Nr. M
Der Stctzener Anzeiger
erscheint täglich, außer Sonntags. — Beitagen: viermal wöchentlich SiebenerFnmilienbtäUer: zwennat wöchentl.Xreir- dlctt für de« LreiL Stehen (Dienstag und Freitag); zweimal monatk. rand- wirtschafttichescttftNy«, Feriijprech - Asfchlüflc: kür die Redaktion 112, Verlag u. Expedition Sl Adresse iär'Depeschen: An zeig« r Httetzc». »nnakfi»« von Anzeigen tür die Tagesinunmer bis vormittags 8 Uhr.
Erstes Blatt
W. Jahrgang
Samstag, 15. August
Giehener Anzeiger
General-Anzeiger für Gberheffen
8otatio«-r»ck uni» Verlag -er vrühl'sch«« Uaiv.-Vuch- und §tem-ru«kerei R. Lange. Redaktion. Lrpedition und Druckerei: Schulstrahe 7. An^eigeüteN: h? Beck
Bezugspreis:
monatlich 75 P(„oierlel«
jährlich Mk. 2.20; durch Abhole- u. Zweigstellen »nonatlich 65 Ps.; durch diePost Mt. 2.— viertel« jährll ausjdjL Beslellg. Zeilenpreis: lokal 15 Ps, auswärts 20 Pfennig. Chesredakteur: A Goey. Verantwortlich für den polit. Teil: Aug. Goe?; für .Feuilleton^, .Vermischtes^ und.GerichlS- saal": Karl Neurath;
Die
Zeit der Vorbereitung.
aufopfernde .Hilfe wird erst beim Eintreffen der Kranken und Verwundeten geleistet >»erden müssen. Wen Neugier zur Verteilung von Gaben an die Bahnhöfe treibt, der bleibe lieber daheim. Glaubwürdige Augenzeugen versichern uns, das; es auch hier in GießenFvauen und Mädchen gilt, die bei ihrer Hilfeleistung den hohen Ernst der Sache vergessen haben. Es soll da initunter ein Absuchen der Wagen 2, Klasse stattgefunden haben, um in erster Linie den Offizieren die zarten Hände entgegenzustrecken und Enttäuschung in den Gesichtern zu zeigen, ivenn das Bemühen keinen Erfolg hatte. Wollen wir das Wort unseres Kaisers vergessen, daß wir jetzt alle Brüder sind, die einfachen Soldaten ebenso gut wie ihre Vorgesetzten^ Prüfe sich jede, ob sie so reinen Herzens der heiligen Sache dient wie die Jungfrau Jeanne d'Arc, die von sich sagen durfte: „Mich treibt nicht eitles, irdisches Verlangen." Wenn wir auch nicht aus dem blutigen Felde der Gefahr irns befinden, so tut cs uns doch not, daß wir des Geistes Ruf richtig verstehen.
Des Kaisers Dank.
Wie die „Stratzburger^Post" mitteilt, fand des Kaisers Anerkennung über den Sieg der Deutschen bei Mülhausen Ausdruck in folgendem Telegramm: An das Armeeoberkommando:
Dankbar unstrm Gott, der mit uns war, danke ich auch Ihren braven Truvven für den ersten Lieg. Sagen Sie allen beteiligten Truvven meinen kaiserlichen Dank, den chr oberster Kriegsherr Ihnen im Namen des Vaterlandes ausspricht. Wilhelm I. 8.
Das Oberkommando ließ folgendes Antwortielegramm an den Kaiser abgehen: Ans dieses Telegramm gibt es nur die eine Antwort: Seine Majestät der Kaiser Hurra!
Der Admiralöstab der Marine
gibt bekannt: Dem Admiralsstad gehen täglich Anregungen für unser« Seekriegsführung zu, welche zeigen, wie lebendig das Interesse für unsere Flotte im deutschen Volke ist. Bei der Fülle der Arbeit ist es lrider dem Admiralstab nnmög- lich, auf jede derartige Eingabe zu antworten. Tic Einsender dürfen sich jedoch versichert halten, daß die Anregungen ans fruchtbaren Boden fallen.
Tic beschleunigte Einsendung ausländischer Zeitungen
an die Sektion 3 8 des Großen Generalstabs in Berlin NW. 40 wird nach »vie vor mit besonderem Dank ent-, gegengenommen. Eine Rücksendung, die teilweise erbeten »vnrde, kann nicht stattfinden. Zeitungen, die älter als acht Tage sind, haben keinen Wert.
Deutsche Warnungen.
Die „Nordd. Allg. Ztg." teilt folgendes mit: Als deutschcWarnungenistanFrankreichundBel- gien durch Vermittelung einer neutralen Macht folgendes mitgeteilt worden:
1. der französischen Regierung: Meldungen der deutschen Truppen lassen erkennen, daß dem Völkerrecht zuwider in Frankreich ein Volkskrieg organisiert wird. In zahlreichen Fällen schossen Landeseinwohner unter dem Schutze bürgerlicher Kleidung heimtückisch auf deutsche Soldaten. Deutschland erhebt Einspruch gegen eine derartige
Kricgssührung, die dem Völkerrecht widerspricht. Die deutschen Truvven haben die Anweisung erhallen, jede feindselige Haltung der Landeseinwohner mit den fchärssten Maßregeln zu unterdrücken. Jeder Nichtsvldat, der Waffen iührt, jeder, der die deutschen rückwärtigen Verbindungen stört, Telegraphendrähte dnrchschncidct, Sprengungen vornimmt, kurz in irgendeiner Weise unberechtigt an der Kriegshandlungi teilnimmt, w i r d sofort st a n d r e ch t l i ch erschossen. Wenn die Kriegsführung hierdurch einen besonders schroffen Charakter annimmt, trifft Deutschland dafür nicht die Verantwortung. Frankreich trifft allein die Verantwortung für die Ströme von Blut, die sie kosten wird.
2. der belgischen Regierung: Die belgische Regierung hat Deutschlands aufrichtig gemeinte Anerbietungen zurückgewiescn. ihrem Lande die Schrecken des Krieges zu ersparen. Sic setzte dem deutschen, durch die Maßnahmen der Gegner Deutschlands gebotenen Einmarsch bewassneten Widerstand entgegen, sic hat den Krieg gewollt. Trotz den Note vom 8. August, in welcher die belgische Regierung mit- teilt, daß sie gemäß dem Äriegsgcbrauch den Krieg nur mit den uniformierten Mannschailcn sührcn werde, haben an den Kämpfen um Lüttich zahlreiche Truppen unter dem Schutze bürgerlicher Kleidung teiigcnommen. Sic schossen nicht nur auf die deutschen Trupven, sic erschlugen in grausamer Weise Verwundete und schossen A c r z t c nieder, die ihren Beruf erfüllten. Gleichzeitig verwüstete in Antwerpen der Pöbel deutsches Eigentum barbarisch, Frauen undKinder wurden in bestialischer Weise n i e - dergemetzelt. Teutschiand sordcrt vor der ganzen gesitteten Welt Rechenschaft für das Blut dieser Unschuldigen und für die jeder Zivilisation hohn sprechende Kriegführung Belgiens. Wenn der Krieg von nun ab einen grausamen Charakter annimmt, trägt Belgien daran die Schuld.
Um die deutschen Truppen vor der entfesselten Volks- leidensclzast zu schützen, wird von nun an jeder Nichtuni- formierte, der nicht durch deutlich erkennbare Abzeichen als zur Teilnahme am Kainpsc berechtigt bezeichnet ist, als außerhalb des Völkerrechts stehend behandelt iverden, wenn er sich am Kampfe beteiligt, die deutschen rückwärtigen Verbindungen stört, Telcgraphendrähtc dnrchschncioet, Sprengungen vornimmt, kurz in irgend einer Weise unberechtigt an der Kriegshandlung teilnimint. Er wird als Franctireur behandelt und sofort standrechtlich er- s ch o s s e n werden.
Eroberte Geschütze.
Berlin, l4. Ang. Vor dem Kaiserpalast in Straßburg i. E. stehen seit gestern die ersten 4, den Franzosen in der Schlacht bei Mülhausen abgenommenen Feldgeschütze, die von den Mannschaften unter dem Jubel der Bevölkerung cingebracht wurden. Ebenso stehen vor dem Generalkommando in Allcnstein vier eroberte russische Geschütze.
* . *
Die beschränkte Kaperei.
Es gibt Friedensverträge und Kriegsvcrträge, d. h. Vereinbarungen, die zwischen feindseligen Staaten während des Krieges abgeschlossen werden und bestimmte gegenseitige Bin- düngen erzielen. Ter Waffenstillstand z. B. ist ein Kriegs« vertrag. Ein solcher ist auch das Abkommen, das die deutichc
Wir müssen uns mft Geduld wappnen. ES ist selbstverständlich, daß jeder und jede Deutsche von Tag zu Tag mit klopfendem Herzen die neuesten Meldungen erwartet, aber wir dürfen nicht enttäuscht sein, >r»enn unsere Spannung, vorläufig iwch nicht befriedigt wird. ?luch beute sind keine Mellmngen von nennenswerten Ereignissen eiwgetroffen. lleber die Haltung Italiens braucht man nicht viel Worte zu machen; daß der italienische Botschafter in Berlin nach Rom gereist ist zu mündlichem Bortrag, daß ans der .ordern Seite der österreichische Botschafter in Rom wegen Krankheft nach Wien zurückgekehrt ist, das könnte müßigen Zeichendeutern wieder Anlaß zu allerlei Vermutungen geben. Wir wollen darauf verzichten, diese dürftigen Zeichen zu deuten, wollen auch den Schilderungen einiger Zeitungen über die Stimmung in Rom iricht zu viel Bedeutung beilegen. Es heißt auch hier: ruhig abwarten! Wenn unser deutscher Generalsdab, auf dessen Käachrichten wir fast aus- stiließlick» angewiesen sind, sich sehr kurz saßr und nach dem ^orbilde Moltkes in der Zeit der Vorbereitungen sich in Schweigen hüllt, so wollen wir dazu unsere Zufriedenheit anssprechen, und die strenge Geheimhaltung aller Bewegungen und Geschehnisse, die mit dem Aufmarsch der Heere zusammenhängen, ist ganz selbswerständt!ch. Die Weltgeschichte wird nicht gemacht, um neugierige Schwätzer zu befriedigen.
Diese Stunden der Vorbereitung großer Ereignisse sind dazu geschaffen, daß wir ein wenig znrückdenken und unser Deutschtum reinigen von allen Schlacken uird Unzierüen, die ihm noch anhängcn. Mit erfreulicher Frische hat sich bereits die Bewegung gegen die Fnftndtümelei und die Verunreinigung der deutschen Sprache mft ausländischen Brocken gellend gemacht. Erschütternde und schwere Erlebnisse läutern die Seele des Bettoffenen, hämmern seinen Charakter und lassen die Spreu vom Winde zerstteben. So müssen die jetzigen großen Zeiten auch in dem Leben unseres Volkes wirren, Manche lästige Spreu fliegt uns dabei aber nocb in die Augen. Da sind z. B. die betrübenden Vorgänge, die sich in Frankfurt bei der Einbringung französischer Kriegs- gesangenen ereignet haben. Nach den Berichten der dortigen Zeitungen hat ein Teil der holden Weiblichkeit dabei allen Anstand und allen Takt vergessen und sich schamlos an die Fremden heran ged rängt. Solche Elemente müssen derbster Zurechtweisung und allgemeiner Verachttmg überliefert werden. Das Frankfurter Generalkommando soll denn auch beabsichtigen, solche Personen der Polizei vorzuführen, da- mft ihre 'Namen in den Zeitungen veröffentlicht »verden.
Aber auch die weniger grassen Erscheinungen müssen beachtet werden. Es ist auch unwürdig, wenn man den gefangenen Franzosen mft zuviel Freundlichkeit und zuviel humanem Interesse begegnet. Man begnüge sich damit, den Behörden (Mb und Gaben zu überweisen: das Los der Gefangenen zu besümmen. ist Sache der zuständigen Stellen. Man lasse die gefangenen «heguer die Zeit ihrer Gefangenschaft mir Ar b e i t verkürzen und begegne ihnen, wenn nian sie überhaupt erblickt, kühl und gleichgültig. Wer im Publikum sich anders benimmt, der stellt seinem Charakter ein Armutszeugnis aus.
Tie hilfstätigkeit, die gleich bei der Mobilmachung eingesetzt hat, ist zu loben, aber sic muß im rechten Geiste verstanden und ausgesührt werden. Die schwierige und
wie die Preußen mit dem alten Fritze in den Krieg zogen.
Wenn unsere Feinde glaubten, der Schlachtenmut der Deutschen sei erswrben, so haben sie sich qeivaltig geirrt: ein schlachtenmuftges Volk waren die ollen Deutschen, »vie Tacitus sic kennen lernte, ein kriegerische- Volk waren sie zur Zeit deS alten Fritz. und genau io sind sie es noch heute: mit der gleichen Siegeszuversicht, mit dem gleichen Todesmutc ziehen sic dein Feinde entgegen. Etwas anders ging es zur Zeit des alten Fritz freilich zu, aber der Geist desj Heeres war dennoch derselbe, der er heute ist. v. Scharscnort hat in seinen Kulturbildern aus der Vergangenheit des altpreußischen Heeres, die bauptsächlich aus zeitgenössischen Quellen schöpfen, auch geschildert, wie der alte Fritz mit seinen Preußen in den Krieg zog.
Die Marsche waren lang und anstrengend und so suchte man sür die Autiminlcruna der Leute zu sorgen, so nahm ein Leutnant, als er merkte, daß seine Leute ansingen. marode zu iverden, den Feldwebel und noch drei Mann, die Violinen mitführten, auch einige sangeskundige Soldaten, nach vorn. Diese sftmmten ein plattdeutsches Hochzeitslied an und der erste Zug »mißte bei dem Schluß eines jeden Verses als Rundreim singen: hoho, hoho . . . Das wirkte überaus anregend. hieß cs vom Quartier Abschied nehmen, so gab es Tränen, damals »vie heute. „Jetzt wurde Marsch geschlagen", so heißt es in der Schilderung eines Abmarsches aus der Berliner Krausensttaßc im Jahre 1756: „Tränen von Bürgern und Soldatcnlveibern stoßen zu Dausen. Auch die Kricgsleute selber, die Landeskindcr nämlich, welche Weiber und Kinder zurückließen, waren ganz niedergeschlagen, voll Wehmut und Kummer: die Fremden jauchzten heimlich vor Freuden und riesen: endlich ist unser Erlösung da! Jeder war bebünbelt wie ein Esel, erst mir einem Degengurt umschnallt, dann die Patronenlasche über der Schulter mir einem fünf Zoll langen Ruinen. über die andere Achsel der Tornister mit Wäsche usw. bepackt: item der Habersack mit Brot unc> anderer Fourage gestopft. Hiernächsl mußte jeder noch ein Stück Feldgerär tragen: Flasche, Kessel, haken, oder so >vas, alles au Riemen: dann erst noch eine Flinte, auch an einem solchen. So waren wir alle fünfmjal kreuzweis über der Brust geicklosien, daß anfangs jeder glaubte unter solcher Last ersticken zu nui'ien. Dazu kam die enge, gepreßte Montur und eine solche hunbstagshitzc, daß mirs manchmal deuchte, üb geh' auf glühenden Kohlen. Wenn ich meiner Brust «in wenig Lust machte, kam ein Dampf heraus wie aus einem siedenden Kessel."
Wie vollzog sich damals der Aufmarsch? „Der König ließ die Armee treffenweise marichlerai, um i-derzeu zur .Schlachtordnung
übergehen zu können. Die Truppen formierten sich, wenn kein Zusanimentresfen mit dem Feinde zu betürchieu »var, in drei Kolonnen, an deren Spitze sich Zftnmcrlcute und Pontoniere bc fanden, um die Wege auszubessern. Tic Truppensahrzeuge folgten hinter den einzelnen Kolomten, »vährend der Artillcnetrain auf der Hauptstraße hinter der Armee seinen Platz Halle. Kein Offi- zier durfte seinen Zug, kein Soldat seine Rotte verlassen. In kurzer Zeit war die Kolonne gefechtsbereit." Eine ganz andere Rolle als heute, spielte zur Zeit des alten Fritz der „Troß". „Einem Obersten standen zu: eine Chaise mit zwei bis vier Pferden, außerdem ztvci Packkaleschen, sechs Packpserde oder Esel und vier Reitpferde. Einem Kavitaine, heißt es im Reglcuient, »vird „nichts inehr an Bagage imd Eonipage gut getan als ei» ftompagnic wagen, ein Wagen vor ihm, ein Brotwagen iind zwei Reitpferde." 2cm Subalternossizicr stand kein Wagen zur Verfügung, wohl aber „wird ihm ein Pack-Pferd und ein Pferd gut getan". Um sofort gegen die „Knechte" bei der Bagage einschreiten zu können, befand iich da der Generalgewaltige, d. h. der P r o s o ß , der ohne iveiterc Umstände Missetäter auiknüpien ließ. Die Koinvagnic konnte einen Marketender mit ins Feld nehmen, der einen Eid ablegeu mußte."
Einigen Soldatenweibcrn war gestattet, die Truppe zu begleiten: ihnen war auch erlaubt, zu Marketendern: sie wurden von dem Prosoß geführt. Unter den Packknechten, die alle gleiche Uniformen trugen, die aber durchaus von derjenigen der Sol daten verschieden war, gab cs tressliche Leute, die ihren Herren unschätzbare Dienste leisteten, da während der Schlacht und aut dem Marsche das Eigentuni ihres Offiziers ihnen allein anvertraul war. Es handelte sich dabei oft um recht bedeutende Werte. Die Offiziere bedurften daher zuverlässiger Lculc, denen cs auch nicht an Mut gebrach, den Kamp» mit feindlichen Panduren und hu- saren auszunebmen, die während der Schlacht mit Vorliebe bei der Bagage vorzusprechen pflegten Auf dem Marsche mußte alles gc- kauit iverden. Kein Offizier oder Soldat durste von dein Witte auch nur das geringste iordeni, wofür jeder Ossizicr „mit seiner Ehre repondieren" soll. Strenge Sttase traf den Zuwiderhandelnden. — Bielen Dorfbewohnern waren Soldaten ganz unbekannte Wesen, vor denen sie eine unbeschreibliche Furcht hatten. Hülsen erzählt, daß er seine Mahlzeiten mft dem Major entnahm und von seinem Wirte nicht» verlangte. Gleichwobl konnte er nicht Kindern, daß seine Wirtin ihm allstündlich zu effen anöol. „Dreimal hielt ich cs aus, bedankte mich sehr, und sagte ihr, daß ich sic bäte, mich in Ruhe zu lassen. Sie ging auch, aber schon nach einer Stunde war sie wieder da. Ick saß mft dem Rücken nach der Türe und las in einem Buche. Platsch, stand die Schüssel mit Sauerkraut und Schweinefleisch vor mir aus dcui Tische."
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— Die „Feuertaufe" der „W acht am R b c i lt". Schueckenburgers Lick» von der Wacht am Rhein, das 1840 aus Entrüstung über einen kecken Plan von Thiers entstand und damals nur das Echo schwungvoller Gegcnstrovlfcn erweckte, bat erst 1870 gleichsam seine „Feuertaufe" erhalte», indem cs aut den Flügeln der Vertonung .von Karl Wilhelm den deutschen Heeren rwranslog über Frankreichs Grenze», .heute, da der mannhafte Ernst und der immdcrvolle Zauber diese» deutschen Ge'änges seine Wiederauserstebung in Millionen Kehlen und Herzen erlebt, darf daran erinnert »verden, wie nnbekannt das Gedicht vor dem deutsch-französischen Kriege »var. wie es damals erst wieder entdeckt iverden innßte. Ein Beweis dafür ist die ergreifende Geschichte, die Prinz .Kraft zu hoftenlohc-Jngclfingen in seinen Le- benscrinnerungen davon erzählt, wie er zum ersten Male die „Wacht am Rhein" hörte, »nie er ihre Feuertaufe aut sranzösischem Boden insierlebte. Am 8. August 1870 lag das Gardckorp- bei Moranweiler: von den Biwatfenern der Truppen lünlc Heller Gesang durch den trüben regnerischen Abend. Ter Prinz ging zu einem der Feuer und fand dort die besten Sänger des 2. Garderegiments, die verschiedene Lieder mit großer Vollkommenheit vor- tnigen. „Auf meine Bitte sangen ffc auch die „Wacht am Rhein". Ich hatte so viel von diesem Liede reden, es aber nie vollständig singen hören, heute zum ersten Male auf französischem Boden, in dunkler Nacht am Biwakseucr, selbst die Wacht am Rhein mit- haltend, klang mir das Lied besonders schön und ergreifend. Malerisch saßen und lagen sie da, die ffmgcn Männer mit den sonnverbrannten Gesichtern, meist von schwarzen Bärten uinrahmt. Sie waren lustig und guter Tinge und freuten sich au> die kommenden Taten, den winkenden Ruhm. Ich merkte mir die Vorsänger, dankte und ging. Eli 'Tage später suchte ich das Biwak des Bataillons »vieder aut. 'Mau sang nicht. Ich fragte nach den Vorsängern. Es war keiner mehr am Leben. Wir hatten Tags zuvor die Schlackt von St. Privat geschlagen Seftdcm Imbe ich mehrere Jabrc hindurch die „Wacht am Rhein" nickt mehr hören können, ohne so tief beivegt zu werden, daß ich fürchten mußte, mich weich zu betragen, wie cs einen» Krieger nicht ziemt. Bei den ersten Tönen der Melodie sah ich dann den Dirigenten im Geiste vor inir sitzen, wie er mit kirschbrauncm Gesicht, sckivarzbrmincn, Vollbart und haar, mit Feldmütze und Mantel belleidet, leuchtenden Auges mit dem ausgestrcckten zweiten und dritten Finger der rechten Hand den Takt schlug, und dann horte ich seinen kräftigen und reinen Bariton, dann ober dachte ick daran, wie bald daraut sie alle unter der kühlen Erde lagen. Ja, der Krieg hat poetisch« Momente, aber die Poesie ist emc recht schauerliche." B.


