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W. 120

Der «iehener Anzeiger

erscheint täglich, außer Soimtags. Beilagen: viermal wöchentlich

«ietzenerLamilienblätter;

zweimal wöchcml.Ureir-. blattfürden «rei; Siehe»

(Dienstag imd Freitag): zweimal nionatl. Land-

wirtschastliche öeitsragen

Ferniprech - Anschlüsse: für die Redaktion 112, Verlag u. Expedition LI Adreffe lür Deveichen: Anzeiger Gießen. Annahme von Anzeigen iur die Tagesnummer bis vormittags 9 Uhr.

Erster Blatt

\H- Jahrgang

GietzenerAnzei-er

General-Anzeiger für Oberhessen

Rotationrdnick und Verlag der vrühl'schen Univ.-Buch- und 'steindruckerei R. Lange.

Montag, 21, Mai

Bezugspreis:

monatlich 75V1., vierrel- jährlich Mk. 2.20; durch Abhole- iu Zweigstellen monatlich 65 Pf.; durch diePost Mt. 2. viertel- jährl. ausschl. Bestellq. Zeilenpreis: lokal 15Bs» auswärts 20 Pjenniq. Chefredakteur: A. Goetz. Peralltwortlich für den polit. Teil: Aug. Goetz; für .Feuilleton-, .Ver­mischtes- und.Gerlchts- faal": Karl ^tenratt); für .Stadt und Land":

Redattion, Expedition und Druckerei: Schulstrahe 7. A»zeigm!:'

Die heutige Nummer umfaht 10 Seiten.

Die Wirkungen der hessischen Gemeinde- umlagengesetzez.

Der Fmanz-ausschuß der hessischen Zweiten Kammer hatte unterm 9, Aug. vor, Js, <ur die Regierung das Er­suchen gerichtet, im Hinblick aus die in der L-esfentlichkcit hervorgetrctcnen Klagen über die Wirkung des neuen Ge- incindeumlagengcsetzs vom 8, Juni 1911 schon jetzt über die bei der ersten Veranlagung bekannt gewordenen An­stände, Beschwerden und Klagen eingehende Mitteilung zu machen, um die Wirkungen des neuen Gesetzes an der Hand der vorliegenden Beschwerden schon jetzt prüfen zu können, ohne erst die bis zum Jahre 1919 von den Landsländen ge­wünschte Denkschrift der Regierung darüber abwarten zu müssen. Infolge dieses Ersuchens hat die Negierung jetzt cm den Vorsitzenden des Finanzausschusses, Mg, Dr, Osann, eine 914 Druckseiten umfassende Regierungsmit- teilmig gelangen lassen, worin sie betont, sie habe im Hin­blick auf den Umstand, daß sich bei der gänzlichen Umgestal­tung der Grundlagen des Gemeindesteucrwescns die Trag­weite der neuen Vorschriften nicht immer völlig übersehen ließ, bereits im IM v. Js, die Finanzämter angewiesen, die Ergebnisse der neuen Gemcindesteuerveranlagung stati­stisch zusammenzusassen und sich über die bei der Anwen­dung des Gesetzes gemachten Wahrnehmungen bis zum 1, Oktober 1913 zu äußern. Das auf diese Weise gewonnene Material hat die Regierung nun geordnet und gesichtet und stellt es den Landständen zunächst ohne Verbindlichkeit zur Verfügung,Denn ein Urteil über das Gemeindcum- lagengcsetz auf Grund einer beschränkten Anzahl von Be­schwerden müßte, soweit diese überhaupt begründet sind, notwendig unter dem Mangel der Einseitigkeit leiden, wäh­rend das amtlich gewonnene Material eine geeignete Unter­lage für eine objektive und umfassende Prüfung der Wir­kungsweise des neuen Gesetzes darstellt,"

Durch das am 1, April 1913 in Kraft getretene neue Genicindesteuergesetz sind bekanntlich die Grundlagen des seitherigen Gemeindesteuersystems wesentlich umgestaltet worden, wobei namentlich die neben der Einkommensteuer bestehenden Sondersteuern vom Grundbesitz, Gewerbebetrieb und Kapitalrentencinkommen und von diesen wiederum am stärksten die Realstcuern Grund- und Gewerbesteuer, getroffen wurden, Tie vom Ertrag ausgehenden Sonder­steuern wurden durch solche ersetzt, die vermögenssteuerartig ausgebaut sind, und zwar bildet grundsätzlich der raue, ge­meine Wert den^Besteuerungsmaßstab, Damit trat bei den Realsteuern an Stelle der Veranlagung nach starren äuße­ren Merkmalen, die mit viclsachen Harten und Unbilligkeiten verknüpft war, die Heranziehung nach einem individuali­sierenden und deshalb an sich gerechter wirkenden Maßstab. Zugleich wurde mit der Einführung der Vermögenssteuern Grund-, Gewerbe- und Kapitalsteucr in der Gemcinde- besteuerung wieder ein engerer Anschluß an das Staats- steuersysteni erzielt, wie er bis zur provisorischen Regelung durch das Gesetz vom 30, März 1901 von jeher im hessischen Steuerwesen bestand.

Die Regierung hat sich nun darauf beschränkt, zur Ver­anschaulichung der Wirkung der erstmMgcn Veranlagung

nach dem neuen Gesetz 17 verschiedene Anlagen anzufcrtigcn, die jamtlrch rn Form von Ucbcrfichten und verglcichcudeu .rabellcn gehalten sind. Das Verhältnis der Einkommen- steuer zu den Vermögenssteuern >vird in einer vergleichenden Uebersrcht über die mutmaßlichen Ergebnisse der Veranla­gung nach dem früheren Gesetz vom 30, März 1901 und die tatsächlichen Ergebnisse nach dem neuen Gesetz vom 8, Juli

vvhcr dargetan. Es ist darin für 101 Gemeinden der verschiedensten Art aus allen Teilen des Grosther^ogtums ersichtlich, wie sich der llmlagenbedars nach dem neuen und nach dem alten Gesetz aus die Einkommenstcucr und die daneben bestehenden Sondersteuern verteilt. Diese Ergeb­nisse dürfen der Auswahl der Probegemeindcn nach als typisch für die hessischen Gemeinden überhaupt angesehen werden. Um den absolut gleichen Betrag, den danach die Einkommensteuer mehr oder weniger aufbringt, als seither, werden naturgemäß die Vermögenssteuern gegenüber den Ertragsstcuern im ganzen ent- oder belastet, wobei die Höhe dieses Betrags auch von dem Umlageubodars abhängt. In Verbindung damit steht eine Uebersicht über die prozen­tualen Verschiebungen dieser Veranlagungen, Im Verhält­nis zur alten Steuer ist hier die prozentuale Acnderung bei den Vermögenssteuern eine andere, als bei der Einkommen­steuer, Ob sie größer oder kleiner ist, als diese, hängt nicht mit der Acnderung des Steuerwescns zusammen, sondern beruht darauf, daß schon nach dem alten Gesetz das Ver­hältnis der Einkommensteuer zu den Ertragssteuern ein sehr verschiedenes sein konnte. Wie in der regierungsseitigen Erläuterung bemerkt wird, ist in 84 von den 101 Fällen eine Zunahme des Auskommens an Einkommensteuer und eine Abnahme bei den Vermögenssteuern zu verzeichnen, bei dem Rest der Fälle, zu dem die Städte Mainz, Darm­stadt, Ofsenbach und Gießen zählen, hat das Unigekehrte stattgesunden, d, h, das Gesamtaufkommcn an Vermögens­steuern ist größer, das an Einkommensteuern kleiner gewor- dcn. Im großen und ganzen sind die prozentualen Erhöhun­gen und Verminderungen der Einkommensteuer geringfügig und deshalb nicht von besonderer Bedeutung, Nur bei den Gemeinen Darmstadt, Gernsheim, Offeubach, Schlierbach, Bad-Nauheim, Blitzenrod, Flonheim und Gonsenheim zeigen sich stärkere Verschiebungen, die daraus zurückzusühren sind, daß von dem den bisherigen Verhältnissen entsprechen­den Verteilungsmaßstab abgcwichen wurde. Dies mußte not­wendig in den Ausnahmefallen geschehen, in denen der seit­herige Verteilungsmaßstab aus dem gesetzlichen Rahmen herausfiel, in denen sich also eine verhältnismäßige Be­lastung der Einkommensteuer von weniger als 3,5 Psg, oder von mehr als 8 Psg, berechnete. Zum Teil wurde aber auch nach freiem Ermessen der Gemeindevertretungen eine ander­weitige Art der Verteilung beschlossen, so namentlich in den größeren Stadien, Aus einer Uebersicht über die vor­erwähnten Probegemeinden mit erheblicherer Acnderung des Verteilungsmaßstabs ergibt sich, daß, wenn man den seit­herigen Verteilungsmaßstab beibehalten hätte, die Verschie­bungen aus ein ebenso geringes Matz zusammengeschrumpfl wären, wie bei den übrigen Gemeinden,

In den weiteren Uebersichten werden dann die Aende- rungen in der E i n k o m m e u st e u e r, das Verhältnis der Vermögens st euer» zueinander, die einzelnen Vermö­genssteuern im allgemeinen, dann die G r u n d st e u e r vom landwirtschaftlich genutzten Grundbesitz einschließlich der zu­

gehörigen Hofrciten, vom Wald, vom Eisenbahngelände und vom sonstigen Grundbesitz, ferner die Gewerbesteuern (allgemeine Gewerbesteuer und Sondergewcrbesteuer, Waren­haus und Filialsteuer, Steuer vom gewerbsmäßigen Handel mit ländlichen Grundstücken) und die Kapitalsteucr bc handelt. Im letzten Kapitel der Regicrungscrläuteruugcn ist »och eine Uebersicht über die Wirkungen der Vermögens­steuern in Einzelsällen gegeben, wobei die Zusammenstellun­gen von Einzelsällen aus dem Bereich der Gewerbesteuer unter Berücksichtigung der kleinen, mittleren und größere» Betriebe, sowie aus dem Bereich der Kapitalsteuer eine kurze Beleuchtung finden. Wir kommen in einem zweiten Artikel noch näher darauf zurück.

Die Flucht des Fürsten von Albanien.

Schneller als mau es gedacht, ist trotz der Verbannung Essad Paschas eine neue Katastrophe über Albanien hereiiv- gebrochen. Die albanische Gendarmerie unter den hollän­dischen Offizieren ist mil den Aufständischen bei Tirana nicht fertig geworden, und Turazzo selbst mit dem Fürstcnpalast war in Gefahr, So hat sich Fürst Wilhelm mit seiner Fa­milie an Bord eines italienischen Kriegsschiffes slüchtcz müssen. Später scheint sich die Gefahr als loenigcr schrecklich herausgestellt zu haben, und die fürstliche Familie ging wieder an Land, Die Leibwache der Malrssoren, die dem Fürsten, wie wir berichteten, eine Kundgebung gebracht hatte, ist nur in Worten groß und tapfer: im Ernstfall liefen die Leute einfach davon. Der internationale Kontrollausschuß scheint wieder einmal die ernsteste Gefahr vorläufig abgc- wcndet zu haben. Es fragt sich nur, ob Fürst Wilhelm den Aufständischen, die ihn zur Ilnlerzeichnung von Zuge­ständnissen zwangen, nicht zu viel versprochen hat. Jedenfalls ist die Talsache seiner zeitweiligen Flucht auch politisch als verhängnisvoll zu werten.

Wir erhielten solgcndc Meldungen:

Das Fürstenpaar von Albanien a» Bord eines italienischen Schiffes.

Durazzo 23, Mai, (5 Uhr nachmittags, Meldung der Agcn, zia Stefani,) Infolge des drohenden Angrisfes de r Aus­ständischen aus Durazzo haben sich der F ü r st und die Fürstin sowie ihr Gefolge an Nord des italienischen Kriegsschisfes .,M i s u r a t a" begeben.

DieB ,Z," ineldet aus Neapel: Essad Pascha wurde im Auftrag des Ministers des Innern von Legationsrat Biancheri amtlich vernommen, Biancheri schärste Essad Pascha ein, Inter­views zu gewähren.

Ein Bericht brg italienischen Gesandten in Turazzo. Rom, 24, Mai, DieAgencra Stefan!" meldet, daß der italienische Gesandte in Durazzo, A l i o t t i, an den Minister des Acußern folgendes depeschierte: Zn dem Kampfe, der von der Gendarmerie unter dem Befehl der holländischen Üssizwrc ausge­kochten wurde, und in dem diese mit den Mannschaften! sämtlich von den Insurgenten gefangen genom­men wurden, wurde beschlossen, das Feuer der Batterien aut das Stadtschloß an der Straße nach Tirana einzustellen, Abends kamen einige Flüchtlinge im eiligen Lause nach Durazzo und erzählten, daß die wenigen Nationalisten, welche die Waisen ergriffen hätten, zersprengt seien und daß die Insurgenten aus 'die Stadt los- r-a-'chie-ten. Me er' r er" er, da". s' L i'ioache der kath"<ischcn Mali, orcn, d e, 200 Mann star , unterm Beehl zweier Pr e er sia-.oen bei o e n tr üi S a> ü i > eo a v o n l i c s e n. Man be­schloß in großer Eile, namens des Fürsten Mehmcd Pascha Draga als Parlamentär abzusendeir. Dieser kehrte mit der Meldung

Spaziergänge durch die GewerbeaiissteUung.

Gießen, 25, Mar, Als der Plan zu der Gcwerbcausstellung Gießen 1914 zum erstenmal in der Oesientlichkeit anstauchte, ^ab es eine Menge Schwarzseher, die von solch einer gewagten Sache entschieden ab­rieten und sich nachher verdrießlich in den Schmollwinkel Zurück- zogen, als man ihre warnenden Stimmen nicht beachtete. Aber i wie gewöhnlich im Leben haben anch diesmal die Idealisten wieder recht behalten, und in stattlicher Zahl sind die 7tussteller hier er­schienen. um auf dem zwar beschränkten aber geschmackvoll und mit seinem Verständnis für Raumwirkung hergcricküelcn Ansstellungs­gelände Zeugnis abzulcgcn von der Gediegenheit und Güte unseres heimischen Handwerks und unserer heiniischen Industrie,

Von den zahllosen Ausstellungen, die Heuer fast in allen deut­schen Gauen und anch im Ausland abgehaltcn werden, ist die Ge­werbeausstellung Gießen l914 nun ja nicht die bedeutendste und vielseittgste, was ja auch ilzrem eigentlichen Zweck nicht cntipräche, aber sic ist eine der eigenartigsten und für mns auch die wichttgite. Durch ihre von vornherein scstgclegtc Beschränkung aut einen be­stimmten Landcsteil gibt sie einen vorzüglichen Ucberblick über die Leistungssäbigkeit unseier hessischen und hesicn-nassauischcn Hand­werker sowie über unsere Industrie, und sie zeigt uns zugleich, 1 daß nicht Nur in den leicht zugänglichen Städten, sondern auch in manchem entlegenen Dörfchen des Bogelsbcrgs ein Handwerk zu Hauie ist. das vor aller Welt mil Ehre bestehen kann. Dabei ist zu berücksichtigen, daß der Ausstellungsvorstand jedem einzelnen Aussteller völlig sreie Hand gelassen hat, loas bei dem Zweck der Ausstellung ja von grußem Vorteil war, wenn sich auch die Schat­tenseiten natürlichenveise nicht Venneiden ließen. Die Gesichts- punkte der mustergültigen Werkbnndausstcllung in Köln, wo eine strenge Jury die aus dem ganzen deutschen Sprachgebiet zusainr, en gekommenen Ausstellungsgegenstände erst genau geprüft hat, sind hier nicht nrügtich und nicht am Platze gewesen: nur ganz Unzu­längliches wurde ausgcschiedcn. Hier hat jeder einzelne eine Aus­lese von dem ausgestellt, loas er nach täglicher Gewohnheit und Uebung in seiner Werkstatt hergcstellt hat, was er am Amboß oder an der Hobelbank, ivas er an seinen: Werktisch oder in fernem! Verrieb verfertigte, damit cs für den täglichen Gebrauch be­reitet Zeugnis abtcge von dem Können unserer heimischen Meister, Es handelt sich also nicht darunr, sckzlankweg Mustergül­tiges vorzusiihren, denn dazu ist die Zahl der! Teilnehmer inrolgr der örtlichen und räumlichen Beschränkung doch zu gering, es handelt sich vielmehr darum, den Besuchern zu zeigen, loas unsere hcimischc Industrie und ivas unsere alteingesessenen Handwerks­meister zu leisten imstande sind, >vie sie ihre Ausgaben verstehen und wie sie diese bewältigen.

Aber der Zweck und die Folgen der Ausstellung werden noch tiefer und nachdrücklicher wirksam sein, Ter Käufer und der Interessent lernt nein Quellen kenne», neue Handwerker, die solide Arbeit machen: die Aussteller Iverdcn in der Anerkennung ihrer Leistungen einen Ansporn haben zu gedeihlicher Wcilcrarbeit, zu angeregtem, freudigem Schasien, sic werden aber auch im Vergleich mit anderen hinzulernen, werden sich vervollkommnen und ihren

Blick erweitern. Besser als sonst bei flüchtigen Besuchen lernen die ländlichen Handwerker die städtischen Käufer un s ibre Ansprüche kennen: besser als aus dem vollkommensten statistischen Material erhallen wir alle hier einen ucberblick über das werktägliche Schas­sen unseres Volksstanimes und einen tiefen und wertvollen Einblick in die sozialen Verhältnisse unserer Heimat, Von diesem Gesichts­punkte aus betrachtet, ist es auch hoch erfreulich und sehr anzner- kennen, daß bedeutende Firmen, wie z, B, Schassstaedt, Heyligcn- staedt, Buderus, deren Absatzgebiet nicht vorwiegend in Ober­seeste» zu suchen ist, und die deshalb kaum einen materiellen Vorteil von der Ausstellung haben werden, sich dennoch nicht bt-l Seile gestellt haben. Es ist nicht nur lehrreich, sondern auch sozial wichtig, daß nran dadurch einmal osten,ickitlich erfährt, was diese Farmen leinen und was die vielen Arbener, die sic beschäftigen, nun eigentlich schassen. Aus demselben Grund ist cs sehr be­dauerlich, daß'sich unser nnchligster Industriezweig, die T a ba k- fabrikatron, nicht an der Ausstellung beteiligt hall Tag die Tabakfabrikatiou und die Herstellung von Zigarren, und weliii'S auch nur in kleinem Maßstabe gewesen wäre, für viele Besucher, namentlich aber auch für Schulen, eilt berücksichtigensnzerte's In­teresse gehabt hätte, das steht wohl außer Frage,

Aber freuen wir uns dessen, was loir haben, freuen wir uns, daß es den Männern, die sich seit Monaten urit den umfangreichen und mühevollen Vorbereimngen zu der Ausstellung beschästigt haben, trotz aller Besserwister gelmigen ist, so viel Schönes, Inter­essantes, Belehrendes zusammenzubringen, daß man stundenlang umhcrmandcln kann und immer wieder Ueberraschungen voriindet. Wer alles mit Muße und eingehend betrachten null, der ivlrd es sich zweckdienlich aus eine ganze Reihe von Tagen verteilen, aber auch daun noch wird er immer noch etwas entdecken, was ihm vor­her entgangen war, demr erst, wenn man genauer zusicht, wird man bemerken, wie reichhaltig die Ausstellung iit. Da jetzt so ziemlich alle Ausstellungsgegenstände ausgestellt sind »nd wohl kaum noch etwas von Bedeutung fehlt, wollen imr heute zunächst einen kurzen Rundgang durch die ganze illusstellung machen, um einmal einen Gesamtüberblick zu gewinnen. In der Folge werden wir dann ausführlicher auf die einzelnen Abteilungen zu sprechen kommen.

Schon gleich am Eingang beginnen die lleberraschungen. Aus dem verwahrlosten Hof ist ein hübscher, geschmackvoll angelegter Garten geworden, hinter dem sich der vielgeschmähte Kliniksbau frisch vcrvutzt undauf neu gereinigt" nicht ohne eine gewisse Würde erhebt, wenn er auch im Verhältnis zu dem Schmuckhos zu massig und wuchtig wirkt. Links wird dieser, von der Stadt Gießen crsreulickierweise angekauste Garten, von der F c st h a l l c begrenzt, die Herr Architekt H, G a r n o n in schönen, schlichten Formen sehr gut angelegt und ausgestaltct hat- Im rechten Flügel der Halle hat die Bäckerinnung Gießen eine Musterbäckcrei eingmichtcl, die dadurch eine ganz besondere Bedeutung gewinnt, daß sie im Betrieb vorgeführt wird. Es zeugt von dem gesunden, sortschrittlichcn Sinn unserer Bäckerinnung, daß sie die wohl recht erheblichen Kosten nickt gescheut hat, UNI ihr Gewerbe in würdiger und sehr instruktiver Weise zu vertreten. Materielle Vortecke wer­den ihr daraus ja wohl nicht erwachsen, aber die edccllen wiegen

hier um so schwerer, als cs wohl das einzige Gewerbe ist, das in dieser Einmütigkeit seinen Gemeinsinn bekundet hat.

Vor der Festhalle mit seinem Wirtschaftsgarten, der außer­ordentlich rasch-beliebt geworden ist, erhebt sich der ebenfalls von Herrn Garnon entworfene Musikpavillon; er ist zu­gleich Ausstellungsgegenßand der Putzer und Stukkateure- Die an­dere Seite des Gartens rahmt das kokett zierliche Haus Nr II ein, das von Herrn Archiietten Kockerb eck entworfen ist, und die verschiedensten Gewerbe und Industriezweige beherbergt, u, a, eine gemütliche Schnavskneipc und die Ausstellung des Heilbades Salz- ichlirf,Die Schindler-, Terrazzo- und TekorationsMälergewerbe haben hier," wie cs in dem Ausstellungsführer heißt,Gelegenheit gesunden, ihre Künste an dein Aeußcren des Gebäudes zu zeigen," Die meisten Ausstellungsgenstände besindcn sich natürlich in dem Haus I, der ehemaligen Klinik, und ein flüchtiger Ueber- blick lehrt schon, daß sich weitaus die meisten Aussteller mit Glück bemüht haben, nicht nur auszustellen, sondern mit Geschmack plan­mäßig und lehrreich auszugestalten, z, B, die D r u ck e r e r e n, die das Entstehen von Farbendrucken, die Herstellung der Druckplatten sür Flach- und Runddruck, das Galvanisieren usw- vorführen, so daß zugleich eine erzieherische Aufgabe geleistet wird. Darin liegt denn auch eine Stärke der Ausstellung und eine Kraft, die in weiteste Kreise bringen muß und so ein >g!utcs Teil Volksblldung bs- wirkcn wird,

Den breitesten Raum in der Ausstellung nimmt die H o l z - bcarbcitungin Anspruch, Wir iinden hier die mannigsaltigstcn Schrcinerarbeitcn, und zwar alle auf einer Stufe der Vollkommen­heit, die berechtigte Beachtung findet- Neben sauberen Treppen- modellen, Türen, Erkcrvcellcidungcn herrscht natürlich die Ab­teilung W o h n u n g s e i n r i ch t u wg c n vor, und hier wctteisern die verschiedensten Firmen, um in geschmackvollen und werkgercch- ten Möbeln das schwierige Problem der wohnlichen Wohnung zu lösen. Früher, als das Zahlenverhältnis von Mietern und Vermietern noch genau umgekehrt war denn heute, war das, was man mit einem garstigen Schlagwort als Wohnkultur bezeichnet, etwas selbstverständliches, denn die Menschen hatten in ihrer ge­ruhigen Lebenshaltung ein sicheres Stckgesühl; das ist heute der Mehrzahl der Menschen verloren gegangen, und die nüchterne Raunigestaltung unserer Mietwohnungen macht es obendrein fast meist zur Unmöglichkeit, sich individuell cinzurichten- Die Innen­architekten müssen daher nach Normalmaßcn arbeiten, so daß eine geschlossene Raumivirlung mir dann eintrcten kann, wenn der ge­gebene Zimmcrraum zu diesen Maßen paßt- Inwieweit die aus der Gewerbeausstellung versuchten Lösungen der Wohnungskiinst als geglückt zu betrachten sind, werden wir sväter noch einmal sehen, Die Abteilungen sür Bekleidung, Schuhwerk usw- sind gut beschickt; besonderes interessant ist eine Tchusterwerkstätte mit Maschinenbetrieb in Tätigkeit, sowie die Abtellung für orthovädlsckzc Fußbelleidung- Kaum vertreten ist der Sport, am besten noch der Wintersport, vor allem in der Bellcidung, während die meisten Sportgeräte sehr mangelhaft sind-

Sehr gut vertreten ist die Metallindustrie und die Wcrkzeug- iabrikation: mustergültige Badcantagen aller Art, Einrichtungen für Zentralheizung »nd zur Kühlhaltung, Bohrmaschinen, Fittings- sabrit'ation, Beleuchtungskörper, alles ist vorhanden; die Guullni-