Ausgabe 
10.10.1914
 
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Kinderseele.

Roman von Reinhold OrtmanlL (Nachdruck verboten.)

(Fortsetzung.)

Eine Bitte hätte ich allerdings, Herr von Reibnitz, t!nr sehr große Bitte."

Und das wäre?"

Der Werkmeister Kreidel und ich, wir sind immer im Briefwechsel miteinander geblieben. Aber ich habe Regine nichts davon gesagt, weil ich Angst habe, es könnte sie miß­trauisch machen gegen mich. Und so kann ich ihr denn auch den Brief nicht zeigen, den ich heute von ihren, Vater er­halten habe. Es ist ein sehr trauriger Brief, und der alte Mann tut mir in der Seele leid. Er hat so große Sehn­sucht nach seinem einzigen Kinde. Aber er kann doch den ersten Schritt nicht tun. Und Regine ist so.stolz oder so eigensinnig, wie man es nun nennen will. Als ick, sie kragte, ob sie denn nicht n,al an ihren Vater schreiben wollte, hat sie mich sehr kurz abgefertigt. Aber wenn Sie es ihr sagen würden Ihnen zuliebe würde sie es doch vielleicht tun. Da wollen Sie nicht selbst lesen, was der Werh° Meister schreibt?"

Er hatte den Brief aus der Tasche gezogen und ihn auf die Bettdecke gelegt.

Mit einigem Widerstreben entfaltete Reibnitz das Blatt und ließ seine Augen über die ungelenken Schriftzüge hin­gleiten."

Ja, es ist sehr rührend," meinte er dann mit einem Anflug der alten Spottlust.Na, soweit es an mir liegt, will ich gerne das Meinige tun. Wann darf ich denn Regines Besuch erwarten?"

Es gibt gerade heute im Lager so viel zu tun, daß sie sich schwerlich wird losmachen können. Aber morgen morgen kommt sie gewiß."

Na, dann werde ich ein eindringliches Wort mit ihr reden. Aber was ist oas? Was schreibt der Mann da von dem Baron Bardeleben? Jchchars das doch auch lesen?"

In sein Gesicht war plötzlich ein Ausdruck höchster Span­nung gekommen, und die Hand, die den Brief hielt, begann sichtlich zu zittern.

Der Buchhalter sah sehr bestürzt aus.Ach, das sollten Sie lieber nicht tun, Herr von Reibnitz es könnte Sie auf­regen. Wenn die Frau Baronin wirklich vergiftet worden ist, wie r- in ReinSwaldau heißt einen Mann, wie den Baron Wird man doch nicht im Ernst beschuldigen können, ihr Mör­der zu sein."

Der Kranke hatte kaum auf seme Worte geachtet. Er arrte noch immer auf den Brief, auch als er ihn längst zu nde gelesen haben mußte. Und nun befiel ihn auss neue einer seiner erstickenden Hustenanfälle, länger, qualvoller und erschreckender, als es die bisherigen gewesen waren.

Um Gottes willen, Herr von Reibnitz! Ich will doch lieber die Schwester rufen. Oder kann ich kann ich vielleicht etwas zu Ihrer Erleichterung tun?"

Reibnitz schüttelte den Kops. Es währte lange, bis er sich halbwegs erholt hatte. Dann sagte er mit einer mattem verlöschenden Stimme, die ganz anders klang als vorher:Ich danke Ihnen, Brehmer. Sie sind wirklich ein braver Mensch. Und die Regine lrnrd nicht schlecht mit Ihnen fahren. Aber nun entschuldigen Sie mich nicht wahr? Wie Sie seben, kann ich mir nicht mehr ungestraft den Luxus eines Plauder­stündchens leisten. Grüßen Sie das Mädel und sagen Sie ihr, daß ich sie morgen erwarte. Wenn Sie aber jetzt hinansgehen, dann teilen Sie vielleicht der Schwester mit, daß ich den Oberarzt bitten lasse> sehr dringend bitten lasse, rönnen Sie ihr sagen."

Ganz verstört von den letzten beängstigenden Eindrücken, wußte der Buchhalter kaum die Tür zu finde». Und er entledigte sich draußen seines Auftrages in so eindring­lichen Worten, als wäre es nach seiner Ueberzeugung em Sterbender, der da nach dem Arzt verlangte.

Botho v. Reibnitz aber lag ganz still und starrte zur Zimmerdecke empor, wie wenn er da droben die Antwort zu finden hasste auf eine Frage, die in grausamer Ollcal sein fieberheißes Hirn zermarterte.

Zehn Minuten später erschien der Arzt, ein noch jugend­licher, sehr liebenswürdiger Herr mit einem beiteren, blllhew den Gesicht, aus dein die Patienten Tag für Tag wie aus einem unversieglichen Quell ihren kümmerliche» HoffnungS- vorrat zu schöpfen pflegten.

Nun, Herr v. Reibnitz," fragte er jovial,woher diese plötzliche Sehusilcht nach meiner Gesellschaft?"

Ich möchte Sie etwas sragen, Doktor. Wie lange habe ich Ihrer Meinung nach noch zu leben?"

Hallo das nenne ich schweres Geschütz! Gibt es denn gar nichts Lustigeres, womit Sie sich die Langeweile ver­treiben könnten, als mit solchen Grillen?"

Es sind nicht bloß Grillen. Tie Sache hat eine ver­wünscht praktische Seite, Doklorchen! Und nicht bloß für mich. Daß ich wieder gesund werben könnte, ist doch gau- ausgeschlossen wie?"

Warum sollten Sie nicht wieder gesund werden können? Ich habeschon kränkere Patienten gehabt, die heut« auf den Brocken klettern, ohne zu verschnaufen."

Wenn ich nun vor meinem Tode noch eine sehr wichtige Pflicht zu erfülle» hätte. Sie könnten mir also mit gutem Gewissen raten, es noch aus unbestimmte Zeit zu ver­schieben?"

Das rosige Gesicht des Arztes wurde ernster.Drin­gender Vervflichtungen sollte man sich immer sobald als möglich entledigen, Herr v. Reibnih auch wen» man nicht gerade genötigt ist, mit den schlimmsten Möglichkeiten zu rechnen."

,Dste Sache hat noch einen kleinen Haken. Nehmen toir zum Beispiel an, ich müßte, um einen anderen zu entlasten.