Nr. 106
Der Eichener Anzeiger
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Erste; via«
(64. Jahrgang
Giehener Anzeiger
General-Anzeiger für Oberhessen
Rotationsdruck und Verlag der Vruhl'schcn Univ.-vuch- und Steindruckerci K. Lange.
Donnerstag. 7. Mai *9$
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monatlich?» Bi., vierteljährlich Mk. 2.20: durch Abhole- u. Zweigstellen monatlich 65 Bf.: durch die Bost Mk. 2.— viertel- jährl. ausschl. Bestell-, Zeilenpreis: lokal 15Pf^ auswärts 20 Bieuuiq. Chefredakteur: 2l Goetz. Verantwortlich für den polit. Teil: Aug. Goerz; für ,Fe»nlleton", »Vermischtes ^ und»Derichts- faal": ^arl Sleurath; für »Stadt und Land":
Redaktion, Expedition und Druckerei: Schulftraße 7. SVijeta^nea':’ tz? Beck!
Die heutige Nummer umfaßt 12 Seiten.
Was geht in Rußland vor?
Non unserem Berliner Korrespondenten.
Die Verurteilung der drei deutschen Luftschiffe r Berliner, Haas« und Nicolai „wegen Ausnahme »cm Plänen, Beschreibung wichtiger Punkte und Sammlung von Nachrichten" zu der drakonischen Strafe von 6 Monaten Einzelhast hat in Deutschland mehr Verblnsfung als Entrüstung erregt, denn man hat es bei uns längst als nnsrncht- bar aufgegeben, sich über die Vorgänge im Zarenreich zu Wundern und zu entrüsten. Mein der Urteilsspruch von Perm, der möglicherweise durch eine nachfolgende Begnadigung aufgehoben werden wird, bliebe trotz allem, was man von russischer Rechtsprechung schon erfahren hat,, doch unbegreiflich, wenn man nicht von der Voraussetzung ausginge, daß hierbei politische Motive niitsprechen, denen sich die Gerichtshöfe im Zarenreiche nicht allzu häufig entziehen.
Das Motiv, welches in diesem Falle initspricht, liegt auf der Hand: die deutschen Lustschiffer sollen ein sür allemal davon abgeschreckt iverden, sportliche Unternehmungen in der sttähe der russischen Grenze auszusülzren, wobei ja I die Gefahr eines ungewollten Ucberfliegens der Grenze zum Schluß immer vorliegt. Man hat im Zarenreich gute Gründe dafür, sich möglichst hermetisch gegen die Außenwelt abzuschlicßcn, denn, wenn cs auch ein osscnes Geheimnis ist, daß Rußland mit angestrengten Kräften und fieberhafter Kraft rüstet, so ist man doch begreiflicherweise bestrebt, über Art, Maß und Tempo der Rüstungen einen möglichst dichten Schleier zu ziehen. Hat doch die Regierung des Zaren vor nicht allzu langer Zeit besondere Bestimmungen für die Grenzgebiete erlassen, durch welche die Zeitungen bei Veröffentlichung irgend welcher militärischen I Nachrichten, seien sie auch noch so belanglos, mit schweren Strafen bedroht werden. Man ist in Rußland zwar, wie die | Fälle Redl, Jandric und Jakob in Oesterreich gezeigt haben, init Eifer beflissen, durch Spionage und Bestechung die militärischen Maßnahmen in den Nachbarländern auszu- kundschaftcn — denn wenn man über die russische Spionage in Deutschland auch weniger erfährt und die Bestechung von Militärpersonen hier auf größere Schwierigkeiten stoßen dürfte, als in der Donaumonarchie, so weiß man doch I in unseren Rcgicrungskreisen ganz genau, daß auch bei uns ein Netz russischer Spione tätig ist — aber man mochte sich natürlich nach Möglichkeit vor den fremden Ausspähern sichern, lind so hat man an den Berliner Luftschifsern ein Exempcl statuiert zwecks Abschreckung.
Ter Staatssekretär v. Ja g o w hat soeben erst im Budgetausschuß des Reichstags versichert, daß an den deutschrussischen Unstimmigkeiteu in erster Reihe die Preßhctze Schuld sei, womit er natürlich die Heye der russischen Presse meinte. Ganz im Gegensatz hierzu hat einst Fürst Bismarck — es sind jetzt gerade drei Jahrzehnte her — in Gastein zum Fürsten Hohenlohe bemerkt: „Die Russen machen iminer die schönsten Worte, aber sie rüsten fort und stehen kriegsbereit an der Grenze." Heute liegen die Dinge so, daß die Russen längst aufgehört haben, die schönsten Worte zu machen,„aber sie rüsten sort und stehen kriegsbereit an der Grenze". Diese Rüstungen und die unverhohlenen Ziele, welche das Zarenreich damit verfolgt, nicht aber, wie Herr v. Jagow sich oder anderen cinzurcden versucht, etwelche Preßauslassungen, sind der Urgrund der deutsch-russischen Spannung.
Daß aber die russischen Rüstungen sich in erster Reihe gegen Deutschland richten, versichert wenigstens die sran zösische Presse, und sie müßte es eigentlich wissen, da ja diese Rüstungen mit französisckicm Gelbe betrieben werden. Die „France militaire", das Organ des französischen Generalstabs, hat offen erk.ärt, daß die Maßnahmen des Zaren reiches eine Spitze gegen Deutschland haben, ebenso wie das russisch-französische Flottenabkonuncn von 1912 „nur zum Zweck haben kann, das pereinte Vorgehen der beiden Nationen zur See an dem Tage zu bestimmen, wo sie infolge ihres Bündnisvertrages zu einem gemeinsamen Vorgehen veranlaßt würden". Nach der Mitteilung desselben Blattes ist auf französischen Vorschlag die Dienstzeit im russischen Heere um drei Monate verlängert worden, also bei der Infanterie auf 3'/*, bei den berittenen Truppen auf 4>/, Jahr, ist die Ausbildung der russischen Reservisten nach französischem Muster organisiert, sind die Dcsestigungsanlagen an der Wcstgrenze ebenso wie die dort garnisonicrten Truppen wesentlich verstärkt worden.
In dieser Beziehung hat also Frankreich erreicht, was es wollte, und nur die Rechnung der Tripclententc weist noch ein Loch auf. Die Versuche, bei Gelegenheit von König Georgs Besuch in Paris die Tripelcntcntc zu einer Tripel- alliance zusannnenzuschließen, sind von englischer Seite entschieden zurückgcwiesen worden, denn man hat an der Themse keine Neigung, die bisher bewahrte Freiheit der Entschließung auszugeben und zugleich die doch den englischen Interessen mindestens ebenso wie den deutschen entsprechende Verständigung mit Deutschland aufs Spiel zu setzen. Dazu tinrfmt, daß sich gerade in letzter Zeit in Asien nicht unwesentliche englisch-russische Interessengegensätze geltend gemacht haben, und hier wird die Diplomatie Deutschlands, die des zurzeit mehr denn je gefestigten Dreibundes ein- zusetzen haben, vielleicht mit Ersolg cinsetzen können. Tann werden zum Schluß auch die Bäumtz des revanchelustigen Frankreichs und des rüstenden Rußlands nicht tu den Hirmncl wachsen.
Entsetzliche Greueltaten in Epirus.
Aus Albanien kommen sehr schlimme Nachrichten. Die aufständischen Epiroten, die jetzt ganz offen durch griechische Truppen unterstützt werden, sollen bet Argyrokastro einen großen „Sieg" über die Albaner davongetragcn haben und die beiderseitigen Verluste sollen sehr groß sein. Nun darf man solchen Meldungen nicht immer großes Zutrauen schenken. Tatsache aber ist es, daß der neue Staat schon einen regelrechten Krieg zu führen hat, wobei auch die Serben, die bekanntlich in einer Eingabe an die Mächte territoriale Wünsche geäußert haben, sich hineinmischen. Heute kommt eine Nachricht hinzu, die, wenn sic bestätigt werden sollte, die größte Entrüstung Hervorrufen müßte. 200 mohammedanische Albanesen sollen nämlich von den Aufständischen in einer Kirche eingeschlossen und dann gekreuzigt worden sein. Wir erhalten folgende Meldung:
Turazzo, 6. Mai. Der Regierung sind Drahtnachrichten zugegangen, nach denen in Harmova, südöstlich von Tepelenis, 200 mohammedanische Albanesen, die vor den Epiroten nicht geflüchtet waren, gefangen genommen und in das benachbarte Dorf Skodra geschleppt worden sind. Dort wurden sie in die orthodoxe Kirche gebracht und sämtlich gekreuzigt. Die Kirche wurde dann in Brand gesteckt. Albauesische Gen
darmen, die zwei Tage später Skodra besetzten, fanden die verkohlten Leichname vor.
Durazzo, 6. Mai. Nordwestlich von Dibra überschritten serbische Truppen die albauesische Grenze und befestigten auf albanesischem Gebiet den Höhenrücken mit Geschützen.
Nach einer Meldung der Wiener „Neuen Freien Presse" aus Tirana wurden die albanischen Truppen bis südöstlich von Koritza z u r n ck g e s ch l a g c n. In Tirana werden 10000 Mann mobilisiert, die sofort in den Kampf geschickt werden.
Athen, 6. Mäi. Die Kämpfe iw Norden im Argyrokastro dauerten fünf Tage und endeten gestern mit dem Siege der Aufständischen von Epirus. Tsepos und mehrere andere Dörfer wurden von den Truppen der Aufständischen besetzt. Tie Verluste der Albanesen waren beträchtlich. Die .Kümpfe um Codra bei Tcpcleni waren sehr blutig. Wie versichert wird, sind 500 Albanesen kampfunfähig geworden. Auch die Epiroten erlitten beträchtlich« Verluste.
Zn Mexiko
gibt die Zeit des Waffenstillstandes keineswegs beruhigende Ausblicke. Es gehen allerlei Anzeichen um, die das bange Herz der amerikanischen Regierung wohl erschüttern müssen: es heißt denn auchsctzt in den neuesten Meldungen, man sei in Washington „nicht optimistisch" gestimmt. Mit Carranza haben sich die Annäherungsversuche zerschlagen, und bei seiner zwiespältigen und unzuverlässigen Haltung soll die Vermittlung jetzt ohne seine Teilnahme weitergefiihrt werden. Zwischen Villa und Carranza bestehen Streitigkeiten, und Villa hat erklärt, daß er auch mit Huerta nicht au einem Tische sitzen wolle. Ob es Huerta wirklich so schlimm geht, wie man in den letzten Tagen munkelte, ob er sich wirklich mit dem Gedanken trägt, unter Voransschickung der nötigen Gelder das Weite zu suchen, ist sehr fraglich. Die Amerikaner rüsten aufs neue, und so darf mgu sich darauf gefaßt wachen, daß nächstens wieder kriegerische Töne hörbar werden.
Washington, 6. Mai. Nach einer Konferenz zwischen B r y a u und den Vertretern der A. B. C.-Staaten wurde mitgeteilt, daß man sich endgültig entschlossen habe, ohne Carranza die Verhandlungen fortzuführen.
Chihuahua, 5.Mai. General Obregon, der Kommandeur des nordwestlichen Flügels der Rebellen, General G o n z a l l e s, der Kommandeur des nordöstlichen Flügels, General M atora, der Kommandeur des Zentrums, General Caballero, der Kommandeur der Landungstruppen von Tampico und andere haben es abgelehnt, mitden Regierungstruppen zur Abwehr der amerikanischen Invasion sich zu vereinigen.
Washington, 5. Mai. Staatssekretär Bryan gibt bekannt, daß die amerikanischen Vermittler am 18. Mai in Niagara Falls in Kanada zusammentreten werden.
Dcrit?cher Ueictz.
Des Kaisers Heimfahrt. Aus Genua wird vom 6. d. M. berichtet: Tie „Hohenzollern" und die Begleitschiffe warfen heute nachmittag gegen 4 Uhr vor Porto sino Anker, nachdem sic gestern Messina und Neapel, heute Elba passierten. Das Kaisers) aar nahm den Tee bei dem Boischafler Dr. Frhrn. Mumm v. Schwarzenstein im Castell
t i o n e n" haben. Neben dem noch nicht ganz vollendeten weißen, zackigen, spitztürmigen Kreml-Bau Rußlands steht Englands graues, zinnenbewehrles Tudorhaus, neben Frankreichs langgestrecktem, schimmerndem, vornehm graziösem Louisscizc-Palast Italiens kleinerer, doch in edelsten Verhältnissen gebauter Renaissance-Pavillon. Und dazu im Hintergründe der durch strenge Senkrechten gegliederte Kollektivpalast alt der übrigen siemden Staaten, die auf einen eigenen Bau verzichtet haben. Endlich Oesterreich nicht zu vergessen, dessen Pavillon dank der erlesenen dekorativen Schwarzwcißkunst Pros. Joses Hofsmanns wohl den bezauberndsten Jnncnraum der Ausstellung besitzt. Welck>e Fülle von graphischen Kostbarkeiten der ganzen Welt wird bald an dieser Straße der Völker ausgebreitet liegen!
Lassen wir's genug sein für heute! Das Populärste, Lebendigste haben wir noch kaum gesehen: Das „Haus der Frau", von Frauen sür die Frauen erbaut und eingerichtet, dann die große Schule mit der Baracke und dem ländlich-sittlichen Wandervoget- haus, die Sondcransstcltung „Ter Kaufmann" und — von drüben neben denn Völkerschlachtdenkmal ragt rötlich der alte Wartturm herüber — der ganze herrliche alte Heidelberger Schloßhof in zwei Drittel natürlicher Größe (400 000 Mark hat dieser Winkel allein gekostet). Er gibt den romantisch-neutralen Rahmen sür eine Sondcrausstellung „Der Swdcnt" ab, er sott aber auch die Stätte frohen Genießcns sein. Der Frühschoppen, den der König mtt den Studenten bei der Eröffnungsfeier hier trank, ist vorüber. Setzen wir uns still nach der ersten Wanderung mit einem guten Glase in eine gemütliche Ecke und freuen wir uns, daß wir ein genaues Studiuni der Ausstellung auf Wochen und Monate verteilen können. Wir wissen jetzt, daß es sich lohnen wird.
Leipzig, 6. Mai. (Privattclegramm.) Heute mittag wurde die Internationale Ausstellung sür Buchgewerbe und Graphik Leipzig 1914 aus dem Gelände der vorjährigen Internationalen Bausachausstellung am Fuße des Völkerschlacht-Denkmals in Gegenwart des Königs, des Prinzen Johann Georg und der Prinzessin Mathilde von Sachsen sowie zahlreicher geladener Gäste cröfinct. Der König begab sich in Begleitung des Direktoriums in den Rcmäsentationsraum in der Jndustriehallc, wo eine glänzende Festgesellschaft versammelt war. Nach einem Musikoortrag des Ausstellungsorchesters hielt der erste Präsident der Ausstellung, Dr. Volkmann, die Eröffnungsrede. Sodann erklärte Staatskommissar, Kreishauptmann v. B u r g s d o r f f aus Beseht des Königs die Ausstellung für eröffnet. An die Eröffnungsfeier schloß sich eine Besichtigung. Zunächst besichtigte der König die Halle des deutschen Baugewerbes, die Halle „Kultur", den italienischen Staatspavillon und sodann die Halle „Der Kaufmann" sowie den französischen Staatspavillon. Inzwischen hatten sich im akademischen Viertel in der Abteilung „Der Student" etwa 750
Die Eröffnung ver Leipziger Weltausstellung sür Buchgewerbe und Graphik am b. Mai.
Don Dr. R. W e i ch a r d t.
Am ersten Tage war noch keine Weltausstellung „fertig". Am ersten Schöpfungstage war auch die Welt selber ja noch nicht vollkoimnen: das Chaos begann sich erst zu gestalten. Man hätte gewiß gut getan, die Internationale Ausstellung sür Buchgewerbe und Graphit zu Leipzig, die ja bis in den Oktober währen soll, ein wenig später zu eröffnen: aber der Wunsch des Königs von Sachsen, der seine Reise nicht länger aufschieben mochte, war Maßgebend, und wenn noch vor wenigen Tagen wirtlich das ganze weite Ausstellungsgclände — größer als das der Dresdner Hygiene-Ausstellung — ein einziges Chaos schien, heut' zum Eröffnungstage sicht die Internationale Ausstellung sür Buchgewerbe und Graphik doch sür den ersten flüchtigen Blick säst fertig aus, fertig genug, um eine oberflächliche Orientierung zu ermöglichen und uns zu sagen, ob es sich denn auch furchen Laien lolmt, diese größte Fackz-Weltausstellung, die bis jetzt vavanstaltet worden ist, zu besuchen und zu studieren. 1 '
Auch der Dresdner Hygiene-Ausstellung stand Man anfangs ' ein wenig skevtisch gegenüber: bald aber erkannte man, wie tief das Wissen vom Menschen und seinem Körper, dem Träger seines Geistes und seiner Seele, einen jeden anging. Und nun hier die Ausstellung des Buches, der Schritt, des Bildes, des Trucks, zeigt sie nicht vielleicht auch elementarste Tinge, von denen wir alle wissen sollten und doch lange nickst genug wissen? Achtlos hallen wir unsere Zeitung in der Hand, ohne die wir heute säst so wenig I wie ohne die Luft leben könnten: wissen mir, wie sic entsteht? Haben wir auch nur eine klare Anschauung von der Kunst der Papierberettung, geschweige von Satz und Druck einer Zeitung,
' eines Buches? Sind wir uns überhaupt der ungeheuren Bedeutung von Buchgewerbe und Graphik für das ganze Leben jedes einzelnen voll und dankbar bewußt? Bedenken wir: Kann man den Körper den Träger deS Geistes nennen, das bedruckte Papier, Buchstabe und Buch sind die wunderbaren Vermi ttlcr aller geistigen ' Werte, von der simpelsten Anzeige bis zu den Menschheitsideen eines Goethe, eines Kant. Die snnttindzwanzig Buchstaben des ' Alphabets erhellen gleich Lampen und Sternen all' unsere Wege - aus dieser dunklen Erde, und ohne sie würden wir wieder zu armen, irrenden Tieren in sinsterem Wald. Schon a priori, glaube ich darum, dürren wir sagen: eine Wcltschau des Buchgewerbes und der Graphik geht einen jeden iM Innersten an: sie erzählt uns von nicht mektt und nicht weniger, als was seit Jahrtausenden das j! tägliche Brot des Menschengeistes war und heute noch ist und immer '! bleiben wird. Tic Ausstellung des Buck^ewerbcs ist die Ausstellung des Geistes, der geistigen Menschheitskultur.
Doch sehen wir mit eigenen Augen zu! Tic hochsiewölbte Detonknppcl der alle der Kultur" lockt uns vielleicht zu-
,erst an, und wenn wir 'noch nicht davon überzeugt sind, hier sehen (und erleben wir's in hundert anschaulichen Darstellungen, wie innig Äültur und Buchgewerbe (im weitesten Sinne) miteinander verwoben sind, hier wird der Geist der Zeiten Ivirklich lebendig, und ob wir in den Bilderhöhlen. der Steinzeit verweilen, den chinesiichen Literaturtempel und das im Original aus China her- vcrvilanzle Haus eines ckstncsffchen Gelehrten bewundern, ob wir im arabischen Buchladen, in der Schreibzelle eines Mönches des Mittelalters, in alten Truckerwerkstätten, im silhoucttcngcschmückten Bicdcrmcicrraum oder im Empfangszimmer eines modernen Kul- turverlagcs uns aushaltcn, überall spricht zu uns aus ihren! graphischen Aeußerungen die Geschichte der Zeit, und wir erkennen dankbar sofort das gute, volkstümliche oberste Gesetz dieser Ausstellung, das in allen Hallen und hier von Prof. Lamprecht, dem Organisator der Kultur-Halle, besonders vorbildlich durch- gesührt ist: kein totes, langweiliges Material zu häufen, sondern alle Dinge und Werte in anschaulichstes Leben umzusetzen, zu plastischen Bildern zu formen. — Erwähnen wir gleich, daß ist einem Anbau der „Halle der Kultur", in lichten, weiten, weiß- überspannten Sälen die zeitgenössischen graphischen Künstler des ganzen kultivierten Erdballs sich ein Stelldichein geben. Die Graphik der Welt läßt sich hier in Tausenden erlesener Radierungen, Holzschnitte usw. umfassend wie noch nie überschauen.
Nun ein paar kurze vorläufige Blicke nur noch in die Praxis und die Gegenwart! Ta breitet sich gleich zur Linken vom Hauptcingang der Ausstellung — vor uns schließt fern das ragende Völkerschlachtdcnkmal den Aspekt ab — das imposante Papierindustrie-Viertel. Hier wird fortan eine 70 Meter lange Riesenpapiermvschine die ganze Pavicrerzeugung vor Augen führen, und daneben noch das Original einer von den Jahrhunderten gebräunten, mittelalterlichen Papiermühle, deren Rad ein rauschendes Wasser treibt, die Bereitung der alten Büttenpapiere demonstrieren. An das Ungeheuer der Papiermaschine schließen sich die vielen Ausstellungskojcn der Tagespreise, der Zeitungen an, in deren Mitte eine Tiefdruckmaschine und zwei mächtige Rotationspressen surren und sausen. Das eigentliche buchgewerbliche Maschinenwesen entsaltct sich aber in drei großen Hallen zur Rechten des Hanpt- cingangs, von denen die eine aus Glas und Eisen weithin durchsichtig schimmert und die zusammen einen Raum einnehmen, wie er noch nie dem Maschinenwesen auf einer deutschen Ausstetluna bercitgestcllt wurde (zirka 20 000 Quadratmeter). Ebenso groß ist die Halle „Deutsches Buchgewerbe". Beim ersten Durchwandern fäfft besonders in dem einen Flügel die Ruhmeshallck des deutschen Verlages auf: da zeigen Leipzig und Berlin, Stuttgart und München in wundervoll einheitlichen Ausstellungen, was sie zur deutschen Gcisteskultur in Gestalt des Buches und der Zeitschrift beiznileuern vermögen.
Jede Ausstellung hat chren „Clou": die Bugra wird ihn sicherlich in der denkbar internationalen „Straße der Na-


