Ausgabe 
11.11.1914
 
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Scfatigeiteit ju ße^reteit UttB Trvujes Wagen \u erbeuten.

Das Borrücken der Türke« gegen Aegypten.

(28335.'' Konstantinopel, 10. Nov. (Nichtamtlich.) Tie !Bllitter äußern lebhafte Freude über das Borrücken der türkischen Truppen aus ägyptisches Gebiet, das zum' Ziele habe, der seit 3.382 dauernden englischen Okkupation ein Ende zu machen. Tie Blätter betonen einmütig, das; die kanadischen und australischen Truppen außerstande sein werden, Aegypten gegen die Türken zu 'verteidigen. DerTanin" erklärt, die Ännektton Aegyptens tverd« nur rin sehr provisorischer Akt Englands sein, und erinnert an die Intrige Intrige der verworfenen Gegner, die ehemals unter dem Vorwände eines Bündnisses mit der Türkei sich Zypern ange­eignet habe, um die englische Herrschaft im Mittelmeer gegen Ruß­land zu sichern.

(28258 ) Konstantinopel, 11. Nov. Aus Bagdad wird berichtet, daß sich zahlreiche muselmanische Inder Und Afghanen als Kriegsfreiwillige melden. Meso­potamien besitze Gctreidevorräte für 5 Jahre. In Snryrna haben die 58ehörden drei englische Dampfer und drei englische und drei französische Schlepper sowie andere fremde Schisse beschlagnahmt Und die Besatzungen für kriegsgefangen erklärt.

Aus dem türkischen Hauptquartier.

Konstantinopel, 9. Nov. (WTB. Nichttlmtt.) Mit­teilung des Hauptquartiers: Obschon Schnee und Nebel herrschen, dauert unsere Offensive an der kaukasi­schen Grenze an.

Tie Russen leugnen den türkischen Sieg.

(WTB.) Petersburg, 10. Nov. (Nichtamtlich.) In einer Mitteilung des Generalstabs der kaukasischen Armee wird bekannt gegeben, daß am 8. November bei Tages­anbruch der .Kampf in der Nähe von Kepriköi mit neuer Kraft tmeder ausgenommen Worden ist, als der Feind die gegen die Russen gesammelten Streitkräfte in der Nähe von Erzerum ttn- sctztc, die ihrerseits von der Besatzung dieser Festung verstärkt wur­den. Am Nachmittag nahm der Kamps einen besonders hartnächgen Charakter an, als die Türken ihre Vorhuten durch neue Tiviswnen verstärkten. Indessen ser deren Versuch, einen der russischen Flügel zu umfassen, gescheitert. Zum Schlüsse heißt es: Tank der Tapferkeit konnten loir am Abend, als der Kampf nachlicf, alle eroberten Stellungen behaupten. Eine unserer Kolonnen bemächtigte sich der Stel­lung von Karakilisse und Alaschkertaka.

Russische Anmaßungen in Persien.

(WTB.) Konstantinopel, IO. Nov. (Nichtamtlich.) Bei der Besprechung der Verhaftung und Versckütung der K o n ! u l n Oesterreich-Ungarns und der Türkei in Täbrrs perweist das BlattTeraschmnan-Öakikat" daraus, wie sehr dieses barbarische Vorgehen mit der Höflichkeit in Widerspruch stehe, tveiche die Türken gegenüber den russisckzen Konsuln und Beamten >in der Türkei an den Tag legten und wie heuchlerisch das Dlant- sest des Zaren ist, das die Türken als Wilde uitd Folnde des 'Christentums hinstellte. Das Blatt erinnert an die in Peters­burg gegen die österreichischen und deutschen Geschästslädcn sowie an die gegen .die Botschaslsgebände Oesterreickz-Ungarns und TeutMands begangenen barbattsck-en Ausschreitungen nrid be­tont, daß die Russen nach alledem kein Recht haben, im Namen der Zivilisation und des Christentums zu sprechen. Das Blatt richtet gleick'zttttg an Persien die Frage, wie lange es die seine Souveränität verletzenden Umtriebe dulden werde, irarnni es sich nicht beeile, die gegenwärtigen Verhältnisse zur Wiedererlangung seiner Unabhängigkeit zu benutzen. Außerdem sollte Persien seine Pflicht gegenüber dem Islam erfüllen.

Das Konstmttrnopeler BlattAzatamaret" führt aus: Wir widersetzten Uns der Besetzung des vom armenischen Volke be­siedelten Gebietes seitens Fremder. Das armenische Volk dar! nickst zu einenr .Handelsartikel noch Spekulattonsvbjekt einer fremden Regierung werden. Der armenische Soldat wird an allen Grenzen, die vom Feinde überschritten werden sollten, mit Entschlossenheit kämpfen.

Mahmud Muchtar begiebt fich nach dem Hauptquartier.

Berlin, 9.Nov. Wie dasBerliner Tageblatt" er­fährt, ist der türkische Botschafter in Berlin, Mahmud Muchtar Pascha, heute abgereist, um sich auf besondere Einladung in das große Hauptquartier zu begeben.

Berlin, 30. Nov. (WTB. Nichtamtlich.) Drei tür­kische Prinzen, begleitet vom hiesigen türkischen Bot­schafter und zwei deutschen Dolmetscher-Offizieren, reisten gestern vormittag um 8.14 Uhr mit dem fahrplannräßigen Kölner O-Zng vom Bahnhof Friedrichstraße nach dem Hauptquartier des Kaisers.

Die Kämpfe der Desterrcicher.

Wien, 10. Nov. (WTB. Nichtamtlich) Bon dem süd­lichen Kriegsschauplatz wird gemeldet: Die erbitter­ten Kämpfe an den Bergfüßen der Linie SabaeLies- n i e a wurden auch gestern dis in die Nacht fortgesetzt rutd hierbei einzelne feindliche stark verschanzte Stellungen er­stürmt. Südlich der Cer P l a n i n a drangen unsere sieg­reichen Truppen weiter aus dem am Tage zuvor erreichten Räume östlich von Lv s n i e Kru pans L iub ovija vor. Auch lner kam eS zu hartnäckigen Kämpfen mit den Nachhuten des Gegners, die sämtlich in kurzer Zeit ge­worfen wurden. Unter den zahlreichen Gesangeneu befindet sich auch Oberst Radokovie, unter i>en erbeuteten Ge­schützen eine moderne schwere Kanone.

Wien, 10. Nov. (WTB. Mchtamtlich.) DasFrrmden- blatt" meldet ans Czernoioitz: Die an der Grenze bei Boja und Nmvosilieca stehenden Russen sandten gestern Schrapnells nach Czernowitz, doch wurden die feindlichen Batterien bald zum Schlveigen gebracht. Das Vorposten- gesecht bei Czernowitz endete mit dem Rückzug der Russe». Ist den Kämpfen östlich Czernowitz stehen meistens russische Landstürmer des letzten Jahrganges.

Wien, 10. Nov. (WTB. Nichtamtlich.) DieNeneFreie Presse" meldet aus Budapest: In Ostgal'izien und Bcssarabien sinden seit Tagen starke russische Kräfteverschiebungen statt, welche mit dem Kriege gegen die Türkei zusammenzuhängen scheinen.

Eine österreichische Kriegsanleihe?

Wien, 9. Nov. (WTB. Nichtamtlich.) Ist einer unter dem Vorsitz der Vertreter der dem österreichischen Konsow- tinm für die Durchführung der Kreditoperationen angehori- gen Banken wurde die Frage einer eventuellen öster­reichischen Kriegsanleihe erörtert. Die Vertreter der Banken erklärten, ihre Organisation für eine österreichi­sche Kriegsanleihe zur Verfügung stellen und in BetätÜ^ung ihrer patriotischen Gesinnung alles ausbitten zu wollen, um einen vollen Erfolg herbeizu fuhren.

Ei« neuer Tauchbootthp.

New Bork, 8. Nov. (WTB. Nichtamtlich.) Wie die New ?)ork Times" erfährt, beendete das Marinedeparte, ment die Vorstudien zu einem neuen Tauchboottyp, der größer sein soll als alle bisherigen. Das Tauchboot wird 900 Fuß lang sein, einen Aktionsradius von 3500 Meilen sowie eine Geschwindigkeit von 21 .Knoten besitzen. Die Kosten werden mit füns Millionen Mark angegeben.

Aus Tsingtau entkommen.

Aus der Schweiz, 10.Nov. (Ctr.Frkf.) Aus Tokio wird gemeldet: Major Zimmermann und fünf andere Offiziere seien lautKokumin" vor der Kapitulation, unbekannt wie, aus Krau tschau entkommen und befänden sich auf der deutschen Gesandtschaft in Peking in Sicherheit. (Frkf. Ztg.)

Tic Deutsch-Amerikaner.

Berlin, 11. Nov. Einem Brief aus New 2)ork ent­nimmt dieVossische Zeitung" den Satz:

Wirsindhieralle (Millionen von Deutsch-Amerikanern seit dem 1. August Reichsdeutsche geworden. Es gibt kein Opfer, das wir istcht zu bringen bereit waren. Wir sprechen sogar deutsch. 'Ter glänzende Lack ist von dem rauhen Kriegswind von der Oberfläche des Deutsch­amerikaners weggespült, es bleibt nur noch der Deut- s ch e. Seit Jahren der Entfremdung zum erstenmal« e i n einiges Deutschland in Amerika. Es wird große Folgen haben. Präge Dir den Namen Hermann Riddcr ein, er ist Besitzer derNewyorkcr Staatszeitung" und poli­tischer Führer.

Skandinavische Zeitungen in Paris verboten!

Kopenhagen, 10. Nov. (WTB. Mchtamtlich).)Po- littken" meldet aus Paris: In den letzten vier Tagen hat die Zensur verboten, skandinavische Zeitungen auszutragen.

Das Versagen der Feldpost in Frankreich.

(WTB.) Paris, 10.Nov. (Mchtamtlich.) TerTemps" kritisiert das völlige Versagen der Feldpost und sagt:

Während die Meiimng berechtigt war, daß sie nach drei­monatiger Erfahrung nichts zu wünschen übrig lassen würde, funk­tioniert sie mit organischen Stockungen. Ihre Pflicht, die sie über­nimmt, unsere Soldaten und ihre Familien nicht olme Nachttcht zu lassen, erfüllt sie in keiner Weise. Protest über Pro­test, aber alles umsonst. Die schönsten Versprechungen, aber kein Erfolg! Die systematische Verzögerung der Briese, von der die Postverwaltung immer faselt, wäre noch vefftändlich, twnn es sich um Sendungen von Soldaten nach Hanse handelte, aber ge­rade diese kommen ziemlich ordnungsgemäß an. Die Bestel­lung ins Feld aber ist mangelhast. In den Bureaus häufen sich die Sendungen, sie blechen zur Versendung liegen und werden wegen Mangel besonders an geschultem Personal nicht ein­mal sortiert. Bei den Stäben gibt es ziemlich viel unbeschäsligta Leute, aus den Nordgebieten sind viele jetzt Dienstfreie geflohen, warum stellt man diese nicht an? Aber die Postverwaltnng ttennt eine hcrmcttsche Scheidewand von der Militärverwaltung. Die Paketbestellung ist ebenso unzuverlässig. Kann das nicht die Fa­milien und Krieger entmutigen?

Schmähungen des Deutschtums im Ausland.

Berlin, 10. Nov. (WTB Nichtamtlich.) DieNordd. Allg. Ztg." schlecht: An dieser wtelle wurde schon daraus hin- gewiesen, daß es der deutschen Würde nicht entspricht, aus die im seindlichen Auslande verbreiteten unerhörten Schmäh­ungen des Deutschtums mit gleicher Münz« zu erwidern. In der Tat übertrisst dasjenige, was in England, Frankreich imd Rußland an Verunglimpfungen nich Schmähungen unseres Kaisers, Heeres und alles uns Hochstehenden und Heiligen hervorgebracht wird, bei weitem auch die schärfsten Gegenleistungen ans deutscher Seite. Gleichwohl sind die zuständigen Stellen im Interesse des guten Rufes und der Würde unseres Volkes bemüht, allem, was an; diesem Gebiete berechtigten Anstoß erregen könnte, entgegen- zutreten. Sv beschäfttgt sich ein Runderlaß des preußischen Mi­nisters des Innern an die Regierungspräsidenten mit den Klagen, die über den Verkauf anstößiger Kriegspostkarten in der Oessentlichkttt wiederholt erhoben worden sino. 28emr auch diese Klagen nach den angestelltcn Ermittlungen teils übertrieben sind und nn übttgcn von der würdigen Stimmung und dem guten Ge­schmack der Bevölkerung erwartet werden dürfe, daß sie minder­wertige, alberne, den Feind herabwürdigende Machwerke von künst­lerischen und patriotischen Erscheinungen, unter welchen sich auch solche von gesundem Humor bcsinden können, zu unterscheiden weiß und erstere durch Mchtankanf unterdrückt, so seren die Polizei­behörden doch ans den Kattenhandel aufmerksam zu machen, damit sie gegen die Auslage und den Vertrieb unzulässiger Erzeugnisse mit Warnung und nötigenfalls mit Zwangsmaßregeln Vorgehen.

AU5 dem Reichs

Der Vorstand des Deutschen Städtetages be­absichtigt eine Konferenz der Verttetcr aller großen Gemeinden zur Besprechung der Kriegsmaßnahmen der Städte cinzuberusen.

Berlin, 10. Nov. (WTB. Mchtamtlich.) Die nächste und dritte Plenarsitzung des Reichstages findet am 2. Dezember, nachmittags 4 Uhr, statt. Der Gegenstand der Beratung wird dem­nächst mitgeteUt werden.

Ueber die Beschäftigung Groß-Berlins ist, wie einer Mitteilung des Stattstischen Amtes zu entnehmen ist, zu be- ttchten, daß diese in der letzten Oktoberwoche eine Zunahme von 0.32 Prozent erfahren hat. Besonders bemerkt wird die lebhafte Entwickelung des weiblichen 'Beschästtgungskveises bei de» 28 All­gemeinen Ortskrankenkassen.

Ernstes und heiteres von Eichener Freiwilligen.

Gießen, 11. Nov.

Das Regiment, bei dem zum großen Teil die Freiwilli­gen aus (stießen und seiner Umgebung stehen, kennen all'e unsere Leser, auch wenn wir, der Zensur gehorchend, seinen Namen verschweigen. Bon ihm seien im folgenden einige Zeilen aus Fekdpostb riefen angeführt, die um solider gelesen werden dürsten, als man weiß, daß unsere Frei­willigen in der letzten Zeit den Exerzierplatz mit dem Schlachtfeld vertauscht haben, und die wir der Ansmerffam- keit um so mehr empfehlen, als sich vor kurzem müßige Schwätzer gerade mit den Freiwilligen in einer Art be­fassen zu müssen glaubten, die durch diese selbst am besten Lügen gestraft wird. Wir lesen in einem langen Briefe ans dem Felde n. a.:

Nein, das war heute ein Tag der Freude. Ich habe noch nie so vergnügte strahlende Gesichter gesehen, wie heute, als Post ausgegeben wurde. Unsere Leute waren unzufrieden, weil wir immer noch nicht ganz vorn stehen. Jetzt ist alles vergwigt. Alles Unangenehme vergessen____ Unser Regiment hat 3 große Last­

autos mit Post bekommen.

.... In unserem Nest ist jetzt eine alte Dreschmaschine wiederhergestellt worden und wtt dreschen den Leuten hier ihre Frucht, weil sie sonst verlmngeru. Ebenso werden Kar­toffeln für sie ausgemacht. Wir exerzieren wie in Friedenszeiten. Es tut einem nur bitter leid, daß der Exerzierplatz sttsche Aecker mit sprossender Saat sind. Einstweilen ist unsere Tättgkeit hier noch friedlich. Es ist kein Pettolenm da, also schlafen wir von einbrechender Dunkelheit bis morgens 7»8. Das ist doch wirklich lang genug. Das Essen ist allerdings mäßig. Wir machen uns nnr den ganzen Tag Quellkartoffel und esten sie. Das schmeckt immer noch gut. Wir setzen uns Gottseidank fast immer noch init Humor über sowas weg.

Aus dem Marsch nach hier sind wir durch ein Städtchen ge­zogen, wo Gießener Landstürmer waren. Ein bayrischer Landsturmmann sagte, als wir, d. h. unsere Division an ihm vorbeizog:Donnerwetter, 'man meint ja, die hätten zu Haus eine Maschine, wo sie immer neue Soldaten herausleiern!" Das ist doch sein, so was zu hören.

Unsere Truppen, die wir hier trafen, machten alle einen famosen Eindruck. Unser Bataillon ist schon in der Linie. Wir stehen dem Korps zur Verfügung. Bekanntlich

werden dazu Abteilungen genommen, von denen man etwa? Be­sonderes erwartet. Heute ist ein Korpsbesehl gekommen, daß sich die Freiwilligen-Regimentcr ganz ausge­zeichnet geschlagen hätten und worin aufgesorderi wird, Leute zum Eisernen Kreuz vorzu sch lagen. Schl, er­zählte, daß drei Leute in seiner Konrvagnie geschrieben bekamen, die Gießener Freiwilligen hätten die Flucht ergrissen. Ich bitte, diesen und anderen unsinnigen Gerüchten entschieden ent­gegenzutreten.

Dieses Bttespapier stammt übrigens aus dem Bahnhof, wo wir ausgeladen wurden. Ta war in dem Bureau ein furchtbares Durcheinander und ich habe mir etwas Bttespapier mitgenommen. Heute scheint in der Schlacht vor uns etwas Ruhe zu sein.

Heute ist Sonntag. Leute, von denen man es gar nicht er­wartet, sagten mir:Ich wollte, ich könme heute mal zu Haus in die Kirche gehen." Es ist in mancher Beziehung doch mancher anders geworden . . .

In einer Feldpostlarte von einem Angehörigen des gleichen Regiments heißt es:

Wer von uns den ersten Inder gefangen nimmt, be­kommt 150 Mark, für den zwttten gibts 75 uird für den dritten

50 Mark. Ist das nicht großarttg?____Wir verleben herrliche

Abende. Leeres Zimmer mit offenem französischem Kämm. Lo­derndes Feuer. Zu sieben liegen wir daruui, rauchen und singen lustige Studenten- und liebe Httmatlreder. Das ist unsere Er­holung ...."

Bon derZudringlichkeit" der französischen Flieger, der landwirtschastlichen Tätigtest unserer Soldaten imd der Stimmung unter ihnen plaudert ein drittes Schreiben, das wie die beiden andern ebenfalls von einem Gießener Frei» willigen im gleichen Regiment stammt. Aus ihm geht u. a. hervor, daß unsere Freiwilligen draußen wenigstens den Borzug haben, daß sie vom Gießener Kartoffellrieg nichts merken. Die betreffenden Stellen lauten:

Draußen dröhnt es wieder ganz gewaltig, die Fenster zittern und über uns kreisen den ganzen Vormittag fremde Flieger, die andauernd von Ballonabwehrkanonen und auch von unserer Maschinengewehrkompagnrc befeuert werden. Das erregt immer allgemeines Interesse. Aus den verschiedenen Klängen kann man ganz genau unterscheiden wenigstens hat man allmählich die nötige Gchörübung ob man es mit Schüssen der Flieger, mit Granaten oder Schrapnells zu tun hat. Btt den ersteren sieht man zuerst meist ziemlich wttt ab vom Flieger eine grünlich schillernde Wolke austauchen, dann 2, 3, 4 und 5 und nach langer Zeit dröhnen die mächtigen Donner von oben her. Mau erwartete schon für gestern abend eine Ueiue Beschießung, da am Nachmittag Flieger unsere Anwesenheit mit Sicherhttt erkannt hatten, glllcklickierwttse konnten wir aber unsere gebratenen Hühner noch ver­zehren und dazu den von mirerkundeten" Rotwein trinken» Das wäre auch zu gemein gewesen. Und heute vormittag exerzierten wir wie im tiefsten Frieden, während über uns andauernd Flieger beschossen wurden. Es ist ganz eigenartig, wie man. an solche Sachen ganz rasch gewöhnt wird.

Es ist nicht ausgeschlossen, daß wir noch länger hier in Reserve liegen. Diese Zttt wird nicht ungenützt gelassen. Du kannst Dis denken, daß die hiesige Bevölkerung wie vor den Kopf geschlagen ist. Die Leute haben jede Fassung verloren und systematisches Arbeiten ist ein unbekannter Begriff. Dazu sollen sie nun wieder erzogen werden, d h. der landwirtschaftliche Betrieb wird wieder organisiert. Jede Kompagnie stellt heute eine größere Anzahl Leute mit Spaten und Hacken, da werden mit Hilfe der Landbevölkerung Kartoffel ausgemacht und angesammelt, andere dreschen Getreide usw. Dies geschieht aus zwei Erwägungen. Einmal steht der Winter vor der Tür, läßt man all das draußen stehen und verkommen, dann haben wir als die Eroberer des Landes die Verpslichtung, die Leute vor Hungersnot zu bewahren. Dann aber wollen auch wir leben, und seitdem man diese Sache planvoll! in die Hand nimmt, leben buchstäblich wirwicGottinFrank- r e i ch. Schließlich aber wird das Berttauen der Landlcute wieder geweckt. Wir werben btt unserer Arbeit von der katholischen Geist- lichkttt unterstützt. Es wäre wünschenswert, wenn diese Gedanken auch in unserem Lande bekannt würden, d. h. also, daß wir gewisser­maßen 1 Kilometer hinter der Gefcchtslinie und im Granatseuer Kulturarbeit ttttben und organisieren. Wir haben hier in kttner Beziehung unter Unbotmäßiglttt der Bevölke­rung zu leiden, sie ist freundlich und entgegenkommend. . .

R. ist 10 Min. von uns, ein Ott, um den schwer gekämpft wurde. Es sieht unbeschreiblich dott aus. Die große herrliche Kirche hat gestern noch den Gnadenstoß bekommen, eine engl. Granate hat sie zu einem Tttimmerhausen gemacht. Denke Dir, oben in der Orgel saß ein ... er, wie er dorthin in den Trümmer­hasen kommeun konnte, ist ttn Raffel, und spielte ein Tedeum. Eine ganz cigenattige Sttmmung packte uns, als wir aus dem Hausen von Steinen und Trümmern die Orgel­klänge hörten.

... Die Stimmung unter den Leuten da vorne ist herr­lich. Alle brennen darauf, den Engländern an den Kragen zu können. Trotz unserer guten Gläser konnte man vom Feinde nicksts sehen, allzulange kann man sich mich nicht aufhalten, da sie sogar aus ttnzelne Leute Granaten verschwenden. Die Gegend hat hier große Aehnlichkeft mit der Lüneburger Heide, viele Häuser sind noch mit Stroh gedeckt. Aus den Feldern liegt viel verendetes Vieh. Wir haben hier in B. für unsere Komvagnie 21 Kühe eingttangen und wollen morgen mit Bitttern beginnen. 200 Zentner Kartoffeln sind ttngebracht und heitte wurde wieder gedroschen. .

Du sieW also, daß der landwirtschaflliche Betrieb blüht.

Schließlich noch ein Lebenszeichen von einem, dem Feld­küche und Quellkartosfeln allein nicht genügen, und der in. anderen Briefen um die Zusendung von einigen schmackhaften Zugaben bittet. Als diese Briefe nicht schnell genug den ge­wünschten Erfolg hatten, griff er zum Lapidarstil und schrieb die folgende Feldpostlarte:

Uih, was Hammer Hunger!

Schickt Futter!" I

Aus allem sieht man, daß es dem Regiment, bei dem die Gedanken so vieler Gießener weilen, den Umständen nach recht gut geht, und daß nichts falscher ist, als unsere wackeren Freiwilligen anders einzuschätzen wie die älteren Kameraden. Wenn es erst ernst an den Feind gehl, werden wir auch von ihnen so Rühmliches hören, wie vom Regiment 116.

Ar»r Stadt und LanS.

Gießen, 11. November 1914.

** Die Familien-Kriegsunterstützung der im Felde und im Garnisondienst stehenden Mannschaften hat im Oktober l. I. in unserer Stadt rund 27 000 Mk. er­fordert. 'Davon tragen 17 000 Mk. das Reich imd der Kreis, und 9000 Mk. schießt die Stadt Gießen zu. Durch die weitere Einziehung von Mannschaften für den Heeresdienst ist diese Aufwendung noch in ständigem Sleigen begriffen.

** Feldpostbriefe nach dem Feldheer im Ge­wicht über 250 bis 500 Gramm sind, wie gestern schon kurz mitgetttlt, für die Zttt vom 15. bis einschließlich 21. November von neuem zugelasseu. Die Gebühr beträgt 20 Pf. Die Borschristenüberdie Verpackung sind wäh­rend der ersten Zulassungszttt leider vielfach nicht gehörig be- achttt worden. Jnsolgedeffen sind zahlreiche Päckchen mit Waren- inhalt schon btt den Postsammelstellcn beschädigt und mit teilweile verdorbenem Inhalt angekommen. Um der Wiedettehr solcher Er­scheinungen vorzubeugen, wird nochmals dringend empfohlen, zur Verpackung nur sehr starke Pappkartons, festes Packpapier oder dauerhafte Leinwand zu verwenden. Für die Wahl des Verpackungsstosses ist die Nattir des Inhalts maßgebend: zerbrechliche Gegenstände sind ausschließlich in star­ken Kartons nach vorhettger Umhüllung mit Papier oder Lttmvand zu verpacken. Die Päckchen, auch die mit Klammerverschluß versehenen, müssen allgemein mit dauer­haftem Bindfaden fest pmschnürt werden, bei Sendungen