Ausgabe 
5.12.1914
 
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Samstag, den 5. Dezember

1 im

An den Akern der Dring.

kNvman aus der Zeit der Annexion von Ernst Klein.

(Nachdruck verboten.)

(Fortsetzung.)

Leise strich sie iiber sein Haar, wie wen» sie ihn gaKz hypnotisiere» wollte. Die starken Arme, die sie umschlungen hielten, preßten sie immer wilder, ungestümer sie wehrte ihnen nicht. Eine Zeittang war's still im Gemach. Nichts war zn hören, als das Stöhnen des'Mannes.

Dn hast recht geraten," sprach sie endlich leise, flüsternd, und der Atem ihres Mundes küßte dabei seine Wange.Ich »vill etlvas von dir. Nichts Bedeutendes, keinen Mord, keinen Verrat. Und ich ivill's dir lohnen . .

.Sprich!" schrie er.

Du gehst nach Bosnien, nach Racovac?"

Ja."

' In seinem Taumel ftel es ihm gar nicht ein, zu fragen, woher sie das wußte.

Dit lvirst den Uebergang über die Drina zu bewachen habe»?"

Ja."

Wenn ich dich eines Tages dort besuche, wirst du etwas dagegen haben?"

Mich in Racovac besuchen . . .?"

Es wird dich doch im Dienst nicht stören?"

Nein, das heißt . . ."

Er wollte sich aufrichten, aber nun wür sie es, die ihn festhielt, ihn mit leisem Schmeicheln au sich drückte.

Versprichst du, mich dann ein Stückchen zu begleiten?" fragte sie weiter.

Die ihm ganz unverständlichen Fragen bohrten sich ihm wie Nadelstiche in den heißen Kops. Sein Bewußtsein stand auf und rüttelte ihn aus seinem Bann. Diese scheinbar harm- lose Bitte hatte doch einen Zweck!

Wohin begleiten?"

Sein Kopf schmerzte ihn, so strengte er ihn an, den ihm dunklen Zusammenhang zu erraten. Bon Minute zu Minute wurde er nüchterner, erkannte er immer deutlicher, daß ihm da eine Falle gestellt würde. Sie merkte es, verdoppelte ihre Zärtlichkeit und wollte ihn nicht aus ihren weichen, runden, Armen lassen.

Aber er machte sich los, so schwer es ihm auch fiel.

Was hast du auf einmal?" fragte sie.Komm', bleib' doch bei mir!"

Er schüttelte den Kopf.

Nein," sagte er.Sie haben mich in einem Zustand gesehen, Frau Gräfin, den ich jetzt bereue . . ."

Du bereust, mir deine Liebe gestanden zu haben?"

Ihr roter Mund verzog sich zu einem entzückenden Schmollen, die blauen Augen winkten und winkten zu ihm herauf. Aber er blieb fest.

Ja," sprach er,ich hätte mich vernünftiger dabei be­nehmen können. Denn ich will den Kopf klar haben. Wenn Sie etwas wünschen von mir, Frau Gräfin, und es sich mit meiner Ehre als Mann und meiner Pflicht als Soldat ver­einen läßt, will ich es tun!"

Bedingungen?!"

Das sind keine Bedingungen, das sind selbstverständ­liche Dinge! Sie werden doch nicht von mir verlangen, daß ich irgendeine Lumperei begehe?!"

Sie fühlte, daß ihr die Beute, die sie bereits im Netz zu haben glaubte, unhaltbar entglitt. Sie raffte ihre ganz« Kraft zusammen. Sie faßte ihn an der Hand und zog ihn zu sich hinab.

Was will ich denn von dir, du dummer Mensch, du!" flüsterte sie, indem sie einen h.ißen Kuß aus seine Lippen preßte.Anstatt mit der Bahn zu fahren, mache ich den Umweg über Racovac, um dich zu sehen. Das ist alles!"

Er fühlte ihren Kuß auf seinem Mund brennen, spürte ihre schwellenden Glieder an den seinen . . . wieder begann es wirr zu werden in ihm. Warum fährt sie nicht mit dev Bahn? Warum auf einmal die große Liebe, die sie durchaus, im Winter, über den unwirtlichen Karst zu ihm nach Raco­vac treibt? Sein Mißtrauen wuchs und wuchs.

Warum wollen Sie mir ein solches Opfer bringen?" fragte er.

Gott, bis so ein Mann begreift! Ich sage dir doch, daß ich dich liebe!"

Er sah ein, er würde nichts aus ihr herausbekommen, wenn er nicht auf ihren Ton einging. Er ließ sich also neben ihr nieder, küßte ihr abwechselnd die .Hände und spielte mit ihren schweren Haarflechten.

Geliebte, schau," sagte er,ist es nicht einfacher, du fährst mit der Bahn und ich komme dich in Sarajevo be­suchen? Ja, da fällt mir ein, was hast du eigentlich in Sarajevo zu tun?"

Meine Schwester ist dort verheiratet."

Ach, ich wußte nicht, daß du eine Schwester hast."

Sie ist ein Jahr jünger als ich . . . aber ich weiß nicht, du fragst mich so aus?" ries sie ungeduldig.

Ich verstehe nur nicht, warum du nicht mit der Bahn fahren willst. Ich will dir sogar versprechen, dich in Sara­jevo bereits zu erioarten. Auf ein, zwei Tage kann ich mich immer sreimachen."

Aber ich habe mich so gefreut auf unser Idyll in Ra­covac. Franz, o» Starrkopf, begreifst ou denn nicht, in dem stillen, abgeschiedenen Oertchen, wir zwei. .

Ja, mit fünfzig Dragonern und sechzig Strasnni. TaS find mir die rechten Liebeswächter I"

Sie kämpfte beinahe verzweifelt. Ihr weiblicher Ehr­geiz peitschte sie bereits. Sollte ihr gerade dieser Mensch widerstehen? Sie hielt und hielt ihn, küßte ihn, flüsterte ihm tausend glühende Versprechungen ins Ohr . . . Die Tränen der Wut traten ihr iw die Angen, da sie sah, wie sich daÄ Spiel immer mehr zu ihrer Ungunsten wendete.