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Erscheint ISqltch mit Aufnahme de? Sonntag?.

Die«letzener ^amiliendlStter" werden dem »Anzeiger' viermal wöchentlich beigeleg!, da? Xreirblatl fSr den Krets Sictzen" zweimal wöchentlich. DieLandwirlschafllichen Seit- fr«-«»" erscheinen monatlich jweunal.

Blatt Jahrgang

General-Anzeiger für Gberhejsen

Dienrtag» 20. Moder

Rotationsdruck und Verlag der Drühl'schen Umversiiäls»Buch» und Stcindruckerei.

R. Lange, Gießen.

Redaktion, Expedition und Druckerei: Schnl- straße 7. Expedition und Verlag: feS§51. Redaktion: 112. Tel,-Adru AnzeigerEic den-

§an Giulianos Erbe.

Ein gelegentlicher Mitarbeiter schreibt uns:

Die Presseäußerungen zuni Tode San Giulianos haben bewiesen, daß Italien in diesem Minister des Aeußern eine starke Stütze der derzeitigen Neutralität verloren hat. Roms führende politische Kreise versichern zwar, daß Salan dra als interimistischer Dtinister des Aeußern lvval ccn der bis­herigen Form der Neutralität sesthabten werde. Sülandra ist ein aufrichtiger Mann von großem Ernst und bestem Wolken. Er liebt jene höchste von Bismarck gelehrte Diplo­matie, daß größte Ehrlichkeit die wirksamste Stcnrtskunst sei. Bei seinem Amtsantritt im April des Jahres Hot er Er­klärungen zur Dreibrrndsrage abgegeben, die sich Mich in der Kriegslage nicht widerrusen lassen. Aber Italien ist ein demokratisches Land. Die öffentliche Meinung des Tages spielt dort eine größere Rolle als in mancher wideren Mon­archie. Die italienische Regierung hat nun einmal mit wechselnden Stimmungen zu rechnen und ihre Alusgabe be­steht oft nur darin, die Gesiihlspvlitik des Volkes nrit diplo­matischen Gründen zu stützen. Bei solcher Politik kommt oft nur der Zufall zu Hilfe. Die deutsch-österreichischen Wasfen- taten haben unbestreitbar auch ans die ,Volksseele" der­jenigen Schichten gewirkt, die bisher im Sinne des Drei­verbands bearbeitet worden ivarcn. Bezeichnend ist, daß bis­her von allen großen Ereignissen des Krieges die fran­zösische Niederlage bei St. Quentin den tiefsten Eindruck in Italien hcrvorgcrusen hat, weil sie die Italiener an ihren eigenen Sieg im Jahve 1557 bei St. Quentin erinnerte. Dazu kommt neuerdings noch folgendes. Der Krieg hat immer klarer den englischen Grundplan hervortreten lassen, wonach England den sogen, deutschen Militarismus ver­nichtet sehen wollte, damit sein eigener Marinismus allein und souverän, ohne jedes Gegengewicht, die Welt be­herrsche. Das hat in dem vom Meere umspülten Italien doch sehr zum Nachdenken angeregt. Früher wurde auch in italienischen Blättern, natürlich wieder unter französischem Einfluß, viel' gegen unserVolk in Waffen" philosophiert und von dem englischen Widerspiel zur See gar kern Auf­hebens gemacht. Nun entpuppt sich Englands Nottenmacht als eine ungeheure Drohung für die italienischen .Küsten und für die italienische Freiheit. Das Verschwinden oder die Dernriaderung dieses Druckes würde bis in die letzten Win­kel des Staates Wiktor Emanuels mit einem Aufatmen der Erleichterung begrüßt werden. Und solche Gedankengänge haben tn der öffentlichen Meinung Italiens bereits eine sichtliche Verschiebung hervorgerufen. Die antiösterreichi­schen Nationalisten und die Repudllkaner wollen cs zwar noch nicht wahr haben, daß ein neuer Wind weht, aber sie müssen bereits zugeben, daß sie dein Einfluß der Sozialisten auf die Regierung, der gan'z entschieden für die weitere Aufrechter Haltung strengster Nrntralität in die Wagschale fällt, auf die Dauer nicht mehr gewachsen sind. Schon baden \ate anfänglichen Bewunderer der erlogenen französischen und englischen Siege die Hoffnung crusgegeben, daß Ita­liens Haltung sich im Lause des Krieges mehr und mehr zu einer Neutralität mit negativen: llnterton entwickeln werde, was dann vielleicht von selbst schließlich zur offenen Stellungnahme führe. Sie haben es auch nicht ändern kön­nen, daß Italiens militärische Maßregeln auf die Ein­berufenen dreier Jahresklassen der Reserve beschränkt blieb, also nicht über das hincrusginK was alle anderen neutralen Staaten getan haben. ,1

Das politische Erbe San Muliwws, die gewissenhafte Wahrung des bisherigen Zustandes, wird in seiner End- wirkung nur wieder Italien selbst von Nutzen und Segen sein. Deutschland nimmt vertrauensvoll den Export von allen jenen Artikeln wieder auf, die es früher nach Jtaliep sandte und olme die der Handel und die Industrie in Italien nicht leben können. Die Freunde dieser Entwicklung sordern, das; sich der Bahnverkehr nicht nur auf den Weg über Ala beschränkt, sondern daß auch hie Lebweiz den Weg und Durchgangsverkehr über Lindau, Friedrichshofen, Schaff- Hausen freigibt, damit eine direktere Linie nach Italien ge­schaffen wird. Italien muß in seinem eigensten Interesse dieser Entwicklung entgegenkommear. Hunderttausende von italienischen Arbeitern, die früher ihr Brot im Auslände verdienten, sind in ihre Heimat zurückgeströmt und haben das Heer der Beschäftigungslosen vergrößert, das durch das Aufhören der Zusichr von Rohmaterial aus dem Auslande bereits geschaffen war. Nimmt man diesen Massen, die sich gerne vorübergehend einem geringeren Lohne anpassen, nicht

oie Sorge gänzlichen Existcnzverlöstes, so hat man willige Untertanen, die der Neutralitätspolitik der Regierung nicht entgegentreten. Pocht aber Hunger und Sorge an ihre Tür, so bilden sich politische Riesengruppen, die durch deutsch- feindliche Politik aufgewiegelt werde», den Deutschen alle Schuld an den gegenwärtigen Zuständen beimcsscn und einen unheilvollen Druck auf die öffentliche Meinung ausübcn. Tahin darf es nicht kommen. Das fühlt man in der Consuliä nur zu deutlich, und deshalb ist die Hosfnujng aus Fortfüh­rung undEntwicklung" der bisherigen italienischen Neu­tralität unter dem Nachfolger San Giulianos nicht nur be­rechtigt und wahrscheinlich, sondern eine Gewißheit.

Eine Erklärung Salandras.

Rom, 19.Okt. (WTB. Nichtamtlich.) Der Minister­präsident hat gestern das Ministerium des Aeußern über" nommcn. Auf'die Bcgrüßungsworte des Untcrstaatssekre- tärs Borsarelli antwortete S aland r a mit einer An­sprache, in der er zunächst die Trauer um den dem Vater" lande zu früh entrissenen San Giuliano ausdrückle und die Persönlichkeit desVerstorbencn in ihrer Bedculung hervorhvb.

Ich habe, sagte Satandra weiter, seinen Platz für eine Spanne Zeit eingenommen, die, wie ich hosfe, sehr kurz sein wird. Meine gegenwärtige Stellung zielt insbesondere dahin, die Gemein­samkeit der Ziele und Methoden mit denen San Giulianos zu bekräftigen. Die obersten Richtlinien un­serer internationalen Politik toe rdcn morgen dreselbcn sein, die sie g r st e r » waren Um bei ihnen zu verharren, ist unerschütterliche Festigkeit der Gesinnung, klarer Blick sür die wirkliclnn Interessen des Landes und Reise dcS Urteils nötig, die ersorderlick>ensalls schnelles Hairdcln nicht ausschließt. Es ist Kühnheit, nicht in Worten, sondern im Handeln, es ist Geist nötig, der frei ist von jeder vorgefaßten Meinung, von jedem Vorurteil, von jedem Gefühl, das nicht das einer ausschließlictxn und un­begrenzten Hingebung an unser Vaterland, einer geheiligten Selbst­zucht im Dienste Italiens ist.

ttriegsbriese ans dem westen.

Von unserm Kriegsberichterstatter.

Unberechtigter Nachdruck, mich auszugsweise, verboten.)

Die Engländer in Antwerpen.

Großes Hauptauartier, 14. Okt. 1914.

Ms ich am 6. d. M. beim Oberkommando der Belage- rungsarmec von Antwerpen weilte, wurde den vorrückenden Truvven gerade die Mitteilung bekannlgegeben, daß eine englische Brigade bei Contich festgestellt worden sei. Es läßt sic!» nicht schildern, welchen Widerhall diese Nachricht bei unseren Mannschaften erweckte. Daß wir mit den Belgiern schnell fertig sein würden, daß der Kampf gegen dieses in der Verblendung in sein Unglück gerannte Land bald zu Ende sein werde, darüber war sich keiner unserer Soldaten int Zweifel. Und daß in diesem Augenblicke, wo es für Anlwrrpcn gegenüber unserem kraftvollen Vorstoß kein Hallen mehr gab, nun gerade noch die Engländer als Zugabe zur Siegesfreude erschienen, das hat auf unsere wackeren Krieger, namentlich auf die schon lange auf den englischen Feind lauernden See­bataillone, einen Eindruck gemacht, der jedenfalls in England ganz und gar nicht erwartet worden ist.

Einzelne unserer Leute waren freilich wenig zufrieden. Man hörte sagen:Wir kriegen die Kerls ja doch wieder nicht. Die sind so teige, daß sie lange ausrücken, ehe wir ihnen beikommen. Möglichst lange Beine und möglichst weit von den Deutschen, das ist das Kampfgeschrci der Eng^ länder!"

lind so ist es ja auch gekommen. Unter dem tapferen, aber wenig wirksamen Widerstande der Belgier nahmen unsere Truppen, die ans der Richtung von Mecheln vor­stießen, Fort Waelhem. Kaum hatten sie es besetzt, so eröff- neten die Belgier aus der nahegelegenen befestigten Feldstel­lung an der Nethe, dem wichtigen Flußeinschnitte auf dem Wege von Brüssel nach Antwerpen, ein mörderisches Feuer aus das eben von ihnen verlassene Fort, welches unsere Truppen stark belästigte und zu wiederholtem Nachschub von Reserven nötigte. Kaum zwei Kilometer vor dem Fort lag die selbstverständlich alsbald wirkungsvoll unter deutsches Ge­schützfeuer genommene Nethestellung, welche in diesem Augen­blicke der Schlüssel Antwerpens war. Mit ungeheurer Kühn­heit drangen unsere Soldaten über die überschwemmten Wie­sen, durch den breit aufgestauten Fluß vor. Wen hier eine feindliche Schrapnell- oder Flintenkugel nur vorübergehend für Sekunden lähmte, der erlrank unrettbar in der Ueber- schwemmung. Mitten im Hagel der Geschosse erzwangen un­

sere Pioniere den Netheübergang, gleich darauf rückle auch schon unter der Deckung der rasch vordringenden Infanterie die Artillerie in die Stellungen, aus denen die Befestigungen des inneren Fortgürtels derstärksten Festung der Well" in Trümmer gelegt werden konnten, aus denen die schwer« Artillerie die Stadtunuvallung selbst bestreichen konnte. Da­mit war Antwerpens Schicksal besiegelt.

Wo aber blieben die Engländer? Wo war das britanni­sche Ricsenheer, aus welches die Belgier seil Wochen warten? Unsere Soldaten haben tvenig davon zu sehen bekommen, und das wenige, was sich zeigte, meist nur im Lauffchrilt nach rückwärts. Die Engländer Hallen den Antwerpenern ge­waltige Geschütze versprochen, welche den Kamps mit unseren 42 Zentimeter-Kalibern spielend bewältigen sollten. Wer diese Geschütze sind niemals in die Erscheinung getreten. An­geblich hatten die Belgier aus Versehen eine Pontonbrücke io schmal gebaut, daß die Engländer sie mir ihren großen Kaliber» nicht überschreiten konnten. So sind die gefähr­lichen Großmaulkaliber jenseits der Schelde geblieben und waren bereits zum Rücktransport nach England verladen, als die großen deutschen Kaliber zum Kehraus von Aul» werpcn auszuspielen begannen. Welche von unseren Geschützen dabei gemeinsam mit den so glänzend wirksamen österrei­chischen Motorbattcricn in Erscheinung traten, braucht nicht mitgcteilt werden, da sich unsere Feinde, wie ihre Maß­nahmen und auch ihre Berichte zeigen, über unfern Belage- rungsgeschützpark vor Antwerpen großen Täuschungen hin­geben, die wir ihnen mitleidsvoll erhallen wollen.

Tie Bürger von Anttoerpen hatten das cinzichende englische Heer mit Festlichkeiten und Flaggenschmuck be­grüßt. Bald aber sahen sie ein, daß es den Engländern gar nicht um eine ernsthafte Verteidigung der Stadt zu tun war. Die Engländer sclstcktcn die Belgier überall dort, wo der Kampf verlustreich zu werden drohte, vorwärts in Feuer, sie selbst aber sparten ihr Blut, fo daß sie nach­träglich in dem amtlichen Berichte von ihrer Niederlage sehr znsiieden darauf Hinweisen können, wie gering ihre Verluste an Toten sind. Selbst die Flucht der Engländer mußte noch von belgischen Truppen gedeckt werden, die sich in die Schanze schlagen mußten, damit die englischen Bun­desgenossen mit heiler Haut über die holländische Grenze davonlaufen und sich dort entwaffnen lassen konnten!

Inzwischen aber hatten die Engländer eine mephisto- phclisckze Rolle im Schicksale Antwerpens gespielt. Die Be­wohnerschaft, durch ihr altes vlamisches Mut und ihre neuen guten Handelsbeziehungen den Deutschen freundlicher als den Franzosen und Engländern gesinnt, mißbilligte den Krieg gegen die deutschen Stammesverwandten. Die Bürger wußten, daß die Deutschen Antwerpen, die herrliche Alt­niederdeutsche Stadt, mir bluteniden Herzens beschießen wür­den. Und da obendrein ungeheure Kapitalswerte bei dem Bombardement auf dem Spiele standen, deren Vernichtung nur den Engländern zugute kam, so drängle die Bürger­schaft auf die Uebergabe der Stadt. Der König soll ein­verstanden gewesen sein. Aber die Engländer, zu schwach, um die Antwerpener zu schützen, waren stark genug, die Diktatur an sich zu reißen. Und so kam es zum Bombarde­ment, das glücklicherweise der Stadt nur wenig Schaden getan und kein wertvolles Kunstdenkmal vernichtet hat, vor dem aber die Engländer endgültig ausrissen. Vorher hatten sie noch weggcschleppt und vernichtet, was sie konnten, um die Stadt Antwerpen zu schädigen und die deutsche Siegcs- beute zu verringern.

Das war der größte, unheilbarste Irrtum der bel­gischen Geschichte, daß die Belgier den englischen Hetzern vertraut haben. Heute ist die Stimmung in dem besiegten Lande anders. Die Brüsseler, die wochenlang abergläubisch auf das englische Ersatzheer gewartet und die dann noch zwei Tage lang nicht geglaubt haben, daß Antwerpen ge­fallen sei, zweifeln jetzt daran, daß sich überhaupt Eng­länder in der gefallenen Festung befunden hätten. Sie glauben, das, was die Deutschen und auch die Antwerpener sür Engländer gehalten hätten, seien nur Belgier gewesen, welche die belgische Regierung in englische Uniformen ge­steckt habe, um das eigene Volk durch solchen Mummen­schanz zu täuschen und es nicht erkennen zu lassen, wie leichtfertig es von dem englischen Bundesgenossen cm Stiche gelassen worden sei.

Darin irren sich die Brüsseler, und das wissen unsere Soldaten besser: so wie die englische Brigade in Contich, so körmen Belgier nicht ausreißeii. So sind zu allen Zeiten nur die Engländer davongelaufen, wenn es galt, einen in

Warschau und seine Geschichte.

Unsere Trupcn stehen nun vor Warschau, und um die alle Hauptstadt Polens, deren hohe strategische Bedeutung man so oft betont hat, tobt der Kampf. Inwieweit die Befesti­gungen der Stadt, cm deren Verstärkung man in den letzten Wochen mit fieberhaftem Eifer gearbeitet hat, dem Ansturm der Deutschen widerstehen werden, bleibt abzuwarlen. Jeden­falls bietet die natürliche Lage der Stadt bereits eine gutü Deckung, und di« masovischen Herzoge, die zu Anfang des 13. Jahrhunderts hier ihre Burg anlegten, bewiesen einen sicheren Blick. Hoch über den trüben gelben Wasiern der Weichsel, die ihre melancholisch plätschernden Wogen von den Karpathen her durch das Niederland rolll, springt am linken westlichen Ufer ein Plateau bis dicht cm den Fluß vor, um dann in starker Senkung abzustürzen. An diesem malerischen und festen Punkte, der nicht nur den Stromlauf weithin nach Süden beherrscht, sondern auch die ausgedehnte Ebene am rechten östlichen Weichscluser begrenzt, liegt ernst und dräuend die Zitadelle, eine Stadt mit Gräben, Wällen und Mauern für sich, die das ganze Hochplateau überblickt, auf dem das heutige Warschau liegt. Da dehnt sich, eingebettet in die weite flache Landschaft, das malerische Gewirr der winkligen Gaffen und Giehel, der breiten Palaststraßen und der freund­lichen Gärten, wie ein Baum, der seine Jahresringe ansetzt, hat sich Warschau immer weiter ausgebreitet von der eng um das Schloß geschmiegten Altstadt, dem mittelalterlichen Kern des Ganzen, zu dem barocken Prunk der polnischen und säch­sischen Zeit, um den sich wieder als ein breiter Rahmen das moderne Warschau mit seinen Mietshäusern und Fabriken legt Schon die Herzögc von Masovien hatten ihre Stadt mit Mauer» im Jahre 1339 umgeben; aber 1526 wurde die Stadt von den Polen mit stürmender Hand genommen, und

wurde 1550 zur Residenz der Polenkönige, vor der auf dem nahen Felde von Wola alle Königswahlen stattfanden, und 1609 statt Krakau zur Hauptstadt Polens erhoben. Was sich von mittelalterlichen Bauten in den engen düsteren Gassen Alt-Warschcrus erhallen hat, zeugt von der Dürftigkeit dieser Ansiedlung, die erst die Polenkönige zu einer Kulturstätte er­hoben. Alles ist in diesem engen Gewirr dicht zusammen-, gedrängt, selbst die spätgotische Kirche tritt nicht aus der Straßenfront heraus, und in der Bndenstadt der beiden Marktringe fühll man sich völlig ins Mittelalter versetzt.

Auch von dem allen Schloß der masovischen Herzöge hoch über der Weichsel, in dem König Sigismund III. zu Ende des 16. Jahrunderts seine Residenz ausschlug, ist heut kaum noch etwas zu sehen. Der ausgedehnte Bau hat im Laufe der Jahr­hunderte viele Umwandlungen erfahren und ist zu einer stil­losen Masse geworden, nicht nur durch die Umbauten dev Poleukönigc, sondern noch mehr durch den mächtigen Flügel, den die prachtliebenden sächsischen Könige hinzufügten und der nun im zopfigen Barock von hoher Hügelwand herab auf die Weichsel blickt. Im Innern bieten seine prunkvollen Säle voll Marmor, Vergoldungen und kostbaren Inkrustie­rungen, in denen die spielerische Anmut des Rokokos sich mit luxuriöser Pracht paart, ein gutes Bild für den Geist der Verschwendung und der Ucppigkeit, der mit den sächsischen Herrschern in Wapchau einzog. Damals sollte die Stadt zu einer Nebenbuhlerin desVersailles an der Elbe" mngeschaf- fen werden, aber auch von den sächsischen Palästen mit ihren weiten Höfen, den herrlichen Fassaden und dem reichen Figu­renschmuck lebt nur noch wenig in die Gegenwart hinein. Nur das Palais des allmächtigen Ministers Brühl, das sich dieser dicht neben dem Königsschloß erbaute, ist noch erhal­ten. Nichtsdestoweniger bleibt Warschau dieStadt der Pa­

läste", denn die reichen Welsgcschlechtrr, die hier einst ihre glänzenden Feste feierten, mußten große stolze Räume haben, und in diesen stattlichen Bauten, die noch den Namen so mancher einst berühmten polnischen Adelsfamilie tragen, sind heute Behörden, Schulen und andere öffentliche Einrichtun­gen einquarliert. Und wie das sächsische Barock so mit seinem graziösen und doch imposanten Prunk der Stadt ihren archi- tekwnischen Charakter aufprägte, so hat die sächsische Garten­kunst aus Warschau eine Stadt der Lustgärten und der Park­anlagen gemacht. Die freundlich«, großzügige und elegante Stimmung, in der die Stadt sich wie eine anmutige Schöne ans der eintönigen Landschaft erhebt, verdankt sie diesen grandiosen Schmuckanlagen, unter denen der Sächsische Gar­ten, ein nicht unwürdiges Abbild des Versailler Kunstwerkes Lenötres, die bedeutendste und schönste ist.

Nach der sächsischen Herrschaft ist Warschau der Schau- platz aufregender Ereignisse gewesen. Gegen die russische Be­satzung erhoben sich die Polen zu wiederholten Malen; 1794 metzelten sie in einem Blutbade ihre Unterdrücker nieder und mußten sich dann dem Ansturm Suwarows ergeben. Von 1795 bis 1806 war die Stadt preußisch, und die stets hoch- gehaltene preußische Kultur blühte von neuem auf. Dann kam die kurze Zeit des konstitutionellen Königreichs Polen; und 15 Jahre später tobten hier die Stürme der großen volnischen Revolution, die mit der Uebergabe der Stadt an den russi­schen General Paskiewitsch endeten. Auch 1863 und 1864 war Warschau der Mittelpunkt des volnischen Aufstandes, und immer noch ist es das polnische Element, das mit seiner ele­ganten Anniut und feurigen Lebhaftigkeit dem Charakter der interessanten Stadt seinen Stempel ausprägt.