelle diesen drei Nationen den tiefgefühlten Dank des deutschen Volkes aus.(Leb⸗ hafter Beifall.) Ich will zugleich ein Wort besonderer Dankbar⸗ keit Seiner Heiligkeit dem Papste aussprechen, der dem Gedanken des Gefangenenaustausches und so vielen Werken der Menschen⸗ liebe während dieses Krieges eine unermüdliche Teilnahme er⸗ zeigt und an ihrer Durchführung ein ausschlaggebendes Verdienst für sich hat und der noch ganz kürzlich durch eine hochherzige Spende dazu beitrug, die Leiden unserer Ostpreußen zu mildern. (Lebhafter Beifall.)
Unsere Gegner laden eine (Sehr richtig!)
Unsere Gegner laden immer neue Blutschuld auf sich, und wo sie ihre Niederlagen nicht ableugnen können, da dienen ihnen un⸗ sere Siege dazu, um neue Verleumdungen gegen uns zu schleu⸗ dern: wir hätten im ersten Kriegsjahr gesiegt, weil wir diesen Krieg heimtückisch vorbereitet hätten, während sie in unschuldi⸗ ger Friedensliebe dahinlebten.(Heiterkeit.) Nun, meine Herren, vor Tische las man's anders. Sie entsinnen sich der kriegerischen Artikel, die der russische Kriegsminister im Frühjahr 1914 in der Presse verbreitete und in denen er die volle Kriegsbereitschaft der russischen Armee pries.(Sehr richtig!) Sie entsinnen sich der stolzen und vielfach herausfordernden Sprache, deren sich Frank⸗ reich in den letzten Jahren bedient hat.(Sehr richtig!) Sie wis⸗ sen, daß Frankreich, so oft es die russische Geldnot befriedigte, sich ausbedang, daß immer der größte Teil der Anleihen zu stra⸗ tegischen Zwecken verwendet würde.(Sehr richtig!) Und Eng⸗ land? Am 3. August v. J. sagte Herr Edward Grey im englischen Parlament: Wir haben eine allmächtige Flotte, von der wir glau⸗ ben, daß sie unseren Handel, unsere Küste und unsere Interessen schützen kann. Wir werden, wenn wir am Kriege teilnehmen, nur wenig mehr leiden, als wenn wir draußen bleiben. Wer danach die eigene Politik und die Politik seiner Freunde einrichtet, der kann das doch wohl nur tun, wenn er weiß, daß er und seine Alliierten fertig sind.(Sehr richtig!)
Begreiflich ist es ja, daß unsere Gegner immer wieder die Schuld an diesem Kriege von sich abwälzen. Ich habe bei Kriegs⸗ ausbruch und dann wieder im Dezember v. J. die Zusammenhänge hier dargelegt. Alles, was inzwischen bekannt geworden ist, ist lediglich eine Bestätigung dessen.(Sehr richtig!) Die Behauptung, daß England um Belgiens willen in den Krieg gezogen wäre, ist inzwischen in England selbst aufgegeben worden(feiterkeit, sehr richtig!), weil diese Fabel nicht länger zu halten war. Und ob die kleineren Völker wohl jetzt noch glauben, daß England und seine Alliierten den Krieg führen zum Schutze der Völker, zum Schutze von Freiheit und Zivilisation? Der neutrale Handel auf See wird von England eingeschnürt, soviel es kann. Die Ware, aus oder für Deutschland bestimmt, darf auch auf neutralen Schif⸗ fen nicht mehr verfrachtet werden. Neutrale Schiffer werden ge— zwungen, auf hoher See englische Mannschaft an Bord zu neh⸗ men und ihren Befehlen zu folgen.(Hört! Hört! Sehr richtig!) England besetzt kurzerhand griechische Inseln, weil ihm das für seine militärischen Operationen besser paßt.(Hört! Hört!) Für seine Alliierten will es jetzt das neutrale Griechenland zu Ge⸗ bietsabtretungen pressen, um Bulgarien auf seine Seite zu ziehen.
Und in Polen! In Polen verwüstet Rußland vor dem R'ückzuge seiner Armeen das ganze Land. Die Dörfer werden niedergebrannt, die Getreidefelder niedergetrampelt, die Bevölkerung ganzer Städte und Ortschaften, Juden und Christen, wird in unbewohnte Gegenden berschickt, ver⸗ schmachtet in dem Sumpf russischer Straßen oder in plombier⸗ ten fensterlosen Gepäckwagen(Pfui⸗Rufe.) So sieht die Frei⸗ heit und Zivilisation aus, für die unsere Gegner kämpfen.(Sehr richtig!),
Bei seiner Beteuerung, der Beschützer der kleineren Staaten zu sein, rechnet England doch mit einem sehr schlechten Gedächtnis. Man braucht um wenig mehr als ein Jahrzehnt zurückzugehen, um Beispiele genug für den wahren Sinn dieser Protektorenrolle zu finden. Im Frühjahr 1902 richteten sich die Blicke auf Aegypten. Aegypten war ja schon längst tatsächlich im englischen Besitz, aber der formellen Einverleibung stand das feierliche Ver⸗ sprechen Englands entgegen, das Land wieder räumen zu wollen. Dasselbe England, das hier auf das Angebot, die Integrität Belgiens zu gewährleisten, wenn es in diesem Kriege neutral bleibe, so stolz erwiderte, England könne seine Verpflichtungen zum Schutz der belgischen Neutralität nicht zum Geschäft des Handels machen, dasselbe England trug kein Bedenken, seine in ganz Europa eingegangenen Verpflichtungen an Frankreich zu verhandeln, als es im Jahre 1904 den bekannten Vertrag schloß, der England Aegypten, Frankreich Marokko sichern sollte. Im Jahre 1907 kommt Persien an die Reihe und wird im Süden englische Interessensphäre, im Norden dem feierlichen Regiment der Kosaken überantwortet.(Zuruf des Abg. Dr. Liebknecht (Soz.): Potsdamer Entrevue!) England hat nicht das Recht, einem Lande gegenüber, das 44 Jahre den europäischen Frieden geschützt hat, während einer Zeit, wo fast alle anderen Staaten Kriege geführt und Länder erobert haben, eine solche Sprache
ungeheure Blutschuld auf sich.
zu führen. Das ist Heuchelei!(Lebhafte Zustimmung.) Ein Zeuge für die Tendenz der englischen Politik und den Ursprung des Krieges ist uns in den Berichten der belgischen Gesandten entstanden.(Sehr richtig!) Weshalb werden wohl diese Doku⸗ mente in London, Paris und Petersburg nach Möglichkeit tot⸗ geschwiegen? Weshalb sucht die feindliche Presse, wo sie diese Berichte erwähnt, sich um ihre Bedeutung herumzudrücken, zu behaupten, daß diese Berichte keinen Beweis dafür gäben, daß Belgien seine Neutralität selbst preisgegeben habe? Dieser Be⸗ weis ist erbracht.(Zustimmung.)
Nicht nur die Berichte des belgischen Gesandten in Berlin, von dem man vielleicht sagen könnte, die Neigung zu dem Lande, in dem er akkreditiert war, habe seinen Blick getrübt, sondern auch die Berichte der übrigen belgischen Gesandten ergeben dasselbe Bild, und diese übereinstimmende Beurteilung ist von einer ganz durchschlagenden Wucht.(Sehr richtig!) Da von diesen Berichten im Auslande so wenig Notiz genommen wird, so will ich doch hier einige Stichproben davon noch einmal vorlegen. Baron Greindl schrieb im Frühjahr 1905, die wahre Ursache des Hasses Englands gegen Deutschland sei die Eifersucht, hervorgerufen durch die Entwicklung der deutschen Flotte, des deutschen Handels und der deutschen Industrie. Zwei Jahre später schreibt er, die französische Anmaßung wäre wieder ebenso groß wie in den schlimmsten Tagen des zweiten Kaiserreiches und die Entente cordiale wäre hieran schuld; sie sei noch um ein Grad gestiegen, nachdem die Verhandlungen zwischen London und Petersburg zu einer Entente zu führen schienen. Und an einer anderen Stelle sagt er, die Politik, die König Eduard unter dem Vorwande führe, Europa von einer eingebildeten deutschen Gefahr zu retten, habe eine französische Gefahr heraufbeschworen, die für Belgien sehr bedrohlich sei. Der belgische Gesandte in London schrieb im März 1907, nachdem die Leitung der auswärtigen Angelegenheiten in Rußland Iswolski anvertraut sei, habe eine merkwürdige An⸗
näherung zwischen den Kabinetten in London und Petersburg
stattgefunden. Die ganze Kraft der englischen Diplomatie sei auf die Isolierung Deutschlands gerichtet.
Endlich berichtete der belgische Gesandte in Paris im Januar 1914, daß Herr Delcassé und seine Freunde mit ihren chauvini⸗ stischen und militaristischen Treiberesen eine Gefahr für Europa bildeten. Diese in allen Grundlinien übereinstimmenden Berichte der belgischen Diplomaten geben ein klares Bild von der Entente⸗ politik der letzten Jahre. Dagegen kommen alle Versuche der gegnerischen Seite nicht auf, uns als die Urheber des Krieges hin⸗ zustellen und sich selbst als die frivol Angegriffenen.(Zustimmung.) Ist die deutsche Politik über diese Vorgänge unterrichtet gewesen, oder hat sie absichtlich die Augen vor ihnen verschlossen, indem sie immer wieder einen Ausweg suchte? Nicht das eine noch das andere. Ich weiß wohl, es gibt Kreise, die mir politische Kurz⸗ sichtigkeit vorwerfen, weil ich es immer wieder versucht habe, eine Verständigung mit England anzubahnen. Ich danke Gott, daß ich es getan habe. Ich habe die Versuche immer wie⸗ der erneuert in der festen Ueberzeugung, daß das Verhängnis dieses ungeheuerlichen menschenmordenden Weltenbrandes hätte verhindert werden können, wenn eine aufrichtige, auf den Frieden gerichtete Verständigung zwischen Deutschland und England zu⸗ stande gekommen wäre.(Sehr richtig!) Wer in Europa hätte dann wohl noch Krieg machen wollen!(Sehr richtig!) Durfte ich mil einem solchen Ziele im Auge eine Arbeit von mir weisen, weil sie schwer war und sich immer wieder als fruchtlos erwies? Meine Herren, wo es sich um den letzten Ernst im Weltenleben handelt, wo Millionen von Menschenleben auf dem Spiele stehen, da gilt für mich: Bei Gott ist kein Ding unmoglich
will lieber in einem Kampfe fallen, als ihm aus dem Wege ge⸗
gangen sein.(Beifall.)
Lassen Sie mich kurz noch die Ereignisse ins Gedächtnis zu⸗ rückrufen. König Eduard hatte in der persönlichen Förderung der englischen Einkreisungspolitik gegen Deutschland eine seiner Hauptaufgaben erblickt. Bei seinem Tode hoffte ich deshalb, daß die von mir bereits im August aufgenommenen Verstän⸗ digungsverhandlungen besseren Fortgang nehmen würden. Die Verhandlungen gogen sich bis in das Frühjahr 1911 hin, ohne daß irgend ein Ergebnis erzielt worden wäre, als das Eingrei⸗ fen Englands in die Auseinandersetzungen Deutschlands mit Frankreich über Marokko der ganzen Welt vor Augen führte, wohin die englische Politik führte, wie sie der ganzen Welt ihren Willen aufswingen wollte und den Weltfrieden bedrohte. Auch damals war das englische Volk über die Gefahren der Politik seiner Regierung nicht genau orientiert gewesen, denn als es nach Ueberwindung der Krisis erkannte, wie haarscharf es an dem Abgrunde eines Weltkrieges vorbeigegangen sei, machte sich in weiten Kreisen Englands die Stimmung geltend, ein Ver⸗ hältnis mit Deutschland herzustellen, das kriegerische Verwick⸗ lungen ausschlösse und den Frieden sicherte.
Im Frühjahr 1911 fanden dann die Besprechungen mit Lord Haldane in Berlin statt. Lord Haldane versicherte mir den Frie⸗ denswillen Englands. England fühle sich aber bedroht durch die Flottenvorlage. Ich fragte ihn, ob ihm nicht eine offene Verstän⸗ digung mit uns, eine Verständigung, die nicht nur einen deutsch⸗ englischen Krieg ausschloß, sondern jeden Weltkrieg, mehr wert wäre als ein paar deutsche Dreadnoughts. Lord Haldene schien dieser Ansicht zuzuneigen, fragte aber, ob wir nicht, wenn wir den Rücken frei bekämen, sofort über Frankreich herfallen würden. Ich habe ihm erwidert, daß die Politik, die Deutschland in einer Zeit von mehr als 40 Jahren bekundet hätte, uns doch eigentlich vor einer solchen Frage sichern sollte. Wir hatten ja die schönste Gelegenheit gehabt, im Burenkrieg, im russisch⸗japanischen Krieg unsere etwaige Kriegswut zu zeigen, aber da und in allen Phasen der Marokkopolitik hatten wir das Gegenteil getan, hatten wir unsere Friedensliebe bekundet. Deutschland, sagte ich ihm, wünschte aufrichtig den Frieden mit Frankreich und werde ebenso wenig über Frankreich wie über eine andere Macht herfallen. Nachdem Lord Haldane von Berlin abgereist war, wurden die Ver⸗ handlungen in London fortgesetzt. Ich habe vor einigen Wochen in der„Norddeutschen Allgemeinen Zeitung“ die Verständigungen veröffentlichen lassen, die bei diesen Verhandlungen von der einen und der anderen Seite vorgeschlagen worden sind. Auch diese
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