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Knderseele.
Bfomait von Reinhold Ortmaun.
^Nachdruck verboten.)
(Fortsetzung.)
24. Kapitel.
Es it*ar ungefähr eine Woche später, als an einem sonnenhellen Vormittag ein eleganter, init hellfarbiger Seide ari«brschlagencr Landauer vor dem Klein-Eklback-er tzcrrcn- haiisc anftlhr. Kutscher und Diener waren in prunkender Gaialivree, und die silderbcschlaaenen Geschirre der beiden Pferde blitzten, daß die Leute, di« dem Gefährt begegnet ivaren, ihm init bewunderndem Staunen nachgeblickt hatten.
Tie erinnerten sich wohl, es hier und da schon fricher einmal gesehen zu haben,' in den letzten Lebensjahren des alten Herrn Rasmussen, der es angeschafft hatte, um eine hohe Persönlichkeit, di« sich zur Besichtigung der Webereien angesaHt hatte, von der Station abzuholeu: aber der Wagen war jpciter nur noch bei seltenen Gelegenheiten in Gebrauch genommen worden.
Heute war es der Lberleuinant Herbert Rasmussen, der ihm vor dem Schlosse von Kleiu-Ellbach entstieg. Er war in Uniform. Sein Gesicht nm sehr bleich, ltnö ein tiefer, feierlicher Ernst spiegelte sich in seinen Zügen.
Förmlich, wie wenn er zu einem Fremden käme, ließ er sich bei dem Baron von Bardeleben meiden, und mit dem Helm unter dem Arm überschritt er die Schwefle der Bibliothek, in die Harro den unerwarteten Besucher hatte bitten lassen.
An derselben Stelle, wo ihre letzte heftige Nusein» andersctzung erfolgt war und wo sie einander für immer ihre verwandtschaftliche Freundschaft abgesagt hotten, standen sich die beiden Männer gegenüber. Bardeleben hatte durch das Fenster die Prunkequipage gesehen und glaubte zu Ivissen, wie es zu bellten sei, daß sein Schwager in einem Aufzuge bei ihn: erschien, ivie wenn er eineni Fürsten seine Aufwartung zu machen habe Aber er oerharclc in abwartender Zurückhaltung und ließ nach höflich stummer Verneigung dem Ankömmling das erste Wort.
Bleich, aber mit der ruhigen Entschlossenheit eines Mannes, der sich unabweislicher Pflichten bewußt ist, wandte Herbert Rasmussen ihm sein Gesicht zu: „Ich habe dir in meinen Gedanken ivie in ineinen Handlungen schweres Unrecht zugesügt, Harro," sagte er mit fester Stimme. „Und nun bili ich gekommen, dich deshalb um Verzeihung zu bitten."
Ohne Zaudern streckte der Baron ihm die Hand entgegen. „Du hast gedacht und gehandelt, wie es nach Lage der Tinge begreiflich war," enviderte er. „Es hätte der Entschuldigung nicht bedurft, aber ich nehme sie gern an, weil ich darin mehr Ehrendes als Beschämendes für dich sehe."
Es uw nur ein küülcr Händedruck, den sie miteinander
tauschten, denn sie fühlten Wohl beide, daß nach allen, Bor» ausqcgaugenen trotz dieser Aussöhnung niemals etwas wte wirkliche Freundschaft zwischen ihnen sein könne. Aber sie sahen sich mit freiem und festem Blick in die Augen. Seine Hochachtung wenigstens brauchte nach dieser Stunde keiner mehr dein anderen zu versagen.
Auf die Einladung Bardelcbens hin ließ sich der Oberleutnant in einen Sessel nieder, und wenn es den beiden Männern auch anfänglich nicht ganz leicht fallen mochte, einen unbefangenen Gcsprächston zu finden, so half ihnen ihre soldatische Erziehung doch rasch über den peinlichen Anfang hinweg.
„Es Ivar mir eine große Erleichterung/' sagte Rasmussen, „als ich gestern von dem Waldenbnrger Untersuchungsrichter hören durste, daß weitere Schritte in der traurigen Angelegenheit nicht mehr getan werden würden. Ich zitterte davor,' daß man es dennoch für notwendig hallen könnte, die Grabesruhe meiner unglücklichen Schwester zu stören."
„Es wäre vielleicht unvermeidlich gewesen, wenn Reib- nitz gleich nach seinem ersten Bekenntnis gestorben wäre.
Aber er hatte noch Kraft genug, auch eine ziveite, eingehende Vernehmung zu bestehen. Nach dieser hielt inan die -lnge- legenheit für hinlänglich gellärt, um auf alle lvciteren Erhebungen zu verzichten. Es ist eigen tlich merkwürdig, daß keiner von uns auf diesen unseligen Menschen als auf den Urheber alles Unglücks verfallen ist."
Rasmussen senkte den >iopf. Was in seiner Seele vorging, inochle ihm wohl die bittersten Schmerzen seines Lebens bereiten. „Es wäre sehr großmütig, Harro," erwiderte er mit gedämpfter Stimme, „wenn du allen Groll und alle Verachtung aus ihn allein uvrfe» wolltest. Daß die Weit anders urteilen lv-ird, weiß ich sehr wohl-"
„Was kümmert uns die Welt! Ich habe während der letzten Monate au mir selber zur Genüge erfahren, «vas es wert ist, von ihr verdamm, oder sreigcsprochcn zu werden. .iDeine Schwester war eine Unglistkliche, wie du selber sie vorhin genannt hast. Und als einer Unglücklichen, nicht als einer Schuldigen wollen wir ihrer gedenken."
„Ich danke dir für das Wort. Denn nicht bloß für inich, auch sür sie hatte ich deine Verzeihung erbitten wollen. Nach allem, was dieser Reibnitz ansgesagt hat, habe ich aufgchört, sic zu verstehen. Ich Hube erkannt, daß sie ihre Seele vor mir verschlossen hat wie vor dir und vor allen anderen. Was ich in heißer Zärtlichkeit und tiefsinnigem Mitleid in ihr geliebt halte, war nicht sie selbst, sondern nur ein Geschöpf meiner Einbildung gewesen. Damit fallen natürlich auch alle Vorwürfe in sich zusammen, die ich jemals gegen dich erhoben, und ich verstehe jetzt sehr gut, ivas du mährend deiner Ehe gelitten und in ritterlichem Schiveigcn getragen hast."
Bardeleben machte eine abwehrcude Bewegung. „Lassen wir das Vergangene vergangen sein, Herbert! Wenn sie gefehlt hat, hat jie es jedenfalls schwerer gebüßt, als sie verdiente, und nicht wir sind berufen, über die Tote zu


