sind wir beide keine Helden — da muß man sich schon selbst einmal persönlich überzeugen, ob der andere noch lebt!"
„Mir?" entgegnete Wolf mit bitterem Lächeln, „wie d» siehst, gut — sehr gut sogar!" Und er warf einen bezeichnen^ den Blick durch das Zimmer, das in seiner stilvollen, gediegenen Pracht einen wahrhaft fürstlichen Eindruck machte. Prüfend sah Strachwitz den Freund an, dessen Gesicht gar nicht zu den Worten passen luoUte, er sagte aber nichts, sondern fragte weiter: „Und deine Frau? — Ah, das ist sie wohl?" Er stand auf und vertiefte sich in die Betrachtung ihres Bildes, das über Wolfs Schreibtisch hing. Sie sah sehr blendend aus in der eleganten, tief ausgeschnittenen Taille, die ihre körperlichen Vorzüge auss vorteilhafteste zur Geltung brachte — „ein schönes Weib!" sagte er.
„Wird auch sehr bewundert — ist die schönste Frau hier." Eigentümlich trocken und teilnahmslos klang Wolfs Stimme bei diesen Worten, und wieder sah ihn Detlev prüfend an/
„Meinen Jungen sollst du aber sehen, wen» er von seinem Großpapa kommt," fuhr Wolf in gänzlich verändertem Tone fort, und der Vaterstolz leuchtete ihn, nur so aus dein Gesicht — „ein Prachtkerl! Leider habe ich ihn zu wenig, da er oft beiin Großpapa ist •—"
„Das glaube ich, der tut ihm gewiß allen Willen!"
„Ja, er ist riesig froh, daß wir ivicder hier sind! Du Iveißt doch, daß ich ein halbes Jahr nach meiner Verheiratung als Hauptmann nach M. verseht wurde — bis ich jetzt nach dem Manöver als Chcs der fünften Kompagnie iviedcr nach hier kam — zu Ulrichs und Ellas größter Freude!"
„Und zu deiner nicht?"
„Nein!" sagte Wolf gepreßt.
„Und warum nicht?" fragte Strachwitz. „Es lebt sich doch hier ganz famos!"
«Lols sprang aus und ging hastig ein paar Mal im Zimmer aus und ab. Dann blieb er vor dem Freunde stehen. „Darum nicht, weil mir hier auf jeden Schritt die Vergangenheit entgegentritt und tausend Erinnerungen wachrust, die ich in der Tiefe meiner Seele begraben hatte - ack> du ahnst nicht, Strachtvitz, wie elend mir manchmal zu Mute ist —" er brach ab und starrte düster vor sich hin.
„Armer Junge," sagte Detlev leise, „die alte Geschichte noch immer nicht überwunden?" Wolf schüttelte nur mit dem Kopse, ohne etwas zu erwidern.
„Kops hoch, Mölschen," redete Strachwitz zu, „Kops hoch! Was hat das Grübeln für Zweck? Wer weiß, ob sich d.re Kleine nicht längst schon getröstet hat - sie betrachtete ja damals die Sache schon von einem riesig vernünftigen Standpunkt aus —"
Wolf wollte heftig etwas erwidern: jedoch legte ihmt der Freund beschwichtigend die Hand aus den Arm, „ruhig. Wolf, ruhigt-. Daß du dich noch so daruin grämst und den Aufenthalt hier scheust, finde ich, gelinde ge agt, höchst überschwenglich! Wenn ich so denken ivollte, ivic du hier ein Mädel geküßt und doch nicht geheiratet zu haben — dann dürfte ich keine Stunde da bleiben! Sieh, d» hast Frau und Kind - bist angesehen in der Stadt, bist der beneidete glückliche Ehemann einer schönen Frau —"
„Glücklich?" lachte Wolf bitter aus - „glücklich? Viel leicht hätte es sein können — vielleicht hätte ich vergessen, wenn ich in meiner Ehe das gesunden hätte, was ich gesucht und erwartet habe! Aber wir beide, Ella und ich. verstehen uns durchaus nicht, und so geht jedes seinen Weg für sich!"
„Aber sie liebte dich doch so leidenschaftlich?"
„Das tut sie noch und bringt mich damit wie niit ihrer stets tviederkehrendcn Eifersucht fast zur Verzweiilnng. Aber erst kommt sic - erlaß mir, bitte, Näheres! Ich komme mir schon so erbärmlich vor, daß ich so von meiner Frau rede aber es In.: einem wohl, sich mal aussprechen zu können. Du kennst sie ja ebenfalls von früher her ivie Ivir sie danials bciirtfiften, so ist sie auch. Wenn ich de°- Jungen nicht hätte "
„Steht es so ? lind ich dachte, du hättest dich eingelebt, du häklest dir deine Frau erziehen können — hast du mal etwas von der kleinen Winters gehört?" fragte Slrach- witz leise, „sic war ja damals wie vom Erdboden ver- schwu.den!"
„Nein, Detlev," entgegnete Wols, „und das ist's, was mich so drückt, daß ich nichts, gar nichts von ihr weiß, wch sie sich aushält, was sie treibt, wie es ihr gehl!"
„Es ist auch das Beste für Euch! Was hätte es für Zweck — sehen und sprechen könnt Ihr Euch doch nicht — wie ich Euch beide kenne! — Denke, daß sie sich ebenfalls vcr-
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heiratet hat — vielleicht -wirst du dann leichter vergesse»k Erinnerst du dich der kleinen Lisek noch, des „Sprühteufel- chens", Ivie Ivir sie nannten — du weißt doch, die hübsche Choristin? Denke, die ist glückliche, ehrsame Bürgersfran und Mutter — trotzdem ihr beim Abschied von mir das Herz brechen und sic sterben wollte! — — Jetzt lacht sic lvieder wie früher, daß die weißen Zähne nur so blitzen — voll Stolz zeigte sie mir ihren Bengel — sie, meine alte Flamme, war nämlich die grste Bekannte, die ich hier traf — sie ist die Gattin des Bäckers und Konditors Fritsch, gleich dem Bahnhof gegenüber. Ich war ganz dass, ivie ich sie iii^dem Geschäft sah, in dem ich mir eine Tasse Kaffee bestellte. Sichst du, am Ende steht dir auch mal solch ein Begegnen bevor - und nachher lacht Ihr beide über Eure Jugendschwärnierci!" Gutmütig suchte Strachwitz in dieser Weise zu trösten, ohne selbst so recht an die Wirkung seiner Worte zu glauben. Wolf sah zu traurig aus und schenkte dem Geplauder des Freundes nur halb Gehör. Mitleidig drückte dieser seine Hand. „Wölscheu, ich kenne dich ja kaum lvieder, so habe ich dich selbst in jener schrecklichen Zeit nicht gesehen! so teilnahmslos — so ergeben - Glücklich ist, wer vergißt, was doch nicht mehr zu ändern ist!"
„Ach, Strachwitz, wenn ich das Mädchen doch nicht gar so geliebt hätte," stöhnte Wolf, „als ich sie ausgab, aufgeben mußte — vielleicht um eines Phantoms willen, — nein, die Ehre der Familie, des Naniens ist kein Phantom, nicht wahr, Strachwitz? — da ging das beste Teil von mir mit fort — sie war ein Stück meines Lebens! Und dann die vier Jahre meiner Ehe - solcher Ehe! das lilacht mürbe und stunipft ab — Strachwitz, ich bin ein einsailler, freudloser Mann!"
Ein tiefes Mitleid überkam den Gast, als er den Freund so reden hörte und in das trostlose Gesicht desselben blickte. Wolf ivar lioch immer der schöne Mann ivie früher, wenn auch das Haar schon leicht ergraut lvar und das Grübeln und die heimliche Sorge manche Falte in seine Stirn gegraben und ihm schon ettvas von seiner Frische und Spannkraft genommen hatte. Der ernste Blick des großen dunklen Auges war noch ernster linb schwermütiger geworden vielleicht gelvann er dadurch noch an Anziehungskraft bei den Damen, die alle für ihn schwärmten und manche von ihnen hätte de» „schönen Wolssbura" rrrn getröstet, wenn er nur gewollt hä te und nicht gar so gleichgültig gegen das schöne Geschlecht gewesen wäre!
„Aber Wolf, >oas -aß ich hören," schalt Strachtvitz, „spricht so ein Soldat? Du hast dein Los selbst getvählt nie!»Y nun, und wen., du wirklich unter einem Druck gehandelt hast ,so mußt du doch männlich dein Kreuz tragen. Was hilft denn das Grübeln und Stubcnhocken? Immer frisch ins Leben hinein! Wie gut hast du es gegenüber so vielen anderen — wie wirst du beneidet! Glaubst du denn, in vielen Ehen sähe es anders aus als bei dir? — Laß nur nicht den Kopf hängen, das paßt nicht zu dir! Du versündigst dich ja säst mit deinen Worten - denn >ver ein liebes Kind hat, dürfte !o etwas nicht sagen! Sieh mich) alten Junggesellen an — was hast du alles vor niir voraus!"
„Ja, mein Sliitb, mein Hass» " ivie Sonnenschein glitt es da über Wolfs Gesicht — „und dn armer Jnng- geselle gar zu schlecht scheint dir die Einsamkeit doch nicht zu bekommen, siehst hübsch ivohlgenährt aus! Liegt es denn auch nicht in deiner Hand, dich zu verändern?"
(Fortsevung tUflt)
Per Anfang öcs Krtcocs von 1864-
Am I. Februar IM'54 rückcen »00)0 P.engen und Oester» reicher gegen die 40 000 Dänen, die im südlichen Schleswig hinter den Danewerlen eine feste Stellung eingenommen holen, und erössneirn damit den deutsch-dänischen Krieg. Für Schleswig- Freiheit. das der neue Tänenkönig Christian IX. von dem „ewig nngeteilr" verbundenen Holstein losgerissen halte, zog der deutsche Bund ins ,0r!L, dem Holstein seit dem Wiener Kongreß angehörte.
Ter Oberbefehlshaber des preußischen und des österreichischen Korps, die unter dem Kommando des Prinzen Friedrich Karl von Preußen und des Feldniarjchalleulnaius von Gablenz standen, war der Feldniarschall Wränget, einst ein schneidiger Rciter- sührcr, nun ober mit seinen 80 Jahren den Anforderungen eines solchen Krieges durchaus nicht mehr gewachsen. Mollke, der Ches des preußischen Gcneralstabes, hatte schon seit langem einen trre- geiischeii Zusammenstoß mit Dänemark ins Auge geiaßt und au» aenanestev Kenntnis der Verhältnisse heraus eine» Operalionsplan


