Ausgabe 
1.7.1914
 
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Prompt, fast niilitärisch erfolgt Punkt 7 Uhr das Wecken des Pausdieners mit der Meldung, daß derAdmiral" Mischen 11 und 12 Uhr von Southampton erwartet würde. ES verblieb sonach Zeit aenng, den Badestrand von Vlissingen, daS eine halbe Stunde vom Dafen entfernt liegt, und die Forlisikationen der Insel Walcherei» tu besichtigen. Holländische Miliz übtSprung, ans marsch marsch" undhinlegen", unter Anpassung an das Gelände.

MitPlattdeutsch" Mache ich mich leidlich verständlich und finde offenes freundliches Entgegenkommen bei dem Publikum. Ueberall größte Sauberkeit, die einen Pesch-Mario zuui Stimmen der Lyra hätte begeistern können. Tie Häuschen auf dem Lande einzeln in schmuckem Grün, in .Vlissingen selbst auch kasernenartig aneinander gereiht. Mit Stolz erzählt man mir, daß die dortige lWersl einen Kran von 1500 Tonnen Tragkraft besitze, der größte Krau der Welt von Blom u. Voß in Hamburg habe auch nur eine solche von 2500 Tonnen. Ausallend war der starke Antrieb von Pscrden, sogenannten Belgiern zum Hasen und der Versand von Fahrrädern. Toch der Zeiger der Uhr meldet 11 Uhr und der Dampfer wartet nicht. Also zurück zum Hafen!

Aber zwölf Uhr >var vorbei und gegen ein Uhr meldet mir der Schiissagcnt, daß der dldmiral im Kanal starken Nebel gehabt habe, sein Eintreffen sei unbestimmt. Es wurde denn auch wirklich fünf Uhr, che am Horizont der Rauch von einem großen Tampfer aufstieg, und das Boot, welches uns an denAdmiral" herait- bringcn sollte, in See ging, als einzigen Passagier mich hinüber- tragend, da der Weg von Vlissingen nach Hamburg sonst wohl kaum zn Wasser zurückgelcgl wird. Anwesend waren unter den Boots­leuten nur noch Herr Stofkoppcr, der Schiffsagent, der sich mit mir über die Ucbcrraschung freute, die ich meinem Bruder bereiten wollte, und die Vertreter der Zollbehörde.

Das Erkennen und die Begrüßung von Boot zum Schiss und umgekehrt ivar vorüber, die hohe Treppe zum Tampfer hinauf erstiegen, Ladung und Passagiere für Holland waren abgegeben und die Abscknedsgrüßc ausgetauscht, als plötzlich ein Zucken durch den Körper desWmiral" ging, die Maschinen stampften und das Schiff nahiu im großen Bogen seinen Kurs scharf Nordwärts. Aus meiner Cabine am obersten Teck, wo ich vom ersten Offizier Unter- gebracht war, beobachtete ich durch das Fernglas den belebten Bade­strand von Vlissingen und die Dünen der holländischen Inseln. lVom Strand, de» wir noch in geringer Entiernung vor uns liegen hatten, wehten Tücher durch die Lust, Abschiedsgrüße der friedlichen Bevölkerung dieser Inseln.Das ganze Holland" ist vertreten, äußerte ein seit Neapel mitsahrender junger Herr, einer von denen, die der SeemannKreuzfahrer" zu nennen pflegt, weil sie zum Kreuz der Seeleute mitsahren, d. h. alles am besten wissen. Ich hatte bald nach Betreten des Tampfers schon Gelegenheit gehabt, setinenWitz" kennen zu lernen, als er sich eine in Vlissingen aus- steigende Missionarssamilie zur Zielscheibe ersehen hatte. Umoill- kürlich erachtete ich cs als meine vornehmste Ausgabe, diesen wacke­ren Fechter möglichst schnell mundtot zn machen, was mir auch trefflich gelang. ,

Die Zahl der Mitreisenden war nicht gerade groß, da die «teilten Passagiere bereits in Neapel, Marseille und Southampton den Ton,vier verlassen hatten, doch befand sich ein Trnppentrans- porl an Bord, unter Führung des Kapitänleutnaitts Martini, der drei Jahre in Dar cs salam stationiert gewesm war, wenn ich nicht irre als Chef desGeier". Ich machte auch recht bald seine Bekanntschaft und fand in ihm einen recht mitteilsamen ireund- lichcn Herrn, der mir Neuling gerne manche erwünschte Aufklärung gab. In Hamburg hatte ich später Gelegenheit, ihn als Vorge­setzten kennen zu lernen.

Ter Schissskapilän Kley, mit dem mich mein Bruder bekannt machte, erzählte mir, daß man im Kanal einen dichten Nebel angetroffen l)abe und daß die Tampffiren« die ganze Nacht geheult habe, um einen Zusammenstoß mit anderen Schiffen zu vermeiden. Ter TampferKaiser Wilhelm II" sei im Kanal mit einem eng­lischen Tampser zusammengcrannt und hätte schwere Beschädigun­gen erlitten. Passagiere und Mannschaften desMmiral" hätten in der vergangenen Nacht säst kein Auge zugetan.

Bei alledem lag die Nordsee jetzt vor uns, im schönsten Sonnenglanz. Ter Bug des Schiffes teilte ruhig die dunkel- lgrünen Wellen, die sich an beiden Seiten des Tampfers in weißen Schaum verwandelten »ich hinter uns eine breite weißgrüne Straße zurückließen, die ständig von Möwen umschwärmt wurde. Dos.Diner uni 7 Uhr war vorüber und die Schisiskapelle hatte zu musizieren begonnen, da saßen die beiden Brüder in der Kabine des ersten Offiziers bei einer Tasse Mokka und einer guten Hol­länderzigarre und tauschten alte Erinnerungen aus: Elternhaus, Äugend, Sturm des Lebens durch eigne und ftemdc Schuld, mit Ausblick auf die Zukunft.

Tie Sonne sing unterdessen an in die Nordsee unierzutauchen und das Schiss erstrahlte in herrlicher Beleuchtung. Aut dem un­teren Teck vertrieben sich die als Heizer mitfahrenden Araber die Seit mit Mäcchenerzählen und verrichteten die im Koran vorge- tchriebenen Waschungen. 'Tie Matrosen sangen ihre Lieder und freuten sich aus das Wiedersehen mit ihren Lieben. Tie Passagiere der ersten Klasse machten ihren Abendspaziergang ruird um das Teck, ehe sie sich zur Ruhe begaben. In der Ferne blinkten di« Leuchtfeuer und der erste Offizier begab sich wieder aus die Kom- tnandobrücke, um di« Leitung des Schiffes für die nächsten Stun­

den der Nacht zu übernehnten. Ein kühler Nachtwind erhob sich >,nd ließ die Wellen höher gehen. Ta lvar auch für mich, nach den vielen Eindrücken des Tages, der Zeitpunkt gekommen, zur Ruhe zu gehen, bcsoirdcrs da am nächsten Tage nocki wichtiges bcvorstand. Geradezu prächtig schlic> es sich in der hübschen Einzelkabine, von dem nicht übermäßig lauten Stampfen des Schisses in den Schlaf gewiegt.

^ Punkt 7 Uhr Revcillc! Ein Ruck vom Lager und Oeffnen der Schiebetür. Tie Sec liegt ruhig in der Morgensonne vor mir. Tie Stewards eilen geschäftig über das Teck und bereiten das erste Frühstück vor. Tie Verpflegung ist geradezu großartig, last zu üppig: ich habe mir aber sagen lassen, daß di« meisten Passagiere schon nach einigen Tagen anfangen, recht mäßig in Esten und Trinken zu sein, weil ihnm die gewohnt« Bewcgun: Ich

frühstücke mit meinem Bruder in dessen geräumiger Ka-ine, unter Assistenz seines Boy Abdallah, eines Arabers ans Sansibar, und lasse mir von ihm die Erlebnisse der Nacht erzählen. Ein Tampfer der Hamburg - Amerika - Lffrie fährt in geringer Entfernung an uns voriiber. Unsre Möwen sind im Zweifel, ob sie sich ihm nicht anschließen sollen. Unweit in nördlicher Richtung steigen die roten Felsen von Helgoland aus der See enipor, von verdeckten Geschützen starrend, ein sicherer Schutz für die Entwicklung der deutschen Flotte in der Nordsee.

Tie Dampfer der Seesischereicn mehren sich und anstelle der Leuchttürnre treten die Leuchtschiffe, die aus Sandbänken verankert sind. Jetzt ist das LeuchtschiffElbe I", erreicht, der geoarapbisch« Punkt, an dein die Elbe sich ins Meer ergießen soll. Von Land aber keine Spur. Ringsumher Himmel und Wasser. Endlich taucht bei LeuchtschiffElbe II" zrtr Rechten die Insel Scharhörn auf, die Möwen verlassen uns, und bald darauf ist auch Cuxhaven in Sicht und die Alte Liebe. Die Besatzrtng zsveier dort mairöv- rierender Kriegsschisfc begrüßt ihre aus Afrika zurückkehreuden Kameraden mit donnerndeni Hurra. Mit Volldampf müht sich der Admiral" den vor uns fahrenden DainpfcrRcichenjels" zu überholen, um eher in Quarantäne zu kommen. Die Absicht ge­lingt. Der Ouarantänearzt kommt mittelst Boot Werst zu uns an Bord. Unser Schiffsarzt macht die vorgeschrieben« Meldung und eine halbe Stunde später dampfen wir bereits weiter auf Bruus- büttel, den Beginn des Kaiser-Äilhelm-Kanals zu. Die nautisch« Arbeit der Schiffsofsiziere ist damit erledigt, da das Schiff von hier aus von eineni Lotsen geführt Ivird. Rechts und links be­gleiten rtns jetzt die User der Elb« und nach einigen Stunden passieren wir das herrliche Blankenese, das Dorado der ehenialige» Schiffskapitänc. Einige Elbinseln lassen wir noch hinter uns, dann setzt die Schiffskavelle mit Munteren Weisen ein: St. Paulis Landungsbrücken sind in Sicht und vor uns liegt die Kaisergacht Hohenzollcrn" und das TcpeschenbootSleipner".

Es ist 10 Uhr abends, der Kaiser ist nicht »n Bord. "Das ganze Elbnfcr ist taghell erleuchtet und eine gewaltige Menschen- ntenge wogt auf und nieder. Um 10'/r Uhr ist unser Landungs­platz erreicht. Unter klingendein Spiel wird derAdmiral" sest- gentacht und die Passagiere verlassen den Tampser, stürmisch begrüßt von den auf sic waltenden Angehörigen und Bekannten. Der Truvventransvort bleibt über Nacht an Bord. Urlaub wird unter keinen Umstände» erteilt, weil die Reise in der Frühe weiter nach Kiel geht. Tie Angehörigen dürfen an Bord kommen. Kapitänleutnanr Martini bleibt auch den Unteroffizieren gegen­über hart, so leid es ihm tut, man merkt es ihm an. Soldaten- pilicht Ticnst! Er selbst übergibt den Transport dem Ober- leutnant Frhrn. v. Scckendorff. Zu Hause erwartet ihn sem sterbenskranker Vater.

Gegen 11 Uhr verlasse ich denAdmiral", um m,eff nach Erledigung der Zollvorschriften ins Hotel zu begeben. Gegen ein Uhr erst schlafe ich ein, mir der Empfffütung, daß unter mir etwas stampft und das Belt leise dahingleitet.

Die Sonne scheint zum Fenster herein. Katserwetter m Ham­burg' Es gilt, dem neuesten Dampfer der JMperatorffasse ritteit Namen zu geben, dem Koloß von 291 Mtr. Länge. Das Hotel wird in der Frühe schon von jungen Damen gestürmt, die alle eine Gabe fürs Rote Kreuz einheimscn wollen. Man hat das ia alles schon selbst in Gießen, Hannover Und anderen Städten erlebt, jetzt ist Hamburg an der Reihe und die Gebelust wird nochmals! angeregt.' Zudem ist der Kaiser da und jeder trägt heute das Enlenblatt mit dem roten Kreuz um so lieber. Ich mische muh in das Gewogc der Menge, dann trägt mich die w'nettdMM eilende Hochbahn an- Alsterboisin, wo ich bei einein GetcyntteffeuiH die große Freude erlebe, von ihm zur Milsahrt in einer Barkaste zur Namengebung desBismarck" eingeladen zu werden. z)ören und annehmen war eins. So was passiert einem nicht alle Tage. Punkt 2 Uhr am Baumwallkai wurde ansgemacht: Treffpunkt sämtlicher Miisakirenden.

Um 1 Uhr schaute ich von Metzels Hotelterrasse noch auf die vor mir liegendeHohenzollern". Ter Andrang der Meng« wird immer gewaltiger. Das Schutzmannsauigebot ivird verstärft. Der Kaiser naht. Jetzt schnell zuni Baumwall, um llberhattpt noch durchzukommen. Taütata! Das kaiserliche Auto saust vorüber, andere schließen sich an. Tausendsaches Hurra! Ter BaumwaU- kor ist erreicht und unsre BarfasseUrsula" stößt vom Lande ab, um zur rechten Zeit die Werst von Blohm u. Boß W erreiaien. Sämtliche Dampfer der Elbe strebe» deinsclbcn Ziele zn. Tee