Ausgabe 
18.6.1914
 
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Lhrc und Berantworllichleit? Da kommt ci» Mann, der -ssenbar seiner Sinne nicht mächtig ist, brüskiert Sie, und von diesem Manne muß nun Genugtuung gefordert werden. Wäre man vernünftig, so schickte man nach einem Arzt, meinetwegen nach einem Spezialisten, und ließe den Mann Untersuchen. Aber die merkwürdigen Ehrbegriffe, die wir haben, schließen zeitweise die Vernunft aus. Ich hatte mir den heutigen Abend so schön gedacht. Ich wollte Ihnen, meinem lieben Freunde, eine Mitteilung machen, die, wie ich glaubte, auch Ihnen Freude bereiten würde. Nun ist weder Zeit noch Gelegenheit dazu. Aus Wiedersehen um viereinhalb Uhr."

Werner und Gras Klinter fuhren in ihren Autos ab.

Werner ging in seinem Arbeitszimmer noch eine Stunde lang aus und ab und überlegte, ob er nicht ein Testament machen und Abschicdsbriefe schreiben sollte. Aber der Gedanke kam ihni so lächerlich vor. Er hatte ein gutes Gewissen, er war sich keiner Schuld betvußt. Man hatte ihn zu einem Duell gezivnngen, das ganz überflüssig >var, dem er sich aber nicht entziehen konnte. Er vermochte cs sich aber nicht zu denken, daß das Schicksal ihn, den Unschuldigen, zum Opfer aus- erschen habe. Er wollte dem Gegner nichts tun; er ging mit reinem Gewissen, ohne Groll aus den Kampfplatz.

Werner schlief sogar recht gut, bis der Wecker zu rasseln begann. Dann kleidete er sich gemächlich an, und ging selbst nach der Küche, fand hier eines der Mädchen und beauftragte es, Kaffee zu kochen. Um halb fünf Uhr kam Graf Klinter, der niit ihm zusammen eine Taffe Kaffee trank. Dann stellte Graf Klinter sein Pferd im Stalle bei Werner ein und ging mit ibm, als handle es sich um einen harmloseil Spaziergang, nach oem Birkcnwäldchcn.

Dieses war natürlich in so früher Morgenstunde gänz­lich menschenleer. In der Nähe der großen Blulbuche befand fich eine Einsenkung zwischen ztvci Hügeln, die fast schlucht­artig >var. Sie hatte ungefähr fünfzehn Schritt Länge und vielleicht zehn Schritt Breite. An diese Schlucht hatte schon am Abend bei der Verabredung mit Leutnant von Attenberg Graf Klinter gedacht und hatte sic als Kampfplatz vor- geschlagcn.

Hauptmann Kerstcn mit den beiden Offizieren erschien Wenige Minuten vor fünf Uhr. Sie waren von Dasburg zu gekommen, und alle drei Herren trugen Zivil. Jeder der ffiziere trug einen Pistolcnkasten. Ein Militärarzt in Uni­form begleitete sie.

Hauptmann Berger maß die zehn Schritt Distanz ab und stellte die Duellanten einander gegenüber. Er bestimmte dann, ohne daß die Kasten geöffnet wurden, welches Paar Duellpistolen benutzt werden sollte. Hieraus lud er selbst die beiden Pistolen, übergab sic den Sekundanten, und diese traten zu den Gegnern zurück, um ihnen die Waffen zu über­reichen.

Ich muß vorschriftsmäßig und »ach Gesetz fragen, ob eine Versöhnung möglich ist, und ob einer der Herren eine Erklärung abzugcbe» wünscht."

Beide Gegner schwiegen.

Ich bitte die Herren, auf ihre Plätze zu treten. Ich zähle langsam eins, zivei, drei. Anseins" iverden die Pisto­len hochgcnommen, und zwar mit der Mündung nach oben; aufzwei" wird auf den Gegner angelegt, ausdrei" wird geschossen. Sind die Herren fertig?"

Aus dasJa" der Sekundanten, die sich seitwärts zu­rückgezogen hatten, rief Berger laut:

Achtung! Ems zivei drei!"

Beide Schüsse sielen gleichzeitig.

Werner fiel vornüber auf das Gesicht und blieb regungs­los liegen.

Hniiptinann Kerstcn ivar unverletzt.

Elftes Kapitel.

Sonntagssriedcn! Sonntagsstille!

In früher Morgenstunde war Dora voin Hotel aus durch chic Vcrghosstraße hinausgestiegcn bis zum alten Di­strikt Spital, >vo der Weg nach rechts zum Lockstcin abbiegt. Dann wandelte sie in deui^ herrlichen Buchcnivald, dessen Stämme und Acstc wie die Säulen und Bogen eines Domes sich über ihr wölbten. Langsam, in tiefe (tzedanken versunken, schritt sic aus den Wegen durch den Wald, an dein Rcstau» pant vorbei, in dem iioch kein Gast faß, bis zur Südfpitze des Locksteins, zum äußersten Vorsprung, wo an einem der herrlichsten Aussichtspunkte, die das Berchtesgadener Land zu biete» hqt, eine Bank stand, auf der Dora Platz nahm.

Wie oft batte sic in diesen letzten drei Wochen v-om Lvcküein auf die Stadl bkruntergesebcu und das wunderbar»

Panorama von Berg und Tal in sich anfgenommen! Heule schien ihr.,das alles feierlicher, schöner, erhabener zu sein. Jn den buntrotcn Farben vom hellsten Gelb bis zum dun-- leisten Grün prangten die Bäume. Gerade gegeuübcr stand das Massiv des Watzmann-Berges mit der liefen Elnsaltc- lang auf den, Gipfel: rechts die hohe Spitze, derWatz- mann", links die niedere Spitze, dieWatzfraii", und da­zwischen sah man auch wenigstens zum Teil die Spitze» der sogenanntenKinder". Dunkelblau, von leichtem Nebelgrau schattiert, war der untere Teil des Berges; aber oben aus der Einsattelung leuchtete das bläuliche Weiß des Firnschnees, des sogenannten Watzmann Gletschers. Noch lag unten das Tal in leichtem Nebelschleier, tvclchcr der Landschaft etwas Geheimnisvolles, Wunderbares gab.

Die Glocken der Stiftskirche unten singen an zu läuten» die Glocken der Pfarrkirche sielen ein, und dann folgten die Glocken der Franziskanerkirche. Wie gewaltige Wellen zogcil die Glockenlöne durch das Tal und hinauf zu Daran.

Es war so erhaben, so feierlich, so ivuuderbar schön, daß Dora unwillkürlich die Hände faltete. Sic fand auch ein Gebet. Sie loolltc so gern glauben, glaube», daß cs Wahrheit und Liebe gibt in der Welt, glauben, daß cs ein Glück für sie in der Zukunft geben würde.

Es war, als ob die Tonwcllen da unten den Nebel mehr und mehr zerstreuten, und immer heller fluteten von links her die Sonnenstrahlen in den Talkessel hinein. Inmitten des großartigen Panorainas zu ihren Füßen sah Dora deirKirch­hof vor der Franziskaner-Kirche. Sie konnte die Reihen der Gräber, sie konnte in undeutlichen Umrissen die größeren Grabdenkmäler unterscheiden.

Die dort unten ruhten, denen >var tvohl, die hatten für immer ihre Ruhe gefunden, deren Herz schlug nicht mehr in Bangen und Zweifel.

Aber Dora lebte, und Dora hatte Anspruch aus ein Glück

und halte Pflichten gegen das Leben und gegen sich selbst.

*

Es Ivar Dora wirklich lieb, daß sic allein hier oben sitzen konnte, weil Tante Schottelius zum Gottesdienst in die pro­testantische Kirche gegangen war.

Allein, allein! Mit glücklichen Gedanken, mit Hoffnun­gen, mit Wünschen, die nicht unerfüllbar schienen!

Graf Klinter hatte geschrieben, daß er zusammen mit Frau Glover öfters den Bergrat zum L>pazie,enreiten früh abholc, damit der Mann, der unzweifelhaft überarbeitet sei, auf andere Gedanken komme. Er sei recht melancholisch, der gute Bergrat; ob nur infolge der vielen Arbeit, sei dahin­gestellt. Aber Graf Klinter meinte, er hätte kein Recht, ihn zu fragen, was ihm denn eigentlich fehle.

Die Klatschsucht hatte wieder einmal falsch berichtet. Spalding ritt nicht mit Frau Glover allein spazieren, Graf Klinter war immer dabei, und dieses Spazierenreitcn halte einen guten Zweck: man wollte den übereifrigen Mann vom Arbeiten abhalten.

Warum war er denn melancholisch?

Vermißte er etwas? Vermißte er jemand, sehnte er sich nach irgendeiner Person?

Dora fühlte es, wie sie glühend rot wurde.

Die Hälfte ihres Vermögens hätte sic darum gegeben, wenn er jetzt vor ihr gestanden hätte, jetzt in diesem Augens blick, in dem alle Zweifel wieder einmal von ihr gewichen waren, jetzt in dieser feierlichen Stunde, in der von nntenl her die Glocken klangen und einen Widerhall in ihrem Herzen erzeugten, der da ries:

Glaube, glaube und vertraue!"

Wenn er jetzt vor sie getreten wäre, und seine Arms geöffnet hätte, sie hätte sich jubelnd an seine Brnst geworfen und ihm gesagt:

Ja, ich glaube an dich und deine Liebe!"

Das Bild da unten verblaßte, die hellen Farben ver­schwanden: eine Wolke war vor die Sonne gelreten, und ihr Schatten bedeckte das ganze Tal. Aber diese Wolke zog vor­über, hell strahlte die Sonne wieder, und die ganze Farben- prachi und Herrlichkeit des Bildes traten wieder zutage.

lind es kamen wieder Wolken, und sie wichen und niach- te» der Sonne Platz. Sah es nicht auch so in Darns Her­ze» ans? So jagten einander der Glaube und der Zweifel. Wen» der Ziveisel kam, dann verblaßten alle die sckstfnen Bilder in Doras Gemüt, bis sich die Wolke des Zweifels verzog und die Sonne des Glaubens und des Vertrauens wieder strahlte. _ <Fortsetzung jolgtZ