Ausgabe 
11.7.1914
 
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Kinderseele.

Roma» vo» R c i u ti o (t> 0 r t m a it «r.

(Nachdruck wib*lnt.)

(3'ortfctimia 1 o. ttapitef.

(5tu langgestrecktem, zweistöckiges Hau» mit steilem, hoch strebenden« Dach und einem turingeschmückten Flügelanbau, bis über die Höste des ersten Stockwerks hinaus dick>t mit Efeu überlvachseu das war das Kleiu-EIlbacher Schloß. Der rasche Blick, de» Margarete darüber hinstreiseu lassen konnte, während sie die Stufe» zu dem breite» Porial emporstieg, treckte in ihr die Borstellung eines schmucklosen und düsteren (Gebäudes Buch die graste, «veißgetünchte Diele, deren Wände mit zahllose» Hirschgeweihen und Rehkronen ge schnrückl loare», hatte für ihr Empfinden nichts Warmes und Anheimelndes. Zur Rechten führte eine breite Treppe mit reichgeschnitztem, alterSöunkieni Eichenholzgeländer in das obere Geschoß empor, zur Linken aber >vie im Hinter­gründe befanden sich je zivei hohe Flügeltüren, deren jede von einem ansgeslopsten Raubvogel mit «oeit gebreiteten Schloingen bekrönt nnirde.

Ein junges Mädchen in lveißer Latzschürze und mit den, Dienstbotenhänbchen aus dem hübschen Blondkopse >oar ihnen ans einer dieser Türen enlgegengekonnnen. und die lleberraschnng beim Anblick des Hausherrn spiegelte sich deutlich ans ihrem Gesicht.

Sie begrüßte ihn mit einem Knicks und ivnrde rot, als er ihr znrief:Ein gelungener Ueberfall gelt, Janni? Sehen Sie nur schnell zu, daß ick, oben alle» in Ordnung finde Bei der gnädigen Frau locroe ick, das Fräulein und mich schon selbst anmelden. - llebrigenS werden für de» heutigen Abend Gäste erwartet?"

Nur der Herr SanitätSrat * wie an jede« Donners­tag. Herr Baron."

Es ist gut. Sie dürfen verschlvindeu."

Er öffnete die erste Tür zur Linken und forderte Mar­garete durch eine einladende Handbrwegnng an», näher zu treten.

Wollen Sie, bitte, hier warten, bis ich meine Frau benachrichtigt habe. De» Koffer lasse ich gleich aus Ihr Zimmer bringen."

Er folgte ihr nicht, sonder» drückte hinter ihr die Tür wieder in» Schloß. Der von de» elektrischen Lanip?» eines Kronleuchters mit hellstem Licht erfüllte Rani», in dein sich das junge Mädchen sah, war wohl der Empfangssalon de» Hauses, und Margarete fühlte sich beängstigt durch den verschwenderischen LuxuS der Ausstattung. Auch in de» vor nehmen Berliner Häusern, in die sie zu Lebzeiten ihres Vaters hie und da als Gast gekommen war, hatte sie kaum jemals ähnliches gesehen. Die koscharen Möbel iiud^eppiche, vie prunkenden Bilder an de» mit zartfarbiger weide be­

spannten Wauden alles wirkte luie eine prahlerische Zur­schaustellung großen Reichtums. Und alles sah zugleich so kalt und steif und unberührt aus wie i» jenen fürstlichen RepräsentatiouSräunlen. die nur dazu bestimmt scheinen, bon scheu hindurchschleicheiide» Beschauern ehrfurchtsvoll! angestaunt zu werden. '

Die junge Erzieherin ivagte nicht, sich zu setzen, »tu wohl ihr die Reisemüdigkeit schwer in den Gliedern lack und obwohl Minute aus Minute verrann, ohne daß jemand zu ihrer Begrüßung erschienen wäre.

Endlich öffnete sich ihr gegenüber eine Tür, und eine dunkle Gestalt, offenbar die Schlostherri» selbst, trat übce die Scknvelle.

Sicherlich hatte sich Margarete die Baronin von Barde­leben nach ihren Briese» ganz ander» vorgestellt, als sts ihr nun hier in Person gegenüberstand, sie hatte im Geiste immer das Bild einer hochgewackijenen blonde» Aristokratin vor sich gesehen, einer schönen, majestätischen Frau mit stolz erhobenem Haupte und kalten, hochmütigell Augen. Der Anblick dieser kaum mittelgroße» Erscheinung-, die in ihrer Zartheit noch so mädchenhaft wirkte, bereitete ihr dann» eine lebhafte, aber doch auch nicht u»aiigeneh»«e Ueberraschung.

Sie sind Fräulein Margarete Othmar? Ich heiße Sie willkommen und hof.se, daß Sie sich zu Ihrer und meiner Zufriedenheit hier einlebeu werde». Bitte looüen Sie sich nicht setzen?"

Sie ließ sich in einen der Sessel nieder, stützte den Arm auf die Lehne und das Kinn in die Hand, »m mit einem kurzen Aufschlagen der schlveren Lider die Erscheinung des Ankömmlings zu mustern. Ob sie befriedigt ober enttäuscht war, dabo» >var aus ihrem Gesicht nichts zu lese».

ES ist »icktt viel," fuhr sie fort,was ich Ihnen bet dem Antritt Ihrer Stellung zu sagen habe Ich setze voran», daß Sie den besten Wille» habe», und cüe Erfahrung hat blich gelehrt, aus vorgreifende Versicherungen keinen zu großen Wert zu legen. Den» ich mache kein Hehl daran», daß ich leider schon sehr häufig genötigt ivar, mit beu Erzieherinnen meiner Tochter zu wechseln, llnd es waren einige darunter, die au anderer Stelle geloiß recht Tüchtige» geleistet habe» würden. Das Kind, das Ihnen auvertrant werde» soll, ist eben nicht nach der gewöhnlichen päida- gogischeu Schablone zu behandeln. Dietlinde ist in ihrer ersten Jugend fast immer krank gewesen, und ihre Ge­sundheit ist noch jetzl überaus zart. Da sind daun wohl aus salsch angebrachter Schonuüg im Anfang mancherlei Er- ziehungssehler gemach! worden, und die Folge ist, daß das Kind scheu, cigeusinnig und hinterhältig gelvordeu ist, immer zu Trotz und Verstocktheit geneigt. Diese Fehler zu besei­tigen, sei eS durch Güte, sei es durch uuuachsichtliche Strenge, muß Ihre vornehmste, ja, Ihre einzige Aufgabe sein. Sie haben unbeschränkte Bollmacht. mit dem Kinde nach Ihren« Ermessen z» verfahren, solange der von Ihnen eingeschlagsiw Weg nach meinem Ermessen der richtige ist, Rbit Meiuig-