Zweites Blatt
Erscheint täglich mit Ausnahme des Sonntags.
Die„Gießener Famillendlätter“ werden dem „Anzeiger“ viermal wöchentlich beigelegt, das „Kreisblatt für den Kreis Gießen“ zweimal wöchentlich. Die„Landwirtschaftlichen Zeit⸗ fragen“ erscheinen monatlich zweimal.
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165. Jahrgang
Gießener Anzeiger
Donnerstag, 18. Februar 1015
Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts- Buch- und Steindruckerei. R. Lange, Gießen.
Schriftleitung, Geschäftsstelle u. Druckerei: Schul
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leitung: S112. Adresse für Drahtnachrichten Anzeiger Gießen.
Ein ausgezeichneter Kenner Ostasiens schreibt uns: Es i fast tragikomisch, wenn die Pekinger Re-
gierung in die Welt* läßt: Der chinesische Gesandte in Tokio bemühe sich gegenwärtig, die japanische Regierung zu bewegen, ihre Haltung zu ändern. Glauben die Ratgeber Juanschikais wirklich, durch gütliches Zureden die Japaner dahin zu bringen, daß sie von ihren neuen, unerhörten Forderungen etwas nachlassen? Es wäre über— aus kurzsichtig, zu glauben, daß dem Reich des Mikado der große Hunger erst beim Verspeisen von Kiautschau ge— kommen und daß es erst auf Grund dieser„Heldentat“ zu so weitreichenden, 1 Amerila wie für ganz Europa schreck⸗ haften Plänen gelangt sei. Seit Jahren, ja Jahrzehnten vor Ausbruch des Weltkrieges richtet Japan heißverlangende Blicke nach Gebieten, die ihm als Absatzgebiete für seine Waren, als Einkaufsländer für gewisse Rohprodukte, wie Reis, Eisenerz, als Niederlassungsgebiete für seine Ab— wanderung dienen könnten. Es versuchte Besiedelungen auf Hawaii, den Philippinen, an der Westküste Amerikas, in Hinterindien, vor allem aber stach ihm China in die Augen, das ihm mit seiner 400-Millionen-Bevölkerung, mit seinen reichen Naturschätzen als das von der Natur gegebene Aus— nutzungsgebiet erscheint, sofern es gelingt, bei seinen Be⸗ wohnern Bedürfnisse im Sinne des neuzeitlichen Wirt— schaftslebens zu erwecken..
Die Errungenschaften der euxopäischen Kultur sollen China aber nicht aus der direkten europäischen Quelle zu— fließen, sondern die Japaner wollen ihm die westeuro— päische Kultur, soweit es in ihrem Interesse liegt, mund— gerecht machen. Japanische Ratgeber für alle möglichen und unmöglichen Dinge, japanische Offiziere als militärische Instruktoren, Lehrer aller Art, sogar für europäische Musik ses ist schwer, die Satire nicht zu schreiben), Ingenieure, Aerzte entfalteten in China rege Tätigkeit. Zahlreiche in China erscheinende japanische Zeitungen und japanische Journalisten bearbeiteten die chinesische Presse im Sinne Japans. Japanische buddhistische Missionen suchten unter dem Deckmantel der Religion die friedlichen chinesischen Buddhisten gegen die Weißen einzunehmen. Japanische Kauf— leute überfluteten den chinesischen Markt mit billigen Waren und Nachahmungen europäischer und amerikanischer Erzeugnisse. Europa und Amerika sollen vom großen chinesi— schen Markt verdrängt werden. Chinesische Schüler, Stu⸗ denten und Kadetten werden seit vielen Jahren in großer Zahl nach Japan gelockt, damit sie dort dem Einfluß der Europäer entrückt sind und in japanischem Geiste erzogen werden können. Chinesische Konzessionen für Bergbau, Eisenbahnen sollen den Weißen entrissen werden und in japanische Hände kommen. Die Japaner, denen die Er⸗ schließung und Eroberung des chinesischen Marktes und die Beeinflussung seiner inneren Umgestaltung als eine nationale Lebensfrage erscheint, sagten sich, daß dieses Ziel, diese Einflußnahme, besonders angesichts des scharfen Wett⸗ bewerbs Amerikas, Rußlands und nicht zuletzt Deutschlands, mit allen Mitteln, nötigenfalls auch mit gewaltsamen, be— trieben und erreicht werden müsse.
Und deshalb, nur deshalb ließ sich Japan von England in das Kiautschau-Abenteuer hineinhetzen. Nun soll wieder die„friedliche“ Einflußnahme fortgesetzt werden. Die Ja⸗ paner wissen, daß sie vor den konkurrierenden Völkern gewisse natürliche Chancen voraus haben, die sie rücksichts—
die nach ihrer Ansicht nie die Söhne des Ostens verstehen werden und darum guttäten, die Aufgabe, die Chinesen zur Höhe einer modernen, sich auf Wissenschaft und Technik stützenden Nation auszubilden, ihnen, den Japanern, frei— —.— zu überlassen, ehe sie sich die Berechtigung mit Gewalt olen.
Dies ungefähr ist das geistige Rüstzeug, mit dem die japanischen Diplomaten jetzt der chinesischen Regierung gegenübertreten. Und wir fürchten, Juanschikai wird solchen Gründen mehr Verständnis entgegenbringen, als der Ehre und dem Bestand des chinesischen Reiches gut ist. Erst das Ende des europäischen Krieges wird uns die Möglichkeit wiedergeben, unsern Einfluß in die Wagschale dieser öst— lichsten Fragen zu werfen.
Herrn Williams Archers Antwort. Von Knut Hamsun.
Der norwegische Schriftsteller Knut Hamsun hatte in der Kristianiaer Zeitung„Tidens Tegn“ seiner Sym- pathie für Deutschland offen und rückhaltlos Ausdruck ge— geben. Die darauf erfolgte Entgegnung eines Engländers, W. Archer, hat ihn veranlaßt, in„Tidens Tegn“ vom 17. Januar eine ausführliche Antwort zu veröffentlichen. Diese Antwort, von der in Deutschland bisher nur ein dürftiger telegraphischer Auszug bekannt geworden ist, ver⸗ dient auch bei uns gelesen zu werden. Sie folgt daher hier in deutscher Uebersetzung.
Zoll für Zoll will ich ihr nachgehen, so gut ich kann. Herr Archer ist ein Gentleman von rühmlicher Kürze und Klarheit; bei ihm lese ich jede Zeile, ohne lange Stücke mit bloßem Geschwätz überspringen zu müssen. Da ich nicht Deutschlands Advokat bin, kann ich allerdings nicht auf alles befriedigend antworten; ich schreibe heute, um meinen Brief über meine deutschen Sympathien bei dem Kriege zu erläutern, zu diesem und zu keinem andern Zweck.
Herr Archer findet, ich widerspreche mir selbst, wenn Eng⸗ land den Krieg verursacht, Deutschland aber ihn jetzt gewollt haben soll. Ich habe mich vielleicht schlecht ausgedrückt; was ich meinte, war dieses: Durch seine Politik habe England den Krieg unver- meidlich gemacht, früher oder später mußte dieser kommen, zum Bei⸗
land die Umgestaltung seines Heeres durchgeführt hatte; aber Deutschland wartete nicht darauf, Deutschland begann den Krieg jetzt, wollte den Krieg— jetzt. Ich glaube doch, daß man mit etwas gutem Willen verstehen kann, was damit gemeint ist. Ob wohl Herr Archer recht hat, daß die Deutschen„Eng⸗ lands insulaxe Sicherheit vernichten wollen“? Woher schließt er das? Weil sie„eine Flotte bauen wollten, so stark, daß sie Eng⸗ land die Herrschaft zur See streitig machen könnte“. Aber das ist sicher eigentlich etwas anderes. Das ist etwas so ganz davon ver— schiedenes, daß ich, wäre ich Deutscher, dasselbe tun würde. Und wäre England an Deutschlands Stelle, ich hoffe, es würde dasselbe tun. Es handelt sich hier um ein Volk von 46 Millionen, das sich— durch lauter Militarismus— ein Viertel der ganzen bewohnbaren
spiel, wenn Frankreich seine dreijährige Dienstzeit erreicht und Ruß⸗] Außerdem
will. Das aber fürchtet jenes erste Volk, ist darüber erbittert und beugt dem mit aller Gewalt vor. 2
Was englische Politik nicht kann, sich hier eine gavisse Zurück⸗ haltung auferlegen, das könnte doch der einzelne Engländer tun. Ein Volk von 46 Millionen soll selbstverständlich bestimmt sein, Jahrhunderte lang, auf ewig dazusitzen und die Erdoberfläche aus⸗ zuteilen an— sich selber, worauf es— mit unausgesetzter Be⸗ obachtung seines eigenen Vorteils— die Reste derselben Erde an die übrige Menschheit ausparzelliert. Sechsundvierzig Millionen, auf ewig, selbstverständlich. Weshalb? Weil dieses Volk psychisch und physisch allen anderen Völkern überlegen ist?
Weil es die meisten Kriegsschiffe hat, Herr auf der See ist!
Ich möchte nicht tendenziös sein; aber um so kurz wie mög⸗ lich zu sein, habe ich auch hier meine Meinung etwas weniger nuanciert ausdrücken müssen, als sie hätte ausgedrückt werden können. Das macht übrigens wenig aus. Ist dagegen meine Dar⸗ stellung unrichtig? Sind Länder und Völker der Erde gegangen gekommen und haben sie England gebeten, an England ausgeteilt zu werden? Im großen und ganzen ist die Verbindung mit dem Mutterlande eine Frucht der Gewalt.„Das britische Weltreich ist Stück für Stück durch Krieg und Eroberungen zusammengefügt, durch Diebstahl und Ränke, durch fortwährenden brutalen Ge⸗ brauch physischer Uebermacht... Nationen können nicht geschaffen oder groß werden durch ethische oder geistige Entwickelung allein.“ (Homer Lea.)
Stände Herr Archer außerhalb und könnte er in gleicher Weise nach beiden Seiten sehen, würde er gewiß das Verhalten der Deutschen nicht so unvernünftig finden, wie er tut. An Groß⸗ britaniens und Irlands insulaxe Sicherheit selbst zu rühren, daran denkt kaum ein einziger deutscher Dummkopf. Es ist der aben⸗ teuerliche und unverhältnismäßige Besitz des Erdballes, auf dem England festsitzt und von dem Deutschland einen Fetzen braucht und nicht bekommen kann.
Man kann sich mit einigem Grunde darüber wundern, daß England seine Weltherrschaft so lange behalten hat, wie es der Fall ist. Daß es einmal auf diese Herrschaft verzichten muß, ist ja nicht unwahrscheinlich; alles geht in Wellenbewegungen, die Geschichte wiederholt sich, früher oder später schwinden Weltreiche auf ihren natürlichen Umfang zusammen. Es sind selbstverständ⸗ lich große und gute Eigenschaften bei den Engländern, die das Ding so lange in Gang erhalten haben, unter anderm ist es ihre Macht, unter anderm ihre Mäßigung, wenn sie sich in die innere Regierung der Länder mischten.
Dieses letztere, die möglichst weitgehende Selbstregierung der Länder, ist oft als Hochsinn und politische Weisheit an den Eng⸗ ländern hervorgehoben worden. Das Raisonnement ist vielleicht wenn wir so sagen dürfen, etwas zu volkstümlich. Warum sollten die englischen Besitzungen nicht sich selber regieren dürfen? Sie liegen ja alle weit weg, alle sind ganz verschieden von dem Insel⸗ reiche selbst, durch Klima, Erwerb, Geist der Gesellschaft, oft sogar durch die Rasse. Wollte England seine Kolonialbevölkerung aus⸗ rotten, so würde es deren Selbstregierung einschränken oder auf⸗ heben. Aber warum die Kolonialbevölkerung ausrotten? Eng⸗ land hat ja keine überzähligen Engländer an deren Stelle zu setzen. müßte es dann wohl den ausländischen Völkern ein⸗ leuchtender gemacht werden, daß das Mutterland selbst mustergültig regiert wird, woran sie vielleicht bis jetzt gezweifelt haben kön⸗ nen. Der Inder, der Kanadier, der Australier hat möglicherweise eine Vorstellung davon, daß bei der Bevölkerung Englands die tiefste Not unmittelbar neben dem höchsten Reichtum hergeht, daß die Landfrage, die im Namen aller Vernunft schon vor Menschen⸗ altern hätte geordnet sein sollen, noch kaum um eines Haares Breite vorwärts gerückt ist, daß die Industrie und der Handel anfangen, von Deutschland zu Tode konkurriert zu werden, daß
Englands frühere gesunde und weitausgreifende Lebenskraft dahin⸗
welkt. Aber England, das Mutterland, 46 Millionen, ist Herrin auf der See. 5 Es ist vielleicht von England keine so große politische Weisheit,
Kunst, Wissenschaft und Ceben.
— Friedrichder Große unddie lenkbaren Luft⸗ schiffe. Aus den Erinnerungen, die Dieudonné Thiébault über seinen Aufenthalt am Hofe Friedrichs des Großen veröffentlicht hat, hebt die„Revue Bleue“ ein merkwürdiges Gespräch hervor, das der König mit ihm über die Luftschiffe hatte und das in sunseren Tagen der Zeppeline ein besonderes Interesse erweckt. Während des Karnevals, der den berühmten Versuchen von Montgolfier, Robert, Pilaätre des Rosiers und anderer folgte, brachte der König eines Tages auch die Frage der Luftballons zur Erörterung. Thisbault erzählt:„Nun, Herr,“ sagte er mir,„da verschmähen ja Ihre Landsleute die Erde und ihre niedrigen Bewohner und träumen nur noch davon, zum Himmel emporzusteigen. Alle Köpfe in Frankreich haben sich diesem Gesichtspunkt zugewandt, und keiner blickt mehr auf seine Füße. O, mein Herr, das ist schön, bewundernswert. Aber was glaubt Ihr wohl, wozu diese Be⸗ 9 führen soll? Wenn wir diese Zauberbilder an die
telle der 3 des guten Menschenverstandes setzen, was können wir dann wirklich Reales für die Zukunft erhoffen? Man wird nichts davon für die astronomischen Beobachtungen gewinnen. (Der König setzte sehr einsichtsvoll auseinander, warum)... und wenn die Luftschiffe für die Astronomie unnütz sind, wozu werden sie dann dienen können?“ Thisbault antwortete, daß sie viel⸗ leicht für die Kenntnis der Bedingungen der Atmosphäre, der ver⸗ schiedenen Luftströmungen usw. wichtig sein würden.„Schön,“ antwortete der König,„ich gebe Euch das„Vielleicht“ zu und erlaube die Versuche. Aber Ihr werdet mir zugestehen, daß die Luftschiffe umsomehr unnütz bleiben werden, als es nicht gelingen wird, sie zu lenken.“„Ich antwortete,“ schreibt Thisbault weiter, „daß ich nicht wüßte, ob es möglich wäre, sie zu lenken, aber baß ich mir die Freiheit nähme, Seiner Majestät die Erwägung vor⸗ zulegen, daß es mir schiene, als ob die meisten der großen Ent⸗ deckungen unmöglich erschienen wären, bevor sie gemacht wurden.“ Thiebault erwähnt dem König das Segeln gegen den Wind, die Entdeckung des Pulvers, der Buchdruckerkunst, des Kompasses und die Wunder der Elektrizität. Er sucht zu beweisen, daß darin ein Grund zugunsten der Lenkbarkeit künftiger Luftschiffe läge, daß die Vögel sich in der Luft wie die Fische im Wasser ausgezeichnet zu lenken verständen, und da unsere Kunst nur in der Nachahmung der Natur bestünde, wir auch glauben könnten, daß man alles, was in der Natur geschieht, einmal nachmachen würden.„Aber wozu würde dies dienen?“ antwortet Friedrich.„Diese Art zu reisen würde außerordentlich viel kosten, und niemand würde reich und töricht genug sein, es in dieser Art zu tun.“„Vielleicht, Sire, würde diese Entdeckung große Uebel verursachen, aber Eure Majestät weiß besser als ich, daß es Umstände gibt, unter denen die Regie- rungen die Ausgaben für Nichts erachten?“„Ja,“ antwortete der König,„wenn z. B. ein großer Sieg in dem Augenblick davon⸗ getragen wird, in dem ein Verbündeter geneigt ist, seinen Sonder⸗ frieden mit dem Feinde zu machen, so kann man niemals genügend Schnelligkeit anwenden, ihm den Erfolg, den man erreicht hat, zu verlündigen. Aber die Gelegenheiten sind so selten...“ Thiébault wagte nicht weiter in die militärischen Erwägungen einzutreten und wies nur auf die Wichtigkeit hin, die die Luftschiffe im Kriege
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erlangen könnten, Erwägungen, die ficher dem großen König in seinem vorausschauenden Geiste nahe lagen.
— Eine Beziehung Dürers zu Lionardo. Einen wichtigen Beitrag zu der vielerörterten Frage von Dürers erster fitalienischer Reise bietet Dr. Oskar Hagen in der Kunstchronik, indem er die bisher nur als Vermutung ausge⸗ sprochene Behauptung, daß Dürer dabei nach der Lombardei und nach Mailand gekommen sei, als höchst wahrscheinlich er⸗ weist. Die Reiseroute des 24jährigen Künstlers läßt sich ja an der Hand seiner so außerordentlich naturgetreuen landschaftlichen Zeichnungen verfolgen. Dafür, daß er in Venedig war, spricht außer der Stelle in dem Brief an Pirkheimer, die den Anstoß zu allen Forschungen nach dieser ersten Italienreise gab, eine An⸗ lehnung an ein Gemälde des Cima da Conegliano in dem Kupfer⸗ stich des„Heiligen Sebastian an der Säule“. Ist nun Dürer auch nach Mailand gekommen, wo damals Lionardo wirkte? Die Frage ist von größter Bedeutung, denn Lionardo ist ja von größtem Ein⸗ fluß auf die Entwicklung Dürers gewesen, und die Vermittler⸗ rolle, die man in dieser Hinsicht dem Jacopo dei Barbari zuge⸗ schrieben hat, eine ziemlich unglückliche Konstruktion der Kunst⸗ geschichte. Dr. Hagen hat nun einen Beweis dafür, daß der junge Dürer in Mailand gewesen sein muß, in dem bekannten„Dres- dener Altar“ des Meisters entdeckt. Die Gestalt der anbeten⸗ den Maria in diesem Bilde, die eine in Dürers Werk vereinzelt dastehende, nur durch italienische Vorbilder erklärliche Verkür⸗ zung aufweist, hat bereits früher zu der Erklärung geführt, daß Dürer ein italienisches Bild nachgeahmt haben müsse, wenn man nicht, wie es Wölfflin in seiner von der Forschung als falsch er⸗ wiesenen Unechtheitserklärung des Bildes tat, das Auftreten dieser merkwürdigen Figur für einen Beweis der Unechtheit ansehen wollte. Als Vorbild wird nun von Hagen das erste gesicherte Werk des Bartolomeo Suardi, gen. Bramantino, die be⸗ kannte„Anbetung des Kindes“, in der Mailänder Ambrosiana fest⸗ gestellt. Die kniend anbetende Maria dieses Bildes kehrt in fast wörtlicher Wiederholung auf dem Dresdener Altar wieder, doch hat Dürer natürlich, wie er es stets tat, die Vorlage in seine eigene Sprache übersetzt und von diesem Meisterstück kühner Verkür⸗ zungskunst nur die nachdrücklichste Anregung erfahren. Der Ein⸗ fluß des Bramantinoschen Werkes geht sogar so weit, daß auch die merkwürdige und ungewöhnliche Art, auf die seine Personen die Hände falten, von dem deutschen Meister nachgeahmt wurde. Da diese Züge im Werke Dürers einzigartig dastehen und das Bra⸗ mantino⸗Bild selbst in einer auffälligen Kleinigkeit mit dem Dres⸗ dener Werke übereinstimmt, muß es Dürer gesehen haben. Dies konnte er aber nur in Mailand, wo das Gemälde eben frisch aus der Werkstatt des Meisters hervorgegangen war. Durch Braman⸗ tino aber wurde der junge Meister auf den eigentlichen Vertreter der neuen Zei kunst und Aesthetik, auf Lionardo, hingewiesen, der erst 1499 Mailand verließ. Lionardo und Dürer, diese bei⸗ den tiessinnigsten Köpfe der Renaissancekunst, müssen also damals in eine, wenn auch nur räumliche, Beziehung gekommen sein, und ein tätiges Erleben der Lionardoschen Kunst läßt sich denn auch bei Dürer schon in seiner ersten Zeit nachweisen.
An den masurischen Seen, da ziehts! Zur Siegeskunde am 17. Februar 1915. Von Hermann Steingoetter.
1. Aufgedunsen im Dumasaale Quakten sie laut vom Ideale „Russischer Freiheit“, die Lügenknechte, Prahlten dazu vom erhabenen Rechte, Für das sie kämpften— mit dem Maule! — Herr Hindenburg aber auf seinem Gaule Schattet die Augen mit der Hand, Spähet von Warschau zurück ins Land: Leise rascheln die Gräser des Rieds: An den masurischen Seen, da ziehts!
2. In der Duma wirft man geschwollen Um sich mit klotzigen Redebollen, Rufet den Himmel an zum Zeugen, Daß sich Gewalt vor dem Geist muß beugen; Die Gewalt sei mit den Germanen Und der Geist mit den russischen Fahnen! — Ob nicht Hindenburg ihnen beweist, Daß bei den Deutschen Gewalt und Geist?! Flüsternd rascheln die Gräser des Rieds: An den masurischen Seen, da ziehts!
3. Doch die Petersburger Bajaren Wedelten weiter vor ihrem Zaren, Buckelten vor ihrem„herrlichen Heere“, Das ein„Fels sei im brüllenden Meere,“ Vergaßen z der Seenplatte,
Wo getaucht es als Wasserratte.—
Herr Hindenburg aber lächelt fein;
Ihr müßt wohl nochmals getunket sein?! Lauter rascheln die Gräser des Rieds: An den masurischen Seen, da ziehts!
4. Während die Duma sich noch begeistert Und in Reden den Feind bemeistert, Mäulings das schwarze Meer durchbrandet Und am goldenen Horn schon landet, Schnell auch der Dardanellen Pforte Kühn besetzt mit beflügeltem Worte, Schließen auf des Marschalls Geheiß Vier neue Armeekorps den Todeskreis.— Deutlich rascheln die Gräser des Rieds: An den masurischen Seen, da ziehts!
5. Heut nun auf das Dumagewäsche Kommt Hindenburgs Antwort als Depesche: „Eingefangen sind Fünfzigtausend,
Nur Reste noch in den Wäldern hausend, Genommen mehr als hundert Geschütze, Vor unsern Truppen zieh ich die Mütze!“ Des kurzen Wortes siegender Hall Verbläst aller russischen Reden Schwall. Freudig rascheln die Gräser des Rieds: An den masurischen Seen, da ziehts!
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