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Der Sietzener Anzeiger
erscheint täglich, außer Sonntags. - Beilagen: viermal wöchentlich GkhenerZamilienblätler;
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Erster Blatt
Jahrgang
ieheimAnzei
General-Anzeiger sür Oberhessen
Montag. IZ.Zuli fyU
Rotationrdrnck und Verlag der Srühl'schen Univ.Guch- und Steindruckerei 8. Sange.
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monatlrch75Ps.. vierteljährlich Wik. 2.20: durch Abhole- u. Zweigstellen tnonallich 05 Pf.; durch die Post Akk. 2.— viertel- jäbrl. ausschl. Bestellg. Zeilenpreis: lokal 15Ps^ ausivärts 20 Pfennig. Chefredakteur: A, Goetz. Perankivortlich sür de,» polit. Teil: Aug. Goeg: für .Fe»lilletou^. ,Ver- Mlschtes" und^Gercchls- faal": Narl Neurath; für .Stadt »mb Land":
— . _ .... . - . . ^» .fl » _ Kurl Bendt; für den
Redaktion, Expedition und vrnckerel: Schnlstratze 7. A„zc,ge,»eü: H. B-ck.
Die heutige Nummer umfaht 10 Seiten.
Eine Reichzarbeitslosenverficherung?
Vor zwei Wockfen hatte der Minister Frhr, tj. Bodmann in der badischen Kammer bei der Beantwortung eines Antrages, wonach die badische Regierung im Bundesrat aus eine rcichsgcsctzlichc Regelung der Arbeitslosenversicherung hinwirken solle, die überraschende Erklärung abgegeben, daß die Reichsrcgiernng hinsichtlich dieser Frage bereits aus dem Stadium der Ernxigungen hcrausgckommen und in das der Verhandlungen eingetreten sei. Unmittelbar darauf wurde dann noch berichtet, dah seitens der bayrischen Regierung bei der Reichsleitnng Schritte zur Herbeiführung einer reichsgesetzlichen Arbeitslosenversicherung unternommen worden seien.
Diese letztere Meldung ist jetzt von der amtlichen „Bayer, Staatsztg," glatt dementiert und zugleich hinzugxsügt worden, daß die bayerische Regierung die Einführung einer rcichsgesctzlichen Arbeitslosenversicherung nach wie vor ,Au4 mehrfach zwingenden Gründen zurzeit für undurchführbar" halte. Dieser Standpunkt stimmt, wie man aus wiederholten Kundgebungen weis;, durchaus überein mit dem der Reichsregierung, So hat der jetzige Reichskanzler und damalige Staatssekretär des Innern v, Bcthmann Hollwcg am 13, Noo, 1908, als die Regierung im Reichstage darüber interpelliert wurde, wie sie sich zur Frage der staatlichen Arbcitsloscnfiirsorge stelle, mit aller Entschiedenheit erklärt, dah ein Eingreifen des Reiches nicht zu erwarten sei. Er führte u. a. aus:
„Die Schwierigkeiten sind außerordentlich groß, z, B, bei der Kontrolle der Arbeitslosen, bei der Bemessung von Unterstützungen, der disserenziellcn Bebandlung der verschiedenen Arbeiterklassen, bei der Frage der Beiträge usw. Ich glaube nicht, daß diese Schwierigkeiten so überwunden werden können, daß wir jemals zu einer Arbeitslosenversicherung auf Reichskosten kommen werden,"
Denselben Standpunkt, wenn auch nicht mehr ganz so schroff, hat noch am 5. Dezember vorigen Jahres bei der Verhandlung einer erneuten Interpellation im Reichstage über die Frage der Arbeitslosenversicherung der jetzige Staatssekretär des Innern Tr, Delbrück vertreten. Er führte aus, die Dauptschwicrigkcit der Frage liege darin, daß der Arbeitsmarkt von den Organisationen der Arbeitgeber und Arbeitnehmer künstlich beeinflußt Ivcrde, und dah die staatliche Unterstützung der Gewertscbaften, weil diese Kanrpf- organisationen seien, Bedenken habe. Der Staatssekretär legt dann den Standpunkt der Regierung zu dieser Frage wie jolgi dar:
Eine obligatorische Arbeitslosenversicherung aller Arbeiter gebt schon deshalb nicht, weil die Tendenz zur Simulation sehr stark sein würde. Auch ist das Maß der Arbeitslosigkeit ganz verschieden. In der Landwirtschaft herrscht meist Arbeitermangcl, während die Industrie häusig Feierschichten einlegen muß. Es entstünde die Gc- sahr, daß ein Industrieller seinen Betrieb, wenn er unrentabel wäre, zeitweise schlösse und seinen Arbeitern sagte: Laßt euch setzt die Arbeitslosenversicherung auszahlen. Aus all diesen Gründen und solange keine zuverlässige Statistik vorliegt, ist eine staatliche Arbeitslosenversicherung ausgeschlossen. Sie kann auch nicht cingesührt werden, solange die Wirkung der Rcichsvcrsicherungs- ordnung noch nicht bekannt und die dadurch aufcrlegtcn Lasten noch nicht verdaut sind, Urcd endlich halte ich eine weitzügige Arbeitslosenversicherung so lange sür ausgeschlossen, bis wir nicht ein entwickeltes und organisch verbundenes Retz von Arbeitsnachweisen haben, , , England und Norwegen haben allerdings schon eine Arbeitslosenversicherung organisiert, aber wir wollen abwarte», wie sic sich bewährt. Wir können nach dem Gesagten jetzt nur dahin trachten, den Arbeitsnachweis möglichst auszuboucn
Am wesentlichsten bürsten sür unsere deutschen Verhältnisse das Vorgehen Englands und die Erfahrungen, die
man dort mir der Arbeitslosenversicherung mackst, sein. Das englische Gesetz vom 15, Juni 1912 sicht die Versicherung von zwei Klassen von Arbeitern vor, nämlich einmal die der sogenannten Saisonarbeiter, hauptsächlich das Baugewerbe, und zweitens die Arbeiter in der Schifssban- industrie, der Maschinenindusiric und den verwandten Zweigen, wobei cs sich im ganzen um etwa 2' _, Millionen Arbeiter handelt. In der Erkenntnis, daß diese staatliche Bcr- sicherung einen Sprung ins Dunkle bedeutet, hat man die Bestimmung vorgesehen, daß das Gesetz nach Ablauf von drei Jahren einer Revision zu unterziehen und gegebenenfalls den inzwischen gemachten Ersahrnngen gemäß geändert werden solle. Es ist daher begreiflich, wenn seitens der Rcichsrcgicrung der Ttondpunkl vertreten wird, daß man jedenfalls erst die Ergebnisse dieses Experiments ab- warten solle.
Im übrigen ging hie Auffassung in Deutschland bisher überwiegend bähen, daß gerade die Arbeitslosenversicherung wegen der mannigfachen, auch in der Dcsbrückschen Erklärung betonten Schwierigkeiten sich weit inehr sür eine Lösung durch die Gemeinden oder privativirtschaftliche Verbände als für eine staatliche oder reichsgesetzlickst Regelung eigne. Wenn es also auch zutrefsen wird, daß dies« Frage, wie der Minister v, Bodmann versicherte, in das Stadium der Verhandlungen unter den Bundesregierungen getreten ist, so spricht doch nicht nur die allergrößte Wahrscheinlichkeit, sondern es sprechen auch die Dclbrückschc Erilürung und das Dementi der „Bayerischen Staatszeitung" dafür, daß diese Verhandlungen abermals ein negatives Ergebnis zeitigen werden, nämlich das Ergebnis: Es müsse zunächst dcr Ausbau der paritätischen Arbeitsnachweise in die Hand genommen werden, ehe man überhaupt über die Frage, der Arbeitslosenversicherung ernstlich diskutieren könne.
Au; Albanien.
Syinpathiekundgebungen für den Fürsten.
Durazzo, 1l, Juli, 7 Uhr abends. Heute fand unter dem Vorsitze des Fürsten eine .große Versammlung von Notabeln statt, an welcher Prenk Bibdoda, Jsmael K e m a l und etwa 40 angesehene Vertreter aus Nord-, Mittel- und Südalbanien teilnahmcn. Einige Teilnehmer rieten dem Fürsten, sich ivegcn Entsendung fremder Hilfs truppen an die Mächte zu wenden, während die übrigen Teilnehmer sich dagegen oussprachen und ihre Stellungnahme dahin präzisierten, daß der Fürst sich darauf beschränken möge, von den Mächten die Garantie der in London festgesetzten Grenzen Albaniens zu verlangen. Bei dieser Gelegenheit kam es von verschiedenen Seiten zu Sympathiekundgebungen für den Fürsten, Am bemerkenswertesten sprach) sich in dieser Hinsicht Jssat Boljetinatz aus, der erklärte, obwohl der Fürst nicht aus unserer Wahl hervorgegangen ist, sondern uns von Europa bestimmt wurde, halten wir heutetreu zu ihm. Sollte sich der Fürst g^wungcn sehen, uns zu verlassen, so möge ein anderer das Mandat nicht übernehmen. Die Albaner sind nicht Kinder, mit denen gespielt werden kann. Am Schluß dcr Beratung folgte eine abermalige Sympathiekundgebung sür den Fürsten, Das Ergebnis der Beratung ivurde von allen Teilnehmern als überaus befriedigend bezeichnet, da »n ihrem Verlaufe die vollständige Uebcrcinstimmung zwischen den mohammedanischen und katholischen Teilnehmern zutage trat, ihren Fürsten zu stützen,
Kein rumänisches Wcrbegcld sür Albanien.
Berlin, 11, Juli, Hiesige Diplomaten bezeichnen die Meldung als unrichtig, daß die rumänische Regierung für
die Expedition eines 3000 Mann starken Freiwilligcnkorps nach Albanien das erforderliche Geld gegeben habe.
Durazzo, 11, Juli. Einer Meldung ans dem Süden zufolge rücken die Epiroten unaufhaltsam vor und haben bereits den Distrikt Skropar besetzt, Nach den Aussagen des heute hier cingetroffenen Präfekten von Ba- lona bestehen die vorrückenden Truppenteile aus regulären griechischen Mannschaften, Die Ausständischen verweigern ' die Auslieferung der in Albanien gesangencn holländischen Offiziere Bcrhnlst und Reimers so lange, dis ihre Forderungen erfüllt worden seien,
Durazzo, 12, Juli, Aus Balona wird gemeldet, daß die holländischen Lssiziere nach dcr Besetzung Koritzas durch die Pirolen am 9, Juli mit irur achtzig Mann nach Balona zurnckgekchrt sind, da die zweitausend Mann betragenden Regierungstruppen vor denr Feinde sich vollständig auslösten,
Amtsvcrzicht des Kricgsministcrs.
Durazzo, 12. Juli, Dcr Kriegsminister Mnfid Bey k>at gestern seine Demission überreicht. Sicherem VcrnclMen nach wird dcr Fürst morgen die Demission an- nehmen,
Turthan Pascha in Berlin.
Berlin, 12, Juli, Der gestern abend aus Petersburg hier cingctrofscne albanische Ministerpräsident Turkhan Pascha sagte einem Mitarbeiter der „Vossischen Zeitung", daß er voraussichtlich drei Tage in Berlin bleiben wolle und dann seine Weiterreise nach Paris sortsetzcn werde.
Die Angestellten als Verbraucher.
Die Lebenslage der Angestellten ivird cntsckstidend be- einflußt durch die Preise der notwendigen Lebensmittel, Müssen sic doch über 40 Prozent ihres Gehalts hingebcn für die Nahrungsausgabcn, Dazu kommen die Ausgaben für Wohnungsinietcn, die, ebenso wie die Ücklhrungsausgaben, gegebene Größen sind, die sich nur ganz unwesentlich verschieben lassen. Besonders die verheirateten Angestellten sind an diese gegebenen Größen gebusnden, die in ilxrem Haushaltplan eine überragende Stellung einnehmen, Tie „Bcr- bandsblätter" des Verbandes Deutscher Handlungsgehilfen zu Leipzig veranschaulichen dieses durch folgende Zahlen: Von 870 485 verheiratete» Angestellten, die eine Gesantt- JahresauSgabe von l 857 034 941,95 Mk. haben, entfallen auf Nahrungsmittel Mk, 829859465.05
Wohnungsmieten Mk, 345163 654,45
Heizung und Beleuchtun g Mk, 77 029 217,65
zusammen Mk. 1252052337,15 Also mehr als zwei Drittel der Gesamtausgaben entfallen auf das allernotwendigste, das der Angestellte zum Leben haben muß. Ein Fünftel ihres Einkommens geben die Angestellten aus, nur um wohnen zu können; um warm zu wohnen, müssen sie noch weitere 77 Millionen Mark aufbringen, Kleidung und Wäsche erfordern einen Aufwand von rund 234 Millionen Mark, Nur ein Fünftel der Ausgaben bleibt übrig sür die Körperpflege, Bildung, Zerstreuung, die notwendigen Sicherheiten für Notfälle und Krankheit, Schulgeld dcr Kinder usw. Die 370 Millionen Mark, die für diese Zwecke aufgcwendet werden, sind mit den Woh- nnngsmieten die beweglichen Faktoren im Haushaltplan der Angestellten, Steigen die Lebensmittelpreise, dann wird zunächst an den hygienischen und Kulturausgaben gespart. Nun ist es aber geradezu bedenklich, daß die Ausgaben für Körper- und Gesundheitspflege, für Kulturbcdürsiiissc, geistige und gesellige Genüsse mit steigender Kopfzahl abnehmen, Was nützt es, über die Verflachung der geistigen
Ztorchendämmeruna.
Wir lesen im K u n st w a r t:
Wieviel der Tiere, die im Reineke Vas ihr Wesen treiben, leben noch in Wald und Feld um uns? Das gefährliche Groß- vvlk ist ganz vcrsdNvundcn, aber auch das kleinere Gelier, soweit es sich nicht gerade nützlich und angenehm zu madzcn versteht wie etwa die Henne Kratzefuß, die Ente Tibbeke oder das Hündchen Wackcrlvs, muß Stück stir Stück weichen, „Bartolt de adrbar und Marauart de hcgger, ok Lütke de krön", wie oft sicht man noch diese Edlen? Mil Adebar, auch Hannolter und atonf) geheißen, geln's besonders reißend abwärts. Jedem, der nach langen Jahren wieder einmal aufs Land kommt, fällt das Verschwinden inner Nester ans. Für Mecklenburg ist es dnn Pfarrer Clodius in Kamin geluugni, den genauen statistischen Nachweis dafür zu erbringen. Er hat 1901 und wiederum 1912 eine Volkszählung dcr Störche in jener storchreichstcn Gegend Deutschlands veranstaltet und das Ergebnis in den „Naturwissenschaften" veröffentlicht, Danach gab es 1901 in 1821 Ortschastcn von Mecklenburg-Schwerin. Mecklen- burg-Strelitz und Ratzeburg 3094 bewohnte Siorchnester, 'Dagegen 1912 nur noch 1072! Das bedeutet in zehn Jahren einc^ Ab- nahme um zwei Drilteilc, Aus vielen Dörfern ist der Storch völlig verschwunden, so nus 39 von 57 Ortschastcn der Präpositur Schwaan, aus 23 von 32 Ortschaften der Präposiwr Büyow, aus 39 von 55 der Präpositur Wittenberg, Noch wenige Jahre, und das Ende Adebars ist da, das Ende tzugleüb so mancher Iugendvoesic und so manchen srcimd- Itdien Blickes, dcr den, stelzbeinigen Klapvervogel aut dem Giebel galt. Kein jubelnder Äffndersang begrüßt im Frühling wehr den ersten Storch, kein sinnender Alter ersreut sich inchr an den possierlichen Balancier- und Flugversuckxm dcr jungen Brut aus dem Tackisirst. Aber die Nützlichieiksbanauscn im Dort reiben sich die Hände: der Storch soll sich außer an Fröschen und Mäusen gelegentlich auch an jungen Hasen vergreifen, — Heil der Menschheit, daß sie einige Häslcin mehr zum Totschießen hat! Durch das Aussterben einer ganzen Tierart, die ihr „bloß" Freude machte.
Warum sterben die Störche bei uns aus? Man sagt: die Trockenlegung so vieler Sümpft und Moore nimmt ihnen die Nahrnngsgclcgenhcit, das Verschwinden so vieler Strohdäd-er nimmt ihnen die Nistgelegrnheit, Aber trotz diesen Veränderungen gibt es noch unzählige Frösche und Landmäuse, gibt es noch zahlreiche Giebel, die sich zur Besiedelung durch eine Storctxm- sannlie eignen. Zum wenigsten: diese übermäßig rasche Verminderung lanu aus derlei „natürlichen" Ursachen nicht erklärt wer
den, Pfarrer Elodius hat recht: die Fägex. räumen mit dem Geschlecht der Adebare auf. Wir können chm das aus eigener Erfahrung in einer andern Landschaft bestätigen. Es ist die soit sehr sugcndlichc und alberne - Schicßlust — der Spaß daran, ein größeres Tier totzuknallcn! Eine minderwertige Gesinnung der Menschen, nickys anderes, ist schuld an dem Aussterben des Storchs, Freilich, Schicßprügclbcsttzer aus der Storchschießerkompanie werden für eine jFreude an der Freude anderer nur sehr schwer zu gewinnen sein, und sic selbst sind ja nicht befähigt, Freude an Tieren zu empfinden, die nichts cinbringen, Man kann darüber stteiten, ob die Wirh'amkeit der Pfarrer und Lehrer besser zum Ziel fühtt oder eine holte Geldstrafe, gegebenenfalls eine kleine Einsperrung, Versuchen müßte man aber beides,
— Die Robert Koch-Stiftung zur Bekämpfung dcr Tuberkulose hat eine Preisausgabe „Die Bedeutung der verschiedenen Strahlen (Sonnen-, Röntgen-, Radium-, Mesothorium-) für die Diagnose und Behandlung der Tuberkulose" ausgeschrieben. Für die beste Arbeit ist ein Preis von 3900 Mk, ausgesetzt, Die Arbeiten müssen bis zum l, Juli 1915 an den Schristiührer der Stiftung Geh, Sanitätsrat Pros, Tr, Schwalbe in Charlottcn- burg abgeliesert sein. Das Preisgericht besteht aus, dem Präsidenten des Reichsgesundheitsamts Tr, B u m m , Pros, Dr, Gafiky, Ministerialdirektor Dr, Kirchner und Pros, Dr, L ö s s l e r,
— Ein Drama gegen die Jesuiten, Das Teatro Espanol, in dos diesmal die Truppe des Theaterunternehmers und dramatischen Dichters Cesarino Palcneia cingezogen ist, hat seine Vorstellungen mit einem Drama „Die Wolke" eröffnet, das Palcneia selbst xum Verfasser hat. Die schwarze Wolke, die über Spanien lagert, ist nichts anderes als der Jesuitenorden, und das Stück schildctt in der Gestalt eines Paters Fidel den verhängnisvollen Einiluß der Jünger Loholas aus das Familienleben, das durch sie zerrüttet, vergiftet und zerstört wird. Es ist sicherlich bemerkcitswcrt, daß gerade in einem so durch und durch katholischen Lande wie Spanien dieser Gegenstand nicht von der Tagesordnung verscktwinden will. Nach der Electra von Perez Galdos luud arideren Dramen ähnlicher Richtung, nach dem auch ins Deutsche übertragenen Roman „Der Eindringling von Blasco Jbmicz" setzt sich jetzt schon wieder ein Stück zum Ziel, das Vorgehen der Jesuiten zu geißeln, und man muß denn doch ftagen, wie mag es damit bestellt sein, wenn sich immer und immer wieder trotz dnr dadurch für sie entstehenden Schwierigkeiten viclsackzer Art, Dramatiker und Schriftsteller finden, die von ihrem Gewissen getrieben, ihrer schmerzlichen, ticfinnerlichcn Enttüstung über jenes Treiben Ausdruck verleihen und gegen die Front machen, die in
heuchlerischer Weise den Glauben jm Munde führen, lediglich um die Gläubigen für ihre Zwecke anszubeutcn. Und besagt der Beifall des tausendköpsigen „sachventändigen" Publikums, das sich doch ausschließlich aus Katholiken zusammensctzt, nichts? Auch Palcncia ist kein Demagoge und Revolutionär, kein Feind dcr Kirche oder gar der Religion, sondern ein gläubiger Katholik, wie die mit außerordentlicher Liebe gezeichnete Figur des Land- pfarrers Saturio, des Seitcnstücks zu Pater Fidei, deutlich zeigt. Was dieser und mit ihm sehr viele gute Katholiken nicht begreifen, ist dcr Umstand, wie das bei den Jesuiten so stark zutage ttetende, scheinbar alle andern -Regungen beherrschende Verlange» nach Macht und Geld mft der reinen Lehre des (Gekreuzigten in Einklang zu bringen ist und wie dcr Glanz gewisser Kirchen zu der Armut in vielen Hütten stimmt. Man könnte vielleicht cinwenden, daß diese Dinge nicht ins Theater gehören. Aber Iveist die Geschichte der klassischen Literatur nicht Beispiele genug auf, in denen Sckwin- Heiligkeit und Gleißncrci und die Begierde, die Geister in Fesseln zu schlagen, als soziale Probleme behandelt und auf der Bühne dargcstcllt worden sind? Die Krankheit trägt auch heute ln Spanien noch einen akuten Charakter, und daher ist es durchaus bcgreislich, daß die Autoren, aus dem Brunnen bitterer Erfahrung schöpsend, sich fortgesetzt mit der Frage befassen, und die jesuitischen Eingriffe selbst rn das Familienleben an den Pranger stellen, Tie Klerikalen hatten zur Aufführung der Wolke einen Theatcrskandal in Aussicht gestellt: als es aber daraus anlam, Farbe zu bekennen, fand sich niemand ein, und so konnte die Vorstellung ohne Störung, aber unter lebhaften Beisallskundgebungen zu Ende gcsülnt werden. Tatsächlich ist der Fall, den uns Paleneia in La Nutze vorführt, wohl der Prüfung wert, und er zeigt ihn »ns ohne Eisclthaschcrei und ohne Kommentar, cs jedem selbst überlassend, für eigen« Rechnung die Schlußfolgerungen zu ziehen,
— (Gcbrldet.) Jm „Zanch-Bclziger Krcisblatt" verkündet Herr Otto Thielke, daß er sich in Bclzig als Rechtsanwalt niedergelassen hat:
„Otto Thielke dort cur en droit avokat international Confe- rend et corespondance francaise italiene. Heitres de consultation. 8—12 A. M. 2—6 P. M. Samedi: 8—3: 58 Brandenburgers»: au rez-de-chauss6c Belzig.“
Wir wünschen, so bemerft hierzu der „Türmer", Herrn Thielke in Belzig eine zahlreiche — französische und italienische Kundschaft.
— Kurze Nachrichten au s K u n it und W ' >' i e n - schast. In Berlinist der langjährige Herausgeber der „Deutsch, -Rundsch>au", Prof, Tr, Julius Rodenderg, 83 Jahre alt gestorben.


