Ausgabe 
(25.1.1915) 20. Zweites Blatt
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solche bloß erziehlichen Maßnahmen gegenüber tief eingewurzelten Gewohnheiten und eingebildeten Bedürfnissen. Auch die bisherigen gesetzlichen Verbote und Eingriffe in die Viehwirtschaft, den Handel und die Bäckerei genügen nicht. Der Ernst und die Größe der Aufgabe verlangen eine entscheidende Tat. Die Versammlung erwartet in Uebereinstimmung mit zahlreichen Sachkennern nur von einer öffentlichen Beschlagnahme aller Brot⸗ getreide- und Mehlvorräte und ihrer geregelten Ver⸗ teilung gegen Mehl- und Brotscheine an die Verbraucher eine wirksame Sicherung der noch vorhandenen Vorräte für den un⸗ entbehrlichen Bedarf der Volksgesamtheit, im Gegensatz zur bis herigen Verzettelung des Getreides durch Private oder durch Viehzüchter. Mit Entschiedenheit lehnen wir dagegen die angeregte Heraufsetzung der Getreidehöchstpreise, aber ebenso die Beseitigung der Höchstpreise ab, da sie keinerlei nennenswerte Ersparnisse ge wähnleistet, die unbemittelten Volksllassen aber zugunsten weniger zahlungsfähiger Aufkäufer schwer benachteiligen müßte und da⸗ durch die nationale Einmütigkeit gefährdet. Gleichzeitig emp⸗ fehlen wir dringend, angesichts des bevorstehenden Schweineab⸗ chlachtens eine Regelung der Vieh⸗ und Fleischverwertung durch städtische und genossenschaftliche Markt und Speichermaßnahmen. Durch sofortiges planmäßiges Eingreifen öffentlicher Organisatio⸗ nen, aber auch nur dadurch, kann die Brot- und Fleischversorgung gegenüber den Aushungerungsdrohungen Englands in Deutsch⸗ land so geregelt werden, daß die Wirtschaftskraft der unbemittelten Volksgenossen selbst die längste Kriegsdauer zu überstehen vermag.

Damit hatte die große Versammlung, in der die Organisationen von etwa 16 Millionen deutscher Verbraucher vertreten waren, ihr Ende erreicht.

12. Nop. Hier wurde mein Schreiben gestern abend unter brochen, weil alles heftig auf einen Skat drängte, und schließ⸗ lich noch Besuch erschien! Ich füge heute in Eile noch ein paar chlußzeilen an. Die ganze letzte Nacht hindurch wurde heftig ge . schossen es war stockfinster, und heute früh merkten wir dann, daß sich die Franzosen erheblich genähert hatten. Nun gab es eine heftige Schießerei, wir feuerten auf nur 900 Meter, wo jetzt die Feinde vor ihren ersten Schützengräben lagen Darauf gingen sie zurück in ihre Gräben und plöhlich, wir trauten in der Beobachtungsstelle unseren Augen nicht, schoß die französische Artillerie direkt von der Flanke in die eigenen Schützengräben hinein. Die Verbindung zwischen Infanterie und Artillerie muß nicht geklappt haben, oder die Infanterie hatte ihr Vorgehen nicht gemeldet, auf jeden Fall miissen die Leute in den Schützengräben wie gemäht gelegen haben! Ihre Uniformstücke sie als Erkennungszeichen hoch gehalten, weiße Tücher ge⸗ schwenkt, aber immer wieder ein neuer Schuß sauste, von Franzos gegen Franzos abgesandt, in die Deckung. 1 5 Inzwischen wird immer noch heftig von drüben weikergeschossen 8 1 wie sich der Kampf weiterentwickelt, deshalb r heute.

93 Artilleriestellung nördl. d. Aisne, 17. Nov. 1914. Meine Mit⸗

teilung, daß inzwischen die dritte Typhusimpfung stattgefunden hat, wird eingetroffen sein. Donnerstag beginnen nun unsere Feiertage, die wir hinter der Front zubringen, um 6 Tage lang mit den HKriegsfreiwilligen zu exerzieren, Fahrübungen zu machen und in Betten zu schlafen. Allerdings werden wir dann das Geräusch feind⸗ licher Granaten entbehren müssen und vorwitzige Infanteristen wer⸗ den nicht mehr auf uns schießen, wenn wir, wie das öfter der Fall war, hie und da einmal den Kopf unvorsichtigerweise über die Teckung hinausstreckten! Besonders schmerzlich werde ich eine seind⸗ liche Kanone vermissen, die uns gerade gegenüber stehen muß. Ihr N 2 5 ich vermute, es ist ein alter Landwehrhäuptling wird hei jeder Kleinigkeit dermaßen erregt, daß er dann ununterbrochen 12 Stunden lan

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schießt, immer mit so hohen Spreugpunkten,

Daß wir in der ersten Zeit 1 3 er beschösse Flieger. Ter Mann beschießt uns nun seit etwa ochen andauernd, d. h. er sucht uns und streut das

0 118 mit Granaten ab, ohne bisher auch nur die gering 8 zu haben. Wir kümmern uns überhaupt nicht um ihn,während ich schreibe, knallt er wieder unausgesetzt und verschwendet Munition. Hier setzen neuerdings die Nachfröste ein und lindern den furchtbaren Morast, deer durch andauernden Regen in dem Lehmboden entstanden war. * Heute abend findet bei der uns vorgelagerten Infanterie die festliche Eimveihung einer neugebauten Offiziershöhle statt. Sie poll angeblich bombensicher sein, ich bin zur Feier des Ereignisses geladen! Wir 77 fahren eifrigst Eisenbahnschinen an, mein Dauptmann und ich beabsichtigen, wenn wir nach unserer sechs⸗ tägigen 1 zurückkommen, mittels dieser uns ein bomben⸗ sicheres Schlafzimmer zu konstruieren. Im Gegensatz zu Vor⸗ stehendem, was alles sehr friedlich klingt, auch nachstehend wieder Lingmal ein grelleres Kriegsbild. In meiner letzten Karte schrieb ich von einem Angriff, den die Franzosen hier versucht hatten. Jiunächst hatte man die armen Gesellen, damit sie den notwendigen Mut zu einem Angriff aufbrachten, gründlichst mit Alkohol be⸗ geistert. Die Reaktion kam selbstverständlich nach. sie ließen sich Ia so gerne gefangen nehmen und freuten sich wie die Kinder, als sie im sicheren Geleit unserer Soldaten hinter der Front außerhalb des Bereichs der Artillerie waren. Schlechter erging es den Reserven und denen, welche ver⸗ siuchten, wieder zurückzukommen! Wir und eine andere unserer Batterien, schossen mitten in sie hinein. Sie haben schreckliche Verluste gehabt. In der Mitte, zwischen den nur 90 Meter aus⸗ eeinanderliegenden Schützengräben, lag 2 Tage lang ein armer verwundeter Franzose. Man konnte ihm nicht helfen. Sobald jemand von uns aus der Deckung ging, wurde auf ihn geschossen. Die Franzosen selbst getrauten sich nicht einmal bei Nacht ihrem Kameraden zu Hilfe zu kommen. Man wollte ihm dann ein Seil ziuwerfen, aber auch das mißglückte, und ihm den Gnadenschuß u geben, der für den Mann eine Erlösung gewesen wäre, dazu hatte keiner das Herz. Das sind Kriegsbilder, bei denen sich einem noch lange danach, wenn man an sie zurückdenkt, das Herz im Leibe umdreht. 1 5 . An Kleidung. Wollsachen usw. ist alles in Ueberfülle vor⸗ handen, nur Lichte und Streichhölzer benötigen wir ständig, und für . Deliratessen zur Würze des eintönigen Mahls sind wir immer

sehr empfänglich! d

N Le N. 20. Nov. 14. Meine letzten beiden ausführlichen Berichte werden angekommen sein. Diese Zeilen schreibe ich aus dem Dorfe, in welches wir, um Ruhe 10 haben, für 6 Tage zurüd gezogen sind. Die Unterkunft ist nicht hervorragend, aber man hat einmal ein Dach über dem Kopf und schläft in einem leidlich guten Bett. Allerdings getraue ich mich auch hier nicht, nachts die Kleider abzulegen. Neben unseren beabsichtigten Uebungen sollen die Kleidungsstücke der Leute einmal gründ⸗ lichst nachgesehen werden, es gibt also allerhand zu tun. Auch it täglich eine stärkere Srtswache zu stellen als Posten und zur Bewachung der gefangen gesetzten männlichen Einwohner, Letz⸗ tere müssen am Tage unter Aufsicht arbeiten, Straßenreinigen, Ausbessern. Brennholz holen usw. Es ist momentan eine Lust, im Freien Dienst zu tun. Täglich das herrlichste Frost⸗ wetter! Uebermorgen, Sonntag, folgt weitere Nachricht. Le M., 22. Nov. 14. Welch köstlicher Sonmtagnachmittag in Nuhestellung in Feindesland. Ich sitze in einer leidlich geheizten 5 tube, im Kamin knistert das Holzfeuer und ringsum herrscht tiesster sonntäglicher Friede. Dabei beschleicht einem seit langem ungekanntes beschauliches Wohlbehagen! Alles ist spazieren ge⸗ ritten, ich blieb zurück, um mich elwas meiner Korrespondenz zu widmen! Junächst die Meldung, daß nun das 10⸗Pfund⸗Baket mit Kerzen glücklich eingetroffen ist. Die 10⸗Pfund⸗Pakete haben alle durchschnittlich einen Monat zur 5 nach hier benötigt. Zetzt, wo jeden Tag derartig große Sendungen eintreffen, schwelgen wir einmal wieder im Ueberfluß, Umsomehr dauern uns die armen französischen Bewohner gieser traurigen Dörfer, wo es 12 mehr zu nagen und zu beißen gibt. Sie sind völlig auf die Versorgung durch unsere Truppen angewiesen Auch . wir geben den vier Frauen, die hier in unserem Hause wohnen, 3 ein aut Teil unserer Mahlzeiten ab.

Jaur die Tauer unserer sechstägigen Ruhezeit herrscht hier der richtige Friedensbetrieb, jeden Tag macht die Batterie eine

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möglichen Stellungen eingefahren und mit Wut gegen einen markierten Feind abgeprotzt. Am Nachmittag folgt Geschütz⸗ ezerzieren und dergl. mehr. Vorne in der Feuerstellung ist es eben auch äußerst gemütlich! Zur Erklärung dieses Zustandes will ich hier ein Geschichtchen einflicken, welches ich, wenn seine Wahrheit nicht verbürgt wäre, jederzeit für das gröbste Jäger⸗ latein erklären würde!

Etwa 700 Meter links vorwärts unserer Batteriestellung, d. h. der Stellung, aus der wir hierher kamen und in die wir am Mittwoch auch wieder zurückkehren, liegt ein Foßes Ge⸗ höst, welches pon unserer Infanterie besetzt ist! Es ist dies unser vorderster Punkt! Auf 80 Meter liegen sich Freund und und Feind gegenüber. Hier wird also nun schon wochenlang tagtäglich erbittert gekämpft. Jeder Rockzipfel, der sich dort zeigt, wird beschossen, jede Kompagnie, die dort vorne lag, wurde nach kurzer Zeit wieder abgelöst, weil die Anforderungen, die dort an die Nervenkraft der Leute gestellt wurden, ganz außergewöhnliche waren! Wie gesagt, in dieser Stellung herrscht seit vorgestern tiefster Friede, und das kam folgendermaßen: Im vorgelegenen französischen Schützengraben wurde vorgestern ein weißes Tuch hochgehalten. Darauf ging von unserer Seite ein sprachgewandter Ofstzierstellbertreter vor und von sranzösischer Seite kam ebenfalls ein Bevollmächtigter herüber. Derselbe machte viele Worte, aber der langen Rede kurzer Sinn war der, man möchte ein Abkommen treffen, um sich in Zukunft in Frieden zu lassen, man sei die ewige Schießerei müde! So herrscht denn dort ein stilles Einverständnis, Zeitungen und Nauchwaren werden ausgetauscht, und wo man früher nur auf dem Bauche kriechend vorbeikommen konnte, stehen heute die Leute in voller Größe und rauchen ihre Zigarren, sogar oben auf den Rändern der Schützengräben sitzen die Wurschen. Neulich abends wurde ein Franzos, der allerdings betrunken war, so vertraulich, daß er in unserem Schützengraben Besuch machte, er nahm es aber auch nicht übel, als man ihn nicht wieder zurückließh! Trotz allem herrscht auf dieser Seite natürlich größte Vorsicht, die Posten sind dort sogar verstärkt worden, falls die ganze Friedens- liebe sich als ein Ueberrumpelungsversuch herausstellen sollte.

Heute abend findet hier bei uns am friedlichen Sonntag eine kameradschaftliche Einladung statt. Im ganzen zehn Gedecke früher Couverts. Die Speisefolge früher Menu ist: Gemischte Platte früher Hors d'veuvres, Schildkröten⸗ Suppe(früher Mocturtle, Wiener Würstchen mit Beilage, Rinder⸗ braten früher si et de boeuf mit Gemü ten(früher Harricots verts), Käse, Kaffee, verschiedene Weine und zum Schlusse Würzburger Hofbräu. Daß alles tadellos serviert wird, der Tisch mit Blu⸗ men geschmückt ist und ähnliche Aeußerlichkeiten bis herab zu den weißen Handschuhen der Kasinoordonnanz, brauche ich wohl nicht zu erwähnen! C'est la guerre! g A., 28. Nov. Artilleriestellung nördl. d. Aisne. Mein gest⸗ riges Telegramm aus Ch. wirst Du erhalten haben. Wir sind nach unseren Ruhetagen jetzt wieder in unserer alten Stel⸗ lung und fühlen uns wieder äußerst wohl hier. Geschossen wird sast gar nicht, nur einmal nachts nach unserer Rückkehr gab es ein Scharmützel, aber nichts von Bedeutung! Tas gute Einber⸗ nehmen in Der exponierten Stellung zwischen Freund und Feind von dem ich in meinem vorigen Briefe berichtete, nahm wäh⸗ rend unserer Abwesenheit ein Ende mit Schrecken, denn ganz unvorhergesehen kamen dort plötzlich feindliche Granaten ange⸗ saust und setzten 15 Leute unserer Infanterie ausser Gefecht. Das Frostwetter hat leider wieder heftigem Regen Platz gemacht und somit berrgeht hier wieder mächtiger Schmutz. Alles was ich den letzten Nachrichten von Dir aus Gießen entnahm, war mir hochinteressant und daß meine Bitte behufs täglicher Ueber⸗ sendung des Gießener Anzeigers so prompt Erfüllung fand, freute mich sehr. 3 A., nördl. der Aisne, 1. Dez. Seit Tagen bin ich wieder ohne Nachricht, wie kommt das? Hier hat sich nichts Neues ereignet, wir bauen unsere Stelungen immer weiter aus und schaffen uns sogar Unterstände, durch welche die schwerste Granate nicht durchzudringen vermag. Auch die Mannschaften verschönern ständig an ihrer Erd⸗ höhlen! Große, geräumige Zimmer sind es geworden! Gestern weihte ein Geschütz seine neue Wohnung mit einem geselligen abend⸗ lichen Zusammensein ein! Es mutete an wie ein heimatlicher Stu⸗ dentenabend, da die betreffende Geschützbedienung sich fast nur aus Kriegsfreiwilligen zusammensetzt! Wir saßen bis 3 Uhr auf und schmetterten deutsche Studentenlieder hinaus in die Nacht. 2. Dez. Inzwischen sind eine ganze Reihe Postsachen zusammen eingetroffen. Die Reklamebändchen sind sehr erwünscht, sind rasch elesen, werden dann weiter gegeben und machen anderen ebenfalls eude,

6. Dez. Vorgestern endlich haben die Franzosen unsere Stel⸗ lung entdeckt, nach beinahe zwei Monaten, und wir werden jetzt von französischer und englischer schwerer Artillerie heftigst beschos⸗ sen. Da wir bombensichere Unterstände während der Länge der Zeit anlegen konnten, ist die Beschießung natürlich erfolglos! Nur ist es nicht erfreulich, stundenlang still in seinen Unterständen sitzen zu müssen. Was an sonstigen Deckungen entzwei geschossen wird, bringen wir nachts immer wieder in Ordnung. Gestern konn⸗ ten während der ununterbrochenen feindlichen Beschießung die der Geschütze mit ihrem Essen nicht an die Batterien herankom⸗ men, so daß stark gehungert wurde! Für gewöhnlich nehmen wir unsere Mahlzeiten in der Wohnhöhle ein. Immer tadellos ge⸗ deckt! Porzellan, Gläser, Tassen, Bestecke aller Art besitzen wir schon längst, ebenso Likörflaschen, Kaffeekannen, Supventerine, Schüsseln, Anrichtplatten. Unsere Ordonnanz deckt den Tisch und wäscht das Geschirr, und unser Koch bereitet das Mahl. Das heu⸗ lige Mittagessen besteht aus Bouillonsuppe und gebackener Leber. Die Kartosseln sind durch den plötzlich auftretenden Frost knapp geworden. Sehr behaglich ist immer das erste Frühstück! Wenn wir uns zum Kaffeetrinken versammeln, prasselt schon das Feuer im Ofen. Der Tisch ist sauber gedeckt, Kaffee, Butter, Brot, Schin⸗ leu, Wurst, kurz alles, was das Herz begeht, ist vorhanden, auch Bienenhonig und Marmelade fehlen selten! Auch der Abendbrot⸗ tisch ist reichlich besetzt, Franksurter Würstchen, Amchovis, Sar⸗ dinen, sogar Gänseleberpastete ist häufig da. Wenn man, wie vir, nun schon so lange in einer Stellung liegt, bildet sich natürlich die Möglichkeit einer guten Beköstigung leicht heraus, und außerdem sind wir mit Liebesgaben und Geschenken von allen Seiten über⸗ flutet! Es kommen auch wieder Zeiten, wo man fuͤr ein Stück trockenes Brot froh ist!! 5 Morgen abend sollen wir wieder für 6 Tage in Ruheguaxtier wandern. Es ist fraglich, ob wir nachher in unsere alte Stellung zurückkommen! Es wäre mir eine große Freude, wieder einmal mit eignen Geschützen selbständig wirtschaften zu können!

9, Dez. Unsere Erholungstage sind bis zum 12. Dezember binausgeschoben worden, wir bleiben vom 12. bis zum 18. hinter der Front und kommen dann wahrscheinlich in eine andere Feuer⸗ stellung. Wir haben solch trostloses Regenwetter, daß die Schaft⸗ stiefel fast im Lehm stecken bleiben!

11. Dez., frühmorgens. Viel Post ist inzwischen wieder einge- troffen, alles ganz unregelmäßig in der Reihenfolge. Heute arbeitet schon seit einer Stunde draußen im Dunkeln meine Batterie, Mit 2 und 3 Pferden vorgespannt werden dicke Baumstämme für Unterstände aus dem nahen Walde herangeschleift. All das geschieht unter meiner Leitung und im Dunkeln, damit der Feind nichts bemerkt! Hier in unserer Wohnhöhle, wo ich eben diese Zeilen schreibe, ist es schon mollig warm. Der Kaffeetisch ist schon ge⸗ deckt, aber Kaffee gibt es erst um 8 Uhr. Die andern Offiziersoldaten schlafen noch! Ich bin der Frühaufsteher der Batterie und tue daher diesen Frühdienst immer sehr gerne,

Bl., 14. Dez. In den letzten 3 Tagen war viel für mich zu tun und nicht an Briesschreiben zu denken! Jetzt sind wir wieder in Ruhe hinter der Front und zwar nicht wie im vorigen Monat in, Le M., wie wir hofften, sondern in dem größeren Städtchen Bl. in welchem auch der Divisionsstab liegt. Zuerst waren wir recht unglücklich darüber, als unser Ruheort umbefoheln wurde. Ich kam als Quarliermacher am Sonnabend hierher, doch waren die Quartiere, die noch frei waren, so schlecht, daß sie weder für, Mann noch Pferd cine 1 ee hätten. Eine Unterredung, welche ich deshalb direkt bei der Division herbei⸗ führte, hatte den schönen Erfolg, daß ein schon länger hier

Fahrübung ins Gelände! Mit großem Trara wird in allen

untergebrachter Train-Truppenteil umquartiert wurde, und wir

in dessen Quartier einrücken konnten. Die ganze Batterie liege auf einem großen Fabrikhof zusammen! Alles ist prachtvoll mnutergebracht. Wir Sffiziersoldaten wohnen sehr elegant in der Villa des Fabrikdirektors Im Speisesaal sind Flügel und Pianine vorhanden und ein musikalisch begabter Kriegsfreiwilliger würzt unsere Mahlzeiten mit herrlicher Tafelmusik. Vor unserer Ueber⸗ siedelung hierher hatten wir in unserer alten Stellung andaue strömenden Regen und wurden zudem andauernd bom Feinde beschossen, so daß wir tagsüber nur wenig an unseren reparatur⸗ bedürftigen Unterständen arbeiten konnten. 85 8

Bl., 19. Dezember 14. Hier nur die Bestätigung meines gest⸗ rigen Telegramms, daß wegen bevorstehender Adreßveränderung jede Postsendung bis auf weiteres an mich unterbleiben soll. Wohin es gehen wird, weiß ich nicht, und was ich weiß, kann ich nicht schreiben. Sobald meine Adresse feststeht, gebe ich Nach⸗ richt. Gestern erhielt ich wieder eine Reihe Sendungen, u. a, das dcizende Tannenbäumchen, alles macht riesig Freude!

Bl., 23. Dez 14. Noch liege ich hier in der Stellung hinter der Front in Marschbereitschaft! Jede Stunde kann den Besehl zum Aus rücken bringen! Wohin es gehen wird, weiß niemand nur das Kriegsministerum! 1 Weben beim bin ich schon mit mir geht auch der bisherige Abteilungsadfutant. Hoffentlich verbringe ich den morgigen Weihnachtsabend noch inmitten meiner Batterie, ich freue mich auf dieses Weihnachts⸗ sest im Felde unter meinen Leuten und werde später darüber be⸗ richten. Es kann sein, daß ich einige Zeit nicht in der Lage bin, Nachrichten zu geben, doch bilder dies dann kein Grund zu Besorgnis! Mehrere Sendungen trafen aus Gießen heute wieder ein und auch eine Menge aus der Garnison. Alle Welt bedenkt uns! Das wird, wenn ich morgen abend noch hier bin, ein reiches Beschenken werden. Denken soird man aber dann doppelt derer in der Heimat, mit denen man in die⸗ sem Jahre nicht unter dem Weihnachtsbaum stehen kann! Aber im nachsten Jahr werden dann in einem siegreichen Deutsch⸗ land bei Hoch und Niedrig die Weihnachtslichter um so heller strahlen! Das gebe Gott!

DD Aus Stadt und cand. Gießen, 25. Januar 1915.

Standesamts⸗Statistit 1914.

Die Gesamtzahl der im vergaugenen Jahre in der Stad Gießen geborenen Kinder beträgt 1105(gegen 1148 in 1913 davon sind Knaben 561(600), Mädchen 544(548). Die ehelichen Geburten allein stellen sich auf 859, darunter 435 Knaben und 424 Mädchen(844 242 und 402). Da⸗ gegen betragen die unehelichen Geburten 246, 126 Knaben und 120 Mädchen(304 158 und 146). Von den zur Welt 1 Kindern entfallen auf die einheimische Vevölkerung 601(598), darunter 308 Knaben(310) und 293 Mädchen(288). Auf ortsfremde Mütter, welche in Kliniken und Anstalten Aufnahme gefunden haben, ent⸗ fallen 504 Geburten mit 253 Knaben und 251 Mädchen (550 290 und 260). Von den 246 unehelichen Ge⸗ burten entfallen auf unsere städtische Bevölkerung 66(64), auf ortssremde Mütter 180(240).

Todesfälle gab es im abgelaufenen Jahr im ganzen 837(594) ohne die vorgekommenen 66 Totgeburten 609, die auch bei der angegebenen Zahl der Sterbefälle außer Ansatz geblieben sind. Von den Gestorbenen entfallen auf die Einheimischen 459, nämlich 275 männlichen und 184 weib⸗ lichen Geschlechts(279 141 und 138, auf Ortsfremde, die in Kliniken und Anstalten verstarben, 378, 232 männliche und 146 weibliche Tote(315 183 und 132), Unter den Ver⸗ lebten befanden sich Kinder imersten Lebensjahr 106, davon 75 aus Gießen und 31 von außerhalb(72= 36 und 36). Unter diesen Kindern waren 79(54) ehelich und 27(18) unehelich zur Welt gekommen. 1

Wenn man die Geburten und Sterbefälle ansieht, soweit sie unsere ortseingesessene Bevölkerung betreffen, stellt sich der Ueberschuß an Geburten im letzten Jahre auf 142, ein Ergebnis, das für unsere Stadt recht ungünstig aus⸗ fällt, wenn man die nachstehenden Zahlen der letzten Jahre betrachtet, die wir zum Vergleich hier folgen lassen:

1008 1909 1910 191 1912 1918 1914 Ueberschuß 330 2909 214 319 142 an Geburten.

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389 328

Verglichen mit dem Durchschnitt im Deutschen Reich und im L ee Hessen stellen sich die Ergebnisse der Geburten, Sterbefälle und des Geburtsüberschusses für 1914 bei der Annahme, daß Gießen rund 31000 Einwohner zählt, wie folgt:

Es entfallen auf je 1000 Einwohner in Gießen Hessen Deutsches Reich 19(19,3) 24,8 28,3 ahne 16,4

Ueberschuß an Geburten 4,6(10,2) 112 12,7

Die Zahlen zeigen, daß die Sterblichkeit in Gießen im abgelaufenen Jahre als normal bezeichnet werden kann. Allerdings war die Sterblichkeit in unserer Stadt in den früheren Jahren bedeutend günstiger. Ob für 1914 etwa schon der Einfluß des Krieges mitspricht, läßt sich aus den uns zur Verfügung stehenden nackten Zahlen⸗ angaben nicht ersehen. Jedenfalls gibt der erneute Rück⸗ gang des Geburtenüberschusses in unserer Stadt zu denken, wobei wir auch darauf hinweisen möchten, daß die Säug⸗ lingssterblichkeit sich gegenüber dem Vorjahr verdoppelt hat trotz der Kinderklinik und dem Säuglings- heim.

Die Zahl der Eheschließungen betrug im letzten Jahre 226(208) bei 57 Kriegs- oder Nottrauun⸗ gen. In den einzelnen Monaten heirateten: Januar 12, Februar 13, März 20, April 27, Juni 5, Juli 20, August 3 3 15, Oktober 16, November 7 und Dezember 13 Paare.

Die Alterstabelle der in den heiligen Ehestaud ge tretenen Personen für 1914 gibt das nachstehende Bild:

16-20 21-24 2529 30-34 35-39 40-49 5059 6069 Jahren

1 F 16 10 3 1 Männer

35 80 s 10 9 Frauen.

Es entfallen auf 1000 Personen: in Gießen 7,3(6,65), in Hessen 7,5, im Reich 7,9 geschlossene Ehen. Auch die Lust zum Heiraten hat, abgesehen von den Krie strauungen, in Gießen sehr nachgelassen. Der Grund dafür ist wohl in den wirtschaftlichen Verhältnissen zu suchen.

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Auf dem Felde der Ehre gefallen. (Aus Hessen und den Nachbargebieten.) Res. Wilh. Hildebrand, Juf.⸗RAgt. 116, aus Wölfersheim. Einj.⸗Unteroff. Maximilian Junker, Jus-Agt. 168, aus Offen bach a. M. Kriegssreiw. Neserendar Emil Wankel, Inf. Nat. 88, aus Hanau. Res. Fritz Weitert, 2 168, aus Friedberg. Gesr, d. Res. Christian Käß, Inf.⸗Agt. 116, aus Irledberg. gt. Lehrer Wilh. Lautenschläger, Res.⸗In⸗ Rat. 221, aus Niedernbausen. Justizselr. Ludwig Bundschuh* im Darmstadt. Musk. Georg Wagner, Ins.⸗Rgt. 117, aus Bliches. Kriegssreiw. Primaner Ernst Groth, Ins.-Rgt. 116, aus Wetzlar. 5

Ritter des Eisernen f Res. Inf.-Regt. 28 Konrad 9 cher aus Marburg. Vize⸗ wachtm. und Off.-Asp. Josef Schmidt aus Limb! og 2. Bayr. Feldart-Regt. Vizefeldw. Heinrich Ebe

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Kreuzes: Uffz. im

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