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Dora itbcrmi&m den Schlüssel und antwortete kurz:
„Ich banke Ichnen ftir Ihre frcundltchen Worte, Herr Bergrat, halte es aber für meine Pflicht, Ihnen noch den besondere» Daifl dafür auszusprcchen, daß durch Ihre Bemühungen der Bau so rasch gefördert und die Eröffnuita der neuen Fortbildungsschule ermöglicht worden ist. Ich danke Ihnen hier öffentlich für Ihre Bemühungen, wie ich dies bereits privatim getan habe/'
Dann nahm Tora den Schlüssel, steckte shn ins Schloß, und mit de» Worten:
„Zur Ehre Gottes und zum Nutzen unserer Arbeiterschaft," schloß sie die Haustür auf. Dann betrat sie, gefolgt von de» Personen, die sie erwartet hatten, das HauS, Ivo Chorgesang von Mädchcnstimmen sic empfing. Die Pflegebefohlenen des Kinderheims, die Lehrerinnen und die Schüle- rinnen der neuen Fortbildungsschule standen im Vestibül und begrüßten die Erbauerin ver neuen Schule mit lauten, Gesang.
ES folgte ein Rundgang durch das Haus. Der Architekt gab noch einige Erklärungen; dann begab man sich nach dem Speiscsaal, der neben der Küche errichtet war, und in ivelchem weibliche Angestellte der benachbarten Werke fortan einen guten und wohlfeilen Mittagstisch finden sollten. Hier stand ein Frühstück bereit, und Tora dankte noch einmal, bevor man sich zu Tische setzte, allen denen, die am Werke mitgeholfen, insbesondere dem Bcrgrat Spalding.
Dieser stand neben ihr mit demselben ruhigen, kalten Gesichtsausdruck wie vorhin.
„Und nun zu Tische!" rief Dora. „Ich hoffe, Herr Bergrat, Sie bleiben zum Frühstück hier."
„Sie verzeihen, "entgegnete Werner Spalding, „es ist mir vollkommen unmöglich; hier zu bleiben. Ich habe anders disponiert, und muß unter allen Umständen nach der Jü- flrnusgrube."
Er verbeugte sich vor Tora, die ihm die Hand reichte.
Sah er die Hand nicht, oder wollte er sie nicht sehen? Er nahm diese .Hand nicht, er verbeugte sich nochtnals und ging stumm davon.
Dora war blutrot geworden und setzte sich, erregt zu Tisch. Aber in wenigen Minuten hatte sie das bittere Gefühl überlvUnden, das in ihr aufgessiegen war.
Er war der Beleidigte, und er hatte sie durch Verweigerung des Handschlags belehrt, daß er nicht mit sich spielen lasse. Nun hatte er sie gekränkt, und er hatte gewissermaßen ein Recht dazu.
Das Frühshück dauerte nicht allzu lange. Tann setzte sich Dora mit Frau Schottelius wieder ins Automobil, um nach Hause zu fahren. Der Wagen hatte sich kaum in Gang gesetzt, als Frau Schottelius sofort wieder begann:
„Wiflst du dir wirklich diefe Unverschämtheit gefallen lasse»? Der freche Mensch, der Bergrat, nimmt die Hand nicht, die du ihm botest!"
„Er wird sie übersehen haben", sagte Dora sehr ruhig.
„Uebersehen? Meinst du?" höhnte Frau Schottelius. „Du hast den Zug in seinem Gesicht nicht gesehen, deck pottischen, maliziösen Zug, du hast nicht gesehen, wie er eine beiden Hände nach seinem Rücken schon, als würde er surch die Berührung deiner Hand vergiftet oder geschändet. Uebersehen, sagst du? Nun, ich kann dir sagen, er hat deine ^and sehr deutlich gesehen, er sah fortwährend nach der-
elben hin. Er wollte dir öffentlich vor all den Leuten, die Pa »ersammelt waren, Schimpf und Schande antun, und du gibst ihm ja nur zu sehr Gelegenheit dazu. Du gestattest ihm ja, von Tag zu Tag dreister zu iverden, und ich glaube, du verteidigst ihn noch. Du verteidigst ja alles, was dieser Mann jemals gesagt hat oder getan hat."
Frau Schottelius ivar so entrüstet, daß sie schwieg, bis der Wage» au sder Rampe von Saarkirchen vorfuhr.
Im Vestibül nahm die Dienerschaft den Damen die Garderobe ab, und eben lvollte sich Fra» Schottelius nach, ihren Zimmern begeben, als ihr Tora sagte.'
„Ich habe mit dir zu sprechen, Tänte."
Sic geleitete Frau Schottelius in den Salon, ging einmal rasch hin und her, blieb daun vor der immer verblüffter werdenden Tante stehen und begann:
„Ich kann es nicht länger mehr mit meinem Gewissen Vereinigen, liebe Tante, daß du dich den Unbilden des: hiesigen Klimas aussetzest. Du hast erst heute früh wieder geflagt, du habest in der Nacht stark gehustet unbi dri bist beständig galliger Laune. Es kommt das nur von dem Klima her, das du nicht verträgst. Es ist hier ei» ranheS, unwirt
liche? Landsi auch meine Mutter hat viel unter dem Klima gelitten ES wäre ein himmelschreiendes Unrecht von mir, wollte ich dich länger hier festhalten. Du hast mir viele dankenswert« und große Dienste erwiesen, indem du seit dem Tode nieiner Mütter meine Gardedame gewesen bist. Abstt dein Opfer ist nun nicht mehr nötig. Ich habe mir eine <m- sellschastsdame engagiert, eine ältere, vornehme Frau, die heute nachmittag etntrisft. Ich bedarf deiner Dienste nickt mehr, liebe Tante, werde dir aber natürlich für diese inimer dankbar bleiben. Ich stelle dir anheim, zur Herstellung deiner Gesundheit sofort nach Aegvpten zu gehen, wobei ich »atttrlich sämtliche Kosten übernehme, und dich dann erst nach deiner Heimat zurückzubegebe» oder dies jetzt schon zu tu». Ich stelle dir eine Rente zur Verfügung, die dir gestatten wird, nicht nur ohne Sorgen zu leben, sonder» bir bas Dasein recht behaglich zu gestalten. Du mußt aber, wenn möglich noch heute, die drei Zimmer, die du bisher bewohntest, räume», weil sie ftir die neue Gescllschastsdainr in Ordnung gebracht werden müssen. Dieselbe wird vorläufig in einem Gastzimmer des Oberstocks Unterkunft finden, aber auf die Dauer bann sie dort nicht bleiben. Dj>» teilst mir vielleicht bei Tische deine Entschlüsse mit."
Dora verließ de» Salon, und Tante Schottelius blieb so verblüfft und niedcrgeschmcttcrt sitzen, daß sie nicht einmal den Mut fand, in Verwünschungen gegen Tora auStzu- brcchen.
14. Kapitel.
Ein trüber, nebeliger Novcmbertag!
Der dünne Nebel überzog alles mit einer feucfjlen Schicht, und grau in grau sah oie Landschaft aus. Mit den schönen Tagen Ivar es nun eudaültig vorbei.
Werner war nach Hause gekommen, l>attc Mittag gegessen und sich zurückgezogen, um Zeitungen zu lesen.
Es gelang ihm aber nicht, einige Sätze hintereinander in sein Verständnis aufzunehmen. Er las halbe Spalten lang uird wußte nicht, was hr gelesen hatte. <St wars die Zeitung fort und begann im Zimmer auf und ab zu laufen.
Er war unzufrieden mit sich selbst. Die Demonstration
B en Dora Buchwald hätte er unterlassen sollen. Er hat« ungezogen betragew und dafür gab es gar keine Entschuldigung. Wohl, sie hatte ihn verletzt, gekränkt und beleidigt; aber sic ivar eine Dame, und er durste ihr gegen- übcr nicht Böses mit Bösem vergelten. Er hätte ihre Hand ruhig nnnehmen sollen. Er brauchte ihr sie ja weder zu drücken noch zu schütteln.
Aber er war entrüstet gewesen über ihre Launenhaft-iip keit. Nun auf einmal ivicder so ltebenswitrdig gegen ihn. Er kam sich vor wie ein Schoßtier, das man erst züchti« und dann wieder mit Zucker füttert. Net», hier war seine» Bleibens auf keinen Fall; er ging, und wenn man ihm goldene Berge versprach, und wenn die Kündigung zurück- genomme» wurde, und wenn ihn, nnr iveiß was in Aussicht stand. Ja, wenn ihn, bas höchste Glück gewinkt hätte: ivenil Aussicht gewesen wäre, sich mit Dora zu verheiraten, er hätte jetzt nicht uachaegeben.
Das Telephon kungelte. Tue Iustinus-Grubc ineldete sich; Fahrsteiger Osivald war am Telephon.
,Lerr Bcrgrat, Fließ ist durchgebrochen!"
„Wo denn?"
„Jni Querschlag. Herr Bergrat, es muß eine furchtbare Masfe sein, dünnflüssiges Zeug. Es hat sich durch die einfallende Strecke nach dem Tiefbau crgoflen."
„Wo ist Obersteiger Mandlick?" •
„Der ist unten im Tiefbau mit vielleicht hundert Mann."
,Mo ist die andere Belegschaft?"
„Die kommt soeben ausgefahren. Es scheint sehr schlimm zu stehen, Herr Bcrgrat."
„Ich komme sofort!"
Fließ im Ouerschlag dnrchgebrockcn, wahrscheinlick an der Stelle, wo die Temperatur vor einiger Zeit so tief gG funken war!
„Fließ" nennt man im westlichen Judustriebczirk bech „schwimmende Gebirge", daS heißt mit Wasser gemischt^ Sand- und Tonteile von breitartiger Konsistenz, dick- ober düniiflÄssig, die an gewissen Stellen des Gesteins seit flp- zeite» eingebettet liegen. Werden diese Stellen augefahreA zum Beispiel durch «trecken oder Qucrschlägc, so daß dtt absperrcndcn GesteinSmassen nicht mehr genügend Wibtvi stand leisten können, daun bricht die breiige Masse in Me


