Nr. 38
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«rkfKtnt liqliA, außer Sonntags. - Beilagen: viermal wöckewlich OihenerLgwMenblän«; unermal ivöchenll Xtek- dlantürde» Xeel, Oetzen -rtenstaq lmhFreiiagl; zweimal monatl. kint- «irttchaftllche Seltfrage» sterniprech - Anschlüße: tär die Redaktion 112, «erlag ». Expedition ül Adresse fftr Depeschen: Anzeiger «setzen. Annahme »an Anzeige» lür di« Tagesnummer bis vormiNagS S Uhr.
Sch« Blatt
(64. Jahrgang
Gietzener Anzeiger
General-Anzeiger für Oberhessen
Zamrtag, l4. Februar |9H
Die heutige Nummer umfaßt 22 Seilen.
Taqcskalcnder aus dem Iahe« 4^43/14.
M. Februar: Gefecht bei C h a m p c a h b c r t, das jür die Verbündete» unglücklich endet. Blücher entgeht kaun, der Gefangenschaft.
politifehc wochenscha«.
Gießen, 14. Februar.
Im Winter seines Mißvergnügens hat der Reichskanzler v. Bcthmann-Hollwcg beim Festmahle des Landwirtsch.ists- rates eine Rede an das Volk gehalten, nicht nur an die Landwirte. Man sollte das allgemein qutheißen, denn dasiir ist der Reichskanzler doch wirklich nicht da, daß er alle Iabre demselben .streife bcstimniter Interessen ein paar Schmeichelwortc sagt und sie in längerer Phrasenrede drei- inal hochlcben läßt" Tr hat ztvar auch diesmal wieder, und zu unserer vollen Zufriedenheit, bestätigt, daß die Regierung in der Fürsorge für die Landwirtschaft auf dem bewährten Wege weiterschreitcn werde, er hat aber zugleich seiner Rede mit dem Mrrkwort „Gute Ernte, ernste politische Zeiten" einen weiteren Inhalt gegeben. Wenn er von der „Unlust über den Gang der inneren politischen Geschäfte" sprach, so hat er gezeigt, daß er die Vorhaltungen aus dem preußischen Herrenhause und im Anschluß daran die Kritik von Heydebrands noch nicht für ganz erledigt hält. In der Tat, er war dem deutschen Volke ein ossenes Bekenntnis schuldig, denn seine Entgegnungen in den Parlamenten,, namentlich im Herrenhause, waren nicht recht volkstümlich und hatten sich zu sehr auf eine akadcmisckze Derterdigung beschränkt. Run fand er aus eigenem Antrieb ein Wort der Klärung, und da es «ine Gelegeuhcitshandlung war, bei dem das schärfere Zaberner Gewürz diesmal fehlte, so wird es vielleicht mit ruhigerem Nachdenken auch an denjenigen Stellen ausgenommen werden, wo inan aus diesem Anlaß lieber den reinen Honigseim der braven Anbiederung geschluckt hätte. Wir meinen den Kreis der „echt preußischen" Junker. Ter Kanzler tvarnte nochmals die Rechte vor parti- kularistischen Anwandlungen, und er tat es, das sei mit freudigem Beisall gesagt, in der vernünftigen Weiterbildung weiser Bismcirckischep Gedanken. Erhüben über alle Partcidottrinen Hai ja auch der eiserne Kanzler a» verschiedenen Sielten eindringlich bekannt: d:ß die gemeinsamen össcntl'chen Einrichtungen im Reiche von ihm gc- schassen und geiördert worden seien in der Absicht, „Bindemittel herzustrllen", die Einheit der Deutschen zu festigen. Run bat freilich Bismarck auch davor geivarnt, daß der vorsichtige und Itenimcndc Einsluß der Besitzenden verloren gehe und daß „das begehrliche Element" allzu stark an dem Wagen zerre. So erscholl cs aus Bethmanns Munde, .daß es mit der Sozialdemokratie kein Paktieren, sondern nur Kamps gebe. Ten Hauptuachdruck aber legte der jetzige -Kanzler darauf, daß der alten Rationalsündc des Partikula- rismus c n tg egcngr a r b eit et werden müsse. Auch heute noch, wo das deutsche Ansehen in der Welt sich gehoben hat, bedürfen wir starker innerer Einigkeit gegen alle Gefahren, die von unseren Feinden draußen ausgehen. Es wirkte vor trefflich, daß Herr v. Dcthinann-Hollweg der säst ausschließlich „streng" konservativen Tafelrunde einen erfrischenden Schuß echt liberalen Weines in die Gläser goß. Er redete in schönem Schwung von Fortschritt und Entwickelung.
Ernst haeSel.
Zu seinem 86. Geburtstag, 16, Februar,
Bon Tr. Julius Schaxcl, Privatdozent an der Universität Jena.
Ernst Haeckels Name gebärt zu den volkstümlichsten unserer !Zcit. Wer in aller .Munde ist, über dessen Beurteilung gehen viele Meinungen um.
Als Haeckel zum erstenmal an die breitere Oesfentlichkeit tritt, tut er cs als Angreifer. Auf der Naturiorscherversamm lang zu Stettin. 1863, bricht er durch sein Eintreten für die Entwicklungslehre Darwins mit den damaligen Traditionen seiner Wissenschaft, Bon nun an steht er immer an erster Stelle in den Kämmen uni die Ledre, die durch ihn ent recht Wucht und kühne Anwendung aut alle Fragen findet, die den Menschen in Beistand und Gemüt bewegen. Stets geht er wieder vor, um neue Gebiete zu erobern und eroberte ablochrend zu verteidigen. Er selbst iührt eine scharfe Klinge. Man iolgt ihm zögernd oder stürmisch unb er bat offene uich versteckte Gegner.
Die generelle Morvholoaie von 1866 ist die Grundseste, dir er sich für alle Zeilen schafft. Hier hegt er alles nieder, was zu forschen und zu lehren sein wird, wie und zu welchem Zwecke es geschehen soll, Tie au Darwins Theorie Haeckel ouigcgangene Erkennlnis, daß wir jedes Ding dann am hetzen vertzeben, wenn mir es in seinem Herkommen und Werben durchschauen, wird an den organischen Formen erprobt, sprengt aber sogleich den beschränkten Bereich der Fnchwiffcnschait, um allgemeinste An- wendunq zu ffnden. Das Zauberwort „Entwicklung" soll alle Rätsel der Welt und des Lebens lösen Tie natürliche Tckiött lungsgeichichle. 1868, und die Anthropogenie Entwicklimgsqe schichte des Menschen!, 1874, sind Steine, die er aui diesem Gebiete ins Rollen bringt irnd die Lawinen nach sich ziehen. Tic Reden in München. 1877, „Ueber die heutige Entwicklungslehre im Berhältnis zur Geiamtwiffenschaff" und in Altenburg, I86L, über den „Monismus als Band zwischen der Religion und Wissenschait" sind große eochlachlen, die Hacckel sür seine Lehren liekert. Mit den „Wclträtieln" 1809 entfachte er den Brand auis neue, der- für und gcgrn ihn bis heute immer wieder bell ausloben 1905 sprich! er noch einmal selbst in Berlin. Die „Lebenswunder" folgen den „Delträtieln" außer kleineren Schrille» unb den vielen Neuaustagcn der älteren Werke.
Wer Haeckel nur nach den allgemeinen Schriften und Reden üeies halben Jadrbundcrts des Kammes beurteilt, erkält kaum ein treffendes Bild von seinem Wesen, Tie große Kühnheit, mit der er die Probleme angrcist und meist in einem Zuge alle Schwic- rigkeffcn zu überwinden sucht, stnüct nicht leicht das rechte Ber stindnis. Die Freude an der Klarheit des Schemas wird für
Nur diese schmieden uns ein starkes, geeintes Reich, Ter junkerlichen Verdrossenheit hielt er den starken und gesunden Geist -der Arbeit vor, die neue Werte schassen müsse pnd unserem Volke die Geltung gebe, deren es im Wettkampf mit den fremden Bol kern bcdürse.
Es war richtig, daran zu erinnern, daß sich die Zeiten etwas geändert haben. Die regere Anteilnahme am politischen Leben muß mit einem andere» Geiste befruchtet werden als die „echt Preußischen" es wollten. Bismarck hat beweg lich geklagt über den Eigensinn und die Berblcndung der Parteiführer, die das gemeinsame Ziel aus dem Auge verlören und das Reich in Gefahr brachten. Es ist auch eine Gesahr, wenn der Hochmut einzelner Klassen sich der Führerschaft bemächtigen und die leitenden Persönlichkeiten im Reiche ins Schlepptau nehmen will. Tie vom Reichskanzler erwähnte rege, gemciiisamc Arbeit, die täglich neu entstehenden Aufgaben bedingen eine größere Verstäudi gung, und die Pioniere der deutschen Kiiliur haben auch Brücken zu schlagen von Mensch zu Mensch, Das ist nicht zunehmend« Begehrlichkeit, sondern ein Gebot der Zeit. Tie Reichsregierung bedarf nicht der Winke bevorrechteter Klassen, sondern des Mitsühlens und der Mitarbeit auch der bescheidenen Bürger. Es ist gut, daß der oberste Beamte in der „gärenden Entwickelung unserer Zeit" nicht in der Sterne Laus sich die Richtung holt, sondern im erwärmenden Element volkslüiulichrn Fuhlens die Fortentwickelung erstrebt.
Das Ministerium Staafs in Schweden ist von einer Dolkswelle hinweggeschwemmt worden. Es hatte nicht rege Umschau gehalten und lgatte die Erfordernisse der Zeit übersehen. Seit zwei Jahren hat es zwar an der Spitze eines, Ausschusses nach einer zeitgemäßen Heeresorganisation gesucht, allein seine Bahn war in dieser Richtung versandet, und seine Gegner von der politischen Rechten ösfncten daher die Schleusen einer Volkserhebung. Natürlich sind nicht alle Dolkskreise von der Notwendigkeit weiterer Schritte in den .Heeresfragen vollständig überzeugt, und das der zeitige Parlament, das ebenfalls die Wolken am Firmament nicht rechtzeitig beachtet hatte, hat dem Wetter die Stirn zu bieten versucht: umsonst! Tie schwedische Wehr frage war seit Jahren vernachlässigt worden Vor etwa zwei Monaten batte der Staalsminister Staass in einer Rede erklärt, daß die militärische Dienstzeit für die Wehr pflichtigen, die heute sür die Mehrzahl der Mannschaften: 240 Tage beträgt nick»,', wesentlich c-bäht werden tonne. Man wurde in! Volle de. langen Unsickierlwit und der pfsen sichtlichen Verschleppung der Angelegenheit müde, Reue Erregung wurde entfacht, als bekannt wurde, daß der russische Nachbar rüstete und seine Arme weiter hcrüberstreckte, indem er mit allerlei Gewallmaßnahmen Finnland russisizierie und sein strategisches Eisenbahnnetz an der Grenze ber besserte, Tie Erhebung der Bauern wirkte nun ohne Zweifel außerordentlich snmpalhisch. Uns Deutschen zumal kann cs nur recht sein, wenn Rußland im Norden ans Eifersucht und Widerstände stößt, denn das bedeutet, daß wir vielleicht tu ernsten Tagen dort eine Stiche erhalten, Sven Hedin, der belannle Forscher, hat nicht wenig in seinem Volle sür die Erkenntnis der russischen Gesahr gewirkt. Daß König Eustav lieber den patriotischen Kundgebungen seine Svin pathie ausdrückte und seine Hilfe versprach als dem wankenden Kabinett das Hauptbuch voranzutragen, ist so begreif lich, daß man darüber wenig Worte zu machen braucht. Staatsrechtlich kann gegen ihn gar nichts geltend gemacht werden. Er ist keineswegs ans das Ministerium Staass
Dogmatismus gehalten und der wiederholte und nachdrückliche Hinweis aus das sür wahr Erachtete sanatisch genannt.
Einen anderen Eindruck gewinnt, schon der, der Haeckels Tü liglcit als Naturioricher nachgedt. So wenig sein Leben »ei ber bewegten öffentlichen Tätigkeit bas eines stillen Gelehrten zu sein scheint, hat er doch eine Arbeit von ungewöhnlichem Um sang geleistet. Seine Untersuchungen über die einzelligen Tiere, besonders die Radiolarien, und über den Bau und die Entwirf lun!) der Schwämme und der Medusen, seine Studie» über die Lebewell des Meeres, seine Analoie der Abstammungsvcrhältnisse im ganzen Srgaiiismenreickc setzen Kenntnisse von Objekte» n»d Literatur voraus, wie sic die Geschichte der Biologie wohl zum letzlenmol in einer Person vereinigt sieht. Tos Unlcrwchungs- material sammelt Haeckel meist selbst an: weiten Reisen, und init einfachen Arbeitsmitteln weiß er sich zu behelfen. Zu solcher Leistung gehört nicht nur eine nimmermüde Krait und glück- Uche Veranlagung, nicht nur Fleiß unb Ausdauer, sondern auch Liebe und Güte, die bei der iorsäicudrn Untersuchung der einzelnen Sacke hingebende Anleilnabme widmet, To enthalten Haeckels iachwiiienichattlich' Werke kaum trockene Bcsckreibungen und langweilige Aufzählungen, sondern überall kommt der Na turireund und der warmherzige Künstler zu Worle, Wo aiidere nur Rcvräsentanlen eines Uaffffitatoriicken Silsteins, tote Museumsstücke, leben, da offenbart l'ick ihm Schönheit in Form und Farbe. Aus den Zeilen, die Artmerkmale auizähten, leuchten dunlle Korallenriffe, seine Küsten, schimmert das unendliche Meer und spricht ein Mensch,
Haeckels mackloolle Persönlichkeit entfaltet ihre nachhaltigste Wirkung dem, der ihn durch längere Zeit als Universitätsdozent lcdren sieht Auch wo sich keine engeren Bestehungen anbahnen, wirkt das Beispiel des ganz vo» seiner Sacke erfüllten Mannes vorbildlich. Haeckel trägt nicht einfach eine Tuminc erprobten Wiffenftoffeo vor, die man aus Büchern mindestens ebenso de auem haben könnte, sondern er lehrt seine ticsst: »eberzeugung. Cs ist zu merke»: hier gibt einer sei» Heiligstes, gibt sich selbst. Mehr last w i e er lehrt, als was er lehrt, bedingt den liefen Eindruck aui alle, die ihm empfänglich cnigcgenkomnien.
Nicht rednerische Künste oder blendende Temonstrationen fesseln den Schüler, Einfache, meist selbst angeierligle Präparate und selbst gezeichnete ooer nach eigenen Entwürfen hcrgeftclltc Wand- laieln werden durch raich hmgewortenc Kreidcikizzcn erläutert und in schlichter Shrechweisc dir den Stoff beherrschenden Ideen borgelragen. Was auch immer der Gegenstand der Vorlesung oder der Demonstration sein mag, Haeckel spricht im Geiste seiner aus der genetischen Betrachtungsweise der Lebewesen stammenden Philosophie, die er auf alle Erscheinungen der Natur und unseres Lebens anwcndet. Wenn er dazu kommt, daß ein Gebäude von Gedanken die abschließende Krönung erhält, zittert die hohe Stimme
angewiesen und weiß vermutlich, daß er in dieser vaterländischen Suche die Mehrheit seines Volkes hiirter sich hat. Ein >.,ucs Kabinett ivird sich den Forderungen der Zeit besser aubequemen, und der König wird bei einer neuen Heeresvorlage wohl auch den nötigen Rückhalt bei dcni Staatsral iiudcii, an dessen Zustimmung er staatsrechtlich gebunden ist. Wenn heute sich „och einige Widerstände regen, mcnn einige Schreie über den verletzten Parlamentarismus laui werden, so wird das nichts daran ändern, daß eine so elementare Volksbeiveguwg, die auf starken nationalen Gefühlen beruht, sich schließlich durchsetzen wird. Tic Art, lute das Ministerium Staafs versucht hol, dem König Still schiveigen zu gebieten, ivic die Linke im Parlament gegen den Herrscher eijerte, wird der Agitation für die Heeres- Vermehrung und --Verbesserung nur neue Shnipalhieu ein tragen. Tic letzten Kundgebungen vor dem König!, Schlosse und bei den Ausfahrten des Herrsckzers haben bewiesen, daß das nationale Hvchgefiihl im Wachsen ist.
Auch im heiligen Rußland ist eilt neuer Kurs einge- schlagcn worden. Schon während der Balkankriegc und Krisen war oft genug deutlich geworden, daß neben Ko kowzvw und Sasonow eine stille und einflußreiche Neben rcgierung am Werke war. In die imicrc Politik des Zarenreiches haben wir wenig Einblick, aber wenn cs heute heißt, der Zar habe dem scheidenden Ministerpräsidenten zum Lohn für seine Verdienste die Grasenkronc erteilt, so erinnert man sich der zahlreichen sinanzpolitischen Nachweise der letzten Jahre, in denen Rußland zweifellos einen Erfolg zu ver,zeichnen hatte. Sicherlich hatte Kolowzow daran den größten Anteil. Wenn nun der Zar dem neuen Finanz- minister Bark seine Richtlinien mit aus den Weg gegehcn hat, so läßt sich nicht recht erkennen, ob hier wirklich vie Richtung geändert ivcrden soll. Wenn für kulturelle Ausgaben größere Mittel bcreilgesteUt werden sollen, so wird der Nachfolger Kokowzows sicher ebensalls nicht gerade init der Wünschet rule arbeiten können. Ob rcaklionäre Forderungen durch das neue Kabinett verivirklichl werden sollen, läßt sich heute schwer übersehen. Ganz fraglos aber ivird der Pan slawismus nun in Aufschwung kommen. Wir wissen es, daß Kolowzow unb Sasonvw vorsichtige Staatsmänner waren die Bedenken trugen, alle Wünsche der russischen Nationa listen zu erfüllen. Herr Sasouoiv scheint zwar in der aller letzten Zeit der Verschiebung der Machtvcrhältnisse am Hose Rechnung getragen zu haben: die bekannten Unfreund lichkeiien gegen Deutschland, die wir vor einigen Tagen besprochen haben, sind ganz gewiß auf die Rechnung der neuen innerpolitischen Lage zu setzen. Sehr zri denken gibt die Tatsache, daß Rußland ungewöhnliche Rüstungen betreibt. So erfuhr jetzt wieder die „Wiener Reichspost", es sei ein Ge setz in Vorbereitung, das die Heranziehung aller bisher wegen Uebcrzähligkeil vom Militärdienst Befreiten zur aktiven Dienstleistung in diesem Jahre anordnet. Außerdem beabsichtige Rußland die Ausstellung von vier bis fünf weiteren Armeekorps. Soll damit das von der „Nowoje Wremja" angekündigte „Zeitalter grundlegender Umbildungen" au- brechcn'?
Line Novelle zur Gewerbeordnung
b c t r c s s e n d A c n d c r u ipg ,d e r KH 3 3 lu n d- -3 3 a b c r Gewerbeordnung ist vom Bundcsrate angenommen worden und wird jetzt dem Reichstage zugehcn, Tie Novelle will bestehende Mißstände im G a st w i t t sch a i t s >v c sc u beseitigen und die Gastwirtschaften einer verschärften Aufsicht unterwerseu. Zu diesem Zwecke werden aUc Schairk-
i» verhaltener Erregung, die Augen strahlen, und von dem Antlitz geht Erleuchtung aus.
Bkionderc Torgsalt wendet Haeckel den Schülern zu, die mit der aiisgcsprochcnen Absicht zu ihm kommen, sich seiner Wissen - ichait zu widmen. Die liebevolle Anleitung und die Fürsorge sogar in Bezug aut die Dinge des täglichen Lebens gestaltet das Verhältnis zwischen Schüler und Lehrer bald herzlich. Im La- boialorium wie im privaten Gespräch bleibt .Haeckel immer derselbe ruhige und heilere Beantworter aller Fragen. Die große Bestimmtheit, ja Hejtiglkil, die ihm beim öffentlichen Auftreten eigen ist, zeigt sich in rührende Bescheidenheit und Zugänglichkeit verwandelt. Wird er lebhaft, io vewegt ihn nicht Unmut, sondern er bricht in schallendes Lackten aus, ein Lachen, dos nur aus einem lauteren Gemüle kommen kann. Niemand vergißt cs, der er einmal gchörl hat.
Die milde Lehrtveisc bringt es mit sich, daß dem kühnen Ti-eoretiker nichts ferner liegt, als die tastenden Versuche bcS Jünglings in vorbrstimmte Bahnen zu drängen. Er öffnet nur begeistert und begeisternd die Well der ungelösten Fragen in ihrer bunlc» Mannigialiigkei! und dcuiel zurückhaltend die Wege a», die er selktzt für die dankbarsten hält, um in das Unbekannte cin- zudringen. Er erzieht zur Selbständigkeit, indem er von dem Schüler Initiative verlangt und kein Urteil über das Ergebnis der eingeleitete» Untersuchung vorwcgnimmt. Von dieser Art des Anletncns mag es hcrrühren, daß aus Haeckels Schule Forscher von recht verschiedenartigem Gevrägc in ihren Gesamtanschau- ungcn hervorgcgangcn sind. Aut den Lebrstühlen der Zoologie, Anatomie, Phviwlvgie und Botanik in Deutschland und im Auslände ffnden nur Männer, die bei Haeckel angesangcn haben. Nicht alle sind im engeren Sinne treue Schüler des Meister? geblieben, sondern haben später andere Richtung in Forschung und Lehre eingeschlagen^ Haeckel meint einmal, dätz manche große Hoffnungen, die er einst aut sie setzte, nicht erfüllt habcn. Wetz aber so wie er mis dem Ueberstuß des weit sassendcn EieisteS mit vollen Händen gibt, sät mebr, als er selbst abnt. Wird nun gar der autgebenden Saat frei: Entwicklung gelassen, so wild vielerlei zur Blüte gelangen. Ter Säemann mag einiges für Unkraut halten, rür das Gedeihen der Wissenschait aber ist da? vielgestaltige Bemühen IMI die Probleme gerade rechl.
Am 16, Februar 1914 vollendet Ernst Haeckel das 86. Lebensjahr. Er bleibt NN sffUcn Kreise den allcntdalben gejeierten Festen fern. Doch fühlt er sich nicht etwa all und krank. Sein gesunder Körper hat^mit 78 Jahren noch einen sckrvcrcn Unfall leicht übernmnden. Sein Geist ist ewig lang. Er- I»at nur eine erbabenc Ruhe und Beurteilung gesunde». Weihrauch und Schmähung gilt dem gleich, der lange von der Belt der Dingr viep^esehcn und die der Geister selbst bewegt hat.


