Ausgabe 
29.6.1914
 
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I 396

Bl reck« n hinein, furchtbare Gefahr sowohl für das Berglverk hrie für die Belegschaft bringend.

Werner schrie vom Fenster aus nach dem Chauffeur, her endlich sein Rufen hörte, und befahl ihm, das Auto zurecht zu machen. Er ries noch rasch, telephonisch den Ge- heimrat Kersten an, um ihn von dem Unglück aus Justinus- Grubc Mitteilung zu machen.

Wenige Minuten später jagte Werner, so rasch das Auto fahren konnte, nach der Justinus-Grnbc hinunter. tForisctzung folgt.)

Der Blinde am Meer.

Roman von Karl Böttcher-Chemnitz.

(Nachdruck verboten.)

(Fortsetzung.)

Rene beteuerte immer und immer wieder seine große Freud«, daß Kun gekommen sei. Er faßte ihn unter den Arm und sagte:

Nun komme mit mir in mein Arbeitszimmer, da Ist's trau­

licher. Wir werden uns viel zu erzählen haben."

Erzählen sollst du viel, aber hier, hier vor diesem Bilde. Tu weißt, Rene, es ist nicht meine Sache, viel Worte zu machen. Ich habe eine schwere Zunge, und darum kann ich dir nur sägen: Das Bild hier dünkt ütich das größte, das herrlichste Werk, was seit Jahrzehnten geichalien wurde. Es wird deinen Ruhm jn

alle Lande tragen und dich »um Könige der Künstler machen."

Rene reichte ihm die Hand und sagte mit glücklichem Lachen: Ich danke dir, Kim. Auch ich glaube, daß mir das Werk

gut gelungen ist. Aber die Welt wird das Bild nicht zu sehen

bekommen."

Rene."

Gewiß. Ich meine die große Welt. Denn das Bild gehört

nicht mir, alles, was darauf ist, jede Figur, ieder Zug, jeder

Hauch ist nicht aus mir, sondern ist bloß geliehen, geborgt von eben den Menschen, die du aus diesem Bild« siehst. Und ihnen gehört das Bild, sie soUen es wieder haben, ich schenk« ihnen das Bild. Jn ihrem hölzernen Kirchlein soll es ausgesteUt iver-

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de». Das

ihm. Nein,

_____ ___ist nicht bloß eine Marotte von mir, Li

das bi» ich den Menschen schuldig, das ist mein Dank für die wunderbaren, herrlichen Tage, die ich an ihrem Strande ver­lebte. Vielleicht, oder nicht vielleicht, sondern bestimmt wird dann das Kirchlein und damit dar einsame Dort ein Wallfahrts­ort sür viele Kunstfreunde werden, und damit wird wohl auch das arme Dorf an Woblstand gewinnen."

Rene schwieg und blickte mit liebevollem Blick aus sein Werk. Dann sagte er schlicht:Das ist Arda Jaski, und hier Seede Bahlsenund er zeigte mit der Hand dahin.

Er' setzte sich neben Kun und ftihr fort:Zwei liebe Men­schen, zwei Menschen, wie cs wohl in der Millionenstadt Berlin nicht viel geben wird."

Er schivicg wieder und drückte dann Kun an sich und sagte innig:Wie bin ich froh, Kun, daß du da bist. Jn mir war es so öde, ich fror immer, innerlich fror mich, seit ich vom Meere iveg bin."

Es wird alles wieder gut, Rene, wenn du erst diese Liebe zu Arda Jaski überlvundcn hast, daun bist du wieder der alte Rene."

Und als Rene traurig vor sich hin sah, sagte Kun:Erzähle wir von Seede Bahlsen und Arda Jaski. Seit Arda der Heimat rntstoh, hast du mir nichts wieder von beiden Menschen ge­schrieben."

Was sollte ich dir auch schreiben, Kun? Bier Seiten das- «lbe: Ich bin imglückltch, denn ich habe zwei Menschen, die ich von Herzen liebten, getrennt, ich bin unglücklich, denn ich wraehe vor Sehnsucht nach einem Weibe, von dem ich gar nicht mißte, daß ich es siebe, und das nie mir gehören darf. Am Rvrgen nach Ardas Flucht kam Seede zu mir und sagte:Arda hat gestern abend da? Haus verlanen und ist in die Fremde, weil sie Sic liebt." I

Tas klang so schlicht mid vorwurfsvoll, und ein schwaches Zittern war m seiner Stimme, das mir seinen Seelenschmerz verriet. Ich trat zu Seede und erfaßte seine beiden Hände und hat ihn um Verzeihung.

Und der herrliche, der gute Mensch mochte am Zittern meiner Hände gefühlt haben, wie sch leide. Gr zog mich nach dein Sofa und setzte sich an meine Seite. Ich merkte, wie er mit den Tränen wmpste, als er sagte:Ich habe Ihnen nichts zu verzeihen, Herr Brian. Ich liebe Arda mit heißem Herzen, der ich doch nur ihr Wesen kenne, und 2h sollten sie ieicht lieben, wo Die doch nicht bloß ihre herrliche Seele erkannten, sondern der Sie sahen und wußten, wie schön sie ist. Osdec soll ich denen zürnen, die gleich mir das herrliche Meer lieben, iveiil es so schön ist und so prächtig in seiner Art? OBer kamt der Aelpler den Tausenden zürnen, die alljährlich in sein« Berge steigen und die schon Wochen vorher vor Sehnsucht krank werden, und die leben Giv^el und ledes Tal Neben?"

Und als ich ihm sqgte, daß ich nun auch sort loollte, ivard er traurig und bat niichs zu bleibe». Dit bin ich denn gchliebm all die Wochen des Sommers hindurch und wir sprachen täglich und stündlich eigentlich immer von Arda^ obgleich wir nichts von ihr hörten. Und ich merkte, wie seine Augst um das Mädchen wuchs. Mit jedem Tage wurde er einsilbiger und trauriger. Wenn wir, am Strande lagen und ich ihm vorlas, oder iwnn ich im Garten­lauben Atelier an meinem Bilde malte und ich Seede von München, von Italien oder von Dir erzählte, merkte ich, wie seine Gedanken abschiveistc». Und dann bat er mich eines Tages, daß ich doch ver­suchen sollte, Ardas Aufenthalt zu ermitteln. Ich reifte darauf nach Hamburg, forschte und suchte, konnte aber Ardas Spur nicht finden. Ich wandte niich an ei» Detektivbureau, das mir schon nach zwei Tagen Ardas Wohnung mitteilie."

Nun, Du schweigst, Rene?"

Verzeih, Kun. Du wirst mich verstehe». Arda wohnte nach dieser Auskunft mit einem Schisser zusammen, mit dem Petrow Tikandcr, von dem ich Dir auch schon schrieb."

Derselbe, der das kleine Haus am Strande durch Spiel er­warb?"

Derselbe."

Nun schwiegen beide lange Zeit und hingen ihren Gedanken »ach, und Kun blickte zu Arda auf dem Bilde und studierte jede» Zug ihres Antlitzes und sagte dann:Ich kann mir das nicht ausdenken."

Rene antwortete:Nun höre Weiler. Ich schenkte natürlich auch den Angaben des Detektivs nicht Glauben, ich konnte es nicht, und niachtc mich auf de» Wag, die Sache selbst zu ergründen. Es war ein schwerer Gang, Knn. Und als ich das smstere, hohe Haus am Stöckelhöriifteet betrat, klopste mir das Herz zum Zerspringen.

Im dritten Stockwerk, bei einer Frau Schmidt, sollte Tikandcr Ivohnen. Ich läuteke. Eine alte, saubere Frau öffnete, und ich fragte, ob id) Fräulein Jaski sprechen könne. Die Alte mustert« mich eingehend, dann bat sie mich, emzulreten.

In ihrem Vorsaal nun erfuhr ich. daß Arda Jaski tatsächlich bei ihr wohne, aber nicht zu Hause sei. Sie sei in der Klinik von Dr. Sclle Hilssschwester und käme erst abends nach acht Uhr nach Hause. Tie alte Vermieterin sprach begeistert von Arda. Alle die guten Eigenschaften, die ich ja längst kannte, zählte sie auf. Und als ich nach Petrow Tikandcr fragte, sagte sie mir, daß der Matrose von dem Tage ab, da er ihr 'Arda als Mieterin ins Haus gebracht, sich habe nie lvieder blicken lassen. Ich belohnte die Alte reichlich und versprach ihr goldene Berge, wenn sie recht gut sür Arda sorge und ihr nichts von meinem Besuch sagen wolle. Arda zu sehen, vermied ich, so schwer es mir auch nmrde. Ich fuhr nun wieder nach meinem einsamen Fischerdorse und berichtete Seede Bahlsen über meine Expedition. Daß Arda allerdings auf eine mir noch unerklärliche Weife mit dem Finnen zusammengekommen war, verschwieg ich ihm. Seede war glücklich, Arda so gut aufge­hoben zu wissen, und hoffte, sie recht bald wieder in der Heimat begrüße» zu kömicn."

Und nun weilte ich noch drei Wochen bei Seede, und wäre wohl noch länger geblieben, wenn nicht Seede selbst die Heimat verlassen hülle.

Magnus Pollbrecht, der Pfarrer des Nachbardorses, kam eines Morgens ins Hans und fragte Seede, ob er nicht die Stelle eines Schullehrers annehmen wolle. Sie bekämen in ihrem einsamen Strandorte keine Lehrkraft, und da könne Seede helfen. Ar solle den Kindern erzählen und die Fächer erteilen, nwzu er die Augen nicht brauche, und der Pfarrer wolle den anderen Unterricht er­teilen.

Und Seede sagte zu voll freudiger Hoffnung, ured ich be­gleitete ihn in sein neues Amt und banste noch zwei Tage bei ihm. Uno nun bin ich wieder hier in Berlin und will mein altes Leien beginnen. Ob es mir gelingt, weiß ich nicht. Ich glaube es nicht, denn ich hänge zu sehr an diesen beiden Men­schen: Seede und Arda." , .... ,,

Und Feodora von Braun? Hast du sic imeder getroffen?

Nein. Gras Gotheim, Ven ich vorgestern traf, erzählte mir/ daß Feodora mit seiner Gattin in Wohldors bei Friedrichsruh weile, aber wohl Morgen oder übermorgen zurückkehre» werde. Er bat mich dann so herzlich, sein erstes Satsonsest nächste Woche zu besuchen, daß ich znsagte. Ich habe es längst bereut."

Aber warum, Rene? Tu wirst dort sicher Frau von Braun treffe», und sic ist doch ziveifellos der beste Balsam für deine Wunden," . . .

Rene lächelte nnd sagte:Der Witz des Schicksals doch immer der originellste: Erst ftiche ich vor diesem W'lbe »nd suche am Meere Hille, und jetzt suche ich das Weib, um mit rhr die Wunden zu heilen, die ich mir aus der Flucht vor ihr geschlagen habe.

Und Kun sagte:Daß du darüber lachen kannst, ,st das beste Zeichen, daß du bereits über der Situation stehst. Es wird noch alles gut ivcrden, Rene. Ich lade mich bei dir zu Gaste, ich imll deine Genesung genießen." . . . ...

Bravo, Kun. Mindestens drei Wochen bleibst du bei m,r."

Rein, vier, Rene."

Achtes Kapitel.

Die erste Taikonscstlichkeit bei Gras Gotheim ivor vorüber.

Rene, der sür die Welt Totgeglaubte, war mit ungeheur«» Jubel ausgenommen worden, und Feedvra von Braun hotte thn be'onderS ausgezeichnet.