kr. r>1
Zweiter Blatt
164. Jahrgang
Erscheint ISgllch mit Ausnahme de? Sonntag?.
Dir „Stttzener ZamMrilblSttre" werden dem »Anzeiger^ viermal wöchentlich beigelegt, da? „Hrtfsft'att für den itreir Eietzen" zweimal wöchentlich. Die „Landwirtschastllchen Leit- fragen" erscheinen monatlich zweimal.
Giehener Anzeiger
Seneral-Anzeiger für Gberhessen
Zrettag. 2. ONoder
Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäls» Buch- und Steindruckerei. R. Lange, Gießen.
Redaktion, Expedition und Druckerei: Schulstraße 7. Expedition und Verlag: fcsäjöl. Redaktion: Tel.-M>r.:2lnzeigerGießen.
)n Mecheln und vor Antwerpen.
Ern militärischer Mitarbeiter jenbct uns folgende Aus- hrungen, in denen auch die neuesten Vorgänge noch ein- al Msanrm enge faßt sind, die war gestern nur in einem dS. unserer Ausgabe noch ccufnehmen konnten:
Drum hatte die belgische Regierung offiziell berichten ssen, der Augrisf der deutschen Truppen in der Richtung Lchelu-Anttoerpen sei mißlungen, da mußte sie ebenso fizietl genau das Gegenteil zugeben: In nächtlicher Stille rren die Deutschen in Mecheln eingezogen und mittags >on spien ihre Geschütze Tod und Verderben gegen die utwerpener Außensorts Waelhem, St.Caih6rine undWanre. vn diesen ist Waelhem das wichtigste. Es hat schon Endel rgust bei dem Ausfall der Antwerpener Besatzung eine ALe dadurch gespidkt, daß es die Flucht des Heeres deckte, ; tft 1S05 gebaut worden, während die beiden anderen ,rts späteren Datums und deswegen vielleicht auch nto» rneter Bauart finb.
An Fronktireurkrieg ist wohl diesmal in Mecheln crus- schlosscp. Die Belgier scheinen endlich Vernunft cmznneh- en. Kardinal Mercier, der kürzlich vom Konklave in Rom ich Mecheln zurückgekehrt war, weilte noch am vergange- n Sonntag in seiner Residenz, imt abcmds nach Antwerpen zuretsen. Sein erzbischöflich« Palast (sett 1560 ist Mecheln r Sitz des Erzbischofs von Belgien) hat nicht gelitten und : Deutschen werden kein Sternchen davon berühren, wenn ; Zivilbevölkerung sich ruhig verhalt. Auch der berühmten cthedrale St. Rombaud, einer der größten und inter- antrsten Kirchen Belgiens mit einem vorderen Turm von Patern Höhe wird nichts geschehen. Die Feldgrauen wer- n, wenn der Krieg ihnen eine Ruhestunde gönnt, auf dem arktplcch vor der Kathedrale dem schönen Glockenspiel illchen »nnen, das aus 45 Glocken im Gesamtgewicht von 000 Kilogramm ertönt.
Me umfassend die neuen Bcrvegnngen der deutschen ruppen in Belgien sind, gebt daraus hervor, daß großü -^stärkungen gegen A a l st (französisch: Most) vorrückten ch den Ort hefttg beschossen. Aalst ist Kantonshauptorh tt etwa 36 000 Einwohnern, die bereits zum größten Teil flohen find, au der Dendre gelegen; es gehört zu den testen Städten Belgiens und den Hauptorten für die xtilindustrie. Während Mecheln von Antwerpen 20 Kilo- -ter entfernt ist, sind es von Aalst bis Antwerpen 51 Kilo- tter. Aber der Besitz von Aalst erscheint für die Deutschen chtig, um eine Operationsbasis gegen die Festungswerke ii Termonde zu haben. Als man 1005 an den Ausbau der siung Antwerpen ging, war der damals eingesetzte nriü- risthe Ausschuß der Ansicht, daß die EinLezicharnq Ter- »cides in den Befestigungsplan Antwerpens „nicht urtt den rsügbaren Mitteln in Einklang zu bringen sei", dagegen rcbe beschlossen, Mel neue Batterien aus dem rechten hcldeufer onzulvgeu «ud die bestehenden Ateoen Werke verstärken. Termonde gehört also nicht eigentlich zu dem Here« Festungsgürtel Autwerpeus, sondern steht für die mischen sozusagen finfö in der Ecke. Da es aber eine» sährttchen Hinterhalt bilden würde und die krümmnngs- bche Schelde beherrscht, darf der deutsche Aufmarsch dieses roeschodene Fort nicht links liegen lassen, sondern muß «steichzettig mit dem Angriff auf die Südforts Antwerpens Luipsen- Erst die Südforts vor Mecheln gehören zu der rühmten Brialmontschen Befesttgungslinie; die an Stelle r alten geschlosienen Umwallung getreten ist. Die alten rrts Rr. 1 ms 8 sind beute durch Äsengitter, Drahtverhaue, oischenbatterien «nv alle sonstigen Seufefeien eines stungSwerkes verbunden und bilden eine Umfassung von Wometern, Davor aber liegt der neue Gtrrtel>, der setzt schossen wird. Er besteht aus 5 alten Forts und 3 Zwischen- rrken, sowie aus 11 neuerbanten Forts mit 12 Zwischen- ■xftn. Der neue Gürtel hat vom alten im Norden einen »stand von nur 4 Kilometern, im Süden aber, wo jetzt e Kämpfte einsetzen, den dreifachen Zwischenraum. Der uze äußere Ring mißt rund 100 Kilometer. Daß es den rutschen nicht nur daraus aukonrmt, die Antwerpen«
Festung vor Mecheln auszubrechen, sondern den Riesenring an verschiedenen Punkten anzugreisen, scheint daraus hervorzugehen, daß der ganze Norden Belgiens von belgischen Soldaten gesäuert und die deutsche Vormacht bereits in Turnhout erwartet wird. Nach den vorliegenden holländischen Meldungen treiben die deutschen Truppen die belgische Feldarmee aus drei Richtungen nach dem Antwerpener Festungsgürtel vor sich her. Ern furchtbares Drama beginnt.
Ariegrdriese aur dem Osten.
Bon unserem zum Ostheere entsondteu Kriegsberichterstatter (Unberechtigter Nachbruch auch auszugÄveise, v erb ote n .)
- Ein Besuch bei der Landwehr.
Ar m ee-O berko mm ando-Ost, 26. Scpt.
Rach d« Schlacht bei Tannenberg trafen wir die Landwehr zum erstenmal Hohenstein brannte; die glühenden Giebel der zerborstenen Häuf« drohten auf die Straße zu stürzen. In dem glimmenden Schutt lagen Russenleichen ver- kohll und noch schwelend. Wir standen bei einer kleinen weißen Bank, die eine Anlage am Ende des Städtchens ehemals geziert hatte. Da trafen wir die Landwehr. Sie wdr schon im Weiterrücken. „Wir haben den Dreck hier nämlich gestürmt", sagte mir ein brav« Sergeant, mit dem Daumen aus die flammende Stadt zeigend.
Damals habe ich von der samosen Haltung d« Landwehr gesprochen, die fünf Geschütze im Sturmangriff nahm und die nach der blutigen Arbeit so frisch und sest war wie es die aktive Truppe nur immer sein könnte.
Nun besuchten wir die Landwehrdivision auf rusiischem Boden. Exzellenz hatte die Freundlichkeit, uns zu empsangen.
Man hatte gewisse Vorstellungen von einem alten General, der die Landwehr führt und so führt, daß sie wie eine aktive Division verwandt werden kann. Meistens pflegen Wirllichkeit und Ideen nachher nicht recht zusammen zu stimmen; in diesem Fall gingen sie bis ins kleinste zusammen. Von dem festen Gesicht mit den lebendigen, scharfen blauen Augen bis zu dem schweren Stock in der rechten Hand, um die nicht mehr recht mitwollenden Gehwerkzeuge zu unterstützen, fehlte kein Zug, den man als dazu gehörig sich vorstellt.
„Das ist ordentlich, daß Sie einmal die Landwehr besuchen", meinte Exzellenz. „Die Leute verdienen es, daß man von ihnen spricht. Jetzt vier Tage hier im Biwak unter Marm, ab und zu russische Granaten. Verflucht kalte Nächte. Na und Hohenstein____"
„Wir waren dort, Exzellenz."
„Ra ja, wir haben fünf Geschütze genommen. Es war doch nicht unsere Schuld, daß es nicht achte wären. Weiß Gott, die Kerls hätten sie auch in einem miterobert...."
j£>a§ Gespräch kam auf das Gefecht bei Lyck am 10. und 1L September.
Die Landwehr sich«te den äuß«sten rechten Flügel. Sie war zwei Tage lang bis 60 Kilomet« marschiert, in Lyck sollt« sie Ruhetag haben. Es kamen Meldungen üb« anrückende russische Kräfte von Prosken. Man glaubte zunächst nicht daran, und die Kavallerie war ziemlich kaput, sie konnte nicht viel auslläre». Am 10. rückten russische Truppen, das sibirische Korps, über die Höhen.
Am 11. früh drangen sieben Kompagnien Landwehr durch ein lleines Wäldchen vor Lyck und nahmen Richtung auf die Hügel vor ihnen, die von unserer Artlllerie befeuert worden waren. Das übliche Bild: die Russen winkten mit den von weitem weißen Taschentüchern. Da stürmten die Kompagnien. Sie waren auch ziemlich begierig, welche von den Sibiriaken zu fangen. Die Gesellschaft hat wunderschöne hohe weiße Pelzmützen. Das war etwas ganz Neues! Also los! „Kartoffelsupp, Kartoffelsupp, den ganzen Tag Kartoffelsupp____ “
Kurz vor den Höhen aus ein paar Büschen, die auf den Stoppelfeldern standen, ftngen plötzlich vier russische Maschinengewehre an zu knattern. Es ging wie mit Bleiduschen über die stürmende Landwehr. Man mußte zurück, die Russen
stteßen vor. Im Schritt fuhr die deutsche Reservcbatterie in eine neue Ausnahmestellung.
!Jn Lyck an der Seengc steht ein hübsches weißes Haus; dort hielt Exzellenz Goltz. Die schweren 15-Zentimct«-Hau- bitzcn arbeiteten, und ein paar Schritt weiter promenierten die Lyckerinnen. „Die Sache stand etwas brenzlich", meinte der General, „aber man mußte doch «unfreundliches Gesicht machen."
Inzwischen waren Kräfte von d« anderen Brigade h«- angerufen worden. Nach d« Festung Lötzen hatte man nm Hilfe telephoniert. Als der Offizier am Sprecher ansing, den Befehl zu wiederholen, gab es einen hohen Ton im Apparat, der dann schwieg. Die Russen hatten die Leitung zerstört. Man wußte nid#», ob der Besehl richsig verstanden war, ob nicht. Eine eklige Spannung.
Man hatte richtig verstanden in Lötzen. Mit außerordentlich« Umsicht und Energie verlud man, was eben möglich war zu verladen. Um fünf Uhr, als die Sache ansing, verdammt kritisch zu werden, pftfs die erste Lokomotive in der Flanke, fast im Rücken der Russen. Es war ein regenschwerer Tag, man konnte nicht weit sehen. Der scharfe Pfiff flog wie mit Raubvogelschwingen über die Hügel.
Die Russen stutzten.
Sie waren fast eineinhalb Korps stark, aber sie dachten nicht mehr daran, bei Lyck durchzustoßen, sie dachten wie immer nur an den Augenblick. Die Kavallerie jagte in Karriere voran und im Laufschritt die Infanterie hinterdrein bis Prosken. Am andern Morgen, als die Landwehr meinte, jetzt beginnt der Tanz, waren die Russen nicht mehr da. Im Grunde waren sie tatsächlich vor dem Psifs ein« Lokomotive sortgelausen.
Natürlich keineswegs in der Ansführlichkeft wie hi« wurde so das Landwehr-Gefecht in Lyck besprochen. und nun liegen die Leute hier im russischen Dreck. Puppcnlnstig!. dabei. Seit vier Wochen haben sie keine Nachricht von zu Hmise. Gott, und Landwchrleute sind ja keine Jünglinge mehr! Familienvät«. Sehr viel Hamburg«. Sie haben nicht mal mehr Ziga«en!"
Es ist aus mit Forte aus Hamburg, aber warmes Zeug und Zigarren sollten für unsere herrliche, unnachahmliche Landwehr da sein. Bitte Hancbnrg und Berlin und ihr andern alle — namentlich Hamburgs Söhne sind ja hier — schickt mal der Landwehrdivision ordentlich Sttümpse, Rauchzeng und ein pcurr nette Dinge. Es muß doch eine helle Freude sein,, der Landwehr etwas schicken zu dürfen. Vielleicht kann bei der Gelegenheit der Feldpost etwas Dampf gemacht w«den. Woran es liegt, weiß ich nicht, ab« sie funktioniert üb«haupt nicht!
Exzellenz verabschiedete sich: „Also sorgen Sie für dir Landwehr. Wir haben's verdient." Wer die Landwehr gesehen hat, weiß, daß sie Sorge und Ruhm verdient hat, sie macht das H«z hell, diese deutsche Landwehr.
Rolf Brandt, Kriegsberichterstatter.
- - — - -■ ■ ---------- ■ '
Erlebnisse eines oftpreutzischen Mchllingr
werden uns aus Schweidnitz geschild«t:
.... Gumbinnen. In der Rocht vom 9. znm 10. August- als wir im besten Schlafe waren, Überfielen uns die Kosaken. Mit großem Spektakel holten sie uns aus den Betten, verlangten zu essen, zu trinken und zu rauchen. Sie sprachen ein gebrochenes Deutsch, das wir leiblich gut verstehen konnten. Nachdem sie das Verlangte bekommen hatten, wollten sie uns Jünglingen und den alten Männern an den Kragen, während sie die Frauen zunächst in Ruhe ließen. Ich ergriff das Notwendigste von meinen Sachen, was ich gerade zu packen bekam, warf es durch ein „ach dem Hose gehendes Fenster hinaus und kletterte nach. Meine Ersparnisse, bis auf das Gelb, das ich in der Tasche hatte, gingen verloren/ Ebenso mußten alle besseren Sachen, Wäsche usw. zurückblcibcn. Wir, eine Reihe von Flüchtlingen, denen es ebenso erging, versteckten uns im Walde, wo wir auch über Nacht blieben, sedew Augenblick befürchtend, daß uns das räuberische Gesindel entdecken würde. Kaum, daß wir uns das Notwendigste zuzuflüstern wagten. Die Nacht verlief schaudervoll. Ueberall sah man helles Feuer aulleuchten und HUferuse geguälter Benwhner drangen zu ims herüber. Zu helfen vermocht«! wir nicht. Bei Tagesanbruch verließen wir unser Versteck, die Kosaken waren vcrschwun-
Mechel«.
Mecheln. halbwegs zwischen Brüssel und Antwerpen gelegen, nunmehr van den deutschen Truppen genommen und besetzt «eben. Wenn einer ans dem Luftschiffe ans diese altberühmte ndt niederblickte, so würde er einen dichtgedrängten Häuserhaufen »cn, der im ganzen annährrnd ine Form eines dicken Eies hat. indum llefcn früher die Mauern, die heut in breite Boulevards rwandelt sind. Etwa in der Mitte bricht sich ein breiter Dovvel- rtz Raum durch das Gewirr von Straße». Sträßchen und Gallen, ° von hier aus, gleich den Fäden eines Spinnennetzes, nach allen nie» hin, vielfach sich krümmend, anslaufen. Oft würde der Luft- iffer aus seiner Höhe zwischen den hohen Häusern der Sttaßcn aller aufblitzen sehen: das ist das Wasser der schlachtberühmten ,le, die, in viele Anne geteilt, Mecheln durchstießt. Nicht weniger
5 35 Krücken führen über diese Flußarm«, und von vielen dieser nicken genießt man gar schöne Ausblicke. Stattlich« Türme ragen s der dichten Häusenoalle empor; der größte von ihnen aber, c Turm ber Kathedrale St, Romuald, der als ein Riese von
6 Meiern geplant war, blickt melancholisch als unvollendetes «I ans die Stadt nieder — es war noch nicht die Höhe von 0 Metern erreicht, als den Mechelnern die Kraft zum Weiter- n ansging.
All das würde der SegEr in den Lüften mit einem Mcke flössen. Was er aber am wenigsten sehen würde, das sind — enschen. Rege pullierendes Leben ist in Mecheln nur am Bahn- fr zu finden, den die Züge verschiedener belgischer .Hauptlinien rchbrcwsen. Sonst ist Mecheln eine wtr Stadt. Leer ist der örvße Platz", und nur, wenn das berühmte Glockenspiel aus - Romualds Turme im Wetteifer mit den anderen Türmen der cbt seine eigenartig er g rei f e n den Weisen erschallen läßt, dann nmeln sich zu diesem Feste, das alljährlich im Sommer statt- cdct, hier auf dem Grootcn Markt ein paar Tausend audäch- rer Zuhörer. Das Mecheln von heute ttägt das Gepräge einer istlichen Stadt. Es ist Belgiens kirchliche Hauptstadt, s es darauf verzichten mußte, fürder die Residenz des svani- en Statthalters z» sein, da ward hier gleichsam als Entschädigung s Erzbistum gestiftet mtb diesem das Primat über ganz Belgien rlieben. Aber die Denkmäler der Kunst, die Mecheln anziehend rcheu, stammen bereits aus älterer Zeit. Sie stammen aus der oßen Zeit der fteien Blüte der Stadt im Mittelalter, da hier s Gewerbsleben sich großartig entfaltete und die 17 Zünfte von ccheln an Reichtum, Macht und Ucbermut nnt einander wett
eifern. Ganz besonders waren es die Mechelner Leineweber, die dazumal die Köpfe gar hoch trugen; sie dursten es auch, denn nicht weniger als 3200 Werkstätten hatten sie in der Stadt und chrer llmgcbnng. Schließlich gingen sie soweit, daß sie mit den Waffen in der Hand die Obermacht in der Stadt zu erringen versuchten und dabei verspielten sic. Aber noch lange behielt die Leinwand- und Tucherzeugnng von Mecheln ihren Ruf.
Das waren die Tage der Gvttk, die erste Mtt^eft Mechelns. Die Epoche aber, an der die Erinnerungen der Mechelner vor allem hängen, das ist die Zeft der Margarete von Oesterreich, der sie ans dem Großen Matze auch ein Denkuml errichtet haben. Sie war hier groß geworden, sie liebte die. Stadit, sie residierte hier. Ihr Palast ist heute noch zu sehen; er steht iml Osten der Stadt, unwett der alteu Umwallung und dient heute als Justizvalast. Zum Tell zeigt er noch die Formen der spätgotischen Baukunst, die sich in Mecheln lange urtt Hartnäckigkeit erhalten haben, aber die jüngeren Telle des Gebäudes sind kunstgeschichllich als das Weste Beispiel der Renaissance in Belgien besonders interessant. Hier wohnte, hier regierte die von Goethe so fein geschll- derte Statthalterin, und später war der umfängliche Gebäude- komplex lange das Eigentum der Fcnnllic Granvella, Denn ein Granvella war der erste, der den erzbischöllichen Stuhl von Mecheln entnahm. Die Hauptkirchen der Stadt gehen alle aus die gvttsche Zett zurück, vor Wem die den Großen Matz beherrschende Kathedrale. Die Gebeine des helligen Romuald, die hier beigesetzt sind, übten ans die ftonrmen WWsahrer des Mittelalters eine gewaltige Wirkung; reichlich strömten rwrinne Spenden herbei, und so konnten die Mechelner den Plan einer Riesenkathettale fallen. Nicht weniger als 3870 Quadratmeter mißt die Fläche des Inneren, aber well, wie bereits bemerkt, der gewalttg geplante Turm nicht zur Vollendung gediehen ist. so wirkt das ungeheure Bauwerk doch gedrückt und massig. Und alles in allem genommen ist dieser Große Platz eine melancholische Stätte. Die Gegenwart schläft, und es ist nur die Vergangenhett und immer die Vergangeichett, von der die einstige Tuchhälle und von der die alte», hohen, oft fein gegliederten Giebelhäuser zu erzählen wissen.
Aber Mecheln besitzt doch verfchiedene Kostbarkeiten, die selbst llüchtigere Reisende veranlassen, hier einen Zug ja überspringen Das sind die beiden Meisterwerke des Rubens, die es hütet. Beides sind eigenhändige Schövinngen des Künstlers. Für den HochWar der spätgottschen JohannesArche hat er eine prächtige Anbetung der Könige und eine Reihe von Flügelbüdern urtt Motiven aus dem Leben des Johannes gemalt und im Chorunrgange der noch später entstandenen Liebsraucnüvche hängt sein kcrühn»-
ter Fischzug, den er 1618 für die Fischergllbe der Stadt gemalt und für den er 1600 Gulden Honorar erhalten hat. Was iür ein Feuer, was für ein Temperament, was für eine Lebensfülle ist hier aus ei» paar Quadratmeter Leinwand gebannt! Und nun tritt man wicker auf den Kirchplatz hinaus — schweigende Oede . . . . schlafende Häuser .... eine träumende Stadt ....
»
Paris als Riesenviehstall.
Paris hat sich diesmal gründlich ans die Belagerung vorbe- rettet, und besonders so reiche Nahrungsmtttelvorsorge getroffen, daß es als „Riesenviehstall" bezeichnet werden kann. Barzini, der Kriegsberichterstatter des „Corriere", der seinem Blatte sett einiger Zeit Schilderungen des Pariser Lebens während der Marneschlacht schickt, widmet diesem Riesenviehstall Paris darin einen längeren Abschnitt. Aus Wen Wiesen, in den Gehölzen, aus den Rennbahnen, überall sind große Viehherden vorhanden Die Ratten von Paris können ganz beruhigt fein, diesmal brauch«, sie nicht daran zu glauben. Wenn man sich den Viehherden von weitem nähmt, hört man ein solches Gebrüll, daß man glaubt, ans eine Mastviehausstellung zu kommen — überall weidet Meh, Longchcrmps, St. Clvud, St. Germain, die Parkanlagen, alles ist schwarz von Biehherden, und überall sieht man gewaltige Heuhaufen cwsgeschichtet. Was in und bei Paris ftülnr Rennbahn, Park und Wiese war, ist jetzt Viehweide und es riecht ganz ländlich nach dem sieben Vieh. Die Bevölkerung hat sich zum großen Teile dem cmgepaßt, denn das Vieh braucht viel Aussicht und Pflege, und wer in eine solche Riesenviehherde hineingerät, kann leicht glauben, er sei auf einem argentinischen Ranckw. Müßige Pariser kommen in Scharen zu den Viehherden, um sie anznschm und sich selbst davon M überzeugen, daß sie nicht werden hungern müssen, und andere, dir sich in den Dienst der QesieMlichkett gestellt haben, pflegen und bettenen das Bich. Alle möglichen Berufe haben die Pariser »erlaffen, nm zu Viehhitten und zu Viehsüttern zu werdeu. Angesehene Leute, sogar einer der angesehensten Rechtsanwälte von Paris, füttern getzt das Bieh. Und dennoch hat die Milttärbehördr in Daris für einen mtt der Vieh- vflege verbundenen Beruf bisher nicht aenng Hände beschcrffett können. 5 Franken bekommt man täglich, wenn man >cch aus? Melken versteht, und die Pariser Blätter, die noch erscheine», richten daher vielfach an ihre Leser die schicksasichwerr Frage: Können Sie melken?


