Ausgabe 
19.12.1914
 
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Ostrafte zahlreiche »er fTtgermtgen gegen eine Beschießung ausgenommen worben. Di« Versicherung erfolgte anfangs zu nominellen Raten, vielfach zu 5 oder 10 Schilling für 100 Psüiw Sterling Spater stiegen die Raten. In Hartlepovk wurden Versicherungen mit Raten dis zu einem Pfund abgeschlossen. Jetzt nach dem Bericht von der Beschießung wurden Roten von 30 Schilling bis zu 5 Pfund geforoert.

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Bom Kaiser.

Berlin, 19. Dez. Der Kaiser hat gestern in Beglei­tung der Kaiserin in Potsdam das Lazarett der Kaiserin im Orcmgericgebäude besucht. Er ließ sich zunächst von den Acrzten Bericht erstatten über die Einrichtung deS Lazaretts und ihre Zwecibcstimmnng und wandte sich dann den Setnnmbctot zu. Von Bell zu Bett gehend sprach der Monarch nrit ,eöcni Einzelnen, er­kundigte sich über die Gefechte, an denen sie teilgenonrmen, und über die Vertoundungen, die sie erlitten. Zwei Stunden währte die Anwesenheit des Kaiser Paares. Auch die Königin von Schwe­den besuchte gestern mehrere Lazarette und besichtigte einen La- zarcttzug in Moabit.

Karlsruhe (Baden), 18. Dez. (WTB. Nichtamtlich.) Wie dos stellvertretende Generalkommando des 14. Armeekorps mit­teilt, hat der Kaiser unter dem 17. Dezember an den Ge­neral der Infanterie G a e d e in Freiburg i. Br. folgendes Telegramm gelangen lassen: Seine Majestät sprechen Ew. Ex­zellenz und den Ihnen unterstellten Truppen seine Anerkennung mnd seinen kaiserlichen Dank für die in den letzten Tagen be­wiesenen vortrcsslichcn Leistungen bei dem Schutze des deutschen Landes aus. Für die Richtigkeit: v. Falkcnhayn.

Eine Anszeichnung des Führers derKarlsruhe".

Karlsruhe, 18. Dez. (WTB. Nichtamtlich.) In dank- cbarer Würdigung der kühnen und erfolgreichen Taten, welche der kleine KreuzerKarlsruhe" zum Ruhme des deutschen Vaterlandes aus dem fernen Weltmeer vollbracht hat, und zur Ehrung seiner tapferen Besatzung beschloß der Stadtrat unter Vorbehalt der Zustimmung des Bürgerausschusses gestern, dem Kommandanten, Fregattenkapitän Köhler, das Ehren- bürgcrrccht der Stadt zu verleihen.

Das Wcihnachtsschiff aus Amerika.

Berlin, 18. Dez. (W. B. Nichtamtlich.) DirNorddeutsche Allgemeine Zeitung" schreibt unter der UcberschriftDas Weih­nacht s s ch i f s a u s Amerika": In nicnschlich schöner Weise geben weitere Kreise der Bevölkerung Nordamerikas ihrer Teil­nahme an den ernsten Zeiten Ausdruck, die Europa durchlebt. Aus Anregung des Herausgebers desChicago Herold", dem sich andere große amerikanische Blätter anschlossen, ist unter den amerikanischen Kindern eine »Sammlung veranstaltet worden, deren Leitung eine 18 Millionen Kinder umfassende Schul Vereinigung übernahm. Die Anregung siel aus sruchtbaren Boden und hatte in kurzer Zeit einen überraschenden Erfolg. In überaus großer Zahl gingen die Gaben ein, die als Weihnachtsgeschenke für Kinder Verwendung sinken sollen. Am 14. November trat John Collan D ' L a u g h l i n, der sich an die Spitze des großartigen Unter­nehmens gestellt hatte, an Bord des Transportdamvfers der ameri­kanischen MarineJason" die Reise nach Europa an. Nachdem die für England und Frankreich bestimmten Geschenke gelandet waren, begab sich der .Jason" nach Genua, von wo die Gaben für Deutsch­land und Oesterreich-Ungarn weiterbesördert wurden. In Genua wurde öerr O'Lauqhlin von Vertretern Deutschlands und Oester­reich-Ungarns begrüßt. Uebcr Wien und München traf er heute in Berlin ein. Er wird mit seinen Begleitern am Nachmittag im Ratdause durch den Berliner Magistrat festlich empfangen werden.

> Wir heißen die amerikanischen Herren als Freundschastsboten nn der Reichshauptstadt herzlich willkommen. Frei von jedem politischen Beigeschmack, ist die .Kundgebung eine Aeußerung reiner Menschenliebe, deren Wert das deutsche Volk auch in harten .Kriegs­zeiten hoch zu schätzen weiß. Die unsere Nation erfüllende feste Entschlußkraft, den uns ausgezwungenen Kamps bis zu einem die IZukunst Deutschlands verbürgenden Frieden ch u rch z u h r e n, hat den Zauber des Weihnachtssestes in der lBolksseele nicht auslöschen können, wenn auch die Freude natur­gemäß gedämpft sein wird. Deshalb sind wir für die der ameri­kanischen Kundgebung zugrunde liegende Absicht, menschlichem Mit­empfinden Ausdruck zu verleihen und deutschen Kindern eine Freude zu bereiten, in diesen Tagen besonders empfänglich. Wir sprechen den unter uns weilenden Wgesandten Amerikas und allen För­derern des Werkes jenseits des Ozeans und nicht zuletzt den un­gezählten amerikanischen Kindern, die sich an dem Zustandekommen der schönen Veranstaltung beteiligt haben, innigen Dank aus.

Die türkisch-russischen Kämpfe.

Konstantinopel, 18. Dez. (WTB'. Nichtamtlich.) -Amtlich wird gemeldet: Die russischen Truppen versuchten burter dem Schutz von Geschützen und Maschinengewehren jaus dem linken Ufer des Tschornk norjugefyen, wurden hxber nach fünfstündigem Kampfe znrnckgetrieben. Nach Der Schlacht bei Sarai l, die für die türkischen Truppen glücklich endete, haben diese die Verfolgung des Feindes »ohne Unterlaß fortgesetzt. Türkische Kavallerie traf 15 Kilometer westlich von Kotonr auf den Feiird, griff ihn, ohne das Eintreffen ihrer Infanterie abznwarten, an und verjagte ihn^in der Richtung auf Razi und Kotour.

Vom Burenkricg.

London, 18. Dez. (WTB. Nichtamtlich.) Das Renter- §che Bureau meldet aus P r e t o r i a: Amtlich wird bekannt gegeben: Am 16. Dezember wurde den Buren nnler F o n r i e »zwischen Rustenbnrg und Pietersburg ein hef­tiges Gefecht geliefert. Der Kamps danerle bis zum Ein­tritt der Dunkelheit, woraus die Regiernngstrnppcn mit Hilfe von Polizeitrnppcn die Stellung der Buren erstürmtem Diese ergaben sich nach einem Bajonettgefecht. 45 Buren, darunter Fourie, wurden gefangen genommen.

Der Dreikönigstag in Malmö.

Malmö, 18. Dez. (WTB. Nichtamtlich.) Der n i g Vv n Schweden ist mit Gefolge heute früh hier eingetrof- sen. Die Stadt ist reich geschmückt. Um 9V* Uhr begab sich der König nach dem Hasen, wo bald derKönigvonDäne- än a r k an Bords des KreuzersHeimdall" cintras. Der sSchwedenkönig ging unter den Klängen der schwedischen Na­tionalhymne an Bord. Die Könige küßten einander die Wange. Unter den Hochrufen der spalierbildcnden Menge (fuhren die Könige nach der Residenz. Um 10'/» Uhr traf der König von Norwegen mit Extrazng ein und wurde Dom Körrig von Schweden empfangen. Die Könige umarmten und küßten sich und fuhren sodann unter lebhaften Huldv- gnngen der Volksmenge in die Wohnung des Wnigs.

Nachdem er die hohen Gäste nach ihren Wohnungen /begleitet hatte, hielt sich der Schwedenkönig bei jedem der Beiden Monarchen etwa eine halbe Stunde auf. Um 11V- Uhr trafen die beiden fremden Herrscher bei dem Schwedenkönig «in. Unmittelbar darauf begann die Konferenz. Um 1 Uhr war Frühstückstafel, worauf die Verhandlungen sofort wieder anfgenommen wurden.

Malmö, 18. Dez. (WTB Nichtamtlich.) Die Hul- dignngder Studenten vor den drei Königen bot ein glänzendes Dill» in dem sonst ernsten Programm. Eine große Menschenmenge füllte den Roßmarkt, an dem die Residenz liegt. &>a.500 jBtutoentert ntit 14 frafy*

neu bildeten den Zug. Ms die Könige ans dem Balkon er­schienen, brauste ihnen ein Sturm der Begeisterung ent­gegen. König Gustav stand in der Mitte, Köriig Christian rechts und König Haakon links von ihm. Der Vorsitzende des Stndentenkorps aas Lund hielt eine Ansprache, in wel­cher crbetonte, daß die Zusammenkunft ein historisches Er­eignis während des Krieges bildg der sich über Europa walzte. Er sagte, wir leiben das Glück, den personiftzicrtcn Willen und das Vertrauen zwischen den Völkern des Nor­dens zu sehen. Im Namen der akademischen Jugend ver­spreche ich, daß wir alles tun wollen, die Verbindung.zwi­schen den Hochschulen des Nordens zu stärken unter Wahr­nehmung der nationalen Eigenart eines jeden Landes. In unsere Huldigung schließen wir die innige Hoffnung, daß ewig Vertrauen zwischen Den Völkern des Nordens herrschen möge. Die Rede schloß mit einem vierfachen Hurra des Nor­dens für die drei Könige. Nach dem Hurra wurde eint* stimmig der schwedische Nationalgesang gesungen. Der Vor­sitzende des Stndentenkorps von Lund und einige Vertreter der akademischen Lehrer wurden von dem Könige in die Residenz befohlen. Daraus marschierten die Studenten un­ter Gesang vor den Königen vorbei, die herzlich grüßten. Unter der Menschenmenge herrschte »großer Jubel.

Ausklärnng über de»nackten Flieger".

Vor einiger Zeit ging die Nachricht durch d-i-e Presse, ein englischer Flieger habe einen kriegsgefangenen deutschen Soldaten gezwungen, nackend sein Flugzeug zu besteigen und mit ihm über die deutscken Stellungen zu fliegen, die er dem Engländer veroatcn sollte. Die eidliche Vernehmung dieses Mannes hat nun zwar ergeben, daß er nicht nackend fliegen mußte, sondern nur gezwungen wurde, vor der Ab­fahrt seinen Rock anszuzieheu. Diese Frage ist aber von untergeordneter Bedeutung angesichts der hier zutage ,ge- tretenen sonstigen Handlungsweise der Engländer. Der un­glückliche Flieger ,gvider Willen" ist der Kriegsfreiwillige Erich C a l l i e s, zurzeit in einem Lazarett in Leipzig-Plag­witz. Wir lassen ihn selbst seine Erlebnisse schildern, indem wir wörllich das gerichtliche Protokoll wiedergeben.

Le.ipzig-Plagwitz, den 28. November 1914.

An einem Abend zwischen 9 und 10 Uhr lourde ich in der Gegend zwischen Merkem und Nachtigall (Belgien) von einer englischen Vorposdcnabteilung gefangen genommen. Das'Datum kann ich nicht mehr genau angeben. Es war, glaube ich, Ende Okwber, bestimmt weiß ich, daß es an einem Sonntag abend gewesen ist.

Ich wurde etwa zwei bis drei. Stunden lang hinter die Schützen­linie auf einem Biwakplatz geführt und drück an einen Baum angebunden. Auf dem Marsche dorthin wurde ich von einem serndl ichen Soldaten zweimal mU dem Gewehrkolben in den Rücken gestoßen.

Am Montag vormittag etwa gegen 8 oder }/& Uhr wurde ich von dem Baum wieder losgebnnden.

Hier wurde die Vernehmung unterbrochen, Weil Collies hohes Fieber hatte und von einer wefteren Anstrengung eine Verschlimmerung seines Zustandes zu befürchten war. Bei seiner Vernehmung am 4. Dezember fährt er dann in seiner Schilderung wie folgt fort:

Nachdem jch von dem Baum losgekmnderr worden war, wurde ich zu einer Gruppe höherer Offiziere geführt. Einer von ihnen, der fließend deutsch sprach, fragte Mich danach aus, wo die Stellung unserer schweren Artillerie sei, wo der General­stab stehe, wo Schützenlinien seien, was für Truppen vorhanden seien ^md wo die Munitionskolo-nnrn sich befänden. Ich gab über älle Fragen Auskunft, indem ich irgend etwas er­fand, da ich das, was ich ausgcftagt wurde, nicht wußte. Wenn rch etwas .wußte, sagte ich nicht die Wahrheit.

Nach »Beendigung des Verhörs wurde mir auf Befehl eines Fliegeroffiziers durch zwei Soldaten, die zu meiner Bewachung befehligt waren, der Waffenrock ausgewogen. Weswegen das geschah, konnte ich mir nicht denken. Ich habe den Waften- rock nie wieder zu sehen bekommen. Ich wurde in Begleitung des Fliegeroffiziers nach dem Flugplätze geführt: dort mußte ich mit dem Fliegeroffizier den Flugapparar be-

E eigen. Vorher hatte mir der Offizier aus einer Skizze die rtc erst bezeichnet, durch die er fahren wollte und hatte mir besohlen, ihm die Truppen, die an diesen Orten ständen, zu verraten. .

Wir waren etwa 45 Stunden in der Lust. Nach unserer Landung wurde ich» wieder verhört. Ich versucht« cs jetzt, mir damit zu helfen, daß ich nicht antwortete. Da wurde ich aus Befehl des mich verhörenden Offiziers von Mannschaften solange ins Gesicht geschla­gen, bis ich etwas sagte. Ich sagte dann teils Erfnndmres teils Unwahres.

Am nächsten Tage (Dienstag) mußte ich wieder mit dem Fliegeroffizier auffteigen. Er hatte mir vor dem Aufstetgen be­fohlen, an den Stellen, wo er Schleifen fahren würde, Bom­ben zu werfen und im Weigerungsfälle gedroht, mich mit dem Revolver zu erschießen. Ich warf die Bomben au den mir angegebenen Stellen nicht. Der Fliegeroffizier holte mit der Bombe nach mir aus, als wollte er sie nach mir schlendern, tat es aber nicht. Nach unserer Landung wurde ich wieder verhört, und wenn ich nicht antworten wollte, s»olange in das Gesicht geschlagen, bis ich eine Antwort gab. Am Mittwoch und Don­nerstag wiederholter: sich die Flüge. Am Dvmrecstng wurde der Flugapparat von ainem Geschoß getroffen und zum Landen ge­nötigt. Dem Flieger gelang die Landung in einiger Entfernung von unseren Truppen. Während er eine Zeit wcgging, um Wasser zur Kühlung seines Apparates zu holen, floh ich Und gelangte, ohne daß ich durch seine Schüsse verletzt worden wäre, zu den Unsoigen.

Wir waren jedesmal etwa 45 Stunden in der Lust und zwar in einer Höhe von 22002500 Meter: das konnte ich vrm einem Höhenmesser, der in dem Flugapparat ange b ra cht war, mst Genairigkeit ablcien. Es war bitter kalt und es herrschte ein scharfer schneidender Lustzug. Der Fliegeroffizier >var mit voller Uni­form, Pelz und Ledermantel bekleidet und hatte außerdem Muud- und Augenschutz. Ich trug die volle Fußbekleidung, Hose und Unterhose, zivei baumwollene Eigentumshcmden mtb eine rote wollene Jacke. Ich fror entsetzlich und empfand Stiche in der linken Seite und Brust und die Augen schmerzten stark. Zu essen bekam ich während meiner Gefangenschaft täglich etwa ein halb Pfund Brot nach der Landung. Zu trrnken bekam ich überhaupt nichts. Ich litt stark an Durst und die Nahrung war ungenügend.

Versuche, meine Lage durch Bitten zu verbeffern, schlugen fehl. Jedesmal, wenn ich etwas sagen wollte, wurde ich ange­fahren, ich sollte schweigen und nur antworten, wenn ich ge­fragt würde.

Ich erkrankte, wahrscheinlich infolge der mir widerfahrenen harten Behandlung, an Rippenfellentzündung, Lungenkatarrh und an rheumatischen 'Schmerzen am ganzen Körper. Heute bin ich das erstemal wieder auf, ich empfinde aber noch rheumatische Schmerzen und Stiche auf der Brust.

Der Arzt sagt, es würde ungefähr rwch drei Monate dauern, bis ich wieder hergestellt wäre.

Callies wurde das Protokoll vom 28. November 1914 und das Protokoll von heute vorgelesen. Er genehmigte beide Pro­tokolle als richllg und er wurde zu seinen Aussagen vorschrifts­mäßig beeidigt.

Er bekräftigte die Richtigkeit der mündlichen Berhaiidlüng und der Niederschrift durch seine Unterjcknckft.

Das Protokoll trägt folgenden Zusatz: Die Angaben des Callies machten einen durchaus glaubwürdigen Eindruck. Er war vor seiner Vernehmung unter Hiniveis

auf den zu leistenden Eid und unter Verwahrung vor jeder

Uebcrtreibung eindringlich ermahnt worden, sich streng an die Wahrheit zu halten.

Dieses Protokoll liefert zunächst den Beweis für eine schwere Verletzung des Kriegsrechts seitens der Engländer, denn in dem Protokoll der ^weiten Haager Friedenskonferenz cs unterOrdnung der Gesetze und Gebräuche des Landkrieges" im Artikel 23 ausdrrullich:

Den Kriegführenden ist ebenfalls unter­sagt, Angehörige der Gegenpartei zur Teil­nahme an den Kriegsnntern ehmnngen gegen ihr L a n d z n zwingen."

Weiterhin liegt erber auch in dem Verhalten der betei­ligten Engländer eine unsagbar herzlose Grau­samkeit. Wer eine solche nicht anerkennen will, wöge nur seinen ersten Flug so ausgerüstet, wie Callies es war, versuchen und sich dabei in höhere Luftschichten emportragcn lassen. Dann bliebe ihm noch die Gchahr erspart, in dev Callies schwebte, nämlich vondenffckpm Kugeln" getroffen zu werden. Bon kalter Herzlosigkeit zeigt es auch, daß die Engländer nicht einmal diesen Gefangenen, dessen Hilfe sie sich zu bedienen trachteten, ordentlich verpflegten. Es erscheint fast wie ein Wunder, daß Callies nicht noch schwerere Schädigungen seiner Gesundheit erlitten hat.

Aus dem Reiche.

Siegesfeier in Baden. Ans Karlsruhe wird ge­meldet: Wegen des herrlichen Sieges in Polen hat das Groß- herzogliche »Ministerium des Kultus rärd des Unterrichts angeortmet, daß am Samstag, den 19. Dezember in allen schulen des Grobherzogtums der Unterricht ausfällt und in ein. fachen Schulfeiern auf die Größe des Kampfes, die Bedeutung deS Sieges, die Tapferkeit des Heeres und die Gcnialstät seiner Führer hinzuweisen ist.

C z a r n i k a u , 18. Dez. (WTB. Nichtamtlich^ In dem Wahlkreis Eolmar-Filehne-Czarnikau-Schneide- mühl ist der Abgeordnete Roesicke bei dm heutigen Reichstags­wahl nahezu einstimmig gewählt worden. Nur wenige Stimmen waren zersplittert.

Feindliche Flieger über Saarvurg. Aus Saar­burg (Lothringen) vom 18. Dez. meldet das Wolff-Burcau: In der vergangenen Nacht gegen 12 Uhr überflogen zwei feind­liche Flugzeuge die Stadt und warsen insgesamt 10 Bom­ben ab. Dabei wurden ein Ulanemrntevofsizier und ein Man auf offener Straße getötet und ein Dienstmädchen so schwer ver­letzt, daß an seinem Aufkommen gezweiselt wird. Der angerichtete Materialschaden ist ziemlich bedeutend. Auch in Heming warfen die Flieger zwei Bomben ab, ebenso auf die Bahnstation Rieding,

Ar»» Stadt und Canft»

Gießen, 19. Dezember 1914.

Quälgeister.

Jede Redaktion kennt sie. Sie sterben nicht aus, sie er b e« sich fort von Geschlecht zu Geschlecht. Nie aber waren sie so zahlreich und ausdauernd wie eben jetzt, die Redak­tion s q l ge i ste r. Ausdrücklich sei beurertt: Wr

sprechen nicht nur pro äomo und haben nicht nur Giehener Berhältnffse im Auge, aber wenn der eine oder ander« seine Nutzanwendung aus der allgemeinen Betrachtung herauslesen und auf einen speziellen Fall ariwenden wollte, sollte es uns recht sein.

Da sitzt also die Redaktion und müht sich, dem Leser­kreise die Ausgabe vom heutigen so schmackhaft zu servieren, daß er mit seinem Blatte zufrieden ist. Das ift schwer, aber immerhin denkbar. Ausgerechnet am Abend vorher ist es einem jener sonderbaren Spaßvögel, deren humoristffche Anwandlungen gottlob bei der Behörde stein Verständnis! finden, eingefallen, irgend eine mehr oder minder bedenk-, liche Neuigkeit vom Kriegsschauplatz zu erfinden und am den Mann zu bringen. Das bedeutet allemal einen Funken» in ein Pulverfaß. Was? Hunderttausend Russen gefangen? Die Donau gesperrt? Die ganze serbische Armee ertrunken? Davon stand noch nichts in der Zeitung, angeschlagen fft es and) nirgends! Also die logische Schlußfolgerung nach diesemAlso" wäre: Also ist es gelogen! Aber nein!'Bitte, wofür ist denn die Redaktion da? Also rufen wir mall bei der Redaktion an.Syrier ist Abonnent Mmmmm. (Name unverständlich.) Ssaager, Se mal, da wird hier erzählt, fünfzigtausend Russen seien gefangen genommen. Ist das Tatsache?'Nein, das sftmmt nicht. Wird mal wieder ein wildes Gerücht sein!"Mildes Gerücht? Erlauben Sie mal! Der Herr Müller hat es doch eben im Zuge gehört, und der kommt gerade von Frankfurt." Es kostet einige Schkoierig, feit, die Sache richtig zu stellen. Eine ArbeitsmoglichSeit von fünf Minuten tritt ein. ES klingelt. Rrrr! Man hört.» Sangen Se mal, da sollen ja achtzigckansend Russen., .ff Längere Aufklärung. Mer Minuten Arbeit. Rrrr!Stimmt

das, daß hunderttausend Russen----" Richtigstelllmg. Drei

Minuten Arbeit. Rrrr!Da sollen ja zw«ihunderttausenü Russen..." Es erweist sich, daß es zweckmäßig ist, wen« man sofort nach dem Klingeln die Stereotypsormel:New, es sind keine Russen gefangen" anwendet. Leider ift es nicht angängig, für den Morgen eine Legitimation auf dem Dele- phonamt für Benutzung des Reoaktiomstelephous ernzu- richten, die in der bindenden Erklärung des Airrufenden be­steht, er habe nichts mit russischen Gefangenen zu schaffen...»

Eine andere Spezies, die unter die Ueberschrist gehört» naht auf dem Wege von Papier und Tinte. Es hieße de« Geist der großen Zeit verkennen, wenn man sich der Er­kenntnis verschließen wollte, daß das große innere und äußer« Erleben den Einzelnen zu Betätigung und Ausdruck drängt Aber hier gibt es Grenzen. Der gute Geschmack muß, gewahrt sein. Dia hat jemand einGedicht" gemacht. Das erste. Die ganz« Mitwelt soll zur Kindtanfe des Erstlings geladen werden. Was ist einfacher, als die Redaktion zu ersuchen, in der nächsten Nummer" die Ankunft des Musen­kindes zu berichten und das Gedicht abzudrucken. Oder: Der Stammtisch ist sich darüber klar geworden, daß der Petro- leummangcl nur darauf zurückzuführen ist, daß man den kostbaren Stoff mitunter zu Zwecken der Reinlichkeitspslege bei gefangenen Russen verwendet. Diese Entdeckung muß der Oeffentlichkeit unterbreitet werden. Ist es nicht selbstverständ­lich, daß die Zeitung sich zum Sprachrohr des flammenden Protestes des Stammtisches gegen diese Verschwendung macht? Oder: In einer schlaflosen Nacht ist es Herrn Schulze eingefallen, daß es doch so ungesund ist, im Winter durch den Mund zu atmen! Wie schrecklich, wenn unsere Sol­daten das nicht wüßten! Und Herr Schulze schreibt einen ausgedehnten Auffatz übtp das Thema:Das vernunftß gemäße Atmen im Schützengraben", den er die Redaktion in der nächsten Nummer an hervorragender Stelle in Fett­druck" cmfzunchmen bittet. Ans das Honorar von 20 Mark will er zugunsten eines wohltätigen Zweckes verzichten. ' >

Es gibt »och viele andere Erscheinungen, die unter diese. Rubrik passen. Nochmals: Auch anderswo. Die kleine Aus-» lese berechtigt uns aber wohl zu der Bitte, glairhen gM, wollen, daß es nicht persönliche Gehässigkeit ist, wenn wir« z. B. Einseirdnngen ab lehnen. Die Gründe dafür läim der» Einsciider meistens nicht übersehen, aber werrn eine ZeitunG