Ausgabe 
23.5.1914
 
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Kteinkohlen sind nun einmal die Seele der Industrie, und auch Ihre Neuerungen können ohne genügende Sleinkvhlen- produktion nicht verwirklicht werden. Nehmen Sie Ihren Hut und Ueberzicher und kommen Sie mit. Wir sind mit meinen Pferden in rwanzig Minuten aus der Justinns Grube, und dort können wir sofort einsahren. Grnbenzeng bekommen wir im Zechenhausr."

(Fortsetzung folgt.)

Grammophon-Vobbie.

Von Martin P r o s k a » e r.

Wir saßen »ne jeden Abend mit Major Curliß in der Bar von Manibasa, dem einzigen Lokal dieses langioeiligen ostasrika- Nische» Hasenurles, als die Tür ausging und ein dicker großer Mann eintrat. Er war mit einer gewissen absichtlick-en Ruppigkcit gekleidet, aus der ein paar Brillanten an Händen und Kravattc unangenelzm heraiisblitzten.

Guten ?lbend, Grammophon-Bobbie, sind Sic auch iviedcr da?" ries ihm Major Curtiß zu. Wir sahen den Freunden erstaunt an Man gewöhnt sich an der afrikanischen Küste an Spitznamen, schon weil die Neger den Weißen die merkwürdigsten Nanien geben aber dieser war doch sehr sonderbar. Sonderbar war auch die Wirkung aus den eben Eintretenden. Er sah uns mit eincni bösen Blick an, rückte wortlos den Hut in oje Stirn uind ging wieder hinaus. Dabei warf er die Tür mit einer solchen Energie zu, daß das ganze Wellblech-Hotel ins Wackeln geriet.

Major Curtiß, der das Verhalten des Mannes mit spott- funkelnden Augen beobachtet halle, lachte leise vor sich hin.

Ten Mamen kann er aus den Tod nicht leiden", sagte er, dabei ist bas der größte Spaß, den ich je in diesem Lande erlebt habe. Der Herr, der da eben so fit wieder wegging, ist Bob Samson, einer der gerissensten Ncgerhändler. i» ganz Brltisch- Ostasrika. Es gibt nichts, was er den Negern nicht schon verkauft hat, von» Taschenspiegel bis zur waschechte» Haarsarbe, die beim ersten Regenguß herunter!äust, aber cinnml ist er doch hin- eingesallen, und seitdem heißt er ebenGrammophon-Bobbie". Bob Samson geht zivej- bis dreimal jährlich mit einer Lasten- karawanc iit den Busch: er kennt das Hinterland besser als der Gouvcrnc,er Resident in Zanzibar Und was er den Negern für Elfenbein und Gummi gegen seine Schundivarcit abgenommen hat, muß in die Millionen gehen.

Es ist jetzt vielleicht sechs Jahre her, da »wollte er einmal ein Geschäft in großem Stil machen. Seine geehrten schwarzen Kun­den waren wohl Veit Schlipsnadeln, bunten Kravatten und Union- Jack Taschentüchern übersättigt, denn schließlich reisten ein paar hiindcrt Negerhändler damit im Lande herum, jetzt mußte ei» gröberes Objekt her.

Also mein Bob Samsvil sing an zu überlegen, daun gingen ein paar Kabeltelegranimcich England: und als der nächste Dampfer in KiSmayu ankam, hatte er Ins halbe Hinterdeck voll Kisten für Samson Granimvphone, nichts als Grammophone! Ich war dainals als Leutnant beimAfrrean Military Service" in Kismayu stationiert, daher niachte ich deir Haupiteil dieses Komödie persönlich mit.

Einige Wochen später kan, Samson in das Büro und ver­langte militärischen Schutz sür seine neue Dandclskaraioane. Wir telegraphierten nrit deni Gouverneur, und nach vier Tagen hatte ich die Ordre, lnit zwölf Mann vom Eingeborenen Regiment den ebreniverleii Mister Bob höchstselbst zu geleiten, zu schützen und ihm alles liebe zu tun, was er als britischer Untertan vom Staat beanspruchei, konnte. Danrals kriegte noch jeder Halunke, wenn er cs bezahlen konnte, Leute vom Kaiserlichen Dienst, heute geht das ja Gottseidank nicht mehr.

Also ich trat nrit meinen Leuten bei Bob Samson an Er hatte eine Karaioane von mindestens 150 Mann, lauter Busch- neger, die die Laste» mit ben Grnmmoplioncn schleppen sollten. Ter Weg führte von Kismayu aus südlich im Bogen durch das Hinterland, bis wir, voraussichtlich mit Elseubeiii reich beladen, in Bamu wieder an der Küste austauchen »vürden. Unser Ausbruch war eine Sensation, Zuschaiier in allen Hautfarben standeil am Wege und besahen unsere Erpeditron, die größte, die ic aus Ncgerhandel gezogen war. Bora» ritt ich mit Bob Sainson, der besonders guter Laune war und eine Gruppe Koiikurrenten die er tras, höhnisch anlachte.

Wenn die erst ivüßten, >vas ich noch macheii will, werden sic vor Wut Platzen", sagte er zu mir,und Bandar Huk, der in­dische Gauner, stirbt vor Neid!"

Bandar Huk war ein indischer Negerhändlec und nebenbei der größte Gefchästsiivale von Bob. Dann enttvickelte mrr Bobbie seine Idee. Er wollte den Negern gegen schweres schönes Elfen­bein die Grammophone derkauseu, richtig und ehrlich, mit Trich­ter», Platten und allem Zubehör. Nur eine Kleinigkeit dachte er Zunächst zurückzubehalten, die Nadeln. Und ohne die konnten die Grammophone natürlich tücht spielen. Dann wollte er den­selben Weg zurückgehen und beit armen Negern mit Hilfe seiner Sprachkenntnisse Und seiner geistigen Ueberlegenheit denZau- >er" erklären. Wo raut er ihnen die kleine Svielnadel nachträglich

gegen neues Elsenbrin gütigst überlasse» ivvllte.

Ich mutz sagen, daß ich die Idee zivar nicht schön, aber ganz wirkungsvoll fand. Schließlich war ich nicht als Moralprediger mitgegangcn, sondern hatte nur darüber zn weichen, daß mein Bob Sainson nicht etwa von einem grammophonsüchtige» Neger erschlagen würde. Tos übrige ging niich amtlich gar nichts an.

Als wir so an der letzten Hütte von Kisneay» porbeizogen, stand richtig Bandur Huk da, der indische Händler, und kreuzte grüßend die Hände über seinem weißen Gewände. Dabei musterte er uiiscrn Zug schweigend und ernsthast.

Schon am nächsten Tage steckten wir mitten im Urwald und zogen von Dorf zu Torf. Ueberall ließ Bob Samson Teilt Milstcrgrammophou ertönen, und dom Häuvtling mit zehn Ne­benfrauen an bis herunter zum ärmsten Waldneger entbrannte in alten schivarzcn Herzen das Veilangen nach diesen! herr­lichenZauber", der so schönen Radau Mächen konnte. Bobs Preise ivaren freilief) hoch, unter vierzig Psund Elsenbrin gab er kein Gramiuophon, und die mit den Blumen bemalten Trichter waren noch teurer. Ich schätze, daß Bob aM Stück etwa lausend Prozent verdient Hai: aber er lehnte es ab, mir den Einkaufs­preis bekannt zu. geben!

Wir blieben in jedem Dorf nur einen Tag, und da [eins der verkauften Grammophone xine Nadel erhielt, luirb wohl in allen Negerhütten Stille und Jammer statt des crhosstenZaubers" ge­herrscht haben. Die ganze Sache war auch nur mit einem so gut­mütigen und liniiitelligenten Volk möglich, wie cs gerade unsere Buschneger dort sind.

Jedenfalls tauchten wir, wie cs geplant war, nach sechs Wochen in Bamu aus, schwer beladen mit Elsenbrin. Kaum waren wir aber in Bamu aiigelaugt, als unsere sämtlichen Träger ausrissen, einige vergaßen sogar, vorher ihre Last Elfenbein abzulegen. Bob slnchte, als ob er es stundenweise bezahlt bekam, aber es nutzte nichts. Seine Nigger waren wie die Flöh? in den Busch gehopst, er hatte sie auch zu schlecht behandelt und die Kerle jn den letzten Wochen mit Gewaltmärschen überanstrengt.

Na, sic waren lveg, und er konnte lausen und neue mieten. Nach vierzehn Tagen hatte er auch stir teures Geld eine neue Trägerkarawane zusammen: nun sollten wir ausbrechen, um die schwarze» Grainmophoilbesitzrr mit den passcudeu Nadeln zu be­glücken.

Da erschien plötzlich, gerade drei Tage vorher, eine andere Karawane aus dem Busch, an der Spitze auf einem Schimmel Bandar Huk, der indische Händler, hinter ihm eine endlose Reihe Neger, jeder eine volle Last Elfenbein auf den Schultern.

Ernst und schiveigsam zog er an uns vorbei, seine indischen Aufseher wie Wachhunde um die Neger l»eru»i, und der ganze Zug marschierte geradenwegs z»m Hasen, wo der Dampfer zur Ab­fahrt nach Kismayu fertig lag. Ein Pfiff und Bandar Huk und seine Leute schwammen ab!

Samson machte ei» verdutztes Gesicht, als er den verhaßten Koiikurrenten reich beladen vorübcrziehen sah, aber er beherrschte sich und freute sich aus den Rückiveg, der seinen Prosit verdoppeln sollte. Endlich brachen wir aus. Und als ivir uns dem ersten Tork näherten, hörten wir schon ,aus den Hüllen rechts und links am Wege ein Gedudel, ein Gesinge, als ob der Urwald verrückt ge­worden ivar. Mein Bob töurde ganz blaß, sprang vom Pferd, kroch in die nächste Hütte, stürmte weiter und blieb dann stehen. Die braven Nigger kamen aus ihren Lehmhütten gekrabbelt, strahlten vor Freude »nd zeigten ans ihre Grammophone, die aus vollem Halse Pardon Trichter spielte».

Es war zum Tollwerdcu. Die ganzen alten Platten, die in Europa kein Mensch mehr fauste, waren natürlich für die Schwarzen gut genug gewesen, jetzt klangen hier im Urwald alte Gassenhauer, abgelegte Caruso-Arien und unmodern gewordene Operettenmelo­dien mit dem Jubelschrci der Neger zu einem unbeschreiblichen Getön zusammen.

?lbcr das war kein Zweifel. Die Granimophonc spielten jedes hatte eine Nadel und sogar Reservenadeln waren da! Als Samson die Nadeln untersuchen wollte, wurden die Neger unhöflich und ließen ihn nicht mehr an denZauber" heran Aber sie erzählten aus unsere Fragen, was wir nnssen wollten Und ivährend Bob Samson vor Wut fast einen Schlagausall bekam, dachte ich. ich sollte niich über denZauber" totlachen. Bandar Huk, der indische Gauner, hatte hem guten Bobbie nachspioniert- wahrscheinlich schon »ach zwei Tage» den Trick gemerkt, sich in rasender Eile von seinen indischen Schmieden den geschicktesten Handwerkern der Welt Hunderte von Grammophonnadeln machen lassen und war damit aufTour" gegangen. Das heißt, er war uns nachmarschiert, brauchte keine Waren für den ^Tausch­handel zu schleppen und verkaufte überall den Negern die kleine Stahlnadel, die den Zauber erst möglich machte, sür Hausen von Elfenbein. Und so war es. Wohin wir kamen, kreischten die Svrechmaschine» und waren die Nigger von Ellenbein so blank geplündert., wie dieser Tisch hier In ihrer verrückte» Wut a),f die Grammophonmusik batten die Kerle sogar die Gräber ihrer Vorfahren von dein heiligen Elfenbein befreit, um so auf ihre Art in die Reihen der Kulturmenschheit zu kommen.

Ihr könnt nickt ahnen, wie unsere Stellung war. Ick und meine Soldaten, wir haben uns vor Lachen nicht halten können- Bobbie unser Wrammovkwn-Boblhle. erfand vor Verzweiflung die