Dkkizierstöchter.
Roman von Paul Grabetn.
(Nachdruck verboten.)
(Fortsetzung.)
Klftlburg hatte unwillkürlich eine Bewegung gemacht, ülS ob er aufbrechen wollte. Nun blieb -er auf feinem Sessel. Aber er saß vornübergebeugt, ohne Gerda anzu- sehen, und drehte den Säbel zwischen den Handflächen.
Wovon nur zu ihr sprechen? Diese Situation war ja. kaum zu ertragen. Und er griff nach irgendeinem Thema. „Haben Sie die neue Sezessron schon gesehen, gnädige Frau?"
„Nein, ich war noch nicht da."
„So — noch nicht — aber vielleicht die Kollektivausq stellung jetzt bei Schulte — von dem Russen, dem — wie heißt er nur gleich?"
Sie verneinte wieder.
„Ich bin nirgends mehr hingekommen."
Und ihre Hände rollten das Heft, das sie hielten, zusammen. Eine Bewegung, in der ihre qualvolle Beklemm jmiitg einen Ausweg suchte.
Hierauf wieder das drückende Schweigen und das peinliche Suchen bei ihm nach einem neuen Gesprächsstoff. Aber da setzte er plötzlich mit leisem Klirren den Säbel aus den Teppich.
„Nein — ich kann nicht heucheln vor Ihnen, ich mag nicht! Gerda, nur eine Frage: Ist es wahr, wirklich wahr, daß Sie sich trennen werden von Ihrem Manne?"
Und seine Augen suchten ihren Blick mit einem Aus-j druck nicht mehr zu bezwingender Spannung.
Gerda Keßler erblaßte jäh.
„Wer hat Ihnen das gesagt?"
„Jeinand — ich darf ihn nacht nennen — ja auch ganz gleich — sagen Sie mir nur: Ist es so?"
Sie saß vor ihm, ihre Hände preßten das gerollte Journalhest krampfhaft zusammen. Und dann kam ihre Antwort, aber mit einem so fremden Ton. War sie es wirklich, die das sprach?
„Nein — ein leeres Gerede. An dem nichts ist — nichts!" Sie sah ihn dabei nicht an. Zhr Blick war starr geradeaus gerichtet, auf das Muster dort an der Tapete, da über dem kleinen Zierschränkchen. So fügte sie nun noch niit fester Stimme hinzu: „Und wenn Sie es wirklich freundschaftlich meinen mit mir, so treten Sie diesem Gerede entgegen — wo Sie ihm auch begegnen."
Sie sagte es und schwieg.
Einen Moment blieb es lautlos im Zimmer. Dann hörte sie ihn sagen:
„Es soll geschehen."
Eine Weile saß auch er nun, ohne zu reden. Aber sie
fühlte mit eigenster Qual, was in ihm vovging. Dann sagte er wieder:
„Ich weiß, was Sie wünschen, Gerda, und Sie haben recht: Sie inllssen zur Ruh' kommen — ganz zur Ruh'. Sie werden mir nicht wieder begegnen."
Der Plan, mit dem er im stillen schon seit Wochen umging, wurde zum festen Entschluß in dieser Minute. Und »nn, wo er wußte, es gab kein Hoffen mehr für sie und ihn, sie war ihm endgültig verloren — nun kam ein« große, klare Ruhe über ihn, die ihn über alle kleinen Bedenken hinweghob, die ihm die Sicherheit ihr gegenüber voll wiedergab. Und er sah sie jetzt an.
„Nur eins müssen Sie mir versprechen, Gerda: sollte einmal die Stunde koiümen, wo Sie einen Freund brauchen, einen treu ergebenen Freund, der nichts will als Ihr Bestes — Sie sollen wissen, Sie können auf mich zählen, was es auch sei!"
Auch sie kehrte ihm das Antlitz zu. Sie fühlte, wie er es meinte. Da reichte sie ihm die Hand.
,Haben Sie Dank für Ihre Treue."
Noch einmal beugte er sich über diese liebe Hand, dann richtete er sich kurz auf.
„Sie wollen nun gehen?"
Sie fragte es, und ihre Stimme war tonlos.
Er bejahte stumm, die Lippen einen Moment fest aufeinandergepreßt. Nun griff er nach dem Helm uit» den Handschuhen auf dem Tischchen neben sich und stand auf.
„Entschuldigen Sie mich bitte bei Ihrer Frau Schwester». Aber ich habe noch einen anderen Besuch zu machen." j
Ein schweigendes Zustimmen bet ihr. Und sie senkt« die Lider. ,
„Also dann —"
Es war, als schwebte ihm noch ein letztes Lebewohl auf den Lippen; aber als sie wieder aufsah, war er schon an der Tür. Nun schloß sie sich hinter ihm.
Gerda war es, als müsse sie aufspringen, ihn noch einmal zurückrufen. Sie fühlte vlützlich mit hellseherischer Kraft: sie würde ihn nie Wieoersehen — nie!
Aber sie regte sich nicht. Nur ihre Hände krampsten sich ineinander.
*
Heinz Keßler trat ans Fenster. Er schob den Vorhang beiseite und öffnete einen Flügel. Ein warmer Sonnentag. Fast schon Frühlingslust. Und tief atmete er den wü^ig- srischen Hauch ein. Das schlug von Halensee herüber, Waldlust! Und er sah plötzlich die grünen Havelberge vor sich, den Sonnenglanz auf dem dunkelblauen Wasserspiegel.
Mit einer lebhaften Bewegung drehte er sich da um, ins Zimmer hinein, wo Gerda auf der Chaiselongue ruhte. Wie so oft jetzt. Sie fühlte sich immer so matt. Ihre ganz« frühere Frische war dahin.
„Wie wär's, Gerda, wenn wir einmal wieder hinausführe» ins Freie? Wir sind eigentlich schon eine ganz« Ewigkeit nicht mehr draußen gewesen."


