Montag. d«n 26 . Mai
Wkibrr-Kkgiment.
Roman von Oskar Klaußmann.
(Nachdruck verboten.)
(Fortsetzung.)
Werner beauftragte die Feuerwehr-Ordonnanz von der Wcrkfeuerwehr, zu Inspektor Lenske zu gehen und ihm mitzuteilen, dass er, Werner, mit dem Geheimrat nach Justinus- Grube gefahren sei und wahrscheinlich erst nachmittags wiederkomme.
Unterwegs sagte Geheimrat Kersten zu Werner:
„Sie haben 3000 Arbeiter und 30 Beamte aus Justinus- Grube. Die Hauptsache ist die Fertigstellung des Querschlags nach der Kleophas-Grube, das Abteusen des Schachtes für den Tiefbau und die Sicherung des Brandstzldes. Wir haben da vor zwei Jahren einen großen Grubenbrand gehabt, konnten die Brandstelle abdämmen, müssen jetzt aber in der Nähe der Abdämmung an dem Ouerschlag vorbei, und das erfordert, »oie Sie sich denken können, höchste Vorsicht und beständige Aufmerksamkeit. Die Beamten, die Sie haben, der Obersteiger und die Steiger, sind tüchtige, zuverlässige Leute, aber ohne Initiative. Es muß ein Leiter, es muß eine starke Hand da sein, welche gerade jetzt ihr Bestes tut. Deshalb ein guter Rat und eine Bitte, lieber Werner: übertreiben Sie die Sache nicht, arbeiten Sie nicht zu viel. Bei Ihnen ist inan verpslichtet, eine solche Bitte auszusprechen. Wenn Sie zusammenklappen, ist die Sache erst recht schlimm. Stellen Sie vie Projekte für das Walzwerk ein wenig zurück, wenn es sich dabei uin ein persönliches Vergnügen für Sie handelt, und bringen Sie uns die Justinus-Grube auf die Höhe der Stein- kohlensörderung. Dann gehen wir energisch an die Realisierung Ihrer Pläne betreffs der Thercsien-Hütte."
„Ich danke Ihnen für Ihren guten Rat", erklärte Werner: „aber übertriebenem Arbeiten setzen die vorhandenen Kräfte von selbst einen Damm entgegen."
„Man »nuß die vorhandenen Kräfte aber nicht übermäßig anspanuen," meinte Kersten. „Da sehen Sie bereits die Justinus-Grube. Die Beamten, auch die dienstfreien Oberhäuer, siird telephonisch nach dem Zechenhause bestellt, um Ihnen »wrgestellt zu werde»», und in einer halben Stunde können wir unter Tage sein und das Bergwerk besichtigen."
Eine große Anzahl rauchender Schlote, hohe, eiserne Gerüste, tue an ihrer Spitze Seilscheiben trugen, langgestreckte, niedrige und hohe, schmale Gebäude tauchten hinter einer steinernen Mauer auf Das eiserne Gittertor wurde geöffnet, und der Wagen fuhr auf den großen Arbeitsplatz der Justinus-Grube. Ein Gedröhne von Hunderten der verschiedenartigsten Geräusche empfing die Einfahrenden und machte die Pferde etwas stutzen. Aber der Kutscher dirigierte sie bis vor das langgestreckte Zechenhaus, vor dem Kersten uird Werner dein Wagen entstiegen
In dem großen Saale des Zechenhauses, in dem sich vor und nach der Schicht die Bergleute versammelten, um ausgeschrieben zu werden und anzngeben, wieviel Steinkohle jeder „ßtt" (Arbeitsstelle) während der Schicht gefördert hatte, waren wohl fünfzehn dienstfreie Beamte versammelt; die anderen befanden sich im Betriebe. Obersteiger Mandlick kam den Eintretenden entgegen und geleitete sie biS an die Schmalseite, ein paar Stufen hinaus bis aus die Empore, wo der langgestreckte Tisch für die Beamten stand. Obersteiger Mandlick führte die Beamten bis an das Podium heran, und nachdem er selbst Werner vorgestellt war, nannte er den Namen jedes einzelnen Beamten: der Steiger, Fahrsteiger, Wettersteiger, Maschinenmeister und Maschinensteiger, der Materralienverwalter, des Schichtmeisters und einiger Assistenten.
„Meine Herren, Herr Bergrat Spalding übernimmt von diesem Augenblick an die Betriebsleitung auf Justinus- Grube", erklärte Geheimrat Kersten; „ich bitte, ihm dasselbe Vertrauen entgegenzubringen wie seinem Vorgänger, und teile Ihnen im Austrage der Besitzerin der Werke mit, daß Herr Bergrat Spaldiiig in jeder Beziehung der Sfevä treter der Besitzerin ist und volles Versügungsrccht nach allen Richtungen hin hat."
„Meine Herren, ganz überraschend schnell lind eigentlich gegen meinen Willen bin ich zur Leitung dieses Berg- Werks berufen worden", sagte Werner; „ich übernehme dieses Bergiverk, auf dem augenblicklich ebenso eilige wie schwierige Arbeiten zu verrichten sind. Ich übernehme die schwere Aufgabe lediglich im Vertrauen aus Ihre Hilfe, ohne die ich selbst nichts zustande bringen kann. Ich habe zu meiner Freude gehört, daß mein Vorgänger in angenehmen Beziehungen zu Ihnen gestanden hat und Ihr volles Vertrauen besaß. Ich verspreche Ihnen feierlich, daß es mein Bestreben sein wird, mir ebenfalls dieses Vertrauen zu erwerben. Ich bitte Sie, in mir nicht nur einen Vorgesetzten, sondern vor allem einen Kanieraden zu sehen, den getreuen Gesährten beim großen Werke schassender Arbeit. Wie ich um Ihr Vertrauen und um Ihre Freundschaft bitte, so verspreche ich Ihnen, daß jeder einzelne von Ihnen sicher sein kann, durch mich Förderung zu erfahren, daß ich jedem Wohlwollen^und Bertrauen entgegeubringe, ebenso wie ich für jeden von Ihnen zu jeder Zeit in wichtigen! Dingen, seien es dienstliche oder private, zu sprechen bin. Lassen Sie uns mit gegenseitigem Vertrauen an die Arbeit gehen, die nicht nur der Besitzerin der Werke, sondern auch uns zur Förderung und zum Segen gereichen tvird. Haben Sie die Freundlichkeit, Ihre» abwesenden Herren Kollegen das mitzuteilen, was ich Ihnen soeben sagte."
Es wurden darauf die draußen harrenden Gruppen von Angestellten hereingerusen, die das Mittelglied zwischen Beamten und Arbeiterschaft bildeten.
Es waren das die dienstfreien Oberhäuer, Kohlenmesser, Maschinen- und Platzaufseher. Auch sie wurden einzeln dem neuen Betriebsleiter vorgestellt, und Werner hielt an sie


