Nr. 1,8
Der SIctzener Anzeiger
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Erstes Blatt
M. Jahrgang
Zreitag. 22. Mai M
Giehener Anzeiger
General-Anzeiger für Oderhessen
Rotationsdruck und Verlag der vrühl'schen llnio.-vuch- und §t-indr,.ckerei R. tauge. Redaktion. Lrpcdition und Vruckerci- Schulstrahe ' """ für den
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Anzeigenteü: H. Beck.
Die heutige Nummer umsaht 12 Seiten.
Die geprellten Beamten.
Es kann keinem Zweifel unterliegen, daß die Erörtc- ! Bang über daS Scheitern der Besoldungsnovelle nicht so bald zur Ruhe kommen wird. Der gerechten Entrüstung derjenigen Beamten, die auf diese Weise um eine von ihnen in zähem Kmnpf erstrebte und nunmehr ihnen dar- gebolene Gehaltsaüsbesscrung gekommen sind, werden sich ob der besonderen Umstände, mit denen dieser negative Ausgang verbunden war, andere Kreise anschließen Denn cs liegt offen zutage, daß von der Reichstagsmehrhcit die Interessen jener Bcamtenklassen ans Kosten politischer Par- I tciintercssen preisgcgeben worden sind.
Dieser Borwnrf trifft vor allem das Zentrum. Alles nachträgliche Beschönigen kann dieser Partei nichts Helsen. Die Lage war ganz klar. Reichstag und Regierungen standen sich mit ihren Forderungen schroff gegenüber. Ter i Reichstag erklärte einstimmig, nicht nachgcbcii zu wollen in der Hoffnung, er werde durch diese sestc Haltung den 1 anderen Faktor zur Anerkennung seiner Forderungen j zwingen. Tie gleiche Haltung hegten die verbündeten Regierungen. Nach der zweiten Lesung in, Plenum konnten ! beide Teile nicht mehr im Zweifel darüber sein, daß jede Hoffnung nach dieser Richtung vergebens war. Das Scheitern stand'sonach fest, und hätte es sich nni kein Besoldungsgesetz gehandelt, sondern um irgendeinen anderen Gesetzentwurf, so brauchte man sich weiter keine Gedanken zu machen. Schon mancher Gesetzentwurf ist gescheitert. Gelingt eine Einigung jetzt nicht, so wird eben der Versuch später wiederholt. Im vorliegenden Falle aber, da es sich um ein Besoldungsgesetz handelte, bedeutete das Scheitern eine empfindliche materielle Schädigung vieler Beamter, über die man sich aus Machtansprüchen heraus nicht kurzerhand hinwegsetzcn kann. Diese Lage wies von selbst den Weg zur Verständigung. Und wie inrincr bei einem Kompromiß, so mußten auch hier beide Teile von ihrem Standpunkt etwas ablassen. So kam der nationalliberal- sortschrittlich konscrvative Einignngsvorschlag zustande, der den Streit dadurch löste, daß für jetzt nur die Regierungsvorlage bewilligt, daß aber die Regierung zur Erfüllung der wichtigsten Reichstagsforderung, nämlich der Gehaltserhöhung der gehobenen U n t c r b e a m t e n, mit Wirkung vom 1. Januar 1916 ab verpflichtet und daß sie ferner eine wohlwollende Erklärung für die Durchführung der anderen Wünsche des Reichstags bis zum gleichen Termin abgebcn sollte. Zweifellos ist damit der Reichstag zurückgeivichcn, nicht minder aber die Regierung. Sofern das Umfalll ist dann ivird eben in der Politik fast täglich umgesallen. In Wirklichkeit ist es nichts anderes, als was der verständige Mann, wie bei der Militärstrasgesetz- Novelle der ZcntrumSabgcordnete F-ehrenbach sagte, in solchen Lagen tun muß Um so bedauerlicher, daß das Zentrum solche Verständigkeit gerade bei der Besoldungsno- velle hat vermissen lassen. Wäre es der Einigung der anderen Parteien beigclrctcn, so hätten jetzt einmal die in der Regierungsvorlage bedachten Beamten, vor allem die Landbricsträger und Unterbeamien der Militärverwaltung, ihre Gehaltserhöhung, zum andern hätten die vom Reichstag einbezogencn Beamten, vor allem die Oberpostschasfner,
P lc Sicherheit, zum 1. Januar 1916 ihre Wünsche erfüllt zu |cl,cti. Jetzt haben weder die einen, noch die andern etwas — bank der Haltung des Zentrums.
Daß es sich für dieses dabei um politische Zwecke gehandelt hat, ist so klar, daß es gar nicht bestritten werden kann. Man wußte, daß das Scheitern der Bcsoldungsno- vclle den Schluß der Session herbeiführt. Darum aber war cs dein Zentrum zu tun. Auf diese Weise wird beim Wiederzusammentritt des Reichstags die Präsidentenfrage neu aufgerollt. An ihr hat das Zentrum, wie ja der Abg. Erzberger im „Tag" deutlich verraten hat, ein ganz besonderes Interesse. Auf die Dauer verträgt es das Machtbcwußtsein des Zentrums nicht, vom Präsidium ausgeschlossen zu sein. Wozu noch wciier kommt, daß sich die politischen Verhältnisse seit dem Beginn der Session erheblich verschoben haben. Kommt das dann auch im Präsidium znm Ausdruck, dann besteht für das Zentrum die Möglichkeit, seinen parlamentarischen Einfluß noch zu steigern. Das ist der pvlitischc Hintergrund, der Ablehnung der Bcsoldungsnovclle durch das Zentrum.
Wie immer, haben die Sozialdemokraten bereitwilligst mitgeholfen, die Vorlage kaputt zu nrachcn. Sie, die immer sich am lautesten rühmen, haben mit dafür gesorgt, daß jetzt alle die verschiedenen Beamten nichts erhalten, lieber diese ihre Haltung haben sic durch den nachträglichen Versuch, einer der bedachtru Bcamten- klasscn auf dem Umwege über den Etat eine Zulage zu verschaffen, selbst das Urteil gesprochen. Wo die Sozialdemokratie die Möglichkeit gehabt hat, einer ganzen Reihe von Bcamtenklassen dauernde Gehaltserhöhung zu gewähren, schlägt sic das aus: hernach aber bekommt sie, wie der Abg. Fischbcck sehr richtig sagte, Angst vorder eigenen Eourage und will wenigstens noch ein Stück retten, dazu auf einem Wege, der absolut nicht gangbar war. Denn daß sich die Regierung aus staatsrechtlichen Gründen einen derartigen Beschluß nicht gefallen lassen konnte, war ganz klar. Woraus sich von selbst ergibt, daß, wenn der Beschluß trotzdem gefaßt worden wäre, der Konflikt da war. Glücklicherweise aber machte keine andere Partei das sozialdemokratische Komödienspiel mit: im Gegenteil wurde der Partei des Herrn Haase noch niemals so von allen Seiten die Maske vom Gesicht gerissen, wie es am Dienstag im Reichstag geschehen ist. So ist der Versuch der Sozialdemokratie, aus der unangenehmen Lage, in die sie sich durch ihre Ablehnung gebracht hatte, „herauszukommen", wie Herr Haase so bezeichnend sagte, schmählich mißglückt. Die Sozialdcniokratie ivird schon mit dem Zentrum Zusammen das Odium auf sich nehmen müssen, zahlreiche Beamte recht empfindlich an ihrem Geldbeutel geschädigt zu haben.
Vie Verbannung Lssad-paschas.
Den Strick für den Hochverräter! Soldatcnkugeln sind für Essad Pascha zu schade. Das war die allgemeine Meinung, als die Vorgeschichte des Dramas von Durazzo bekannt wurde. Umsomehr überraschte die Lösung des Konflikts: Einfache Verbannung, fast in allen Ehren, ohne jede weitere Strafe. Fürchtet Fürst Wilhelm die „Blutrache" des Essad-Anhanges, wenn er den Hochverräter an Leib und Leben gestraft hätte? Fürchtet aber Fürst Wilhelm nicht auch den lebenden Essad? Dem Verbannten dürfte es
ein leichtes sein, nach Tirana zu kommen, ivo er herstammt und außerordentliche Mittel besitzt, um von dort aus gegen Durazzo zu konspirieren. Vielleicht auch wendet sich Essad nach Konstantiuopel, wo von jeher die stärksten Wurzeln seiner Kraft lagen. Die Pforte hat dem mächtigen Hause der Tepcleri und der Toptani in Albanien förmliche Hoheitsrechte zugestaiideu. Einem Bruder Essads, Abdul Ghcui, räumte einst Abdul Hamid geradezu Herrscyast über sein Wohl und Wehe ein, so daß dieser im Midis allmächtig wurde und es nock) lange geblieben wäre, wenn ihn nicht Rivalen über den.Haufen geschossen hätten. Kenner des Orients behaupten allerdings, daß durch Essad Pasclias Verbanmmg in Albanien zunächst jede ölefahr beseitigt sei. Denn für den Mohammedanismus fällt jeder Plan, jedes System mit der Persönlichtcit, die cs vertrat, und sei sie noch so einflußreich, noch so mächtig gewesen. Immer klarer scheint es auch zu werden, daß Fürst Wilhelm, der ausrechte Hohcnzollcr und dentsckzc Offizier mit seiner natürlichen Klugheit der Verschlagenheit und Spitzbubciischlau- heit des halbgebildeten Essad durchaus gewachsen ist. Der Fürst wußte ganz genau, tvarum er ivenigcr mit dem gutmütigen Turkan Pascha, der in Albanien noch ein Fremder ist, arbeitete, als gerade mit dem gefährlichen Essad, der nicht aus den Augen gelassen werden durfte. Durch die bestäub-a: Lervinoung mit Essad kam der Fürst auch dahinter, dast die Bei-Partei, die der Hochverräter stets als ein geschlossenes konsolidiertes Gefüge hinstcllte, gar nicht so fest und unteilbar hinter Essad stand. Der Fürst baut ans seinen Ruf als tüchtiger Soldat und Fürstensproß. Er wird sich den verbannten Essad Pascha vom Land und Leibe sernhalten und schließlich doch Sieger bleiben.
Tic Vcrhastuiig Essad Paschas.
Rom, 20. Mai. „Giornalc d'Jtalia" erhielt.aas Drin - dis I sollenden iclcohonüchen Bericht, der am t9. Mal nachts von Durazzo abgcsandt wurde: Infolge des jüngsten Verrates Essad Paschas suhrcn die N a t i o n al i st c II in der Nähe des sürstlichcn Palastes zwei Kanonen aus, die das Haus Essads beschossen. Essad Pascha stürzte ans Fenster und gab mehrere Revolverschüssc ab. Major Wolle d o bürgte Essad and seiner Gattin für ihr Leben. Darauf begab er sich ins Palais, wo in Gegenwart der Vertreter Oesterreich-Ungarns und Italiens ein Kronrat abgehalten wurde, in dem Essads Entfernung beschlossen wurde. Essad Pascha leistete der italienisch-österreichischen Abteilung, die ihn bei der Einschissung begleitete, keinen Widerstand. Nachdem der erste Augenblick der Nervosität vergangen war, erschien Essad sehr ruhig. Er war von seiner Frau begleitet, die ihn aus dem Wege mit ihrem Körper deckte, ,da sie einen Angriff fürchtete. Ter Zug passierte zahlreiche Gruppen von bewaffneten Nationalisten, die sich nicht rührten, als sie die weiße Fahne aut dem Gewehr eines italienischen Matrosen sahen. Bevor Essad aus das Kriegsschiff „Szigcivar" cingcschifst wurde, sagte er ivört- lich zu dem Dragoman der österreichisch-ungarischen Gesandtschaft: „Ich bitte Sie, Sr. Majestät dem Könige von Albanien den Ausdruck nieiner tief stell Ehrerbietung zu übermitteln. Tagen Sie ihm, daß ich ihm immer treu und ehrenhaft gedient habe und er von meinen Feinden schlecht informiert wurde. Die Zeit Ivird mir Gerechtigkeit widerfahren lassen. Mein Gewissen ist ruhig, weil ich immer mit der größten Anirichtigkeio und Ergebenheit gehandelt habe." Nach der Einlicscrung Essads kam es vor dem Palais zu Kundgebungen der Nationalisten. Die Fürstin zeigte sich mit dem kleinen Prinzen aus dem Arm aus dem Balkon. Ein Nationalist hielt eine lange Ansprache und beglückwünschte den Fürsten, der inzwischen cben-
woyzeck.
Cs ist Hugo Bieber gelungen, das unbekannte Vorbild zu Georg Büchners überall mit dem lebhaftesten Interesse ausgcnom- mcncn Fragment „Wozzcck" zu sindcn. Danach ist mit Sicherheit anzunchmcn, daß bei der Namengebung Karl Emil Franzos, dem ersten Herausgeber, wie cs bei dem schlechten Zustand des Manuskripts nicht wunder nimmt, ein Lesefehler untcrlauscn ist.
Das Urbild von Büchners Wozzeck war ein Friseur und früherer Soldat Woyzeck, dessen Prozeß Georg Büchner sicherlich aus dem ausführlichen Bericht in der „Zertschrist für die Staatsarzncikunde" kannte, für die sein Vater nachweislich gearbeitet hat. Bieber berichtet im 1. Junihest des „Literarischen Echos" über seine Entdeckung: , ,,,
Am 21. April des Jahres 182t, abends um halb zehn Uhr, brachte zu Leipzig der Friseur Johann Christian Woyzeck. ti Jahre alt. icincr Geliebten, der tistährigen Witwe des verstorbenen Ehirurgus Woost, in dem Hauseingange ihrer Wohnung mit einer abgebrochenen Degenklinge sieben Wunden bei. an denen sie nach wenigen Minuten verstarb. Ter Mörder wurde gleich nach vollbrachter Tat ergriffe» und bekannte sich unumwunden schuldig. Jni Verlauf der Untersuchung stellte der Verteidiger den Antrag aus eine gcrichtsärztlichc Beobachtung von Woyzecks Gemütszustand. Diese tührte zu zwei Gutachten des lachmchcn Hoirais I. Ehr. A. Clarus zu Leipzig, einer hervorragenden Autorität aus dem Gebiete der Psnchiatrie. Clarus beiahtc die Frage nach der Zurechnungsfähigkeit und begründete seinen Standpunkt mit Aussagen von Zeugen wie Angaben des ^n- kulpalcn selbst. Die Gutachten enthaiten außer den bereits mit- getcilten Tatsachen mancherlei Details, die Büchner iür seinen Wozzcck, den wir nunmehr Wovzeck nennen dürfen. verwertet haben muß. Vor allem die Vision von den Freimaurern und dem hnnmlischen Feuer in der zweiten Szene. Hierüber ocrichtct Clarus von Wovzeck: „Schon auf seinen Wandeningen habe er von reisenden Handwerksb urschen allerhand nachteilige Gerüchte über die Freimaurer gestört. unter anöcrm. daß sic ourch heimliche Künste, zu denen ste nichts als eine Nadel brauchten, einest Menschen ums Leben bringen könnten. Er habe dieses damals nicht geglaubt, glaube cs auch seht nicht mehr, allein er habe sich doch immer mit diesem Gedanken beschäftigt und sich allerhand Vorstellungen gemacht, ivoran sich wohl die Freimaurer untereinander eriennen möchten. Da habe ihm einmal geträumt: er sehe drei feurige Gesichter am Himmel, von denen da-i muttere das qrößtc gewesen. Er habe diese drei Gesichter a ui die chrei- einiakcit bezogen und das mittlere aus Christus, weil dic>e die größte Person in der Gottheit sei. Zugleich lwbe er gedacht, das in dieser Zahl auch das Geheimnis der Freimaurer liegen könne, dos ihm auf diese Weise osscnbar werden solle, und bade ya, eingebildet, daß das Ausheben dreier Finger das ,rrelmaurcrzcichen sei." Daraus habe er die Rache der Freimaurer gemrchtet.
Auch der wirkliche Woyzeck trifft seine Geliebte am dem ^anz- hodcn, mit llpew Iiebenkubter tanzend. An sich ai 'i dieses
nicht außergewöhnliche Moment kein Gewicht zu legen, wenn nicht Woyzeck im Bericht erzählte, wie er „im Bette an die Kirmse und an seine dort anivcscnde Geliebte voller Eifersucht dachte, Violinen und Bässe durcheinander zu hören glaubte, und, nach dem Rhythmus der gewöhnlichen Tanzmusik, ihr die Worte unterlegte: immer drauf, immer drauf." Ebenso wiederholt Büchners Wozzeck die Worte, die Marie im Vorbeitanzcn mit dem Tambour gcslüslert hat: „immer zu, immer zu". Endlich, um die Kette zu schließen, glaubt Wovzeck — im Bericht wie im Stück — nach diesen Worten eine sichtbare Mahnung zu hören: „stich die Woostin sZwickwölsim tot!" Die parallele Verknüpfung dieses Details spricht noch stärker als die Ucbereinstimmung im allgemeinen Umriß und in der Namengebung, die nicht zufällig sein kann.
Von dem Prozeß ist damals in ganz Deutschland die Rede -gewesen, und Büchner hat schon als Knabe davon gehört. Es ist sehr interessant, wie er die Geschichte umgestaltet hat. Bor allem Ijat Büchner den heiklen Punkt in Woozecks Vorgeschichte beseitigt, daß dieser eine Frau, mit der er ein Kind bezeugt. seit zehn Jahren verlasien hat. Es bedarf keiner näheren Ausführung, warum der Dichter, dem an der Vertiefung des Charakters und an der Zusamincnballung des Geschehens lag, die Umgestaltungen vornahm.
Nietzsches ttampf gegen die ererbte Lebensform.
Heber Nietzsches leidenschaftlich^ Verneinung der üblichen «e» bcnswcrtungen schreibt Woligang Schumann im zweitenMai- hcjt des Ku,istn>ans (Verlag Georg D. W. Callwey, München,:
Das Ererbte wandelt sich nicht so rasch wie die Einncht dev Einzelne», und der ungeheure Widerspruch zwischen dem Geistigen Mid der allgeineincn Lebensform ist es, der Männer wie Wagner, Rousseau. Tolstoi oder Nietzsche im Kontra,t grost iverden ließ Aus dem Benmßtscin dieses Gegensatzes her das ständige mißtrauische Nein auf Nietzsches Lippen trotz des glühenden Wunsches nach Bejahung bis zuletzt. Sein Nein aber stutzte sich mcht vor allen Fragen und Gegenständen ans die gleiche Motivation, Einnral verneinte er einfach, weil er nicht einsah, einmal weil er die Folgen fürchtete, einmal, weil er vielleicht die Tat. aber nicht die Gesinnung des Tuenden billigte, einmal aus philosophischem Tent'en, oft aus Instinkt, oft aus psychologischen Bedenken. Er teilte das Säncksal aller vielseitigen Kritiker, viel uidjr Nein zu wissen als Ja.. Urrd die strenge Unerbittlichkeit seines gei- stigeii Wollens lxitte ihr besonderes Schicksal im Gefolge. Er empsand die „Last der Jahrtausende", das Minderwertige und innerlich Unbcgrüiidete der Lebensformen und grng daran, sie zu erleichtern. Dazu bedurfte er eines Standpunktes jenseits der Zeit — Siicc liegen die Motive seines Wortes „Jenseits von Gut und liöse" und seiner Einsamkeit — vor allem aber eines (ungeheure.: Krastgesühls, denn wer alles renqs um sich cin- reißen wi.i, sei es auch nur, um seine Festrgkeri^zn erproben, beraub: sich säst aller unserer gewohnten KraitStutz«?: — mn
Siegt die Quelle seines übersteigerten Selbstbcwußtseins. Und endlich bcdars er eines Standpunktes überlzaupt, eines wenn auch kleinen Bezirkes, aus dem er ja sagen kann ohne von seiner Einsicht Lügen gestraft zu ,verden; diesen Bezirk hat Neetzsche lange vergeblich gesucht, er ist über dem Suchen, das ihm geniale Lichtblicke brachte, zugrunde gegangen. Wenn man die „Umwertung aller Werte" io betrachtet, ergibt sich als ihr eigentliches Wesen die innerste Gezwungenheit zum Verändern, nicht die olßlosophische Notwendigkeit neuer Wertsctzungcn. Nietzsche ist ein Phänomenologe der differentiellen Psychologie wie wenige und er ist einer der großen Vorläufer der Soziologie: leider, so kann man vielleicht sagen, sprach er sich noch immer allzu oft in vhilosophischer Form aus.
Man denke sich das Leben als eine Millionen- oder Milli- ardcnstadt und den einzelnen Geistigen als ihr jkind, der es nicht mehr erträgt, in den engen Mauern und Formen zu leben. Er zieht aus, gleich jeneni Coriolan. entdeckt neue Möglichkeiten, tausendfach wandelbare Möglichkeiten, und nimmt seinen Platz ein vor den Toren. Nun umgibt er die Stadt im Geist mit einem Kranz von Geschützen, Laufgräben, Bclagerungsbauten. Er erspäht die schwachen Punkte ihrer Anlage, er läßt probeweise ein vaar Schüsse abgeben, u. gewahrt berauscht ihre Wirkung, er p ant weiter, erkundet die Zufuhr, die Lcbcnsbcdingungen, die Soldatcnvcrteilung. die Kommandoverteilung, die Stimmung, dieGcld- ».Warenlager der Stadt: er rüstet sich zu ihrer Zerstörung, — aber er sieht von Jahr zu Jahr doch wieder die Stadt wachsen, ins Unendliche loachsen, seine Macht erscheint für die Ausgabe zu gering: er vermehrt sie. er zieht alle Denk- und Wasscnkräste heran — immer wieder überwächst die Aufgabe die Kräfte. Fast schwindet das Selbstvertrauen, und nur künstliche Atmung kann ihm zuletzt noch Lebcnslrast geben. Zum Sturm, zum Frontangrifi von allen Seiten ist cs nie gekommen, der Tod hat den Feldherr» abberusen, ehe seine Mörser speien dursten. Daraus nun kam aus der Stadt ein Bürger, betrachtete dieses Coriolans Geschütz und fand es vott veraltetem System. Er betrachtete seinen Angriffplan und fand, daß in zehn Büchern, die er gelesen hatte, ideorctisch richtigere Angriffpläne standen. Betrachtete das Leben des vergeblichen Belagerers und fand, daß es vernünsiiger und sinnvoller sei, in der Stadt und nicht vor ilsten Mauern seina Tage zuzubringen. Fand dies alles, ging hin und schrieb sein Buch: Ter falsche Feldherr.
Einige fanden sich aber auch, welche dieses Feldherr» Pläne durchjorschtrn und sich an kühnen Anlagen und dem genialen Wurf des Ganzen freuten. Einige fanden, daß er über das Wesen der Stadt viel Richtiges und Bedeutsames erkundet hatte, neben manchem Fehlgrisi, den sie verstanden, da er sa Feind und Außenseiter gewcsco war. Einige fanden endlich, daß er wieder einmal eins jener seltenen Beispiele gegeben hatte von Heldcn- sinn und Helßenwollen und errichteten ihm Denkmäler und priesen ihn der Jugend. Tenn sie liebten die Stadt nicht so sehr, daß seine Gegneriebait oeaen sie ibnen dies verboten hätte.


