Besoisstenhnt hÄvahren und nur dnnn Eingreifen, wenn lAefahr droht.
Das Wolfs-Bureau veröffentlicht aus amtlicher Feder Noch nachstehende Ausführungen:
Wie amtlich mitgetcilt würbe. gehört das Aufgebot des Land sturm-? zu den ntanmähigen, von der allgemeinen Mobilmachung untrennbaren Matznahmen. Sein Zweck ist in erster Linie, die stinnlickien zur Berlvendnng im Felde geeigneten Kräfte für die Einstellung in mobile Fornurtioncn frei zu machen. Das geht natürlich nur, wenn man ihnen den weniger anstrengenden, aber gleicknn'iil unentbehrlichen inilitärischcn Dienst im Heimat- gebiete abnimmt und andere Leute mit ihm betraut. In den von dem Feinde zunächst bedrohten Gebieten must das schon sehr frühzeitig geschehen, denn hier kommt es darauf an, so schnell wie möglich Schutzmaßregeln gegen feindliche EinbruchSveriuche zu treffen, bannt nickst nur das Leben und Eigentum der Landescinwobner, sondern auch ein ungestörter Verlauf der Dddbilmachung und des Aufmarsches gesichert wird. Gegenüber diesen dringenden militärischen Ersordcrnifjcn must die Rücksicht auf v o l k s w i r t s ch a f t l i ch e Interessen in den Hintergrund treten. Wer sonst noch ivafsensähig ist, must sich an dem Schutz der gerade in jenen Gebieten besonders bedrohten Vcrkchrseinrichtungen und sonstigen militärisch nnchtigcn Bauten und Vorräte beteiligen. Es ist aber klar, daß man eine derartige Maßregel, die den bürgerlichen Berufen so plötzlich gerade die besten Arbeitskräfte entzieht und dadurch große wirtschaftliche Nachteile verursacht, so lange wie möglich aufzuschieben sucht. Darin liegt auch der Grund dafür, daß die inner preußischen Provinzen länger von ihr verschont geblieben sind als die übrigen, wo es nach dchn oben Gesagten nickt möglich war, »aS Aufgebot des Landsturmes in einen späteren Abschnitt der Mobilmachung zu verlegen. In den inneren Provinzen konnte man die auf die Schonung der nürtschcrstlichen Interessen abzielende Rücksicht auch schon deshalb verantivorten, weil es eine Reihe von Tagen erfordinie, bis die mobilen Truppen in die Aufmarschgebiete abgeslosscn waren, und weil sie daher viel länger ccks in dem Grenzbezirken zur Verwendung blieben sür Zwecke, die ihrer ganzen Natur nach Sache des Landsturnies sind. Dieser Zeitabschnitt nähert sich jetzt scinenr Ende, und deshalb must die Ablösung des noch im Landinnern vorhandenen Restes von mobilen Formationen durch solche des Landsturines cingelertct werden. Uebrigens bedeutet das Aufgebot des Landsturmes durcharrs noch nicht die Einstellung sämtlicher Landsttrrmpslichttger in militärische Formationen. Man will zunächst Gelmehr nur einen Ucberblick über die Zahl der verfügbaren Mannschaften gewinnen, die ja bekanntlich in Friedenszeücn keiner militärischen Kontrolle unterliegen. Die Einberufung wird erst nach Bedarf unter Berücksichtigung aller wirklich dringenden Interessen von Landwirtschaft, Handel und Gewerbe erfolgen und mit der j ü n g st e n Iahresklasse beginnen. Niemand braucht also seine bürgerliche Berufstätigkeit auszugeben oder seine Stellung zn kündigen, bevor ibm ein besonderer Stellungsbefehl zugeh!.
Aus alledem geht hervor, daß es völlig unbegründet wäre, wenn ängstliche Naturen etwa aus der Ausdehnimg des Land- sturmaufgcboteS auf 'das gesamte Reichsgebiet den Schluß ziehen wollten, daß die militärische Gesamtlage weniger günstig geworden wäre. Mit den Vorgängen im Operationsgebiet hat das Laiidsturmaufgebot unmittelbar nichts zu tun. Es ist vielmehr, wie nochmals wiederholt sei, nichts weiter als ein planmäßiges, schon in der Friedensvvrbcrertung von langer Hand vorgesehenes Mittel, um in dem Kampf um Sein oder Nichtsein die völlig selbstverständliche Ausnutzung der gesamten Wehrkraft des Volkes zur Niederwerfung unserer Feinde durchzusehcn.
Der Bater und sechs Söhne bei einem Truppenteil.
General der Kavallerie z. D. Kleist, der von 1892 bis 1895 das 3. Ulanen-Regiment sühtte und seit dem Jahre 1909 ß In suite des Regiments steht, hat sechs Söhne. Die drei ältesten dienen, bezw. dienten in demselben Regiment, der vierte und fünfte traten als Kriegsfreiwillige ein. Der sechste trägt als Brigadeadiutant auch nock die Ulanka. General von Kleist stellt sich der Militärbehörde ebenfalls wieder zur Verfügung.
Ein Gnadenerlaß des Kaisers für Fremdenlegion«»«.
Berlin, 16 . Auq. Das „Armee-Verordnungsblatt"
veröffentlicht folgenden (Äradcnerlaß des Kaisers vom
12. August:
Ich will, sofern nicht das Begnadigungsrecht einem der hohen Bundcssürsteii zusteht, denjenigen Fremdenlegionären deutscher Abstammung, die sich der Fahnenflucht f§ 69 M. St. G.l oder der Wehrpftichtoerletzung (§ 140 R. St. ®.) schuldig gemacht haben, hinsichtlich der verwirkten Freiheits- und Ehrenstrase die Begnadigung in Aussicht stellen, wenn sie während des gegenwärtigen Krieges, spätestens aber innerhalb dreier Monate vom heutigen Tage ab gerechnet, sich bei einem deutschen Truvven- oder Marineteil, einem deutschen Kriegsschiff, einem deutschen Konsulat oder einem deutschen Schutzgebiet zum Dienst melden. Ausgeschlossen von dieser Gnadenerweisung bleiben diejenigen, die zü Zuchthausstrafe verurteilt oder auf Grund eines gerichtlichen Urteils aus dem Heere oder der Dlarine entfernt worden sind oder im gegenwärtigen Kriege gegen Deutschland gekämpft haben.
Die Neutralität der Niederlande.
Petersburg, 15. August. (Petersb. Telegr.-Agent.) Der niederländische Gesandte hat heute dem Minister des Aeustern eine schriftliche Erklärung überreicht, derzusolge entgegen den aus dem Ausland gekommenen Mitteilungen, die Neutralität der Mederlande nicht verletzt worden ist, und nach der die Regierung der Niederlande beschlossen hat, die Neutralität mährend der ganzen Dauer des gegenwärtigen Krieges aufrecht zu erhalten.
Wechsel des KriegsministcrS in Schweden.
Stockholm, 15. Aug. (W. B.) Der Staatsminister Ham- marskiöld reichte seine Entlassung als Kriegsmi.nl- st e r ein. Der Minister ohne Portefeuille, Oberst M o e r ck e, wurde zu seinem Nachfolger crnamrt. Hammarfflölo bleibt Ministerpräsident.
Belagerungszustand in Bulgarien.
Sofia, 16. Aug. (Agence Bulgare.) Das Amtsblatt veröffentlicht die Verhängung des Belagerungszustandes im Königreich.
Ein englischer Torpcdojägcr gesunken.
Amsterdam, 16. Aug. Der englische Torpedojäger „Dullsinch" stieß in der Nordsee infolge falschen Manö- vricrens mit dem holländischen Dampfer „Kinderdyk" zusammen. „Bullsinch" sank, ein Teil der Mannschaft ertrank. (Die „Dullsinch" gehört zu einer Klasse von Torpedobooten. die aus den Jahren 1895 bis 1901 stammen. Länge zwischen 64 und 69,3 m, Besatzung 60 bis 72 Mann.
Ein Bruch des Bölkcrrcchts durch Rußland.
Wien, 16. August. Durch die amerikanische Botschaft ist km Ministerium des Lleußern folgende Tatsache zur KennMis gebracht worden:
Am 13. August ist der österreichisch-tingarische V i z e k o n s u l H o f f i n g c r, der von dcni österreichisch-ungarischen Botschafter zun, Schicke des diplomatischen Archivs in Petersburg zurück- gelassen worden ,oar und für dessen Sicherheit das russische Aus- wärtige Amt ausdrücklich garanttcrt hatte, als Kriegsgefangener verhaftet worden. Der P r o t e st, den die amerikanische Botschaft, die bekanntlich in Rußland den Schick der österreichisch-ungarischen Interessen sür die Dauer des Krieges übernommen hat, gegen diesen eklatanten Bruch des Völkerrechts crnlegte, blieb ohne Erfolg. Die österreichisch-ungarische Regierung hat sich daher veranlaßt gesehen, diesen russischen Gewaltakt, dem
übrigens bereits die willkürliche Verhaftung des Botschaftskanzlei-
beamlen Lost er vorangegangen war, mit der völkerrechtlichen Waffe der Repressalie zu bekäinpftn und hat daher^ noch heute die Gefangennahme des rupischcn Kanzlcibeamten Stoltowsky, dem die diplomatischen Archivs der hiesigen russischen Botschaft an- vrrtraut waren, des russischen Botschaslsgeistlickien I a tub o ws ! y und des gegenwärtig sich in Budapest aushallenden früheren rufft- schen Konsuls in Serajewo von I g e l st r ö m verfügt.
Wien, 15. Aug. Die Blätter geben ihrer Entrüstung Ausdruck über den neuen Bruch des Völkerrechts, den Rußland begangen hat, indem es einen Beamten der österreichisch- ungarischen Botschast in Petersburg verhaften ließ. Sic veriveiscn darauf, daß diese Maßnahme in geradem Gegensatz zn der von Ocsterrcich-Ungarn und auch Deutschland abgegebenen und auch eingehaltenen Erklärung hinsichtlich der vollen Sicherheit fremder Staatsangehöriger stehe, und bedauern, daß Oesterreich-Ungarn infolge des Vorgehens der russischen Regierung Repressivmaßregeln ergreifen mußte.
Wien, 16. Aug. Ein ausländisches Blatt hat die aus Petersburg stammende Mitteilung gebracht, daß die österreichisch-ungarischen Truppen ber der Besetzung eines russischen Grenzortes einen 89 Jahre alten bcisitzenben Richter in ein Haus cingesperrt und dieses angezündet hätten, weil der Richter sich geweigert habe, sein Geld herauszugeben; der Mann fei lebendig verbrannt. Derartig« gehässige Lügen zu widerlegen ist nicht notwendig, da die ganze Welt weiß, wie in diesem Kriege Kultur und Barbarei verteilt sind. Wenn diese gehässige Ausstreuung wiedergegelum wird, so geschieht das nur, mn zu zeigen, mit welchen Ltgitationsnntteln die Gegner Oesterreich- Ungarns arbeiten. Ta sich die österreichisch-ungarische Armee in der Kriegsführung streng an die internationalen Gesetze und Gebräuche hält, werden die Verleumdungen künftighin überhaupt nicht registriert werden.
Die dänische Kolonie in Berlin.
Berlin, 16. Ang. Die heute nachmittag abgchaltenr Versammlung der dänischen Kolonie von Berlstn war sehr stark besucht. In einer kurzen Ansprache wurde den Teilnehmern dargelegt, in welcher Weise den hier ansässigen Dänen anheimgestellt lverden könne, zu zeigen, wie sie die genossene Freundschaft und Gastfreiheit würdigen. Eine größere Summe wurde an Ort und Stelle gesammelt, darunter waren Beiträge von 500 Mark. Bon einer Anzahl dänischer Arbeiter wurden sogar wöchentliche Beiträge von 5 Mark gezeichnet. Die Sammlung dauert fort. Eine größere Anzahl von Familien ist erbötig. Kinder, deren Väter im Felde sind, zu verpflegen. Eine einmütige Stimmung beseelte die Versammlung.
Der Magistrat von Ofenpest hat beschlossen, dem „Waitznerring" den Namen „Kaiser Wilhelm-Ring" und der „Parisergasse" den Namen „Berlinergasse" zu geben. Außerdem soll die „Serbengasst" in „Bulgarengasse" umgetauft werden.
Müssen Wehrpflichtige, die im Felde stehen, Steuern zahlen?
Es herrscht allgemein über die Steuerpflicht von Einberufenen große Unklarheit. Es sei deshalb folgendes bemerkt:
Da die Mobilmachung am 1. August nachmittags befohlen worden ist und die ersten Krieger am 2 . August ein« rückten, so müssen alle Wehrpflichtigen für den Monat Juli noch Staats- und Einkommensteuer zahlen, also V.i des Quartalbetrags. Soweit dies noch nicht geschehen ist, müssen die Angehörigen die Zahlung veranlassen. Die im Monat August zum Deere Einberufenen zahlen bis zur Entlassung vom Truppenkörper keine Steuern, auch ihre Ehefrauen nicht, soweit sie kein selbständiges Einkommen versteuerten. Wer für das laufende Quartal noch keine Steuern gezahlt hat, tue dies alsbald. Es genügt im allgemeinen, daß die An>- gehörigen die Erklärung abgeben, der Steuerpflichtige sei ein- berufen, sie zahlen alsdann nur den Juli-Anteil. Es ist gleich, ob der Wehrpflichtige Anfang, Mitte oder Ende August einberufen wird, sür August usw. entfällt jede Steuerpflicht, Während bei militärischen Uebungen nur die Staatssteuev sortsiel, die Kommunalsteuer aber sortzuzahlen war, fällt im Kriki,. jede Steuerpflicht fort. Auch der Entlassungsmonat bleibt steuerfrei. Nach Friedensschluß tritt die Steuerpflicht auf Grund der alten Veranlagung in Kraft.
Des deutschen Mannes feste Burg.
O Deutschland, liebes Vaterland,
Jetzt greise slaik zur Wehre!
Vom Hochgebicg zum Nordseestrand Schütz Haus und Hos und Ehre.
Durch Luit, Land und Meer Ziel,« unser Feind daher,
Nuss', Bril' und Franzos —
Es treibt der Neid ihn blo? —
Kanu uns ins Aug' nicht schauen.
O Deutschland, liebes Vaterland,
Jetzt dar! kein Man» dir fehlen.
Mein Werkzeug wer! ick aus der Hand, Du mußt aui jeden zähle».
Wer jung iroh gespielt,
Nun mit der Büchs« zielt.
Labt die Hobelbank,
Jetzt beißt's: die Waffen blank,
Das Träumen hat ei» Ende.
O Deutschland, liebes Vaterland,
Mit Wott magst du es wagen, lind wär'n sie nne des MeeieS Saud, Du darist und sollst sie schlagen.
Gott nab guten Geist In unser Volk znmeist.
Durch böser Tage Leid Ward uns das Reich bereit,
Gott läßt es nicht zerbrechen.
Mit Gott wir wollenS greisen an;
Und ob auch viele sterben,
ES bleibt doch mancher deutsche Mann, Tie Kinder möaenS erben.
Cie mögen an nnS seh'n,
Wie deutsche Männer steh'»;
Und fliebt unser Blut,
Den Unser» kommls zugut.
Herr Gott, hils Weib und Kindern!
Zur Geschichte des Köitigrcidjs Belgien.
Ursprünglich war das heutige Königreich Belgien eine Provinz der Niederlande, nachdem es abwechselnd im Besitze des Hauses Habsburg. des Königreichs Spanien und Frankreichs gewesen war. Die Bereinigung mit Frankreich dauerte bi§ zum Sturz Napoleons I.. dann wurde Belgien aus Betreiben Englands durch den Londoner Vertrag mit Holland zum „Königreich der vereinigten Niederlande" vereint, dessen König Prinz Wilhelm von Oranien als Wilhelm I. wurde. Bald jedoch erwies sich der neugckbildete Staat als wenig lebensfähig.
Das heutige Königreich Holland und das jetzige Königreich Belgien waren in wirtschaftlicher rrnd kirllnreller Be
ziehung zu verschieden; Holland betrieb Schiffahrt undi> ixntdel und war protestantisch, Belgien betrieb Gewerbe und
Industrie und war katholisch, seiner ganzen geistigen Richtung nach auch durchaus französisch. Vor allem inuHte dtzs- halb schon die Einführung des Holländischen als Amtssprache große Unzufriedenheit erregen; auch fühlte sich Bcl - gien durch drückende Stenern und durch die Uäbernayme der großen holländischen Staatsschuld beeinträchtigt. Nach langen inneren Kümpfen brach endlich im Jächre 1830 der offene Aufsband aus; in der Brüsseler Oper bei Gelegenheit der Aufführung der Llnberschen Oper „Die Stumme von Portici", am 24. August 1830, wurde das Zeichen zur Rovo- lution gegeben. In Brüssel, der jetzigen Hauptstadt Belgiens, bildete sich eine vorläufige Regierung; ein Angriff der niederländischen Truppen auf die .Hauptstadt wurde nach viertägigem blutigen Kampfe zurückgeschlagen. Am 20. Dezember 1830 erkannte eine Konferenz der europäischen Großmächte in London die Selbständigkeit des befreiten Belgiens an und setzte die Grenzen der beiden Staaten fest. Zarny König des neuen Staates wurde am 4. Juni 1831 Prinz Leopold von Sachsen-Kvbnrg als König Leopold I. mit großer Mehrheit erwählt. Gleich im ersten Jahre seiner Regierung mußte er das Schwert gegen Holland ziehen, das sich noch immer nicht in den Verlust Belgiens finden konnte und die Beschlüsse der Londoner Konferenz für ungültig erklärt«. Wenn auch die Feindseligkeiten schon 1833 beigelegk wurden, war doch erst im Jahre 1842, nachdem Belgien sich zur Zahlung eines Beitrags zn den Ziitsen der holländischen StaatsschuM verpflichtet hatte, der äußere Bestand des Königreichs gesichert.
Am 10. Dezember 1865 starb König Leopolds I.; ihm folgte sein Sohn Leopold II. und diesem sein Nesse Albert Leopold. Dessen Gemahlin Elisabeth ist die Tochter des verstorbenen Herzogs und Blind enarztes Karl Theodor in Bayern und somrt eine Mchte des Kaisers Franz Josef von Oesterreich, da Kaiserin Elisabeth ein« Schwester des Herzogs Karl Theodor in Bayern war. Belgien, das sich immer mehr zum großartigen Industriestaat entwickelt hat, innß heute als der innerlich am wenigsten gefestigte! und einer Revolution am meisten ausgesetzte Staat ' Europas angesehen werden.
Paris nach der ersten Niederlage J8Z0.
Die ersten Schlachten in diesem Völkcrkriege sind geschlagen, die ersten deutschen Siege errungen. Wie wird Paris diese Nachrichten aufnehmcn? Wird es die Wahrheit über-- Haupt jetzt schon erfahren? Wir wissen es nicht. Aber der Blütenkranz von falschen Meldungen, der uns soeben bekannt wurde, läßt vermuten, daß die Pariser die Wahrheit vorerst nicht erfahren werden. Wie die Dinge sich dort abspielcnj mögen, davon kann man sich ein Bild machen, wenn man an die entsprechenden Ereignisse von 1870 denkt. Ein gewiß unverdächtiger Zeuge, wenn man das Bestmögliche von den Franzosen hören will, Emile Olli vier, hat in seinem großen Werk über die Geschichte des zweiten Kaiserreiches auf Grund seiner persönlichen Erlebnisse die Stimmung in Paris nach den ersten Niederlagen geschildert. Kaiserin Eugenic hatte schon in der Nacht des 4. August die Meldung erhalten, daß die Franzosen bei Weißenburg geschlagen seien, aber sic hatte sie erst um 11 Uhr morgens des anderen Tages den Ministern mitgeteilt. Die Oeffentlichkeit erfuhr von diesen Kämpfen nur durch eine sehr abgeschwächte und veränderte Meldung: „Drei Regimenter der Division des Generals Douap und eine Brigade leichter Kavallerie sind von sehr beträchtlichen Kräften bei Weißenburg angegriffen worden. Die Truppen haben während mehrerer Stunden den feindlichen Angriffen widerstanden und sich dann zurückgezogen."
Auch in dieser Fassung, die das Publikum im Unklaren ließ, war die Depesche geeignet, Beunruhigung hervorzurufen, und so drängte die Menge sich auf den Boulevards in einer furchtbaren Erregung. Lange Reihen von Fußgängern schoben sich aneinander vorüber, dazwischen standen Gruppen herum, in deren Mitte irgendein Redner möhr oder weniger falsche Nachrichten mitteilte. Man drängte sich an den Verkaufsständen der Zeitungen, dazwischen zogen wieder Trupps junger Leute, die zu ihren Regimentern gingen, vorüber, an chrer Spitze wurde eine Fahne getragen, Freunde und Bekannte gingen mit, und Kriegslieder wurden angestimmt, so daß die Stimmung immer erregter wurde. Während die Kaiserin nicht entmutigt schien und den Ministern, die ihr ihr Beileid bezeugen wollten, eine Stelle in der Bibel zeigte und sagte: „Nicht währ, läßt sich das nicht in einem günstigen Sinne ausdeuten?", stand Ollivier selbst ganz unter dem Druck schwerer Befürchtungen. Bon seinen Erlebnissen, während er sich zu Fuß nach den Tuilerien begab, erzählt er Folgendes: „An der Place de la Concorde traf ich auf Pferde, die kleine Fahnen aus ihren Köpfen trugen; ich sah empor und bemerkte, daß viele Häuser geflaggt hptten. Ich fühlte einen unbeschreiblichen Druck auf dem .Herzen., Ich hielt einen Borbcigehenden an und fragte ihn: „Warum diese Fahnen? Es gibt doch nichts Neues?" „O gewiß, mein Herr," antwortete der andere freudestrahlend, „man hat so« eben an der Börse die Nachricht von einem großen Sieg Mac Mahons angeschlagen. 25 000 Gefangene sind gemacht, und der Kronprinz ist darunter." Die Wirkung dieser gefälschten Depesche war unbeschreiblich. Im Augenblick war die Börse leer, die Menge zerstreute sich über die Straßen, um das Glück allen zu verkünden. Die Bravos, die Schreie, der Gesang der Marseillaise wurden mit Begeisterung ausgenommen, im Nu hatte sich die Neuigkeit über die Stadt verbreitet
und die Erregung war in ein Delirium umgcschlagen____
Ich schlug einen eiligeren Schritt ein; auf dem Bendome- Platz geriet ich in eine wild erregte Menge, die Wutschreie gegen die Regierung ausstieß, die kein Wo» sage und die Siegesnachricht verbergen wolle. Mit Mühe kam ich unerkannt hindurch. Aber kaum war ich im Ministerium, so hörte ich die Ruse der Menge: „Ans den Balkon, auf den Balkon". Ich trat hinaus und sagte mit schmerzerfüllter Stimme: „Die heule an der Börse angeschlagene Nachricht ist ein unwürdiges Manöver. Eine Untersuchung ist eingelcitct, um die zu bestrafen, die in einem so feierlichen Augenblick die öffentliche Ruhe stören, die die Regierung aufrecht erhalten hat. Die Regierung gibt allen Zeitungen unverzüglich die Nachrichten, die sie erhält. (Eine Stimme: „Zehn Stunden später!" Rufe: „Die Börse schließen!") Sie fordern von mir die Schließung der Börse. („Ja! ja!") Das ist eine sehr schwere Maßnahme, zu der sich die Regierung erst nach reiflicher Ucberlegung entschließen wird. Aber was ich Ihnen sagen kann, das ist. daß alle Bvrsichtsmaßrcgeln gclrofseit sind, damit sich nicht von neuem ein so skandalöser Vorfall wiederhole. Hier alle Neuigkeiten, die wir haben: „Der Marschall Mac-Mahon zieht seine Truppen zusammen, um die Schlappe wieder gut zu machen, die eine unserer Divisionen erlitten hat." Eilen Sie durch ganz Paris und sagen Si« überall, daß die Regierung alle bestiminlcn Nachrichten veröffentlichen wird. Wenn sie gut sind, werden wir sic Ihnen


