Die hundert Tage.

Nioman aus dem Jahre 1815 von M. von Witten.

(Nachdruck verboten.)

(Fortsetzung.)

Aller Augen richteten sich auf Jssy, das eine Kanonen-- schußweite von Paris entfernt, östlich von Mendon in der Ebene liegt. Ansehnliche feindliche Streitkräste werden in und vor dem Dorfe und aus dein das Talbecken iin Süden umgrenzenden Höhenzuge sichtbar. In der Ebene auch Ka­vallerie, die zur Aufnahme der von den Höhen von Mendon vertriebenen Infanterie bestiiuiut zu schein scheint.

Vorwärts, Jungens. Die sollen uns die Bittter vom Brote nicht nehmen", rust Blücher.Der Napoleon ist uns zwar durch die Lappen gegangen. Tut aber nichts. Der ist abgetan so oder so! Aber sein Sündenbabel, das müssen wir haben!"

Ein neuer BeisallSsturm umbraust den greisen.Helden.

llub eine halbe Stunde später steigt die Avantgarde des Zietenscheu Korps von den .Höhen von Meudon nach Jssy hinab. Rechts am Fuße der bepflanzten Anhöhen entlang zieht die Infanterie, an den Ufern der Seine folgen zu ihrer Unterstützung die Ulanen.

Noch steht die Sonne hoch am Himmel. In farbenfroher Pracht liegt die Stadt, liegt das Gelände da. Und doch ist es Gottfried Schneider, als habe sich über die Landschaft ein Riesenschatten gebreitet, der kalt und massig auch in sein eigen Herz gefallen ist. Woher, woher nur diese uferlose, bleischwere Traurigkeit, die ihn nicht lassen tvill?"

Aber da ist jetzt keine Zeit zuni Grübeln!

Die feindlichen Kugeln pfeifen von den Höben zur Rech­ten herab, sie zischen zur Linken von Paris her über die Wasser der Seine herüber.

Wieviel tränenschweres Unheil richten sic an, vor allem unter den Flankeure», die gegen die feindliche Kavallerie» vorgenommen werden.

Aber Vorwärts! ist die Losung. Vorwärts! Dort drü­ben hinter Jssy winkt die Barriere von Paris.

Da! Hollah! Gottfrieds Pferd bricht ihm unter dem Leibe zusammen. Im nächsten Augenblick steht er mit hell­wachen Sinnen aus beiden Füßen. Rittmeister Erlen tvendet das Haupt. Ein Blick trifft Gottsried ein Blick, der ihn umhüllt wie mit schützenden Händen der Liebe. Gottfried grüßt mit den Augen in atemlosem Bogen, in ernstjnbeliv- deni. heiligen, Glück:Du, du! Noch bist du mein! Noch lebst du mir und ich dir!" Im nächsten Augenblick etz- greist er aber schon die Büchse eines verwundeten Schützen, um, dem Beispiel anderer Ulanen folgend, denen das Pferd gleichfalls unter dem Leibe erschossen wurde, als Tirailleur am .üainpsc teilznnehmen.

Die Kugeln sausen und pfeifen von rechts, von links.

Bor der Front sinkt ein Flankcur nach dem andern ge­troffen zur Erde. Blui und wieder Blut färbt den Aoden.

Es bleibt nichts übrig Flankeure müssen von neuem vorgenommen werden.

In Ulrichs Herzen kocht Schmerz und Wut empor. Müssen so nahe dem Ziele noch so viel, liebe Kameraden htn- geopfert werden?

Freiwillige als Flankeure vor!" erschallt sein Kom­mando.

iJn demselben Augenblick sprengt ein herrenloser Gaul bei Gottfried vorüber. Er schwingt sich in seinen Sattel und ist der ersten einer, die sich melden.

Besser im dichtesten Kugelregen stehen, als in das Herz hineinschauen zu müssen, durch das erstarrend eine Todes­gewißheit weht. Wen von ihnen beiden wird es treffen? Einen von ihnen 'beiden das ist ihm mit einem Mähe gewiß! Es wäre sonst zuviel des Glückes gewesen. Aber tven? Daß er die todbringende Kugel auf das eigene Herz lenken könnte, um den andern, den über alles Geliebten, vor dem Tode zu bewahren! Gott im Himmel, nimm mich als Opfer an!

Und Gottfried wirst sich an der Spitze der Flankeure, durch den feindlichen Kugelregen, der vor Jssy haltenden Kavallerie entgegen.

Mit großen, schmerzvollen Augen folgt Ulrich, an der Spitze seiner Schivadron reitend, den Braven. Da in wildem Eifer gehen sie zu weit über die Feuerlinie der eige­nen Infanterie hinaus heiliger Gott! Ulrichs Herz krampst sich zusammen. Ein Sporendruck sein Hengst fliegt dahin

Flankeure zurück! Langsamer avancieren!"

Eine Kugel schwirrt zischend heran sie sucht, sie findet ein Herz Ulrich Erlen breitet die Arme tveit aus in freier, offener Stellung sinkt er hintenüber - vom Pferde herab, zu Boden.

Erdmuthe -- o mein Gott!" haucht sein Mund.

Und wenige Schritte von ihm hält Gottfried Schneider auf seinem Braunen wie gelähmt. Will abspringen, will dem Rittmeister zu Hilfe eilen und kann sich doch nicht rühre». Er sieht den Tölen sinken. die Sonne erlischt seinen Augen Nacht ist es um ihn. ---

Ein paar Ulanen springen herbei, die als Schützen an dem Gefechte teilgcnommen. Sic tragen ihren geliebten Ritt­meister aus dem Weg, neben ein schützendes Buschwerk. Dort legen sie ihn nieder.

Da endlich ist auch Gottfried Schneider vom Pferde. Er wankt zu dem Toten.

Schiveigeud ziehen fich die Ulanen zu ihren Musketen zurück. Sie ehren ein erhabenes Geheimnis, das sie alle kennen. Gottfried aber bricht neben dem Heißgeliebten in die Knie, in stummer verzweifelter Qual. Seine Welt liegt zerbrochen zu seinen Füßen.

*

I» dem durchsonnten, weiten aber niedrigen Zimmer des Landhauses in Gcnappe, dessen vier sich paarig gegen­überliegende Fenster nach dem Garten hinauogiugeu, schlunv-