— 390 —
„Sie sehe» mich vollkommen fassungslos!", ries Kcr- sie». „Ich habe alles mögliche erwartet, nur nicht diesen Vorfall. Aber redressiercn läßt sich die Sache nicht; denn ich bi» überzeugt, lven» icf) vernnlaßte, daß die Kündigung znrückgcnommen wird, ginge Spalding nicht daraus ei»/'
„'Nein, das könnte er nicht," bestätigte Graf Klinter. „Diese Briiskierung ivar zn stark Entschuldigen Sie, wenn ich nüt einer unangenehmen Nachricht kam, Herr Geheimrat, aber schließlich mußten Sie die Sache doch erfahren/'
„Ich bin Ihnen sehr dankbar, Herr Gras," antwortete Kersten, „und es ist mir lieb, dach ich von Ihnen unterrichtet bin, bctwr ich iin Generatbureall die Sache ossiziell erfahre. Ich bin dann n-enigstcns gefaßt."
Nachdem Graf .«linier ihn verlassen hatte, brach der Aerger bei dem alten Geheimrat erst durch und verursachte ihm einen kleinen Wutansall.
„Wciberregiment!" rief er ganz laut. „Wcibcrregimcut! Spalding hatte recht. Eine Wciberlaune und nichts weiter, Eifersucht, ein Mißverstehen der ganze» Situation, das ist die Veranlassung zn dieser Kündigung gewesen. Ah dieser Spalding kennt die Weiber besser als ich. Sie sind alle grausam und ein wenig heimtückisch. Mau schickt einem kranken Manne doch nicht eine derartige vorzeitige, verletzende Kündigung ins Haus, bevor er noch den ersten Schritt ins Freie getan hatte. Und das alles hinter meinem Rücken und ohne niir auch nur ein Mort nachher zu sagen! Weiberregiment, Weiberregiment!"
Der alte Gehcimrat ärgerte sich stundenlang. Er berührte das Mittagessen, das ihm seine Wirtschafterin vor- setzte, kauni und ftihltc erst einige Erleichterung, nachdem «t seinem Zorne Lust gemacht hatte. Das geschah durch einen Brief an Dora, den er absichtlich förmlich hielt und bei dem er sogar die Anrede „Mein liebes Kind!" odev „Meine liebe Dora!" vermied, die er sonst an den Anfang der Briefe setzte. Er schrieb einfach:
„Fräulein Tora Buchwaid,
Saarkirchen.
Da mein Sohn nach seiner Verheiratung die Ausbeutung einer Anzahl von Kiesgruben sowohl in hiesiger Umgegend als in weiter entlegenen Orten übernehmen will und ich natürlich vor allem die Verpslichtnug habe, ihm in der ersten Zeit seiner neuen Tätigkeit helfend zur Seite zu stehen, bin ich vollständig außerstande, die von mir provisorisch wahrgenominenen Geschäfte eines Generaldirektors bei Deine» Werken über den 31 . März hinaus fortzusetzen. Auf jeden Fall mußt Tu bis dahin Dir einen neuen Generaldirektor engagiert haben.
Mit Gruß
Kersten, Geheimer Bergrat."
Den Brief schickte er durch den Kutscher direkt nach Saarkirchen. Gleichzeitig schickte er an das Gcneralbureau einige Zeilen, in denen er bat, ihm die dringendsten Sachen nach der Wohnung zu senden, da er in den nächsten Tagen wegen großer Abspannung und Erschöpfung das Bureau nicht besuchen könne.
„Wciberrcginient," jagte er, als die Briefe fort lvaren. „Spalding hatte nur zu sehr recht. lind ich habe den armen Teufel Hierher gelotst und habe ihn in die vcczweifelstcn Verhältnisse hineingcbracht. Ein männlicher Chef hätte sich den Teufel daraus gemacht, ob sich sein Direktor duellierte. Aber Dora ging ans der Haut, weil sie wahrscheinlich annahm, Werner stehe in näheren Beziehungen zn Fran Glover, und weil sie eifersüchtig war. Dora, die Närrin, hat sich nicht nur um einen tüchtigen Generaldirektor, sondern auch um ihr Lebensalück gebracht. Aber ich mische mich nicht mehr in diese Angelegenheiten hinein, Gott soll niich bewahrest Man hat nicht-s als Nackenschläge davon. Es ist eine böse Zeit, nian kommt aus der Aufregung und dem Aerger nicht inehr heraus."
,/Gauz vcrniinitig von dem Spalding," fuhr der Gc- heimrat fort, „daß er nach Amerika gehen will, dann stopst er hier alle Klatschmäuler. Tie Weiber bleiben immer unberechenbar, und ich habe, glaube ich, zeit ineines Lebens nicht verstanden, sie richtig "zu beurteilen. Das ist meine Entschuldigung Spalding gegenüber. Wenn Tora Bnchwald sich nicht bald entschließt, eine Attiengesellschaft zn machen, und wenn sie weiter das Weiberregimcnt führt, wird sie ihre Werke bald genug herunterbringcn. Aber was geht's mich an! Ich will mit der eoachc absolut nichts niehr zu tu» haben. Ich habe das Recht, ärgerlich zu sein, denn ich habe Spalding für die Stelle vvrqeschlagcii, ich
habe ihn hierher gebracht, Dora durfte ifym daher nichst kündige», ohne sich mit mir ins Einvernehmen gesetzt zu habe». Diese Kündigung ist auch ein Mißtrauensvotum
sür mich."
*
Er war nicht ungetreu und flatterhaft, er hatte nicht mit ihrem Herzen gespielt. Er hatte niemals Frau Barbara Glover geliebt, er war gut und treu!
Das loar das Resultat des Nachdenkens, zn dem sich Tora in einer schlaflosen Nacht dnrchgernngen hatte. Er ivar treu und gut, das ivar der beglückende Kern der Nachrichten, die Geheimrat Kersten Dora mitgeteilt.
Werner war auch sür Tora eingetreten mit der Waffe in der Hand: er hatte nicht geduldet, daß sie in seiner Gegenwart beleidigt wurde. Das rechnete ihm Dorn gav nicht so hoch an, trotzdem sie selbstverständlich über seine Ritterlichkeit sehr entzückt Ivar Aber er liebte sie ja, 1111b deshalb konnte er gar nicht dulden, daß ein ariderer vcr-, ächtlich von ihr sprach.
Auf das tiefe Herzeleid war jubelnde Freude gefolgt. In, sic hörte etwas wie Jubeltöne in ihrer Brust. Sie durfte lieben und vertrauen, lind sie wurde lviedergeliebt. Dieses Bewußtsein war der SiegesprciS der letzten schwer durchs kämpften Tage und Wochen.
Sie liebte und lourde lviedergeliebt. Aus Eisersucht, aus slukenutnis der Verhältnisse, aus llebereiluug hatte sie den Manu ihrer Liebe 'schwer verletzt und gekränkt. Das Ivar gewiß unrecht von ihr, und es Ivar nunmehr ihre Pflicht, das Unrecht wieder gutznmachen. Wie das geschehen sollte, das wußte Dora picht, und sie ahnte, daß cs ihr schwer lverden würde. Ja, wenn sie ein Mann geivesen wäre, dann hätte sie das Recht gehabt, vor Werner zn treten, ihm die Hand zu reichen und ihm zu sagen:
„Ich habe dir unrecht getan, das tut mir bitter lud) und herzlich leib; verzeihe mir und bleibe mir so gelvogrn, lvic dies bisher warst."
Als Weib durfte sie diesen Schritt nicht tun, weder direkt noch indirekt. Sie konnte Werner nicht sagen: „Ichi habe mich übereilt aus Eifersucht, aus törichter, rasender Eifersucht, denn ich habe dich lieb mit meinem ganzen Herzen, und ich glaubte mich von dir betrogen." Das konnte und durfte sie ihm nicht sage», denn das Weib! darf dem Manne ihre Liebe nicht gestehen. Es war schwer, sehr schiver, die Uebereilung wieder gutzumachen; aber es mußte gelingen, und Tora wußte, es würde, ihr gelingen. Tic Liebe, das Bewußtsein des heiligen Gefühls, das sie in sich trug, das Bewußtsein, wiedergeUebt zu lvcrdeu, hatte in Dora alle schlummernden Kräfte des Weibes geweckt. Sie kam sich vor lvie befreit, wie erhoben, lvie erlöst von einem Zwange. Sie fühlte sich selbständig lvie noch nie, sie war mutig und stark genug, um selbst die größten Schwierigkeiten zn üdcr- winden.
Was hatte sie denn in alle Torheit und »ebcreiluugl hineingetricben? Die ununterbrochenen Nörgeleien der Tante Schottelius. — Nein, Dora suchte wahrlich nicht nach einem Sündcnbock, sie wußte selbst, wie groß ihre, Schuld war, aber Tante Schottelius hatte gegen Werner bei ihr intrigiert seit dem Tage, au welchem Werner nach Saarkircheu gekommen war.
Jetzt siel cs Dora wie Schuppen vou den Augen. Sie loußte, weshalb sich Tante Schottelius so feindlich gegen Werner verhielt. Er störte ihre Kreise, sie lourde überflüssig, wenn Dora heiratete. Dora schämte sich jetzt ihrer Unselbständigkeit, sic schämte sich der außerordentlichen Beeinflussung, die durch die Intrigen der Tante Schottelius bei ihr cnlstanden ivar. Dabei hatte sie stets gclvnßt, daß die Tante boshaft und nörgelnd lvar; und doch lfatte sie sich beeinflussen lassen, in unerhörter Weise gängeln lassen.
lFortsetzung folgt.)
vergiftungrgefahren im Sommer.
Bo» Dr. Karl M i s ch k e.
Sowie die wanne Jahreszeit eintet», höre» wir sofort lvieder von allerlei Erkrankungen, die von den vericbiedcilsten Lebensmitteln herrühren: Pilzvergiftungen, Fischvergiftungen, Wurstvergiftungen, «atarrlnm nach verdorbener Milch und schwüler Butler und anderem mehr. Tic Erklärungen und Warnungen, die dann immer solgen, halten nicht lange vor. Es dauert sein« Zeit, und im nächsten Jahr sängt cs von vorn an.


