Mittwoch, den 23. Dezember

An den Akern der Drins.

Ufontcw aus der Zeit der Annexion von Ernst Klein. (Nachdruck verboten^

(Fortsetzung.)

14. Kapitel.

In der schneidend kalten Luft nahm Franz die Kappe ab, um seine heißen Schläfen zu kühlen. In seinem ganzen Körper zitterte noch die Erregung dieser Viertelstunde nach, und er suhlte, daß er lange brauchen würde, ehe er wieder zur Ruhe käme. Alles, was er längst geschlossen und ver­narbt glaubte, war wieder ausgeriffen und schmerzte wie

er durcbs Dorf und bog dann nach Vitkovici ab. Die junge Stute, die den ganzen Tag gestanden, freute sich der Frei- ett, biß mutig ins Geschirr und wieherte in den klaren "ntertag hinaus. Utid als das Dorf hinter ihm lag, gab er ihr de» Kopf frei.

In gutem Jagdgalopp ging's die Straße entlang, die ll und verlassen sich dehnte. Zur Rechten stand das Eis r Drina, und aus deren anderem User war ebenfalls kein lebendes Wesen zu erblicken. Franz tvar glücklich über die Einsamkeit und galoppierte immer rascher dahin. Seine Aufregung konnte nicht Schritt halten, immer lveiter blieb sie zurück und mußte schließlich gairz von ihm lassen.

Da zog er die Zügel an und zwang das Pferd zu ruhi­gerem Schritt. Lächelnd klopfte er ihm den schlanken Hals und strich liebkosend mit der Hand über seine weiche, dichte Mähne. Die Sonne begann zu sinken, und so wandte er sich zurück. Als er an die Straßenkreuzung kam, fielen schon lange Schatten an den Bergen ins Tal.

Langsam ritt er auf Racovac zu.

Plötzlich schwirrte wie Peitschenknall der Klang eines Schusses zu ihm herüber, und gleich darauf hörte er das Blei an sich vorüberpfeifen. Mit jähen, Sprung schoß das erschrockene Pferd nach vorne, und das rettete ihm wahr­scheinlich das Leben. Noch ein zweiter und ein dritter Schuß rollten herüber, aber er war schon weit weg. Als er sich umivandte, sah er am anderen llfer zwei Männer stehen, einen riesengroßen und einen bedeutend kleineren. In diesem glaubte er einen alten Bekannten aus Belgrad zu erkennen, den Fürsten Hektar Ray.

Der riß nun dem neben ihm Stehenden das Gewehr guS der Hand und sandte einen Schuß herüber. Aber Franz hörte nicht einmal das Pfeifen der Kugel, so iveit ging sie daneben. Lachend schwenkte er die Kappe hinüber.

Auf Revanche, Herr Fürst!" rief er zurück.

Dann gab er oem Pferde me Sporen.

Die Schüsse waren im Dorf gehört worden, und in

hellen Hausen kamen Strafuni und Dragoner mit chren Ge­wehren und Karabinern gelaufen.

Nur eine kleine Liebenswürdigkeit von den Herren drüben", sagte Franz, indem er vom Pferde stieg.Regt's euch nicht weiter drüber aus, Kinder. Wir werden es ihnen schon einmal heimzahlen."

Wann aber, Herr Oberleutnant?" riefen einige der Soldaten.Die dürfen schießen und wir nicht?"

Fragt's keine Dinge, die euch und mich nichts angehen", entgegnete Franz.Es wird auch schon einmal unser Tag kommen."

Ms am Abend Desider von seiner Patrouille heim- kchrte, erzählte er ihm lachend das Abenteuer. Wie er aber auf den Fürsten zu sprechen kam, wurde er ernst.

Daß der gelbe Halunke drüben ist," sagte er,will mir absolut nicht gefallen Der ist doch sicher nur da, um die Gräfin zu befreien. Ich denke, wir werden uns bald nicht mehr über Langeweile zu beklagen haben."

Scheint mir auch so", ineinte Desider. ,,Ats wir heute den Wald so gegen den Buljn zu abstreiften, bekamen wir auf einmal so einen verdächtigen Kerl zu Gefickt. Wir riefen ihn an sst, war er weg, wie in den Erdboden ver­schwunden."

Die haben uns eine schöne Suppe eingebrockt mit der Gräfin", rief Franz.Wenn >vir sie aber verlieren, dann werden sie mit der Nase schnell bei der Hand sein, Himmel­herrgott noch einmal!"

Wir dürfen sie aber nicht verlieren", sagte Desider.

Franz erwiderte nichts. Er dachte an die Szene vom Nachmittag.

Was hast du?" fragte Desider, der mit Erstaunen sah, wie sich des Freundes Gesicht umdüstert«.

Nichts Besonderes, mein Junge", antwortete Franz Werd's dir schon gelegentlich mal erzählen."

*

Wieder zog sich Tag um Tag durch das Tal. Kam einer wie der andere, ging einer wie der andere. Hier und da mel­deten die Patrouillen von diesem oder jenem verdächtigen

Kerl, den sie um das Dorf angeschosscn, augenscheinlich'

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chleichen sahen. Einer wurde chwer verwundet, wußte sich

aber doch noch in der letzten Minute zu retten.

Gelegentlich knallte auch einmal ein Schuß vom anderen llfer herüber. Das einzige Opfer dieser feindlichen Zielübun­gen war aber die wohlgesülltc Feldflasche des Eder Toni, dem sie aus der Hand geschossen wurde, als er sich gerade daran laben wollte. Na, der mackere Steirer fluchte nicht schlecht. In Mtlovici fing er an, und als er nachher iu Racovac auf seinem harten Strohsack lag, ivar er noch nicht fertig.

Von der großen Welt, die hinter den Bergen lag. hörten sie nicht viel. Wöchentlich einmal kam die Feldpost und brachte die Briefe und Zeitungen. Aber wenn Franz und Dender die Journale in den Händen hielten, dann war die Welt­geschichte schon um zwei, drei Woche» voran-rgelen'en. Sir