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Ich gedenke dabei der Dörfer inemer heimaikichen Provinz Oberhesien, die sich mit ihren Fachiverkbaute», an welchen hier und da noch volkstümliche Siiinsprüche und alle Bauernkunst zu sinde» sind, jedem auf den erste» Blick als das was sie wirklich sind: als echte Bauerndörfer, darstellen. Ihre meist offenen Anwesen erzählen von Ordnungsfinil'und Fleiß oder von fahrigem Wese», Wohlstand oder Armut und dergleichen mehr.
Das ist nicht allerortxn so! Es gibt zum Beispiel — um in Hessen zu bleiben — viele rheinhessische Dörfer. in welchen stattliche, beworfene Häuser mit seinen Gardine» an den Fenstern einen städtischen Eindruck mache». während die dahinter liegende», dem Betrieb der Landwirlscliast dienenden, geschlotsene» Höfe sich jedem Einblick von Vorübergehende» entziehen. Das verleiht diesen Orten etwas Totes, Unausgesprochenes, denn cs schien ihnen dieLäden und das Slrastenleben, uni wie kleine Städte zu wirken. Tic Leute jedoch, welchen die eben beschriebenen Häuser gehöret!, sind reiche, auf sich selbst gestellte Bauern — von denen keiner den ander» so leicht Nötig hat — die in eigenen Equipagen durchs Land fahren und aus die benachbarten Provinzen foioic aus die aus ihre Besoldungen angewiesenen Beamten und Pfarrer mit einem Gemisch von Hochmut und Mitleid herabsehcn.
Das Vogelsberger Dorf an der Nidder jedoch, den» ich meine >,Bilder aus dem Niddertal" entnommen habe, war ein typisch vberhessisches Dorf und ist es auch heule, bei gestiegenem Wohlstand und vielfach in bunten Farben erneuerten Häusern »och geblieben. Seine große» und kleinen Hosreiten mit den Dungställen im Miticlpttukt, lagen osscn dem Einblick und der Kritik der Ncbenmcnschen vreisgegcben da: und die darin Haniicccitden
konnten mit dc>t Borübergehenden Gruß und Rede tauschen. Daraus •— und weil weniger bemittelte Leute mehr auseinander ange- lviesen sind als ganz reiche —erwuchs ein gemeinsames Leben, das sich ln Liebe oder Haß, im geselligen Zusammensein — im Winter in den warmen Stuben, an Sommcrsonnlagen vor de» Haus- lüreu jn der Anteilnahme an Freud und Leid des anderen äuherte.
Doch auch an Anlassen zur allgemeinen Heiterkeit hat es in dicseni Dorse nicht gefehlt. Was war das doch für ei» Spaß gewesen, und tvie hallen alle Leute, grast und klein, alt ^>nd jung, gelacht, als ein armer Hans Narr, um sein Weib zu ärger», die mit Dasenbaaren gesüllte Bettdecke zerschnitten und ihren Inhalt aus die Mistsiätlc geschüttet halte, um die ec jammernd und heulend sprang, als ihm nachträglich eingeiallen tvar, dast er sich damit auch seiner eigene», einzigen Zudecke beraubt halle.
Dieser Mann, ein kleiner Schneider, der bei seinem hitzigen, zuweilen noch durch den Genust von cllick n ..Kännchen" Schnaps gesteigerten Tcinverainenl und wenig Sitzileisch nie aus einen grünen Zweig kam, hat zu den Originalen des Ortes gehört: und von zwei der geringsten Häuser dieses Dorics und ihren Bewohnern lvi» ich im solgenden erzählen.
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lieber allen anderen Häusern stand links von der Psarrgasse, grade che sie an dem zum Pfarrhaus gehörigen GraSgartcn endigt, das kleine, aber wohlgehaltenc Haus eines Maurers. Es hatte seine Giedelseitc der Gasse zugcwcndct wie alle Häuser derselben, und davor lag ein kleiner Hosraui» niit einem Ziegcn- stall und Heuschober. Auch ein itrautgärtleiu, aus dessen Rabatten ein Rosmarinstock stand, und im Svnimcr die liekaiiiiten. bunten Bauernblumen blühten, gehörte zu dem sranndlichcn Anwesen
Jcnicits der Gasse besäst das Maurerehepaar noch ein sonnig gelegenes Stück Land, aus welchem die Frau — allen Regeln der Landwirtschait zum Trotz — in jeden, Frühjahr die gleiche Feldsrucht anpilanzle, nämlich Frühkarrosseln, die dennoch immer vorzüglich gerieten.
Beim Eintritt in den Flur des Häuschens, der zugleich auch Küche tvar, gewahrte man eine priniitiv anigemaucrte Fcucr- stättc, über deren ossener Flamme im Sommer vor jeder Mahlzeit der Kochtops an einem eisernen Halen hing und brodelte, bis der Kal'scc gelocht, oder die riniachc Mahlzeit gar und zubercitet war. Eine Türe links führte in das Stübchen der Großmutter, während die gegenüberliegende, mastig groste Stube der aus Manu, Frau Und Kind bestehendeu Faniiiic als Wohn, Schlaf- und Estzimmer diente. Die Lagerstätte der'kleinen Grit*) beanspruchte allerdings über Tag keinen besonderen Raum, denn sie bestand aus einem Schicbcbett. das, nachdem sie cs verlassen hatte, unter das groste Bett geschoben wurde.
Diese Stube, in welcher sich das ganze häusliche Leben einer Familie abspielte — im Winter wurde auch noch dar,»neu gekocht — war sehr reinlich gehalten: austergcwöhiiljch reinlich, denn in der .hier in Frage stehenden Zeit liest die Reinlichkeit in den Dörfer» des Bogclsbergs noch viel zu wünschen übrig. Heute ist. mit dem besseren Wohistaud der Bevölkerung, auch in dieser Hinsicht vieles besser geworden.
Als die Gril schon neun Jahre alt war, wurde ihren Eltern noch ein Kind, ein Knäblein, geboren und an: deni Sonntag, wo es gciausl werden sollte, sah die Siubc besonders seitlich aus: Decke und Kissen des grasten Bettes steckten in neuen, bunt gewürfelten Bezügen und zivischen Bettuch und Decke kam das über die
*' Grit, soviel wie Grete.
Bettlade hängende, nur als Zierrat dienende meiste Leinentuch
hervor, das an jedem Sonntagabend sorgsällig ziisammenaesaltet mtigchoben wurde. Es war mit stilisierten Blumen und Vögeln in Kreuzsticharbeil rot bestickt und mit Säumen in Durchbruch- arbeit versehen. Ebenso war das mitten an der Stubentüre breit ausgehänglc Ueberhandttich beschasseu. An dein weistgeschcuerlen Tisch >var die bereits wieder hergestcllte Wöchnerin damit be- schäitigt, einen mästig groben Ballen Butter mii zwei bunte Por- zellantellerchen aiiszuschneiden. Sie halte ihn zum nachmittägigen Tauischmous gekauft, der mit Brot, Butter, Käse und einem Schnaps — dein damals bei stratnmer Arbeit tvie bei Festlichkeiten fast allein gebräuchlichen alkoholhaltigen Getränke — beginnen ii»d mit Kaiser und Wecken schliesten sollte. Bei vermögenderen Lenlen wurde noch Wurst zum ersten Teil des Festmahles und zum Kaffee Kuchen anstatt der Wecke ausgetragen. Aus der Bank am Tisch säst, sonntäglich migetan, die Grit und indem sic mit strahlenden Äugen der Mutter zusah, sagte Ile zu einer anwesenden Sviclgesährkin, die in ihren Augen zu den Reichen gehörte: „Siehst du, nun sind wir auch reich!" Nicht der Besitz eines Brüderchens hatte in der Grit diese Vorstellung ertuerft — denn dast es auch bei den allcrärmsten Leuten kleine Kinder gab, hatte sie täglich vor Augen — sondern der Besitz eines Bntterbällchens, das am Wend ausgezehrt sein würde.
Im Laus der Zeit sind die sparsamen, jleihigcn Maurcrs- keute noch zu einigem Wohlstand gelangt. Sie haben ihr kleines, hochgelegenes Haus mit einem größeren vertauscht, zu welchem Ställe und eine Scheuer gehörten, und die Grit ist eine Bauernfrau getvordcn, die anstatt der Ziegen Kühe im Stall stehen hatte und nicht nur sür dc>> eigenen Haushalt Butter Herstellen, sondern auch noch welche verkaufen konnte.
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Ganz anders als das saubere Maurerhäuschen sah die Hülle aus, die etwas tiefer als jenes, gleich hinter dem Pfarrhaus an der rechten Seite der Gasse stand. Das war, von außen gesehen, eine wenig anlockende Behausung lind innen eine schmutzide .Höhle der Armut, in welcher eine ältliche Taglöhnerin wohnte, die man unter dem Namen „dicke Lisbeth" kannte. Wie sie eigentlich hieß, habe icl> nie gewußt und ebensowenig, ob einst der Vater ihrer in der Wetteran dienenden Tochter als angetranter Gatte ihren Hausstand geteilt hat. Ihren Ilebernanien liest sie sich gern gefallen! Er war ihr vielleicht in der Jugend, als Anerkennung ihrer üppigen Gestalt, schmeichelhaft gewesen, denn wohlgerundete Persönlichkeiten geiallen im Dorf vor allen anderen. Jetzt aber konnte man die derbe, grobknochige Frau mit dem stumpfen Ausdruck in den plumpen Zügen mit dem besten Willen nicht mehr sür eine Schönheit halten.
Eines Tages ging ihre Türe aus, und unangemeldet erschien mit ^ack und Pack ihre Tochter, die ihre» Dienst hatte ausgeben, müssen. Daß es aus einen längeren Auseuthall in der mütterlichen Hülle abgesehen war. merkte die Lisbelh bei aller Blödheit, und man konnte cs ihr nicht verdenken, wenn sic sauer dazu sah: denn sic hatte bei et strenge» Winterszeit genug zu tun, bis sie ihren eigenen Unterhalt verdient und bestritten hatte!
Nachdem Mutter und Tochter mehrere Wochen lang die gröbsten Abfälle des Flachses, die inan Ehichwingc nannte, gesponne» hatte», — was den ärmsten Frauen des Gebirges einen lleinen Winterverdicnst cinbrachle, stand das Rad der Tochter stille, und die Hebamme ging in der Hütte auS und ei», in welcher ein Knäblein das Licht der Welt erblickt hatte, das in der heiligen Taufe den Nanien Heinrich erhielt.
Des Berhältnis ztviichen Mutter nud Tochter wurde nach diesem Ereignis nicht besser! Ost hörte inan sie miteinander schelten und schreien, und die Psarrfrau genoß von ihrem Kinderstuben- seniler aus das Schauspiel, die beiden wie Kawpihähne aufeinander losgchen zu sehen.
Gegen Frühjahr nahm die junge Person wieder einen auswärtigen Dienst an, aber ihr Knäblein blieb bei der Großmutter, von welcher auch das ihrem Namen beigesügte Adjektiv aus beit innigen überging: und dieser Grostmutter konnte niemand nachsagen, daß sie ihren Eulclsohn verwöhne! Als der Sommer kam, ging sic aus Taglohu und liest den Kleinen allein in seiner Hängematte liegen. Solche ans einem grobleinencn Tuch, einem Grastuch, hergestcllte Hängematten, die an dem unter der Ttubeudecke herlauseudcn Balken angebracht wurden, dienten damals noch allen armen, aber auch vielen besser gestellten Vogelsberger Dorfbewohnern, als Wiegen. Nur in den Wohnungen vermögender Bauern fand man Holz- wicgcn. Die nötige Nahrung must dem kleinen Heinrich wohl zu teil geworden sein, denn er blieb ani Leben und im übrigen vertrieb er sich die Zeit abwechselnd mit Schlafe» und Schreien.
Als er aber erst einmal ans strammen Beinen herumlies -- wenn auch noch im Krndcrrock — kam seine Großmutter mit diesem Verfahren nicht mehr aus. Er schlief nun nicht mehr in der Hängemattc sondern bei ihr im Bett, ans welchem er allein hcraus- krabbcln konnte, und wenn sie nachhause kam, hatte sie ihn oft lauge zu suchen. Das vaßte ihr nicht, und sie fand einen Ausweg auS ihrer Verlegenheit, aus den nicht leicht jemand anderes veriatlcir Ware. Eines Morgens nahm sic einen Strick und band den Kleinen an einem Tischbein fest, dann stellte sie noch ei» Schüssclche» mit dick gekochter Erbsensuppe aus einen Stuhl vor ihn, legte ein Stück Brot dazu und ging >ocg. Berivundert halte Heinrich zuerst der Prozedur zugesehcn: als er aber begriff, daß er ein Gefangener


