Ausgabe 
25.5.1914
 
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SIS

tlut der rechten Sette der Mol« «warteten viele Menschen die Ankömmling«, dl« jetzt die schrägen Schiffsbrücken herabströmten. Lange, lang« entleerte sich das Ricsenschtff, und nur wenige

S underle blieben an Bord, um die Fahrt nach Helgoland bei »her See z» wagen.

Dem massigen Schiffskörper strömte ein eigentümlicher Geruch von Oel und Maschinendunst aus, und dann erklang ein scharfes Surren und Singen aus den Maschinenräumcn.

Nach reichlich einhalbstündigeni Aufenthalt setzte derKais«" seine tjratvct fort.

Die Passagiere drängten sich nach Steuerbord und ivinkten den Zurückblechenden Abschiedsgrüße zu.

Die Kapelle auf dem Promenadendeck begann ihr Spiel, und die vom Kiel verdrängten Wass«mengen fielen heulend über die Mole h«, so daß die Daraufstehenden schreiend zurücksprange».

Auch mit derAlten Liebe" wurden Grüße getauscht, nachdem die Schiffsgästc nach Beidrehen des Dampfers schnell an Backbord geeilt waren.

Der Strand von Cuxhaven tauchte uni« im Wassergewoge, nur der Leuchtturm war noch schwach zu sehen.

Die Watte» von Döse und Duhnen wurden von den Fluten Lberspült.

Neuwerk blieb zurück und die zahlreichen ,Fischerbarken, die vor Cuxhaven mit ihren schwarzm Segeln kreuzten, wurden immer vereinzelter.

Man kam in das offene, weite Meer.

Aus dem Dampfer herrschte recht gedrückte Stimmung. Die Schisssbcwcguilg war zwar noch eine mäßige, aber das Singen und Surren der Maschinen und das gleichmäßige Schütteln der Propeller teilte sich den Füßen mit und wanderte fort an den Beinen empor und bohrte sich dann fest im Magen.

Mit jedem Knoten Wass«, den das Schiff gewinnt, werden die Wellen unruhig« und der Bordersteven neigt sich bedenklich auf und nieder.

Einzelne Damen machen es sich bereits auf den Liegestühlen beaucm Andere verlassen den Mittelteil des Schiffes und wandern nach Achterdeck, hoffend, dort die Schiffsbewcgung weniger zu spüren, aber bald kann man sie am Bug sehen und dann wieder aus ihrcin früheren Platz.

Eine allgemeine Unruhe macht sich bemerkbar. Ein jeder fühlt die Katastrophe nahen, aber keiner will es sich merken lassen.

Und hierin liegt das Unheimliche der Seekrankheit. Sie ist zunächst ein geistiges Unwohlsein, eine Furcht vor Unbekanntem, eine nach und nach erfolgende Untergrabung und schließlich Auf­hebung aller Energie. Diese Furcht kann so stark iverden, daß es Menschen gibt, die schon seekrank werden, ehe das Schiff sich über­haupt bewegt.

Nur einer aus Teck war vergnügt, ein alter Obersörst« aus der Mark.

Er stand mit gespreizten Beinen auf den Schisssplankcn, in der Linken eine Kaviarsemmel, in der Rechten eine Flasche Rot­spon, so zechte und schmauste er lustig und verhöhnte mit bissigen Reden die von der Seekrankheit Erfaßten.

Aber als der Dampfer die Gegend erreichte, wo die grauen Flute» der Elbe mit den grünen des Me«es im Kampfe wogen und schließlich von dies«! v«schluckt w«den, da wurde j^r alte Forstbär merklich still«. Sein Antlitz ward weiß, dann grün, dann Selb und aus einmal war « weg. Er hatte sich in eine d« Liege­kabinen zurückgezogen und büßte nun schiver seinen Uebecmut.

Das Me« trieb es ab« auch etivas toll. Zu den Längen- schwankungen des Schiffes kam nun noch das Schling««, das Schaukeln nach links und rechts, und wenn die Schiffsschraube ihre sausenden Bewegungen außerhalb der Wogen machte, lief em Zittern durch den Schiffskörper, daß die Seefestesten ihr Heil au der Reeling sucht«,.

Das ganze Schiss war nun ei» großes Krankenhaus.

Endlich kam Helgoland in Sicht.

Ganz in der Ferne schwimmt es aus den Wogen, und mit jeder Minute steigt cs höh«, wie von unsichtbarer Hand aus dem Meer gehoben

Die Felsenuttikisse iverden markanter, die rötliche Farbe inten­siv«, der Eindruck wuchtig«.

Erschien es «st wie eine Fata Morgana, wie ein wunderherr-- lichcs Märchcnbild, so jetzt ivic ein ungeheures, stein«nes Boll­werk aus der Zeit des Asengeschlechts.

Die langen Wcllenrückcn werden kürzer, das Mcerwasscr er- schimmert in hundert Nuancen, aus dem Grün bildet sich all­mählich das matte Rot.

Das Schiff fuhr ruhiger und die Patienten atmen aus. Die Anker rasseln zu Gruich, imti> nun 'lag derKaiser" still.

Bom Strand« des Unterlandes lösten sich ein Dutzend Boote, in jedem acht bis zehn Helgoländer Schiff«, die die riesigen plumpen Fahrzeuge mit ihren lauge», schmalen Riemen nur mit« größter Anstrengung dem Tanipf« näher brachten. Es war ein hartes Stück Arbeit bei diesem Seegang.

Nach viel« Mühe halte endlich das erste der Boote an der Seite desKaiser" ongslegt, und durch die Schissslukc wurden nun vom Fallreep etwa 25 Passagiere halb in das Boot geworfen, halb gehoben und drin wie die Heringe geschichtet. Die wetter- harten Züge der alt«i Helgoländer zeigten höchste Anspannung, Venn ihre Arbeit ist schwer und verantwortungsvoll, und cttie

tückische Woge kann mit ein«n Schlag das Boot an der Schiffs- Wand zerschellen.

Nun stößt das Boot ab. Die Riemen katschen in, Takt in das Wasser, und das Boot thront bald auf hohem Wasserkamm, bald sitzt es unten im Wogentak, und es erscheint, als nwllljen es die Flutenberge erdrücken.

Da schießt wie ein Me«teufel ein breitbrüstiger Danrpfschlepper der Hamburg-Am«ika-Linie dah«. Der Steuermann schreit: Hallo ahoi", und int Nu ist das Boot angeseilt und wied« eins und noch eins. Die Seeleute ziehen die Riemen ein, und ruhig saust man nun der Landungsbrücke zu.

Dort biegt d« Schlepp« ab, und nach wenigen Ruderschlägen hält das Boot an der Landungsbrücke.

Unt« den Passagieren des ersten Bootes befand sich auch Rene Brian.

Er stieg matt die Treppe empor und achtete nicht der.Spott­ruse der Badegäste, die am Geländer d« Läst«brücke lehnten und die ankommenden Rekonvaleszenten verhöhnten.

Renes eleganter Sommeranzug hatte stark gelitten, noch mehr aber Rene selbst.

Ihn fröstelte und außerdem hatte er auch das Gefühl ein« unsäglichen Oede im Magen.

Am Brückenkopf wartete « einige Minuten und spähte nach der Einmündung der Kaiserstraße.

Helgoland in seinem Sonnenglan ' und mit seinem roten Meer, daraus die unzähligen kleinen Fischerboote, und weit drüben derKais«", dieSilvana" und einige ander« Dampser, am Strande das bunte Leben, die Musik aus dem Kurpavillon, die eleganten Badetoiletten d« Damen, das Gekrächze der Möwen, der nicht ganz einivandfreie Geruch d« Algen, das alles übt auf den Ankommenden einen solchen Reiz des Neuen, des nie Gekannten, daß er «st Zeit braucht, wieder zu sich selbst zu kommen.

Rene lehnte noch immer am Brückenkopf, und erst als « seinen Namen hörte, kam wieder Leben in ihn.

Rene, meine Rene."

Pasmanelka Kun Orsk, tausend Alüche sollen dich treffen, daß du mich zu dieser vcrnialedeiten Seefahrt verleitet. Schau mich an, du Leuchte der Wissenschaft, und tveine."

Kun Orsk weinte aber nicht, sond«n er lachte, er lachte mit jeneni herzlichen Lachen, das nur guten Menschen eigen ist. Und er faßte Rene unter den Arm und zog ihn fort.

Komm, Freund, zunächst wollen wir bei dir die Spuren der Seeschlacht v«nichten, und der schnöden Welt verbergen, dah auch du Neptun tributpflichtig gewesen bist. Denn wisse, das heilige Land, das du jetzt unter den Füßen hast, birgt gar viele Berliner, auch solche, die bei Schulte in still« Andacht be­wundernd vor deinen Bildern gestanden unb dich nun nicht in deiner menschlichen Schwäche sehen sollen."

Sind meine Koffer da?"

Gewiß, und alle sorgsam ausgepackt."

Unnütze Arbeit, Kun, denn sobald das Meer geruhen wird, etivas weniger lebhaft zu schaukeln, >v«de ich dieses schnöd« Eiland verlassen, um mir einen stabileren Winkel d« Drde aus- zusuchen, wo ich meine Nerven und mein« z«rissene Seele au8- ruhen kann."

Armer Rene."

D« Maler Rene Brian war stehen geblieben> v«senkte sich noch einmal in alle Phasen der Meerfahrt, dann ries « aus: Pfui Teufel, und das nennen die Menschen ein Vergnügen."

Lachend zog Kun Orsk seinen Freund mit fort. Sie gingen durch die Kais«straß«, in d« das bunte Großstadtleben wogt«.

Hier und da blieb Rene interessiert swhen und sprach seine Verwunderung aus über die prachtvollen Schauläden.

Ja, mein Lieber, solche Seehundsfellsachen und diese Möwen- schmuck gcht es selbst in Berlin nicht, was?" sagte Kun stolz.

Ich glaube nicht. Ab« nun eine Frage, Kun: Fühlst du dich ivohl hier auf dies« Insel? Packt dich nicht manchmal! die Sehnsucht nach der Äesellschaftsmetropole, nach Deinen alten Freunden?"

Sie waren am Ende d« Kaiserstraße angelangt, und während sie die Treppe, welche Unterland mit Oberland v«bindet, htn- aufstiegen, antwortete Kun Orsk bedächtig:Ein osfenes Wort, Rene: Mir scheint, als sei das mehr eine Gewissensfrage für dich, wie für mich. Als sei die Frage wenig« aus Anteilnahme an meinem Wohlergehen entstanden, als vielmehr ans d«n Draiig, zu wissen, ob man es hier aushalten kann, oder gar nicht einmal hier, sondern irgendwo, nur fern von Berlin. Bitte/ cteifre dich nicht, Rene. Nachdem ich deinen Brief gelesen, er­kannte ich sofort: Rene ist fertig mit Berlin, wenn auch nicht für immer, so doch aus langeZeit. Etwas in B«lin hat ihn tief getrossen. Was mag das sein? Nur zweierlei konnte ich mir denken: Die K^ist od« das Weib? Die Kunst nicht, denn Rene ist ihr König, dann das Weib. Sieh, mein Freund, da bist du geflohen. In anderer Luft, in reiner« Lust, in den Weiten des Meeres willst du gesunden, willst du deine zerrissene Seele, wie du vorhin selbst sagtest, wieder kitten, und ich soll dein Arzt sein."

Sie gingen durch die schmalen Gäßchen des Oberlandes, und Rene Brian sah nichts von den kleinen, schmucken Häusern mit den blitzenden Fenstern, sah nicht die grünen Gärtch«i davor, «