Ausgabe 
(22.1.1915) 18. Erstes Blatt
Seite
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forderung richten, schärfere Maßnahmen zur Versorgung der Bevölkerung mit ausreichenden Nahrungsmitteln zu ver⸗ nünftigen Preisen zu treffen. Die Natur der vorzuschlagen den Abhilfe wird in einem Vericht dargelegt, der von dem Unterausschuß des nationalen Arbeiterkomitees vorbereitet und heute veröffentlicht werden soll. Er wird der Regierung pViorschlagen, alle vorhandenen Vorräte an inländischem Wei⸗ zen zum Preise von 35 bis 40 Schilling für das Quarter auf⸗ 4 zukaufen, ihn zu Marktpreisen zu verkausen, bei Erzielung eines Gewinnes dem Prozudenten eine Prämie von 5 Proz. N zu gewähren und den Rest dem Schatzamte zu übergeben. London, 21. Jan.(WTB. Nichtamtlich.)Daily Tele- graph meldet aus New Pork: Der Versuch einiger Mit- glieder des Kongresses, ein Ausfuhrverbot für Weizen durchzusetzen, wird in amerikanischen Finanz kreisen einstimmig verurteilt. Wenn ein derartiges Gesetz de ben gez würde, wie man glaubt, die demokratische Partei bei n u nächsten Wahlen eine vernichtende Niederlage er leiden. Die Agitation ist durch das rasche Steigen der Preise verursacht worden. Nach Ansicht der Finanzkreise ist diese Preissteigerung der außergewöhnlichen Nachfrage des Aus landes zuzuschreiben. Das Ausland soll gegenwärtig wöchent lich 10 Millionen Scheffel kaufen. Die Kämpfe in Südafrita. Kapstadt, 21. Jan.(WTB. Nichtamtlich.) Meldung des Reuterschen Bureaus. Die Oranjeflußlinie ist jetzt ganz in unserem Besitz. Der Feind steht jedoch in Waffen auf dem Unionsgebiet nahe der Ostgrenze des deutschen Gebietes.

Eine Unterredung mit General v. Moltke.

5 Der bisherige Generalstabschef v. Moltke, der eben nach Berlin zurückgekehrt ist und augenblicklich das Amt des Chefs 5 des Stellvertretenden Generalstabes bekleidet, hat bei seiner Rückkehr einem Berliner Publizisten auf dessen Bitte eine lüängere Unterredung gewährt. Seinen Bericht leitet der Ver fasser mit folgenden Bemerkungen ein: 0Nach den Photographien, die vom bisherigen Generalstabs- chef von Moltke existieren, muß jedermann eigentlich den Eindruck eines robusten Natursoldaten bekommen. Aber Photographien lügen. Wir sind ja in unserem Vorstellungsleben alle von den täg⸗ 5 lich auf uns eindrängenden Suggestionen abhängig. 500 Millio⸗ nen Menschen der Erde schreit man täglich ins Ohr, eine deutsche Militärkamarilla mit Moltke habe den gegenwärtigen Weltkrieg gemacht. Wir wissen, daß das eine Lüge ist. Aber was un⸗ 1 lkürlich aus der Debatte über diese Frage hängen bleibt, ist * 10 halb unbewußte Vorstellung, ein Mann, über den solche

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Kisernen Legenden entstehen konnten, müsse in seiner Erscheinung 5 Persönlichkeit etwas nervenlos Riesiges, elefantisch Nieder endes haben. Dazu kommt: Moltke stand als Chef des heneralstabes an der Spitze unseres Heeres in jenen unvergeßlich rrlichen ersten Wochen des Krieges, die Wochen lauteren Sieges waren. Mit dieser Periode des Krieges, die mit ihrem jungen Ruhm im Gedächtnis unseres Volkes vielleicht immer eine der schönsten bleiben wird, ist sein Name untrennbar verbunden. Er und diese Siegeswochen sind geradezuidentisch. Er erschien uns, da er der Verantwortliche war, als Hüne, der die Meute des an⸗ drängenden Feindes fast spielend in ihre Schlupfwinkel zurück⸗ trieb. In den aufregendsten Stunden der ersten Steigerung des Voölkerdramas stand er als ragender Antipode des unheimlichen Joffre, den die Franzosen denschweigsamen Riesen nennen, da... und meisterte denRiesen. So etwas überträgt sich auf körperlichen Vorstellungen und läßt in einem das Bild eines Muskelmenschen entstehen: massig, breit, rötlich, martialisch. Nun stieg ich, nach der Wanderung über den historischen Königsplatz mit dem bronzenen Roon und dem bronzenen Bismarck ur m kuppelleuchtenden Palast des deutschen Volkes, im Gene⸗ ralstabsgebäude die breite, dunkelrot belegte Treppe zu den Räu⸗ men desChefs empor. Auf dem ersten Treppenabsatz begegnet mir auch ein Moltke: da steht in Marmor, halb wie Cäsar, halb 4 Friedrich von Preußen, der Alte Schweiger, der dieses etzt in seinem herrlichen Bestande bestürmten Reichs Anfang mit Blut und Eisen gründen half. Fünf Minuten späterläßt Exzellenz bitten. Zuerst, wie die Doppeltür auffliegt, ist etwas wie eine Vision über mir: der Mann, der da im Profil vor mir sit, die unbelichtete Gesichtshälfte nach der Seite der Tür, sich dann lan sam, ragend und eher hager als stämmig aus dem Schreibtischsessel emporreckt, mir ein straffes, sehniges, tiefern⸗ stes Denkergesicht zuwendet, eine lange, schmale, nervenhafte Hand zum Gruße bietet Jönnte der nicht auch vor 45 Jahren schon * gesessen haben, genau dieselbe Erscheinung, mit genau dersel⸗ 5 adlig⸗feinen Geste, derselben Adlersilhouette? Und auch Hel⸗ a 119 v. Moltke geheißen haben? Die Aehnlichkeit in Gesicht und

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tscheinung ist maßlos überraschend, viel überwältigender als die 5 ahnen lassen. Eine gedämpfte, dunkle, unscharfe Stimme begrüßt mich, während nun ein behutsames Lächeln den Mund, der wie die Linie eines Willens ist, flüchtig umspielt. Sie wollen sich gewiß überzeugen, beginnt er scherzend, ob ich überhaupt noch lebe, nicht wahr? Ich gebe zur Antwort, daß bei den Legenden, die über Se. Ex⸗ 95 in der Presse unserer Feinde im Umlauf seien, vielleicht auch schon behauptet werde, der bisherige deutsche Generalstabschef sei schon längst tot, habe sich eine Kugel durch den Kopf geschossen der dergleichen.. und eine ausgestopfte Puppe sitzt an seinem Schreib⸗ sch. ergänzt der Generaloberst.Nun, ich bin wie Sie sehen. ans lebendig. Auch meine Krankheit ist vorbei und jetzt fühle ich mich ganz gesund. Und vor allen Dingen bin ich froh, daß ich 4 7 meiner Gesundung wieder eine Tätigkeit habe aufnehmen lönnen. Jiedes Wort aus diesem Munde führt jenes bestimmte Eigen⸗ leben der Worte geistiger Persönlichkeiten. Dieses Mannes Gesetz ist das spürt man nun nicht die Faust, sondern das Gehirn; vomMuskelmenschen kein Atom. Ich berichtete freimütig die 3 Ueberraschung, die mir dadurch 9 daß er so ganz anders sei, als man ihn sich nach Bildern und Erzählungen vorstelle So kamen wir bald auch über die Legenden, die die feindliche Presse über ihn in die Welt gesetzt hat, ins Gespräch: daß er das Haupt der Kriegspartei gewesen und am Entstehen des Krieges ie Mitschuld trage. Dabei nahm sein reichlich durchfurchtes Ge⸗ sicht den Ausdruck grenzenloser Verachtung an.

Niemand in Deutschland hat den Krieg gewollt. Weder ir⸗ end jemand anders, noch ich. Wir sind in einer Weise heraus⸗ efordert worden, die keine andere Antwort mehr zuließ. Wir ha⸗ ben doch wahrhaftig lange genug bewiesen, daß wir den Frieden wollten. Hatten wir nicht hundertmal bessere Gelegenheit, wenn wir losschlagen wollten? Warum, wenn wir so kriegshungrig wa⸗ ren, haben wir denn nicht während des russisch⸗japanischen Krie⸗ 2 als Rußland wehrlos war, losgeschlagen? Warum nicht, als England mit dem Burenkrieg die Hände voll zu tun hatte? Und als in Deutschland doch nichts weiter sich ereignete als ein paar 5 r für das stammverwandte Volk in Afrika! Jeßt auf einmal wird das Blaue vom Himmel herunter gelogen, um zu beweisen, daß wir den Krieg vom Zaune gebrochen haben. Hätten wir das getan, es wäre unverantwortlich, wäre ein Ver⸗

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n Denn dieser Krieg, mit einer derartigen Ueber⸗ macht, ist wahrhaftig kein Kinderspiel. Das wußte man doch vor⸗ her. Für mich war es

keinen Augenblick zweifelhaft, daß England mitmachen,

sich am Kriege gegen uns beteiligen würde Denn nur Englands felbstsüchtige Interessenpolitik ist es, die diesen lange von ihm vorbereiteten Krieg entfesselt hat. Die ganze belgische Frage war, ganz der Art der Engländer entsprechend, nru ein scheinheiliger Vorwand. Wenn gesagt wird, ich persönlich hätte gegenüber dem Belgierkönig in einer Unterredung einmal mit dem Kriege ge⸗ droht und das vielzitierte Wortil faut en finir gesprochen, so wiederhole ich noch einmal: es ist eine glatte Erfindung. Nie habe ich ähnliches gesagt, nie an die Herbeiführung eines Krieges

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Ich bemerkte, daß es ja Wahnsinn sei, dem Deutschen Kaiser, der seit einem Vierteljahrhundert für den Frieden geroürkt habe, zuzutrauen, daß er plötzlich zu einem mutwillig herbeigeführten KriegeJa gesagt haben könne. Auch Se. Exzellenz könne, gewiß, da er doch in den letzten Tagen vor dem Kriege mit dem Kaiser zusammen war, bezeugen, wie schwer dem Kaiser der Entschluß zum Kriege geworden.

Bei dieser Stelle unserer Unterhaltung schlug Moltle mit der Hand auf den Tisch und antwortete, in sichtlicher Erregung, mit erhobener Stimme:

Ungeheuer schwer ist es dem Kaiser geworden!

Das kann man glauben. Haben denn die Leute nie bebacht, wie riesenhaft die Verantwortung eines gewissenhaften Monarchen ist, der das Blut seines Volkes einsetzen soll? Das tut ein Mann wie unser Kaiser nur, wenn es sich um Leben oder Sterben seines Volkes handelt. Aber wir dürfen uns darauf verlassen, daß nach dem Kriege die Wahrheit über seine Entstehung doch durchdringt. Die Weltgeschichte läßt sich keine Lügen gefallen!

Und nun eine Frage, Exzellenz. Ich habe mir zwar, wie Ew. Exzellenz wissen, vorgenommen, militärische Details nicht zu berühren. Aber

Bitte, fragen Sie nur! 5..

Also frei heraus: Wie sehen Ew. Exzellenz die Zukunft?

Er schwieg einen Augenblick. Dann sah er mir fest und un⸗ verwandt in die Augen und sagte langsam und bestimmt:

Mir siegen a 1

Wir siegen ganz bestimmt.

Und nach einer Weile fuhr er fort: l

Ich habe, draußen im Felde und hier in der Heimat genug Gelegenheit gehabt, unser Volk in Waffen und im Bürgerkleide während des Krieges zu sehen. Undefür die Haltung dieses Volkes gibt es nur ein Wort: sie ist herrlich. Wie das verwöhnte Berlin insbesondere den Krieg erträgt, das ist bewundernswert. Ein solches Volk darf nicht zugrunde gehen. aber es lann auch nicht zu⸗ grunde gehen. Wer sagt, daß wir diesen Krieg für unsere materiellen Interessen führten, hat ihn nicht verstanden. Wir sind nicht in ihn eingetreten in der Gier nach territorialem Besitz, wir führen einen Verteidigungskrieg um die Existenz unseres Volkes und damit gleichbedeutend um die Menschheitswerte, um die Weltideale und um geistige Güter. Das ist keine Phrase. Wir dürfen heute ohne Anmaßung sagen, daß Deutschland der Träger der kulturellen Zu⸗ kunft, der geistigen Entwicklung ist. Oder soll etwa Frankreich. mit seiner ermüdeten, absterbenden Kultur, England, dessen Ideale nie über den Wunsch, reicher zu werden, hinausreichen, dieser künf⸗ tige Förderer der Menschheit sein? Von Rußland braucht man ja in diesem Zusammenhang gar nicht zu reden. Solcher Aufgaben aber muß sich unser Volk bewußt sein, und es muß wissen, daß es in diesem Krieg auch um sie geht. Der Ausgang des Krieges hängt nicht alleine von der Armee ab. Zur anderen Hälfte

bestimmt das Volk selbst den Ausgang des Krieges.

Die Haltung, die wir hier zuhause zeigen, wirkt durch Mil⸗ lionen Fäden zurück auf die Haltung unserer Soldaten. Das weiß jeder, der den innigen Zusammenhang unseres Volksheeres mit der Gesamtheit der Nation lennt und ich habe es jetzt erneut ge⸗ sehen. Unser Heer ist eben in vollster Bedeutung ein Volksheer, unsere Väter, Brüder und Söhne sind seine Soldaten. Die sehen nicht nur auf den Feind, sie sehen auch auf uns. Ihre Stim⸗ mung, ihre Zuversicht, ihr Mut wird nicht von Zufällen, sondern wesentlich von uns hier zu Haus mit bestimmt. Darum ergeben sich die Pflichten für jeden, der zu Haus geblieben ist. Bis jetzt hat diese Wechselwirkung zwischen Volk und Heer den Erfolg ge⸗ habt, daß die Leistungen unserer Armeen fast übermenschliche waren. Und ich kenne unser tapferes Volk gut genug, um zu wissen, daß es so bleiben wird. Wir werden einen nicht bloß ehrenvollen, sondern einen Frieden, der unser Uebergewicht voll zum Ausdruck bringt, erringen. 1 ö Glauben Ew. Exzellenz, daß dieser Friede bald kommen wird?.

Wir müssen sicherlich noch mit sehr viel Ausdauer durch⸗ halten. Es ist noch viel zu tun, bis wir soweit sind und wir brauchen alle unsere Kräfte das Heer sowohl wie die Be⸗

völkerung. Es kann noch lange dauern bis zum Ende.

Halten Ew. Exzellenz nicht die Möglichkeit für gegeben, daß, wenn etwa jetzt im Osten ein günstiger Abschluß der Ope⸗ rationen sich ergeben wird, vielleicht mit dem Vorrücken bis Warschau daß dann das Ende des Krieges in eine erheblich stärkere Nähe gerückt sein wird? a 8 Unsere Siege ii Polen sind natürlich von größter Be⸗ deutung. Und für die Franzosen ist es eine schwere Enttäu⸗ schung, daß ihre Hoffnung auf das Vorrücken der russischen Massen so gänzlich zusammengebrochen ist. Die Fortschritte in Polen wären sicherlich noch viel schneller vor sich gegangen, wenn nicht das schlechte Wetter, die Schwierigkeiten des Bodens nichts als Morast und die elenden Straßen sie seit Wochen verzögert hätten Aber dabei lächelte Herr v. Moltke ein wenigwir hatten uns ja vorgenommen, nicht über militärische Dinge zu reden.

Ich erhob mich und dankte Sr. Exzellenz. t 3 Gott wird uns weiter helfen, sagte er, mir kräftig die Hand schüttelnd.Wir dürfen die feste Gewißheit haben, daß Teutschland nicht untergehen wird. Wir werden siegen Als ich die rote Treppe wieder hinunterschritt, schien mir der marmorne Alte noch einmal so zuversichtlich dreinzusehen. Dein Erbe, Alter, ist in guter Hand, dachte ich.Magst ruhig sein

Uriegsbriefe aus dem Westen. Von unferm Kriegsberichterstatter. (unberechtigter Nachdruck, auch aus zugsweise, verboten. Das schöne Mädchen von Lille.

Gr. Hauptquartier, am 17. Januar 1915.

Der Regen regnet jeglichen Tag, kann man hier sagen. Denn Lille hat im Jahresdurchschnitt 170 Regentage eine ver⸗ lockende Gegend für Schirmhändler und ich habe niemanden getroffen, der in diesem Kriege die Stadt anders als unter strömen⸗ den Güssen gesehen hätte. Schon in St. Amand, dessen grotesk geschmackloser Abteiturm eine der verstiegendsten Katerstimmungen ist, die auf dem Weltenrund jemals in Stein verewigt worden ist, bewunderte ich die ballistische Wirkung der Pneumatiks unserer Kriegsautomobile. Denn die Spiegelscheiben der Schaufenster waren dick zugellebt mit den Schlammfaden der immerwährend durch⸗ sausenden Kraftwagen. Und wenn man sich schon einmal, auf langweiliger Fahrt, mit der Frage beschäftigt, ob diese Pepp⸗ ballistit auch ihre Rekorde aufzustellen vermag, so erlebt man in den südlichen Vorstädten von Lille die menschenfreundliche Genugtuung, daß dort die Spritzer bis an den oberen Rand der Fensterreihen des ersten Stockes reichen. Wenn man selbst vom Mützenrande bis zu den Stiefelsohlen steingrau vom Schlick der flandrischen Landstraßen angestrichen ist, daß man eine un⸗ auffällige Gastrolle als Heiligenfigur an der Reimser Kathedrale eben könnte, dann schwindet jedes Mitleid mit den korbbeladenen e die sich vor jedem herannahenden Kraftwagen krei⸗ schend in die Eingänge der Häuser flüchten. Man bedauert nur noch die armen Munitionskolonnen, die sich Schritt für Schritt durch diesen Morast durcharbeiten müssen, während von den Radspeichen der zähe Modder wie Kuchenteig herunterkleckt.

So fuhr ich durch die Porte de Tournai, zwischen von Gra⸗ naten zerwühlten Wällen und zu Ziegelhaufen zerschmetterten Häu⸗ sern in Lille ein. Ganze Straßenreihen sind ausgebrannt und zer⸗ trümmert und in einem weiten, unabsehbaren Ruinenfelde steht nur die schöne Hauptkirche bei St. Moritz, wie durch ein Wunder gänzlich unbeschädigt. Man mußte den Eindruck gewinnen, daß die ganze Stadt durch die Beschießung und Erstürmung schrecklich

f gedacht, der jast ganz Curoba dersleischen mußte.

zerstört se. So kam ich auf die Grande Place. Da sah ich einen großen Menschenauflauf vor derGarde, dem Polizeigebäude,

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4 2 8 in dessen Barockgiebel eine große Granate ein Riesenfenster 25 unarchitektonischer Gestaltung eingebrochen hat. Die chen Wachsoldaten standen in einer lebhaft nach dem Himmel deuten⸗ den Gruppe beisammen mit den im Dienst belassenen, aber ihre Uniform ohne Waffe tragenden französischen Polizisten. Immer mehr Menschen sammelten sich um sie und blickten nach oben. Und bald bemerkte ich, daß ihre Aufmerksamkeit einem Flieger galt,. der fast unsichtbar, wie eine Mücke, zwischen den Regenwolken stand. Besser als ihn sah man die kleinen Dampfballen der platzenden Schrapnells, die fortwährend weit unter dem Flieger, aber genau in dessen Richtung erschienen.

Ich putzte meine Autobrille, die es schon wieder nötig hatte. und staunte nun ein wenig über das Gebaren der Einwohner. Denn offenbar betrachteten sie das Schauspiel mit jenem halb gie⸗ rigen, halb lässigen Interesse, mit dem manche Kreise der Großstadt⸗ bevökkerung einen Weltmeisterschaftsringkampf, ein Radfahrersechs⸗ tagerennen, oder in den romanischen Ländern einen Hahnenstreit und ein Stiergefecht beobachten. Nichts war von innerer Teilnahme zu erkennen. Und doch war der Flieger, was einstweilen selbst mit dem Glase nicht festzustellen war, entweder ein Deutscher, der as den französischen Artilleriestellungen heraus beschossen wurde. oder ein Franzose, der sich näherte, um über einer deutschen Truppe Bomben abzuwerfen. Auf alle Fälle hätte man annehmen müssen, daß die Liller mit allen Fibern bei diesem kleinen Stück einer Kriegsentscheidung beteiligt waren, das sie ein entgegenkommender Zufall mitten von dem belebtesten Knotenpunkt ihrer Stadt aus beobachten ließ.

Auf einmal schrien ein paar Dutzend Weiber ängstlich auf. Der Flieger hatte sich plötzlich aus der Wolkenschlucht losgelöst und steuerte schnell mitten auf die Grande Place los. Die Bürger und Bürgerinnen flüchteten in die Häuser. Der Platz war in einer Sekunde wie ausgesegt. Nur die deutsche Wache, die ihre Gewehre fertig eee hatte und die französischen Poli⸗ zisten, die wohl seit Wochen das Empfinden haben mögen, auf einem verlorenen Posten auszuharren, blieben ruhig beobachtend stehen. Es ist, besonders wenn man die Wirkung der Flieger⸗ bomben aus der Nähe 2 hat, immer ein eigenartiges Emp⸗ finden, den unheimlichen Menschenvogel senkrecht über sein Haupft schwirren zu sehen. Aber man weiß dann auch, daß vor den Zufällen des Bombenfalles ebensowenig eine Flucht hilft, wie vor Regen- und Hagelschlag. Daher beobachtete ich die winzige Libelle, bis sie sich, gerade über uns, zu senken begann. Da löste sich die Spannung. Es war ein deutscher Flieger. Deutlich hatte ihn die Beobachtungsstation erkannt, die ihre Feststellung an die Wache in derGarde telephonisch weiter gegeben hatte. Und ebenso plötzlich, wie er sich entleert hatte, füllte sich der Platz wieder mit schwatzenden, neugierigen Menschen. Alle diese Leute waren sehr zufrieden, daß der Flieger ein Deutscher war und 3 also vor Bombenwürfen sicher sein konnten. Jeden unserer Soldaten umringte schnell eine Schar junger Mädchen und Frauen. Als ich mir diese Szenen, immer in dicken flandrischen Reiseschlamm eingebacken, betrachtete, staunte ich über die Eleganz der Lillerinnen und über sie selbst.

Denn obwohl es so scheint, als ob das ganze, erst vor tausend Jahren dem Meere abgewonnene Flandern durch die Zerstörung der Deiche und Schleusen an der See wieder im ewigen Abgrunde versinken sollte, haben sich die Frauen und Mädchen dieser Stadt nicht entschließen können, dem großen Ge⸗ bote des Krieges jene Gesetze zu opfern, die sie für stärker und unbesiegbarer halten als den Weltbrand, nämlich die Gebote der Mode. Die große Mode von Lille, Januar 1915, schreibt aber erhöhte Sorgfalt für Bein und Fuß vor. Mögen sie draußen im Schlamm ersticken, was gehen sie hinaus! Auf der Rue Nationale in Lille, wo abends um 5 Uhr deutscher Zeit

Stundenlang saß ich im Café desRestaurant de Straßbourg und ließ sie draußen flanieren mit dem verbotenen Blumengarten auf den durchbrochenen Strümpfen. Von Zeit zu Zeit zitterten die großen Spiegelscheiben vom Donner des Duells der schweren Ge⸗ schütze in der Front, die ich am nächsten Tage besuchte.

Am Nebentisch erzählte ein junger süddeutscher Oberleutnant: 1870 haben sich die Französinnen tadellos benommen. Mein Vater, der als 7 aus dem Feldzug heimgekommen ist, hat immer mit Achtung davon gesprochen. Aber jetzt hat sich Frank⸗ reich scheint mir, stark verändert. Was meine Leute so erleben eine Begrüßung an einem anderen Tisch machte rechtzei weiteren 49 2 4 1 9 1 trägerinnen wäre en, wenn sie ihn gehö e.

1 freilich wird vielleicht nach dem Kriege noch erschrecken Denn es heißt, daß die französischen Polizisten, die so höflich und unauffällig ihren Dienst weiter versehen, ein wachsames Auge auf die Töchter der Stadt haben und ihre Listen führen. Dann wird vielleicht mancher Schönen klar werden, daß die große Mission der Mode in diesen rauhen Zeiten, die den Männern gehören, bei den galanten Franzosen ebensowenig Verständnis findet wie bei den teutonischen Bären, die sich über das Gestelze auf Stöckelschuhen lustig machen, wenn sie den Boulevardbetrieb während der kurzen 1 beobachten, die den aufreibenden Wochen in den Schützen⸗

räben folgen. 5 a 7 5 1 Die. 0 Lillerimmen! Im Museum ihrer Stadt steht der be⸗ rühmte Wachskopf desschönen Mädchens von Lille, der bei dem Streite unt die Florabüste oft genannt und von Blandy in dem RomanMon ami et moi verewigt worden ist. Dieser Kopf ist, wie seine Berliner Schepester, ein umstrittenes Rätsel der Herkunst, wie der von ihm verkörperten Künstleridee nach. Im Profil von klassischer, unnahbarer Reinheit, von vorn von kaum verhaltener Sinnenfreude erfüllt ich habe übrigens nur Kopien gesehen, da das Original bei der Beschießung in ein unbekanntes Kellergewölbe verborgen worden ist. Eine Dame, in der ein ungebändigtes Dirn⸗ chen steckt, aber doch dasschöne Mädchen von Lille, dessen Name genügt, um es zu einem Ideal der Stadt zu machen. 5

85 kann sein, daß die Lillerinnen sich selbst jede für ein wan⸗ delndes Rätsel halten, wenn sie, wenige Kilometer von den Schlün⸗ den der ermähenden Guß

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der

männ ahlkanonen, den Ruf ihrer Vater⸗ stadt, die Mode vorläuferin von Paris zu sein, auch während der Kriegsmonate in tändelndem Gleichmute verteidigen. 5

Ein Zug gefangener Franzosen kommt, begleitet von ein paar deutschen Landsturmleuten 4* aufgepflanztem Bajonett, von der Kommandantur her die Rue Nationale herunter.. trotten die Rothosen einher. Man sieht ihren mageren grauen Gesichtern die Entbehrungen des Schützengrabenkrieges an.Sieh doch, wie schmutzig diese Leute sind, sagt eine der Lillerinnen zu ihrer Begleiterin; und beide raffen die Röcke und treten ein paar Schritte zurück, um die beneideten Goldkäferhalbschuhe und die durchbrochenen Strümpfe vor den auf den Straßenkot klatschenden Soldatensohlen zu retten. Aber keiner von den Franzosen und ihren deutschen Begleitern sieht sich nach ihnen um. 5

Arme Lillerinnen! Ihr werdet den Krieg nicht begreifen. Aber auch für euch wird es ein Erwachen geben, ich fürchte, ein Er⸗

wachen mit Schrecken! 13

W. Scheuermann, Kriegsberichterstatter.