JBffijirratödjter.
Roma» von Paul Grabet n.
(Nachdruck verboten.)
(Fortsetzung.)
„Na den» addio —. las; dir die Zeit heute abend nickst allzulang tverden."
Astrid, schon fürS Theater fertig, sagte es zu Gerda und fügte dann noch Hinz»:
„Eigentlich bist du doch furchtbar dumm. Dich selber nur ein Vergnügen zn bringen, das- dir im Grunde ja auch Spaß macht — leugne es dock, nicht! Bloß aus Stolz, ans blödem Stolz."
Gerda lehnte iiti Korbsessel und betrachtete die Agraffe ihres schmalen Halbschuhs. Nun erwiderte sie, ohne aufzusehen:
„'Du kennst mich doch einmal: er soll sich nichts cin- bilde» dürfen."
„Als ob er das dürfte! Bloß, weil dn auch noch zu seinem ztveiten Gastspiel gehst Aber — jeder nach seinem Geschmack, (sch freu' mich rasend auf heute abend. Heinz Keß ler als Othello — das wird eine Sensation Sicher! ’Jh,. also be.ii’ lochmals adieu.' Sie küßte die Schwester zum Abschied, im Ueberschwana ihrer (rohen Stimmung. „Und ich berichte dir nachher auch alles haarklein, wie es lvar. — Du, übrigens," sie war schon an der Tür, ..sollte er heute lvieder so nach unserer Loge sehe.: Lo) halt' ihn schadlos für dich!"
U>ld mit ein in uckende,, rtujlachen war Astrid hinaus. Anstatt der Schwester wollt: nun heu:- die Mama mit ihr gehe». Othello, ein ilastisches Stück — öc konnte auch sie sich ja ruhig im Theater zeige».
Gerda blieb noch eine Weile in ihrem Zimnier, im Sessel znrückgelehnt.
Das Haus war so still, auch die ano.r » awreu heute fort, da hatte man vollauf Gelegenheit au-zu,lenke». Wenn das nur erfreulicher gewesen wäre. Aber orese Einsamkeit in dein Hause tvirkte so ansteckend. Ordentlich zum Melancho- lifchwcrden.
Was war das für ein Leben! Lohnte es sich eigentlich^ überhaupt da zu sein?
Jeden Morgen, wenn man aufstand, fragte man cs sich von neuem: Wozu nur? Damit ein Tag sich abrollte, stnmpf-- sinnig, eintönig wie der andere. Ohne inneres und äußeres Erleben. Ja, wenn man ivcnigsteiis noch irgendeine richtige Beschäftigung gehabt hätte! Aber das bißchen „Sicknnntzlüh- machen" im Hause zählte doch nicht mit, und eivig über einer Hausarbeit sitzen tvie Edith? Schrecklich!
Auch das Tennisspielcn, das einzige, tvas man hier hatte, wurde einem doch schließlich über. Nur daS Reiten machte wirklich Freude. Aber lvanii kam mau mal dazu? Wenn man doch kein eigenes Pferd hatte und also darauf angewiesen war, den Tag abzupasscn, wo die „Walküre", die
alte Rappstute, die auch vor dem Krümper ging, einmal glücklich frei war.
Und Gerda von Heiming seufzte. Langsam sah sie um sich. Ihr Blick siel in den Spiegel des Ankleiocschrankes. Der zeigte ihr ihr Bild, znrückgelehnt iin Sessel in ihrer jungen Schlankheit, das seine, schöne Antlitz, über dem es jetzt nur lvie ein Schatten lag, und die dunklen Augen, i» denen ei>r trauriges Suchen stand.
Ein Suchen ■— wonach?
Durch ihre Seele ging wieder jenes heimliche Sehnen i heraus aus der Enge hier, hinein ins Leben! In ein glänzen^ des, reiches, buntschillerndes Leben. In die große Welt. Dt« gab es doch; es war doch kein bloßer Traum. Tausende waren da draußen, die führten dies bevorzugte Dasein. Jene, diq in der Großstadt lebte», wo alles zusammenströmte: Schönheit, Geist, Glanz und Reichtum. Jene, die ein großes Hans führten, interessante Menschen um sich sahen, die erlesenä Kunst genossen, wenn sie wollten, und die — wandelte sis die Lust an — in den Zug stiegen und dem grauen Winter entjlohe», hinunter dem lachenden Süden entgegen.
Und lväre sie nicht auch dazu geschaffen gewesen, einem solchen .Hanse vorzustehen, ein solches Leben ans de» Höhen zu führen? Warum aber hatte sie der blinde Zufall hier hinein-’ gesetzt in die dumpfe Enge, die ihr ein Gesängnis war? im der sie verkümmern mußte, langsam hinwclke», bis der Reiz der Jugend verblaßt war?
Wie eine Augst kam es plötzlich über das Mädchen. Als müßte sie festhalten, was ihr da durch die Finger gleiten wollte. Und sie sprang auf. Tief atmete sie, in innerster Er-, regni, g. 1
Ihr Blick streiflc dabei die prächtigen Orchideen im hohen Stcngelgtase. Sic liebte diese eleganten, schlanken Blüten mit dem Duft einer fernen Wundcrwclt, und seit sic dies einmal in, Gespräch zu Pcterse» erwähnte, brachte er ihr oft die Lieblingsblumen. Brachte sic noch immer — trotzdem er mit all seinen Aufmerksamkeiten keinen Schritt vorwärtsgekommen war bei ihr.
Klaus Petersen! Zeigte sich da nicht der Weg, der ft« hinaussührte aus ihrem Gefängnis? Er lvar in der Lage, einer Famu viel bieten zu können. Seine Verhältnisse waren sehr gut, und sie wußte, — er hatte es in, Gespräch dnrckf- blickci, lassen — er hatte selber Freude an, großen Lebe», hatte lveite Auslandsreisen gemacht, er würde feiner Frau einmal nicht zumute», hier dauernd tu dem Nest zu sitzen. Sein Geschäft gewährte ihm viel Unabhängigkeit vom Ort. Also, die Aussichten, die sich da eröffnete», hatte» etwas Verlockendes — und dennoch, dennoch —
Ja, wenn sie eine oberflächliche Natur lväre, nur ein Genußmensch. Aber daS war es ja eben. In ihr wurzelte lies doch auch daS andere: das Sehnen nach einem volß- lvertigcn Gefährten, nach einem Manne von überlegener Kraft, der die Führung übernahn, auch in ihrem Innenleben.
Es war das ja vielleicht etwas sehr überflüssiges. Sie verspottete sich oft selber damit. Altmodisch, rückständig lvar


