Doch weiter: Fisch
reich gar nicht
die br.
Erscheint täglich mit Ausnahme des Sonntags.
Die„Gießener Famillenblätter“ werden dem „Anzeiger“ viermal wöchentlich beigelegt, das „Kreisblatt für den Areis Gießen“ zweimal wöchentlich. Die„Landwirtschaftlichen Seit⸗ fragen“ erscheinen monatlich zweimal.
0
„Zweites Blatt
r
165. Jahrgang
Gießener Anzeig
General⸗Anzeiger für Gberhessen
Die Aushungerung— Englands.
Eine volkswirtschaftliche Studie.
„Ein Teil von jener Kraft, die stets das stets das Gute schafft,“ die Churchill und Kitchener allmählich von sich kennen, wenn man sie nach den
hungerungskrieges fragt. Nachdem die
t Böse will und das dürften die Grey und Asquith,
selbst be⸗
Ergebnissen ihres Aus- englische
Presse
unsere Vorsichtsmaßregeln bezüglich der Brotversorgung
zunächst natürlich prompt mißverstanden hatte,
sieht sie
jetzt doch mehr und mehr ein, daß es eine Illusson war,
u glauben, man könne sieht sogar noch mehr ein, nämlich daß, wenn es ehungertwerden geht, Großbritannien zuerst an ommt! Wir wol 8 0 unserer Kreuzer und neuerdings unserer ote
Deutschland aushungern. Ja, sie
ans Aus⸗ die Reihe
en hier nicht von dem unermüdlichen
Untersee⸗
gegen die englische Handelsschiffahrt sprechen; er
tut Albion manchen erfreulichen Abbruch, würde aber allein 7 5 so schnell 155 Aushungerung des Inselreiches führen.
Nein, England
at sich selbst die Grube gegraben, in die es
bereits merklich und unaufhaltsam hineinrutscht. Wir können es gemächlich am volkswirtschaftlichen Thermometer, an der
Teuerungsstatistik, ablesen. liche Zahlen und die Begründung der englischen und eines Mitglieds des Londoner Handelsamtes: Das übliche Vierpfund-Brot kostet 7% Pence; es ist um 2 Pence gestiegen. bisher im Kleinhandel nur um 5—6
ren, da der Großhandel bereits mit bedeutenden
Wir verwenden amt⸗ Regierung
in London jetzt Die Mehlpreise, 0 Pfennig pro Pfund ten le werden demnächst eine gewaltige Steigerung erfah—
Erhöhun⸗
gen vorangegangen ist. Fällt es den schlauen amerikani⸗ schen Getreidehändlern ein, einen„Ring“ in Weizen zu bilden oder kauft eine einzige Firma die gesamten Vorräte
auf, so wird den Engländern Hören und Sehen
vergehen.
e kosten jetzt in England doppelt so viel
wie vor dem Krieg, teilweise noch mehr. Die Fischzufuhr
hat fast vollständig
ausgesetzt. Das Fleisch ist 30—50
Pig.
pro Pfund teurer geworden; das importierte Fleisch klettert
nur so im Preise. Butter,
Käse, Kaffee, Eier können
arme Leute nicht mehr bezahlen. Besonders interessant ist
das Steigen der Zuckerpreise um 6070 Proz.
dessen hat der ganze englische Preise erhöht.
infolge⸗
Marmeladenhandel seine
Als Gründe für die erschreckende Teuerung gibt die englische Regierung nicht die volle Wahrheit an. Sie ver⸗
weist auf die ungeheure Steigerung der der Seekriegsgefahr!), auf die Mißernte in Absperrung der Zufuhr aus Rußland, auf von uns erwähnte händler, aber auch mer, die ihre Vorräte
Frachtraten(infolge Australien, die die schon oben Spekulation der amerikanischen Getreide- auf die Spekulation der— britischen Far⸗ zurückhalten, auf das schlechte Wetter,
bei dem man nicht ausdreschen könne, und endlich auf den
Mangel an Arbeitskräften,
da in den Hafenplätzen die besten Arbeiter als Rekruten angeworben seien.
Als be⸗
sondere Gründe für die Erhöhung der Schiffstransport-
kosten fügt ein Mitglied des Punkten noch zwei Tatsachen an, lassen: 1. Verminderung des für baren Tonnengehalts durch die Ausschaltung der Handelsschiffahrt einerseits
Londoner Handelsamts obigen die bereits tiefer blicken den Transport verfüg⸗
deutschen
und auch die Heranziehung einer
sehr großen Zahl von Transportschiffen durch die britische Regierung andererseits.
2. Längere Dauer aller Ueber-
Sechzehn Jahre deutscher Forschung in Frankreich.
Von der rücksichtslosen und gewalttätigen Vernichtung seiner
unendlich mühevollen Ausbruch des Krieges erzählt der Schweizer Forschungen wir in erster Linie des Steinzeitmenschen, seiner Kunst
Gelehrtenarbeit durch die Franzosen beim a O. Hauser, dessen die wunderbaren Entdeckungen und Kultur in der Dordogne
verdanken, im neuesten Heft der Umschau in einer ergreifenden
Darstellung seiner Flucht während der Tage der
Mabilisation.
„Mein harterkämpftes Lebenswerk liegt zerschmettert hinter mir;
ich bleibe aufrecht! Brutalität war stärker als Recht!“
Worten kennzeichnet Hauser den, Dank, den er für seine Er erzählt, wie die von dem Gendarmen
von Frankreich erntete.
Mit diesen Mühen
in das stille Dorf Laugerie haute gebrachte Meldung von der
Mobilisierung alle Einwohner in die ungeheuerste Erregung
die sich sofort gegen den Schweizer Gelehrten wandte, unter ihnen geweilt, ihnen nur Gutes erwiesen, eine Fremdenindustrie geschaffen hatte. Er wird offen und bedroht, und nur einer warnt ihn und rät ihm,
versetzte,
der 16 Jahre Verdienst und
beschimpft sofort ab⸗
zureisen, da am nächsten Tage Schlimmes geschehen könnte. Unter dem Toben der Menge gelingt es ihm, mit seiner Frau und seinem
Kind in en wendigsten Kleider konnten sie zusammenraffen, und dem Archiv konnten sie kein Stück retten. ausführlich die abenteuerlichen Wechselfälle seiner
seinem Automobil davonzukommen; nur die allernot— aus dem Museum Hauser erzählt Reise, die ihn
nach vielen Fährlichkeiten doch bis an die Grenze bringt; dort
wird ihm sein Automobil kurzer Hand konfisziert! nach seiner Flucht zutrug, 5 sten bewahrt geblieben ist. Am 5. August haben, amtliche und private Mitteilungen erfuhr, vier Siedlungsbezeichnungen,
Was sich
zeigt, daß er nur so vor dem Schlimm⸗ wie Hauser durch Personen alle seine alle Merkzeichen für seine großangelegte
und mit außerordentlichen Kosten durchgeführte prähistorische Topo⸗ graphie lurz und klein geschlagen. Am 25. August kamen wieder
vier Leute mit zwei Gendarmen, die Eingänge zu seinem Haus, die Türen zum
erbrachen alle Koffer und Kästen; Arbeitszimmer und
zum Museum wurden gewaltsam geöffnet, eine regelrechte Haus-
—— urchwühlt und daraus 1153 schleppt: die Beschlagnahme den ziationen hin von dem Waffenkommandanten angeordnet. Am 9. ständige das Heim Hausers, um den zustellen, und sie bewerteten ihn auf
von
200 Franken!
veranstaltet, die Korrespondenz der Jahre 1905—1914 Briefe deutscher Gelehrten mitge⸗ der Korrespondenz war auf Denun⸗
Périgueux
Oktober besuchten dann amtliche Sachver⸗ verursachten Schaden fest⸗
„Ueber die Tragweite und den Zweck des Gewaltaktes einem
Neutralen gegenüber,“ schreibt Hauser,„war ich mir Anfang an klar; urft, worin man mir bestätigt, günstigere Gelegenheit sic den wertvollen prähistorischen Museum, kostenlos zu übernehmen“, Landes verweisung fiskation meines Besitzes war Endzweck.“ Artikel schildert der Se Forscher l Ergebnisse seiner 16jährigen Arbeit an dieser wichti rischen Stätte. Im April 1898 Bordeaux⸗Périgneux gereist und nach Le Moustier
seinen Beobachtungen während der
achte, und aus der Nachprüfung der bisherigen
von allem
es hätte erläuternder Zuschriften aus Frank⸗
daß keine
sich böte, die blühenden Landgüter mit Ansiedlungen und einem reichen
und Kon⸗
In einem weiteren den Verlauf und die
prähisto⸗
war er zum erstenmal nach
gekommen.
Wanderungen durch Täler, aus den Fundstücken, die man ihm aus jeder Hütte
orschungen
n
Montag, 25. Januar 1015
Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts- Buch- und Steindruckerei. R. Lange, Gießen.
Schristleitung, Geschästsstelle u. Druckerei: Schul⸗
straße 7. Geschäftsstelle u. Verlag: S851, Schrift-
leitung: S112. Adresse für Drahtnachrichten Anzeiger Gießen.
fahrten, da die Schiffe der Sicherheit halber— wegen der drohenden Mineugefahr— zu bedeutenden Um wegen ge⸗ zwungen seien. Dies gelte insbesondere von der Ueberfahrt über die Nordsee.
Hier also liegen die Hauptquellen der Not, in die Eng⸗ land sich selbst gebracht hat. Und diese Not wird immer größer werden. Solange der furchtbare Krieg währt, wird die deutsche Handelsschiffahrt in den englischen Häfen fehlen, die von der englischen Regierung requirierten Schiffe bleiben requiriert und die Dockarbeiter bleiben Soldaten oder kom— men überhaupt nicht wieder. Der englische Außenhandel geht von Tag zu Tag zurück. Man rechne allein die Ausfälle in der Kohlenausfuhr nach Belgien nach Frankreich, nach Italien und Rußland. Hat nicht England seine besten euro— päischen Kunden verloren? Deutschland und Oesterreich⸗ Ungarn, weil es diese bekriegt? Frankreich, weil dieses wirtschaftlich rettungslos darniederlisgt? Rußland, weil der Zugang zur Ostsee verschlossen ist? Und nun zum Vergleich nur ein kurzer Blick auf uns„Auszuhungernde“. Man hatte sich in London das, was man an Teutschland tödlich treffen wollte, nach englischem Schema zurechtgedacht. Man hoffte, Deutschland durch Unterbindung des Seehandels zu er⸗ würden. England gegenüber dürfte die Rechnung stimmen; Seehandel und Außenhandel sind dort dasselbe. Für Deutsch⸗ land ist aber der Festlandshandel bedeutend wichtiger woch als der Ueberseehandel. Gewiß, wir werden, wenn der eg lange dauert, in unserem Ueberseehandel empfindlich ge— troffen, sagen wir in 25 Prozent unseres gesamten Außen⸗ handels. Aber Dreiviertel unseres Außenhandels sind durch Englands Flottendruck nicht berührt. Unser ganzer euro⸗ päischer Handel geht weiter. Allein mit Oesterreich-Ungarn zusammen bilden wir ein geschlossenes Wirtschaftsgebiet von 120 Millionen Einwohnern, sind also viermal so voltreich wie England. Unser Handel mit Italien, den Niederlanden und der Schweiz ist trotz aller englischer Machenschaften laum gestört. Mit Dänemark, Schweden und. Norwegen, mit Bulgarien, Rumänien und der kriegsverbündeten Türkel stehen wir in ununterbrochenem Handelsverkehr und Waren- austausch. Wir hungern nicht, und während wir kämpfen, sehen wir in Ruhe zuß wie das perfide Albion der Pfeil der Aushungerung trifft, den es gegen uns abschoß.
* 4* Massenkundgebung gegen 10 englischen Aushungerungs⸗ plan.
Berlin, 24. Januar.
Zu einer großen Massenkundgebung gegen den englischen Aus⸗ hungerungsplan und zur Aufklärung der deutschen Verbraucher über ihre Pflichten in der gegenwärtigen schweren Wirtschaftslage des Deutschen Reiches gestaltete sich die Versammlung, welche der Kriegsausschuß für Verbraucher⸗Interessenten für heute vormittag nach dem Zirkus Busch einberufen hatte.
Der gewaltige Steinban des Zirkus war dicht gefüllt, auch eine Reihe von Reichstags⸗ und Landtagsabgeordneten waren der Einladung gefolgt.— Eröffnet wurde die Versammlung von dem Reichstagsabgeordneten Robert Schmidt(Berlin), der in seiner Begrüßungsrede betonte, daß Deutschland vorläufig nicht in der Gefahr sei, seine Feinde mit ihrem Aushungerungsplan trium—⸗ phieren zu sehen. Aber wir müßten auf der Hut sein und alles Mögliche tun, um diesen Plan zu durchkreuzen.
Als erster Redner wies Professor Dr. Waldemar Zimmer- mann vom Bureau für Sozialpolitik darauf hin, daß England auch den neutralen Ländern die Zufuhr abschneide. Es kümmere sich eben nicht um die verbrieften Rechte. Deutschland gleiche einem isolierten Staate, fast einer belagerten Festung. Ein Pariser Pro⸗ bildete sich in ihm die Erkenntnis, daß er hier die wichtigsten Dokumente zur Menschheitsgeschichte finden müsse, und nach man⸗ chen vorbereitenden Schritten, bei denen er in französischen Ge⸗ lehrtenkreisen nur geringes Verständnis fand, begann er von seiuer ersten Station,„La Micogue“, aus seine eigentliche syste— matische Forschung. Ein altdiluvialer Kulturplatz wurde in seiner ganzen Lagerung nachgewiesen, dabei wurden Hunderte der herr⸗ lichsten Steinteile gefunden, die heute die Museen von Köln und Berlin zieren. Hauser bezog nun in seine Untersuchungen alle diluvialen Epochen ein, und es gelang ihm unter großen Mühen, im ganzen Gebiet von Vszere und Dordogue über 30 klassische Fundstätten in einem Umkreise von über 120 Kilometern festzu⸗ stellen. Der erste große Erfolg dieser Arbeit kam in der Ent⸗ deckung des diluvialen Menschensteletts, des Homo Mousteriensis Hauseri vom Jahre 1908, die in der ganzen wissenschaftlichen Welt das größte Aufsehen erregte. In der Fortsetzung seiner Arbeit untersuchte Hauser wichtige Stationen des Aurignacien und Magdalenien, wobei sich außer den gewöhnlichen Feuerstein— werkzeugen wertvolle Zeichnungen, Knocheninstrumente und Schmuckgegenstände fanden. In einem weltverlorenen Seiten⸗ tälchen der Dordogne entdeckte er dann bei der Nachprüfung einer von den Franzosen als unfruchtbar aufgegebenen Niederlassung in Combe⸗Capelle, wo er auch zum erstenmal die Schichtenfolge fünf verschiedener Siedelungsepochen feststellte, am 26. August 1909 den Homo Aurignacensis Hauseri, dessen ausgezeichnet er⸗ haltenes Skelett er am 11. September zusammen mit Professor Klaatsch hob. Damit trat zu den alten Menschenrassen vom Neandertal⸗ und Oro Magnon-Typus eine neue, die Rasse von Aurignao, wobei sich außerordentlich wichtige Einblicke in den Entwicklungsgang der Menschheit eröffneten. Eine dritte große Entdeckung, die ihm gerade vor dem Ausbruch des Krieges gelungen, kündigt der verdienstvolle Schweizer For⸗ scher in den folgenden Schlußsätzen seines Aufsatzes an:„Zum drittenmale gelang mir im Juli 1914 eine Entdeckung von großer Tragweite; ich sah sie seit zwei Jahren kommen, habe ihre Spuren zäh verfolgt und schließlich den Spaten da einge⸗ setzt, wo es sein mußte. Kulturhistorisch bedeutender als meine Skelette, gewinnen wir durch diesen Fund, von dem später die Nede sein soll, Einblicke in die psychologische Entwicklung des Diluvialmenschen, seiner Kunst, seiner Zeichenschrift, seines Kul⸗ tes, die schlankweg alles, was wir ähnliches kennen, in den Schatten stellt. Da kam der Krieg! Welche Welt von Schmerz und bitterem Weh für den, der uneigennützig ein Leben lang einer großen Aufgabe gedient hat! Dem fkrupellosen franzö⸗ sischen Deutschenhaß derer, die die Wissenschaft an geographische Grenzen ketten möchten, habe ich weichen müssen; das Eigentum des Neutralen ist vergewaltigt worden, mit ihm das Recht und ein gut Stück deutscher Wissenschaft!“
*
— Der Befreiungskampf gegen welsche Art. (Eine Jahrhundert⸗Erinnerung.) In diesem Monat sind gerade 100 Jahre verflossen, seit Erust Moritz Arndt durch öffent⸗ liche Organe die Entstehung vaterländischer Vereine ins Werk setzte. um deutsche Sitte und Sprache wieder zu Ehren zu bringen und
das deutsche Volk von fremden— namentlich französischen— Einflüssen zu befreien. In einem in der Posener Zeitung vom 28. Januar 1815 veröffentlichten Artikel
fessor habe sogar schon ausgerechnet, wann wir ausgehungert sein werden. Er gibt uns nur noch eine Galgenfrist bis Mitte Mai.(Heiterkeit.) Wir haben allerdings noch nichts vom Hunger gemerkt, nur Preisaufschläge sind eingetreten. Wohl aber sind in England wirtschaftliche Nöte eingetreten, wenn auch noch nicht direkt. Vorratsnöte. Was den W. eizen betrifft, so beherrschen die Vereinigten Staaten und Argentinien den Markt. Darunter leidet auch England. Hoffentlich werden jetzt die Unterseeboote den Eng⸗ ländern bald noch viel zu schaffen machen.(Händeklatschen.) Aller- dings müssen wir an das Morgen und Uebermorgen denken. Doch ist unsere Aufgabe Gott sei Dank nicht hoffnungslos. Wir wissen, daß wir nur die Hälfte von den Nahrungsmitteln für den Körper brauchen, die wir tatsächlich vor dem Kriege ver⸗ zehrten. Wenn wir uns verständnisvoll einrichten und alle Wirt⸗ schaftskenntnisse ausnutzen, dann können wir sogar ein Zehntel bis ein Viertel über das Notwendige hinaus erzielen. Folgende Punkte sind vor allem zu beachten:
J. Alle Nahrungsstoffe voll ausnutzen, und die Milch;
2. nichts umkommen lassen, alle Abfälle verwerten;
3. knappwerdende Mittel ergänzen, statt des Roggenbrotes die Kartoffel benutzen: 5
4. Dauerware herstellen und aufspeichern, Vieh rechtzeitig abschlachten;
5. neue Nahrungsmittel fördern, alle brachliegenden Flächen ausnützen.
Aber Belehrungen allein machen es nicht. Alte Vorurteile wiegen stark, hier muß öffentlicher Zwang einsetzen. Auf die Be⸗ hörden muß ein moralisch politischer Zwang ausgeübt werden, namentlich im Interesse der Minderbemittelten. Leider ist in den ersten fünf Monaten des Krieges doppelt so viel Roggen an das Vieh verfüttert worden als 1913.(Hört, hört!) Bundesratsbe⸗ stimmungen sind an sich gut, aber leider hat der privatwirtschaft⸗ liche Eigennutz wieder viel Schaden angerichtet. Man hat die Mehlläden gestürmt, um zu Hause Kuchen backen zu können. Die Regierung wird daher noch drakonischer ein⸗ greifen müssen. Eine Politik weiterer Preiserhöhung wäre nicht ganz unbedenklich, auf diesem Wege blüht kein Erfolg. (Bravo! Brot will doch jeder haben, durch die Preiserhöhung wür⸗ den nur gewisse Teile des Mittelstandes Schaden leiden, und den größten Schaden hätten die Armen. Die privaten Getreidebesitzer erhielten gewissermaßen eine Staatsprämie.(Sehr richtig!) Durch weitere Preiserhöhungen würde der Burgfrieden gestört werden, also Schluß damit! Es bleibt nur die öffentliche Be⸗ schlagnahme der Getreidevorräte übrig.(Beifall.) Der Konsu⸗ mentenausschuß hat dem Reichskanzler einen Plan hierüber unter⸗ breitet und auch den privaten Haushalt nicht vergessen. Die Abgeordneten Heim und Gothein sowie Professor Bren⸗ tano treten gleichfalls für diese Lösung des Problems ein. In uns allen lebt der Wille zum Durchhalten, zum Siege, wir wollen alle dafür eintreten, daß uns die Engländer nicht unter⸗ kriegen!(Stürmischer Beifall.) ö
Die Vorsitzende des Bundes Deutscher Frauenvereine Frl. Gertrud Bäumer(Berlin) verurteilte scharf den Mangel an Einsicht bei vielen Hausfrauen. Man könne nicht neben jede Hausfrau einen Schutzmann stellen, der noch dazu überlastet werden würde.(Heiterkeit.) Nicht das Geld ist zu sparen, son⸗ dern Vorräte, gerade die Dinge, die am wohlfeilsten sind, vor allem Brotgetreide. Wenn jeder dazu in seinem Haushalte bei⸗ trägt, so macht das in der Gesamtheit unendlich viel aus. Wir müssen dahin kommen, daß am Ende des Krieges neben dem Heer und der deutschen Organisation auch die deutsche Hausfrau bewundert wird.(Beifall.)
Ohne Besprechung wurde sodann einstimmig folgende
Eutschließung angenommen:„So dankenswert und nötig auch alle Aufklärungs⸗ bestrebungen und Mahnungen sind, um die Bevölkerung zun sparsamen Brotgenuß, zu verständnisvollem Haushalten mit den knapper werdenden Nahrungs- und Futtermitteln und zum An⸗ sammeln gewisser Dauerwaren zu bestimmen, so versagen doch
namentlich alles Korn
erfahren wir näheres über diese Vereine, denen zwei⸗ fellos ein großes Verdienst am geistigen Befreiungskrieg zu Beginn des 19. Jahrhunderts zukommt.„Jede Gesellschaft, so heißt es da,„hat einen Vorsteher und vier Rüger oder Zen⸗ soren. Ihr Zweck ist Verbannung und Vertilgung der französischen Art und Sprache, Belebung und Erhaltung deutscher Art und deutschen Sinnes, Erweckung deutscher Kraft und Zucht, Auf⸗ frischung der alten und jungen Erinnerungen. Wer sich erfrecht, in ihr französisch zu sprechen, wird als ein, Frevler ausgestoßen; wer eine andere fremde Sprache spricht, wird einem eitlen Toren gleich gerichtet und muß eine Geldstrafe erlegen.“ Als Haupt⸗ gegenstände der Besprechung in den Zusammenkünften werden ge⸗ nannt: Würdige Feier des 18. Oktober als allgemeines Fest: Le⸗ bensbeschreibungen würdiger Vaterlandsfreunde in deutscher Volks⸗ sprache; Anschaffung und Förderung gemeinnütziger deutscher Schriften; Vorschläge über das Siegesdenkmal bei Leipzig; Be⸗ ratung über Einführung gleicher Münze, Maß⸗ und Gewichts⸗ verhältnisse. Wie man sieht, war die Tagesordnung eine recht gründliche und radikale. Der Einfluß dieser erwähnten Gesellschaf⸗ ten machte sich übrigens auch bald in dem Bestreben geltend, fran⸗ zösische Benennungen durch deutsche zu ersetzen. So schrieb Ende Januar 1815 das„Erfurter Intelligenzblatt“:„Es haben sich in Erfurt mehrere Familien das Wort darauf gegeben, jedes unver⸗ heiratete Frauenzimmer von Bildung schriftlich wie mündlich nicht mehr, wie es bisher üblich gewesen, mit dem französischen Worte Mademoiselle(Mamsell), sondern mit dem schönen, unserer edlen deutschen Sprache zugehörigen Worte Fräulein anzureden. Bei dem verheirateten Teile des weiblichen Geschlechts wird man sich ebenfalls durchgehends der würdigen ehemaligen Benennung Frau bedienen und Anstand nehmen, eine rechtliche deutsche Frau ferner⸗ hin Madame zu benennen.“ Wie damals, so ist man ja auch heute redlich bemüht, mit den Fremdwörtern gründlich aufzuräu⸗ men, und von der Schaffung einer deutschen Tracht ist eben in diesen Tagen wieder die Rede, und man kann nur wünschen, daß der Geist Arndts auch in diesem jüngsten Kampf sieghaft voran⸗ leuchten möge.
ier die Künstlerversorgung im Reiche bringt die Kunstchronik eine Zusammenstellung, die zeigt, in wel⸗ chem Umfange man in Deutschland der Not der Künstler infolge des Krieges zu steuern sucht. In Berlin ist die alademische Kriegs⸗ hilfskasse tätig; in München hat der Künstler⸗Unterstützungsperein, dessen Vermögen über 2 Millionen Mark beträgt, vorläufig die Summe von 100.000 Mk. gegeben, und dazu kommen die Beträge, die andere Verbände und Kunstfreunde aufwandten, so daß wohl eine Viertelmillion zur Verfügung steht. In Dresden hat man * veranstaltet, für die der Kunstverein und die großen Kunstsalons zur erfügung stehen; in dem einen wurde mehrere Wochen lang alles überhaupt Angebotene ausgestellt. Im Kunstverein kaufte der Rat zu Dresden eine Reihe von Bildern, Zeichnungen und plastischen Werken für das Stadtmufcum an, darunter auch drei vorzügliche Gemälde von dem im Felde ge⸗ fallenen jungen Maler Kurt Nessel. Ebenso kaufte das sächsische Ministerium des Innern eine ganze Anzahl Gemälde sächsischer Künstler. In Karlsruhe beabsichtigt der westdeutsche wirtschaftliche Verband bildender Künstler eine Hilfsststelle für badische Künstler zu errichten, für die auch badische Kunstvereine Unterstützungen bewilligen wollen.
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