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E durchmiS nicht fremdes Gefühl zeigt sich dies Phiinomen; ist sogar zn einem wichtigen Zug in dem Frühlingsempfinden keuschen unserer Tage geworden. In den Jubel über das »erwachen der Natur, in das Glück des jungen, überall keimenden und sprießenden Lebens mischte sich eine säst unbewußt« Trübung und Dämpfung, eine schnierzlickw Sehnsucht, eine müde Dumpfheit, eine Depression, in die man sich sogar mit einer gewissen Lust vergraben und vertiefen kann; jedenfalls entwickelt sich so eine Gemütslage, die dadurch charakterisiert wird, daß für sie keine bestimmten Gründe vorhanden sind, daß sie inhaltsleer und gestaltlos, gleichsam aus dem Nuyts, emporwächst und nur in der Jahreszeit ihre seelischen Wurzeln hat.
Traurige Menschen hat es freilich auch im Frühling gegeben, so lange die Welt steht. Immerhin galt es doch als etwas sonderbares und Auffälliges im deutschen Mittelalter, wenn einet im ,,wonniglichen Maien" ein trauriges Gesicht machte. Im Winter, in der freude- und lichtlosen, kalten und öden Zeit, da war das ,Greinen und Klagen am Platz, aber im Lenz? Reinmar von Zweier fragt gelegentlich solch einen Narren, der in der Maienwonne und unter der bunten Blütenpracht weint, ganz geradezu, «b er von Sinnen sei. Frühling und Freude gehören nun einmal zusammen, so wie Frühling und Liebe. Wer jedoch kein Lieb hat, der empfindet doppelt schwer sein Leid, wenn alles in der Natur von Wonne und Glück widerhallt. „Es mahnen mich die lichten Tage meiner alten sehnenden Klage", sing Meinloh von Sevelingen oder ein anderer: „O weh! daß mir bei lichten wonniglichen Tagen kein Sommer an dem Kerzen wird". Er muß die schöne Zeit ungenutzt verstreichen lassen, deshalb meint er: „Der Mat hat mannig- falte Blüte, so Hab ich Sorge mannigfalt." Diesen Gegensatz zwischen Natur und Herz, diese Qual des Entbehrenden mitten in all der Schönheit hat wohl am ergreifendsten der kaiserliche Minne- jänger Heinrich ausgedrückt in leidenschaftlichem Pathos:
„Ich klage Dir, Maien, ich klage Dir, Sommerwonne,
Ich klage Dir, lichte Heide breit.
Ich klage Dir, Augen brechender Klee,
Ich klage Dir, grüner Wald, ich klage Dir, Sonne,
Ich klage Dir, Venus, sehenendes Leid,
Daß mir die Liebe tut so weh!"
Es ist gewiß keine Frühlingsschwermut im modernen Sinne, die zu solchen Ausbrüchen des Schmerzes im Minnegesang führt. Aber daß der Unglückliche sein Leid besonders stark fühlt, wenn die Welt, gleichsam ihm zum Hohne, ihr FesttagsNeid anlegt, hat natürlich einen Keim zu allgemeinerer Melancholie ins menschliche Herz gelegt. Selbst ohne bestimmten Anlaß zum Kummer wird in sensiblen Naturen dieser Kontrast zur Landschaft, und damit ein Gefühl des Fremd- und Verlassenseins in der so ganz anders gestimmten Welt austauchen. Wenn auch im Mittelalter sich derartig ungewisse Zwielichtstimmungeu der Seele noch nicht hervorwagten. so bringt doch das religiöse Element, das in der Lyrik, der eigentlichen Bekenntnispocsie, immer stärker sich regt, bereits eine viel schwärmerische unklarere Schwermut in das Frühlingsgesühl. Der Mai ist zwar gekommen, so trauern geistliche Lieder des 14. und 16. Jahrhunderts, und die Natur hat Freude: wo aber bleibt für die Seele der „geistliche Maien" und wo die „ewige Freude"? ÄuS der irdischen Herrlichkeit des Lenzes sehnte sich der Fromme nach dem himnilischen Paradies, in dem erst „der wahre Frühling" anbricht. Diese dunkel getragene Melodie steigern Poeten des 17. Jahrhunderts zu schiuchzenden Tränenaricn. Friedrich von Spce, der liebliche Sänger frühlingshaster Anmut, wagt bei den reizenden Natitrbildern, die seine Verse malen, nicht zu verweilen. Immer wieder richtet sich sein klagender Blick voll Verlangen auf Christus: nach ihm girrt seine Sehnsucht, wie der Tßuber nach dem „Turkeltäubelein".
„Was nützet mir dann schöne Zeit,
Was Schein und Glanz der Sonne?
Was Bäum', gar lieblich ausgebreit'?
Was Klang der klaren Brunnen? . .<
Nur ich, o Jesu, bin allein Mit stetem Leid umgeben.
Nur ich muß stets in Schmerzen sein>
Weil nit mit Dir kann leben . .
Alles jubiliert und freut sich:
„Nur Pein und Qual
Bei mir zumal
Hat überhand genommen."
Ebenso findet Angelus Silesius' „Geistliche Seelenlust" im irdischen Frühling kein Genügen und wendet sich in unbefriedigter Trauer zu jenem seligen Jenseits-Glück, das nicht den Fluch der Vergänglichkeit und des Todes auch in der höchsten Blüte in sich trägt. Die Dichter sehen nur als echter Kinder des Barocks, das so gern in einem Stilleben blühender Blumen den Totenschädel aufstellt, im erwachenden Leben schon das künftige Sterben; aus denl „Paradies der Erdenlust" droht bereit? mit hohlem Grinsen „Ter Sünde Schädelstätte". Besonders der Könlgsberger Dichterkreis ergeht sich in solch pessimistischen Be
trachtungen, die über menschliche Schwachheit jammern. Tie«! und Pflanzen sind glücklich im Lenz, meint Robert Rvberthin. „Ein jedes Tier kann sattsamlich Sein Herzbegebren stillen.
Der Mensch allein verwirret sich *-
In wandelbare Grillen.
Der Mensch, der keinen Augenblick An einem Wunsch kann klebe».
Wirbt nur um einen Mörderstrick Und töd't sein eigen Leben."
Solch mürrischem Gejammer, das aus einer unsreien Zeit und persönlichem Mißgeschick der arg geplagten Menschen nach dem 30jährigen Kriege hervorbrach, machte der neue Geist eines feierlichen Pathos, den Klopsdock in die Achtung einführte, mit einem Schlage ein Ende. Durch seine Hymnenhast großartige „Frühlingsfeier" entdeckt der Schöpfer des „Messias" in dem! in Gewitter und Sturm über Id'ie Erde rasenden Frühling ein ganz neues religiöses Gefühl heiligen Grauens und anbetender Verehrung, das wie Werther und Lotte Tausende mitempfanden. Seine Nachahmer suchen das Erhabene und Strenge der Früh- lingsnatur auf, und ein Uz ruft sich selbst, wenn er ins Tändelnde und Idyllische verfällt, streng zum Ernst zurück. Die sentimentale Note wird immer stärker and macht Ewald Kleists berühmten „Frühling" zu einem eher traurigen als fröhlichen Gedicht, in dem die Sehnsucht nach Frieden und Stille alle Hellen Töne dämpft und ein Seufzer nach der letzten Ruhe melancholisch am Schluß steht. Gewaltsam muß sich der schwermütige Hauptmann dazu zwingen, den Frühling mit helleren Augen anzublicken, Und er bricht dann in Berse aus, wie:
„Wohin verführt Mich der Schmerz?
Weicht, weicht ihr traurigen Lieder!"
Die Empfindsamkeit weckt ja überhaupt grade im Frühling trübe Gedanken. Das alte Minnesinger-Gefühl von der Qual der Sehnsucht, die in der Zeit der Erfüllung und der Freude in der Natu» um so schmerzhafter ausbricht, lebt hier in einer viel innerlicheren und gesteigerten Form wieder auf. Der srllh dem Tode geweiht« Dölty ist der bezeichnendste Sänger dieser empfindsamen Frühlingsschwermut.
„Wenn der silberne Mond durch die Gesträuche blockt Und sein schjirmmerndes Licht über den Rasen geult.
Und die Nachtigall flötet,
Wandle ich traurig von Busch zu Busch.
Ueberhüllet von Laub, girret ein Taube,ipaar Sein Entzücken mir vor; aber ich wende mich,
Suche dunkle Schatten auf Und die einsame Träne rinnt."
„Hölty, dein Freund, der Frühling ist gekommen!
Klagend irrt er im Haine, Dich zu finden," hat Lenau an seinem Grabe gesungen, und wirklich hat Hölty di» Wonne und Wehmut des Lenzes so rein ausgckostet, wie kein Dichter vor ihm. Seine Melancholie wird aus der Einsamkeit des unruhigen Blutes geboren: sie ist aber nicht etwa gegenstandslos, sondern wurzelt in einem sehneirden Liebesempstnden, wie es platter Und derber sein Haingenosse Miller, der „Sicgwart"- Tichter und eigentliche Herold der Empfindsamkeit, ausdrückt; „Mer ich wandelte traurig einher,
Fühlte die Frieden des Frühlings nicht mehr>
Blickte darnieder,
Blumen und Lieder
Waren dem liebenden Jüngling zuwider."
Immer blasser und matter wird dies Gefühl her Matthik» son und den Nachfahren des Göttinger Musenalmanachs. Ausgelöst in sanfte Müdigkeit, von geheimem Sehnen die Brust er- süllt, versenkt sich die Seele in den Frühling: die Träne bebt, PhiloMele klagt. Unter schweigenden Cypressen will der Liebende mit der Gesiebten ruhen, „allein geehrt von der Freunde Tränen, bis Elysiums stille Hütten uns umpfahen." Das Empfinden ist bereits so aller wirklichen Elemente entkleidet, daß der Dichte» erstaunt fragt:
,, . . . Warum flieht mich der Natur
Sanftes Gefühl? Ist »»schmackhaft jede schuldlos«
Sonst gewünschte Freude?
Was entbebt die Träne? Und wann fühlte Je dies geheime Sehnen die volle Brust?"
Um die moderne Frühlingssehnspcht entstehen zu lassen, mußte sich aber mit diesem Ueberschwang der abklingenden Sentimentalität noch die Mystische Dumpfheit der Romantik verbinden. Das unklare Empfinden von einer heiligen Weihestimde der Natur. da nach Novalis „ein neues Reich beginnt: Der lockre Staub wird zum Gesträuch, der Baum ninimt tierische Gebärden, bah Tier soll gar zum Menschen werden," zwingt den Mensche» hinein in die Allgeivalt der Schöpfung, macht den Frühling zu einem „wunderbaren Traum von Liebe, Gegenliebe, heiligem Leben". Dieser Pantheismus umfängt die Seele mit einem unbewußten, aus nichts Bestimmtes gerichteten Trauergesühl. Eh ist nicht mehr enttäuschte Liebe oder Bewußtsein der Sündhaftigkeit und Vergänglichkeit, nicht Verlassenheit oder Sehnsucht, sondern ein völlig iithaltsleeres, ein geradezu körperliches Gefühl,


