m. 209
Zweites Blatt
l64- Jahrgang
Erscheint täglich mit Ausnahme des Sonntag?.
Die ^»iehener Zamilleublätter" werden dem .Anzeiger" viermal wöchentlich beigelegt, da? „Kreisblatt für den Kreis Sietzen" zweimal wöchentlich. Die „Landwirtschastlichen Seitfragen" erscheinen monatlich zweimal.
Giehener Anzeiger
General-Anzeiger für Gberhejsen
Montag. 7. September J9J4
Rotationsdruck und Verlag der Vrühl'schen Unwersitäts - Buch- und Steindruckcrci.
R. Lange, Gieße,i.
Redaktion, Expedition und Druckerei: Schuk» straße 7. Expedition und Verlag: Redaktion:s^MI12. Tel.-Adr.:AnzeigerGießen.
Kriegsbriefe aus dem Osten.
Bon unserem zum Ostheere entsandten Kriegsberichterstatter.
(Unberechtigter Nachdruck, auch auszugsweise, verboten.)
Die vernichtende Niederlage der russischen Narcw - Armee.
Armee-Oberkommando Ost, 31. Aug.
Wie ich schon in meinem gestrigen Telegramm nach der Fahrt vom Schlachtfelde in Ergänzung der amtlichen Meldung berichten konnte, ist das Gros der russischen Narew-Ärmee in den Sümpfen und Wäldern aufgerie- beu, so daß sich kaum noch brößerc, völlig intakte Trup- peirkörper von ihr auch jenseits der deutschen Grenze halten dürften.
Der Kommandierende hat den Vorteil der inneren Linie dem numerisch überlegenen Feinde gegenüber mit aller Energie ausgenützt. Der heutige kühle Tag wird den Truppen die nötige Erholung geben, so daß mit freien und aufgefrischten Kräften die zweite russische Armee ausgenommen werden könnte.
Mit am heftigsten ging der Kampf um Hohen st ein, das von Granaten überschüttet wurde. Die russische Artillerie schoß ausgezeichnet in vollen Salven, die exakt wie unsere Jnsanteriesalvcn rollten, doch war die Wirkung der russischen Schrapnells mit der deutschen nicht zu vergleichen, da sie nur nach beiden Seiten streuen, während das deutsche Schrapnell einen gleichmäßigen, vernichtenden Eiscnregen niedersausen läßt.
Ae Wirkung ist furchtbar. Die deutsche Artillerie hatte rechts und links der Provinzstraßen nach Hohenstein in eiuigen Abständen Treffer gesetzt. Die Russen lagen da in den Stellungen, in denen sie sich eingraben wollten, oft so dicht, daß sie den Straßengraben bedeckten. Die Häude krumpften sich in den Boden, andere mit Kopfschüssen lagen neben dem Häufchen Erde, das sie eben mit ichnm lleinen Spaten zur Deckung aufgeworfen hatten, manche hatten sichtlich selbst iin Feuerregen begonnen, ihren Proviant zu verzehren. Der graue Straßenstaub lag gleichmäßig über allen, über den Gefallenen, über Mänteln, Uniformen, Gewehren, Tornistern, toten Pferden, die von der Hitze seltsam aufgetrieben waren. Er hüllte alles in eine gleiche Decke, so daß nur das scharfblickende Auge Einzelheiten sah. Die merkwürdig klein wirkenden Gefallenen hatten das gleiche Kleid wie die Landstraße und die Felder und die zerschossenen Bäume. Holzkreuze zeigten die Stellen, wo die Unsrigcn lagen.
Hohenstein nmß ein hübsches Städtchen gewesen sein. Jetzt war die Hauptstraße ein Trümmerhaufen, in dem noch die halbverbrannten Russenleichen lagen. Es muß hier ein erbitterter Kampf getobt haben, bis die Russen aus den Straßen geworfen wurden. Die toten llnsrigen hat man mit Tüchern bedeckt.
Reben Häusern, an denen die eisernen D-Träger wie Rohrstöckc gebogen sind, neben Häusern, bei denen selbst der Keller ausgebrannt ist, stehen andere, bei denen nicht eine Fensterscheibe auch nur einen Sprung hat. Fuchsien blühen hinter weißen, freundlichen Gardinen. Freilich, das Innere sieht anders aus als die beinahe heitere Außen- srortt. Die Russen wollen beweisen, daß sie Barbaren sind. Dieser Beweis gelingt ihnen immer.
Da Vieh treibt sich in den Gärten umher, auf dem schönen, alten Kirchhof grasen ein paar Kühe, lieberall muffeln kleine ostpreußische Schweine nach Nahrung.
Da erste Bild des Krieges macht stumm. Man hat kaum Lust, die Feder zu führen, während andere die Ku
geln sprechen lassen. Man schluckt das Grausen herunter wie einen Trank, der betäubt und der stumpf macht. Der Mensch ist glücklich angelegt von einer gütigen Natur, die ihm Eindrücke, die über sein Maß gehen, einfach nicht lange fassen läßt. Wie eine rettende Wand steht es zwischen unserem Fühlen und dem Grausen, das die Augen sehen.
Man spürt Hunger und Durst wie sonst auch, man ist dabei glücklich, wenn man ein paar Schnitten mit vorbeiziehenden Soldaten teilen kann.
Nach der ungeheuren Blutarbeit von drei Tagen sehen unsere Truppen frisch genug aus. Die Rcscrvebatterien, die mit ausgehobencn Pferden bespannt sind, machen einen Eindruck wie nach der Parade. Selbstverständlich sind Lücken, denn die Kämpfe waren blutig und verlustreich, aber der Gei st der Truppen hat keine Verluste erlitten. Da reiten Infanteristen auf erbeuteten Kosakenpferdchen vorüber, eine russische Zigarette im Munde. Da haben manche eine ganze Wirtschaft aus gewonnenen russischen Munitionswagen aufgetan. Eine russische Feldküche fährt vorüber. „Morgen gibt's russische Kohlsuppe für uns als Lohn für die vielen blauen Bohnen, die die Russen fressen dursten!" meint der wackere Sachse, der die Beute fährt. Die famosen Züge von Kameradschaftlichkeit und Humor, die wir von anno 70 wie ferne schöne Geschichten kennen, wiederholen sich und werden lebendig.
Die ruhige, fast humorvolle Uebcrlegenhcit ches deutschen Soldaten zeigt sich in tausend Zügen. Wenn die Kompagnien, die chie vielen Gefangenen bewachen, sich ihre Tornister von den Russen tragen lassen und die Gefangenen zum schnellen Lausen bringen mit dem Rat: „Lauft doch so fix wie gestern, als ihr ausrisset, da gings doch!" Oder wenn ein biederer Schlesier fortwährend sein „Pa- scholl!" ertönen läßt. „Ich Hab keine Zeit, ich muß nach Warschau!"
Es ist ein Glück, unsere Truppen im Felde zu sehen, ein Geschenk, von ihren Siegen und Taten berichten zu dürfen. Es gcht keine russische Armee, die ihnen auf di« Dauer widerstehen könnte.
Rudolf Brandt. Kriegsberichterstatter.
Kriegsbriefe aus dem westen.
Von unferm Kriegsberichterstatter.
(Unberechtigter Nachdruck, auch auszugsweise, verboten.)
In Franktirrurdörfcrn.
Großes H aupta uartier, 31. Aug. 1914.
Der belgische Gesandte bei einer neutralen Macht hat erklärt, die Deutschen hätten in friedlichen belgischen Dörfern so gehaust, daß er nicht anstehc, sie als die modernen Hunnen zu bezeichnen. Mir haben, das sehen wir in der Stunde der Not, recht wenig Freunde in der Well, und wenn wir auch jetzt in unserer unaufhaltsamen Siegesbahn wenig darnach fragen, was sie draußen über uns sagen und schreiben, so ist doch heute schon vorauszusehen, gegen welche Sintflut von Verleumdungen wir nach diesem Kriege werden kämpfen müssen. Wer die Presse der neutralen und selbst der uns vielleicht am freundlichsten gesonnenen Länder in die Hand nimmt, wer Gelegenheit hat, wie wir hier im Hauptquartier, amerikanische, italienische, schweizer, selbst skandinavische und holländische Blätter auf ihr Verhalten bei unseren Siegen zu prüfen, der sieht, wie sehr in den Friedenszeiten der rechtzeitige Ausbau unseres Nachrichtendienstes vernachlässigt worden ist. Die Heereslellung hat diesen Fehler sosort erkannt und bald nach Beginn der Mobilmachung dafür gesorgt, daß unsere Presse und unsere Nachrichten nach Mvgv lichkeit in das neutrale Ausland gelangten. Aber jedem, der
das internationale Nachrichtenwesen kennt, ist cs klar, daß selbst eine so potenzierte Energie wie unser großer Gencral- stab nicht in wenigen Tagen gut machen kann, was in Jahren verabsäumt worden ist, und daß es auch nicht die Aufgabe der Heeresleitung ist, unseren Nachrichtendienst so zu gestalten, wie es dem Gewichte der Stimme entspricht, mit der wir in der Weltgeschichte mitzuredcn haben. Darüber wird, möglicherweise im Anschluß an die Kriegsbcrichterstattung, wie über manche andere Lehre der Stunde, wo es wieder ernst ward in der Welt, nach dem Friedensschlüsse manches zu sagen sein.
Einstweilen sehen wir jedenfalls, daß wir mit unseren Nachrichten auch im neutralen Auslände nicht durchdringen gegen den Schwindeltrust, den die in Händen der gegen uns Krieg führenden Mächte besindlichen ausländischen Tele- graphcnagenturen darstellen. Durch die ganze Well wird ein Schrei der Entrüstung provoziert über die angebliche Grausamkeit der deutschen Kriegssührung. Die Einzelheiten, die über unsere Soldaten berichtet ivcrdcn, erspare ich niir wie- dcrzugeben. Sie sind zu lächerlich, zu pervers; aber in allen Ländern, wo die Presse durch die englischen und französischen Nachrichienbureaus gespeist loird, hallt das Entsetzen über die deutsche Barbarei wieder. Da ist cs für den, der als Kriegsberichterstatter aus eigenem Augenschein reden kann, doppelte Pflicht, zu berichten, wäs er gesehen hat und was er vor der geschichtlichen Wahrheit verantworten kann.
Ich bin nun tagelang in den schlimmsten belgischen und französischen Franktircurgegenden ge- ivesen. Mein erster Eindruck von den Schrecken des Krieges heißt Battice, aus dem Wege von Aachen nach Lüttichs wv tagelang Kämpfe zwischen unseren Soldaten und Franktireurs gewütet haben und wo man heute, statt durch ein blühendes Dorf mit sauberen Häusern und schmucken Billen, durch eine kilometerlange Straße von ausgebrannten Ruinen geht. Nicht das Grauen, nein, das Entsetzen, das unser Herz still stehen läßt, wohnt in diesen öden Fenstcrhlöhlen, aus denen vor wenigen Wochen noch, ehe den Engländern ihre große Kriegsverschwörung gegen unser Vaterland geglückt war, vielleicht frohes Lachen und muntere Lieder erklangen. Ich habe Bilder gesehen, an die ich denken werde, scstange ich lebe. Ich kam durch ein Dorf, das ganz ausgebrannt war und wo nur ein paar deutsche Landwehrmänner Wache standen, sonst war kein lebendes Wesen weit und breit zu sehen. Wer als ich an den Torbogen eines cingestürztcn Hauses kam, sah ich drin in dem Raume, der wohl das Wohnzimmer gewesen war, «ine weißhaarige Frau mit einem Küchcn-- messer in den verkohlten Trümmern wühlen. Ich ries sie an. Sie hörte mich nicht. Ihr Gesicht war grauer Stein und) ihre Äugen waren tot und starr. So wühlte sie, als ob die glimmenden Blöcke und eilt gestürzten Quadern sich mit dem alten Messer wegwälzen ließen, um das freizugeben, was unter diesem Brandgrabe verschüttet lag. In einem von den Flammen versengten Vorgarten kauerte eine Frau in schwarzen Kleidern und weinte, weinte. Ich habe an manchem offenen Kirchhossgrabe gestanden, aber ich habe nie einen Menschen so weinen hören. Ich werde den »lang in den Ohren behalten als eines der furchtbarsten Erlebnisse meines Erdenwallens. Tut einem doch das .Herz schon weh bei mancher kleinen Beobachtung an verlorenen, Hab und Grit. Im Oberstock eines Hauses hat die Glut alles zerstört, aber vn einer Stelle hängt an der rauchgeschwärzten Wand die verblaßte Photographie einer wohl lange verstorbenen Frau. Aus schwelendem Schutt ragt umgestürzt eine neue blaulackierte Kinderbettstelle, noch angefüllt mit den angesengten Kissen. Wer selbst daheim ein Kind in, schneeigen Bettchen liegen hat. . .
Fluch und dreimal Fluck, über die, die dicseö Elend hcr- aufbeschworen haben! Es gibt im Diesseits keine Strafe, die ihre Uebeltat büßen lassen kann, lind wenn sie nun unsere braven deutschen Krieger auch noch als die Urheber der Verwüstung verleumden, so wiegt diese neue Schandtat, so gemein sie ist, nicht mehr viel im Vergleich zu den anderen.
Zwischen Reims und Verdun.
Es ist nicht das echte Mal, daß die Champagne entscheidende Schlachten deutscher Heere gesehen hat. In der Gegend, die jetzt der Schauplatz eines großen deutschen Sieges >oar, hat 1792 der Feldzug geendet, den Goethe mitgemacht und beschcheben hat: vor gerade 100 Jahren haben Blüchers Heere hier ihre großen Früh- tahrSschlachten gchchlagen, und auch im Jahre 1870 hat die Champagne eine Rolle gespielt; zwar haben nicht größere Schlachten in ihr slaltgefundcu, wohl ober batte das Hanptauartter die Stadl Reims zum Sitze erkoren. Unsere siegreichen Truppen kommen jetzt von den schönen Ardennen und den unendlichen Wiesen deS MaaSdtleS her, vom Norden und vom Osten in die Champagne. Sie haben das Stromgebiet des deutschen RhcineS verlassen, und in btnt Augenblicke, mo sic die Aisne und andere, dem Stromnetze der Seine zugehörige Fjüsse erreick>en, ändert sich die Landschaft: sic erreichen die als trostlos und öde verschriene Champagne: „ein seltsames Land, dessen undankbarer Kalkboden nur kümmerlich ausgestreute Ortschaften ernähren konnte", wie Goethe sichtreffend ausdrückt. Am reizvollsten iß das Land zwischen Reims und Verdun im Osten, denn die Wasserscheide zwischen Maas und Msne. der Argonner Wald, ist ein hübsches, im Westen von der Aire durchströmtcs Bergland voll steiler Schluchten, tiefer Täler und jäher Mhänge. In diesem Grenzgebiet der Champagne gegen Lothringen gibt es noch Fabriken, z. V. eine Phosphat-Industrie und inGrandvre am nördlichsten Punkte der Aire auch Hochöfen. Wenn man dem Flußlaufe auswärts folgt, wird das Tal immer malerischer, und schließlich konnnt nach B a r-e n n c f, einem kleinen Dorse mit einem bekannten Namen: hier har die Flucht Ludwigs XVI. ihr Ende gefunden. Lange nicht so anziehend wie die Aire ist die Aisne in ihrem Oberläufe: zwar empfängt sie von der rechten Seite rauschende Gießbäche, zwar ziehen sich an ihren Ufern grüne, bebaute Kulturflächen entlang, auch baut man einen allenfalls trinkbaren Wein, aber ichön kann man den Flußlauf eigentlich nicht nennen. In der Nähe seiner User stnd Sümpfe und Teiche, und daher sind viele der Ortschaften nicht am Flusse selbst, sondern ein Stück davon gekegen.
Im Oberläufe ist die Aisne noch ziemlich krümmungSreich; ort Wittellanie verbreitert sie sich, und je weiter man irch ihrer Mündung in die Oise nähert, desto langweiliger wird ihr Lauf. Die Ortschaften an der Aisne sind alle nicht besonders groß: auch Rethel kam Mittelläufe) wo unsere Truppen den Fluß anschei- neich^zuerst erreicht haben, ist ein mäßig großer Fabrikort, der ieft Jahren an Größe abnimmt, während Reims zusehends an Bewirtung gewinnt. Hier ist die Flußlondschait einigermaßen malerisch mit der eigentlichen Champagne verglichen, denn hier liegen am Nvrduser noch Hügel, von denen aus man fern im Norden daS Hügelland der Picardie erblicken kann. Ein wenig stußaus-
wärts liegt Attignv , eine gegenwärtig ganz Unbedeutende kleine Stadt, deren ganzer Stolz ihre ruhmreiche Vergangenheft ist. Zur Zeit der Merowinger hat Attigny nämlich eine gewisse Rolle gespielt: für die Merowinger war es eine Art .Hauptort, und da, wo jetzt Fabriken stehen, sollen einst königliche Paläste gestanden haben, ja man hat sogar ein Hans Karls des Großen und an verschiedenen Punkten der Stadt behaupten Brouzetaseln, daß hier Chilperich gestorben sei, daß da die Taufe Wittekinds stattgefunden habe, daß dort die Sachsen vor Karl dem Großen gestanden hätten. Ganz am Oberläufe der Aisne, nur wenig südlich von der Linie Verdun-Reims, liegt Sainte-Menehould, ein großer, sauberer Ort, der als Eisenbahnknotenpunkt eine Rolle spielt, von dem aus die historische Stätte V a l m y zu erreichen ist.
In wenigen Minuten gelangt man, mit der Eisenbahn srst genau westlich- fahrend, nach Valmy. Auf dem historischen Hügel von Valmstchat zur Zeit der berühmten Kanonade eine Mühle gestanden, sie ist nicht mehr vorhanden. Aber man hat eine Pyramide errichtet, unket der das Herz .Kellermanns ruhen soll und seit einigen Jahren ist dem Feldherrn auch ein Denkmal gesetzt, an dem die berühmten Wort«, die Goethe bei Valmv sprach, in französischer Sprache zu lesen sind: de ce lieu et de ce iour date une nouvelle cpoguc dans I'histoirc du munde. Von diesem einstigen Windmühlenhügel aus erblickt mau im Norden, Westen und Süden das, was die Franzosen sehr treffend als „Lausc-Cham- pagnc" (Champagne Pouilleuie bezeichnen. Es ist eine trostlose steppenartige Kreidelandschasr aus lauter mäßigen Hügeln bestehend, eine unendlich gewellte Ebene, öle aussieht, „als ob die Wellen des schwach bewegten Meeres sftl: abgeflacht hätten und erstarrt wären," nie Duruy sagt. Der Pslanzenwuchs ist durstig: das Land ist nicht etwa wegen maugeluden Regens, sondern wegen der Art des Bodens, vollkommen trocken; am östlichen Rande, in der sogenannten „nassen Champagne" im Gegensatz zu dieser „trockenen" besteht der Untergrund aus Ton, sodaß das Regem- wasser nicht versickern kann: hier dagegen verschwindet es rasch, und so erklärt cs sich, daß bei trockenem Wetter jeder Windstoß Staub auswirbelt und daß man aus weiter Ferne die.Hammelherden an den gewaltigen Staubwolken erkennt, die über ihnen schweben. Ganz so kümmerlich, wie die Kriegsteilnelnner zur Zett der Be- steiungskriegc die „Lause-Champogne" schilderten, ist sie übrigens nicht mehr, denn man hat an vielen Orten erfolgreiche Ausfor- stungsarbciten -mit Nadel hölzern' ausgesührt, außerdem erzielt man mit Hilfe von Kunstdünger an verschiedenen Stellen ganz gute Ernten. Vollstäudtg unfruchtbar ist das Champagnerlaud in der Gegend der historischen katalaumschen Felder beiChalons: etti fruchtbarer Sirenen dagegen zieht sich an den Usern des Surppe von Südostcn nach Nordwesten hindurch. Wenn man von den Ufern der Strippe weiter wesllich geht, ändert sich die Landschaft allmählich,, Ter Boden wird bester, um» stützt aux-angcbante .Felder,
nördlich von Reims baut man Korn, ja sogar Rüben, der Kreideboden wird allmählich anders, weniger durchlässig und kurz, ehe Wan die Linie Reims-Evernay kreuzt, schieben sich höhere Hügel in die „Lausc-Champagnc": dies sind die Ansläuter der berühmten Champagner-Weinberge, die hier beginnen. Weiter westlich steigen sie allmählich an, und zwischen Reims und Epernay lugt einer der berühmtesten Weinberge, dessen einzelne Hänge Champagner-Kennern wohlbekannt sind.
— Schlüter in Petersburg. Da der Zar seiner Hauptstadt Petersburg einen slaivischcu Namen gegeben hat, verdient wohl daran erinnert zu werden, daß dieses „Amsterdam an der Newa", durch das Peter der Große „ein Fenster schassen wollte, das nach Europa hinausschaut", bei seiner Entstehung Deutschen sehr viel verdankt und daß einer der größten deutschen Meister, Andreas Schlüter, bei dem-Bau von Petersburg eine wichtige Tätig- keit entsaltet hat. Ws seiner Reise nach Deutschland 1712 sicherte sich der geniale russische Selbstherrscher auch die Arbeitskraft des Berliner Baumeisters für die Ausführung seiner großartigen Pläne. Nur kurze Zeit hat Schlüter in Petersburg gewirkt, aber, ,vie der Reiseschriststeller Peter Heinrich Bruce, der z„ dem Künstler in nähere Beziehung trat, berichtet, war er dort „mit Erbauung vieler Paläste, Häuser, Akademien, Manufakturen, Buchdruckereien usw." beschäftigt. Jedensals ist bedeutsam, daß bei der Anlage der neuen Stadt erst um die Zeit des Eintressens Schlüters ein erhöhtes künstlerisches Schassen begann. Bis dahin ivaren „wie Meisenkasten aneinander gebaut viele lleine Häuser ohne Ordnung zusammcn- gcstümpelt worden," wie ein zeitgenössischer Bericht sagt; diese .jHütten" bestanden aus Holz: die Axt des Zimmermannes wor das einzige Handwerkszeug, und die rohen Holzspänc sostien leicht Feuer. Ucberall brannte es, und den Zuschauern „schauderte oit die Haut", wenn sie den Kaiser selbst aus brennenden Dächern arbeiten sahen. Erst in jener Periode, in der Schlüters lätigfeit beim Bau von Petersburg beginnt, ging man dazu über, Steinhäuser zu errichten, und obwohl man nichts Destttirmles von dem Bauten S.l-Iütcrs w.ntz, so ist dock, anzunehmcn, datzso manche wichtige Architekt,mr-erfe u. mit Teil des Gesamtplans aus seine geniale Hand zurückgcht Bruce erzählt, der Kaiser wäre pst bei Schlüter gewesen und habe sich seine Pläne und Arbeiten angesehen An Peters eigenster Schöpfung, dem Sommerpalais, hat der deutsche Meister wichtigen Anteil gehabt: er Wuiwe in eine», veachttwllen Barockstil ausgesührt, und ebenso werden das Winierpalais und das Palais Avraxin wohl ans Schlüter zurückzusüliren sein. All diese Bauten, die die kecke, formenreichc deutsche Kunst an der Newa einbürgerten, sind dann wieder persibwunden und haben dem öden Klassizismus französischer Architekten Platz gemacht, den die späteren russischen Kaiser augenscheinlich vorzogen. Auch bol der Schöpfung der Madame der.Wttscnschcftte« ist Schlüter tätig gewesen und ivahr-


