Nr. y
Ter Sicheiter Anzeiger
erscheint täglich, außer Sonntags, — Beilagen: viermal ivöchentlich
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zweimal wöchcult.Uikik- blatt für den Ureis Siegen
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fleriilprerf) • 2litiri)Iiijje: siir bic Redaktion 112, Berlag u. Srcebitiou 51 Slbrtfie üir Depeschen: Anzeiger Gießen. Annahme van Anzeigen !!>r bic Tagesnnmmer bis vormittags 9 Uhr.
*64. Jahrgang
Montag, *2. Januar *9*4
General-Anzeiger für Oberhessen
Rotationsdruck und Verlag der vrühl'schen Univ.-Such- und Steindruckrrei R. Lange. Redaktion. Expedition und Druckerei: Schulstrahe 7.
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inonatlicb 75 43*., mertel- jährlich Mt. 2.20; durch 'Abhole- il Zweigstellen monatlich 65 Pst: durch diePost Mk. 2.—viertel« jährl. ausschl. Bcstcllq. Zeilenpreis: lokal 15Pf.» ausrvärts 20 Bkenniq. Chefredakteur: A Goetz. Verantwortlich für den volit. Teil: Aug. Goetz: für „Feuilleton", ,Ver» mischtes" und „Gerichtssaal": Karl Neurath; iür „Stabt und Land": Kurt Zendt; für den Anzeigenteil: H. Beck.
Die heutige Nummer umfaßt 10 Seiten.
Die 5trahburger llrteilrsprüche.
Ter Ausgang der Straßburger Verhandlungen gegen Oberst t>. Reuter und Leutnant v. Forstner hat in vielen Kreisen Ueberraschung kicrvorgcruscn Wenn man auch er-, wartet hat, daß das Urteil gegen den Obersten ln SInbe* kracht der großen Versäumnisse der Zivilgewalt in i I d e aus- satten würde, so lvar mau doch nicht recht darauf gefaßt, daß Herr v. Reuter, namentlich ob der Einsperrung unschuldiger Menschen in einen Keller, ganz straffrei ausgehen werde. Eesängnisstrase hat ihm wohl kaum jemand gegönnt, denn persönlich hat das Austreten dieses Angeklagten den besten Eindruck gemacht, und da er glaubte, p s lichtste, inäß vorgcgangen zu sein, tvar eine entehrende Strafe kcinessalls am Platze. Wir ivollen auch das frcisprecliende Urteil nicht mit Besrcindcn oder Unwillen ansnchmen, wenn das Volk hoffen dürste, ^daß aus den unangenehmen Vorkommnissen die nötigen Schlußfolgerungen gezogen werden, deren Richtlinien wir hier nicht niehr zu wiederhole» brau, chen. Jni großen und ganzen hat die gesamte Presse die Urteile, sogar auch das sreisprechcnde Erkenntnis gegen van Forstner, mit ruhiger Zurückhaltung ausgenommen. Man kann der „Köln. Ztg," beipslichten, fvenn sie erklärt: „Tas Kriegsgericht hat die Mißgriffe des Obersten nicht für ge-, »iigend erachtet, gerichtliche Strafen über ihn zli verhängen: aber wir hosscn, seine Fehler in der Behandlung der Zivilbevölkerung werden ihre disziplinarische Strafe sinden. Und aus der anderen Seite wird ja wohl auch die Zioilverwaltung in Zabern von ihrer Vorgesetzten Behörde bald mit einigen gründlichen Veränderungen bedacht werden."
Schaden haben die Zaberner Vorgänge genug angerichtet, nno über die Politik des Herrn v. Bethmann-Hollweg, die er in den Reichslanden eingeschlagcn hat, toird noch inanches Wort gesprochen werden müssen. Was jetzt die Regierungspresse niit den lonservativen Blättern über die Stimmung der elsaß-lothringischen Bevölkerung ösfentlich erklären muß, entspricht doch recht ivenig dem anmutigen Bilde, das uns bei der Schaffung-der Verfassung für die Reichslande vorgcmalt wurde. Will der Reichskanzler gestehen, daß er sich getäuscht hat, tvill er das Kaijerworb von den „Scherben" verwirklichen oder das weitere Ertt- gegeulointucn-zeigeu, das iin elsaß-lothringischen Landtag bereits gefordert worden ist, nämlich die Verfassung weiter
ansznbaneno
Dir Pegründung des Urteils.
S t r a ß b u r g , 40. Jan.
In der Begründ» n gdesfr eis vrechendenUrteils führte KriegSgcrichtsrat Jahn einleitend aus, daß Leutnant von Forstner Ende Oktober die bekannte Aeutzerung über die „Wackcs" getan hat. Tie Bcweisauinahme hat bestätigt, daß infolge der Veröffentlichung von Aeußrrungcn in der betreuenden Jnstruk- iionSstunde Aienschcuanfainwluugen in demonstrativer Absicht sich hinter dem Leutnant und vor seiner Wohnung bitdeien, wobei mehrfach Beleidigungen ausgestoßen wurden. Es ist testgestellt, daß Steine und Flaschcir hinter den Offizieren, und zwar nicht hinter Leutnant v. Forstner allein, her geworfen wurden. Tic Polizei hatte nicht die Macht, dre Ansammlungen zu zerstreuen, bis endlich Gendarmen zu Pferde stiegen. Tie Zurückdrängnng der Menge erwibcric diese mit Stcinwürscu. Ruhe trat ein, als Oberst v. Reuter in Urlaub war: die Beleidigungen der Ossizicre wurden abe^in der Zwischenzeit sortge- fef.t und erstreckten sich auch aus den Obersten. als dieser aus seinem Urlaub zurückkehrte. Was sich später ereignete, darüber gehen die Ansichten weit auseinander. Nach der einen Ansicht war das Einschreiten des Militärs berechtigt, nach der andern jedoch nicht. TaS
Gericht nimmt an, daß die Bevölkerung über die kurz zuvor wegen I bcr Beleidigung der Offiziere erfolgte Festnahme von jungen Bur Wien sich aufgeregt hat, so daß eS nach dem Einschreiten deS scharf vorgchcnden Militärs zu Ausschreitungen kam.
In rechtlicher Beziehung führte KriegSgerichtsrat Jahn aus, es bestehe ein erhebliches staatliches Interesse daran, die Träger der Staatshoheit zu schüfen. Schon wenn «chutzleute anqegrisjcn würden, erfolge die Osfiziatklagc. In Zg. Hern sind die Offiziere tatsächlich angegrifsen und beleidigt worden. Schon am 13. November hatte Oberst v. Reuter der Zivilbehörde mitgctrfit, daß sie für Abhilfe sorgen möge, widrigenfalls der Belagerungszustand verhängt würde. S c l b st v e r st ä n d l i ch w a i diese Verhängung d e S Belagerungszustandes eine ungesetzliche Maßnahme, aber die Polizei konnte Nissan, daß das Militär sich in einer Notlage befinde. Wer wäli- rend der Zaberner Vorgänge die Polizcigewalt in »Zabern ausübte, darüber sei keine Klarheit geschaffen worden. ES ist nichts geschehen, um der Belästigung der Offiziere Einhalt zu tim. TaS Gericht ist der Ansicht, daß, wenn die Zivil- bchördc auch nur miteinigcrEnergiecingcschrrite n wäre, die Vorgänge hätten vermieden werden können. Am 22. November erst erfolgte der Ausruf, in welchem die Bevölkerung ersucht wurde, die Ossizicre in Ruhe zu lassen. Tarauf trat etwas Ruhe ein, aber am 26. wurden hinter den Offizieren wieder Ruse laut, so daß einzelne Festnahmen eriolgen mußten. Was das Vorgehen dcS^ Obersten v. Reuter am 28. November anlangt, so hielt sich der Oberst an die noch in Kraft b e t i n d l i ch c preußisch c K a b i n c t t s o r d r e. Es ist kein Zweifel, daß die preußischen Truppen sich an ihre Instruktionen zu haften haben, gleichviel, wo sie sich befinden. Tic Offiziere haben nur ihren Pflichteifer in der Ausführung ihrer Instruktionen zu betätigen und haben die strafrechtliche Seite ihrer Instruktionen nickst nachzu- prüsen. Ter Soldat trägt seine Jnslruilion im Tornister mit und befolgt sie auch im Auslande. Tie im Reick)sland garnisoniercnden sächsischen Truppen haben die sächsische Instruktion, die prcnßiick>en Truppen die preußische Instruktion auszuführen. Es ist zwrifel- loS, daß der Offizier weiter nichts zu tun hat, als sich an seine Tienstvorschrist zu halten. Das Gericht stellte sich im wesentlichen auf den Standpunkt dc-s Vertreters der Anklage und des Berlei- digers, daß dem Obersten p. Reuter bei seinem Vorgehen das Bewußtsein der RechtSwidrigkcit gefehlt habe und er sich für berechtigt hielt, einzuschreiten. Tie Zivilgewalt in Zabern hat vollkommen versagt. Tas Zeugnis der Olfizierc sei als glaubwürdig anzusehen. Tie Zivilbehörde hat sich nur auf die Verhinderung tatsächlicher Angriffe aus die Offiziere beschränkt, aber nichts zur Ausrcchtcrholtung der allgemeinen Ordnung getan. Der Oberst v. Reuter war berechtigt, die Verhaftete n und im Pandurcnkeller Untergebrochtcndort z u r ü ck z u b e h a l t e >l, weil die llebersührung derselben nach dem Zivilgericht während der Nacht zweifellos zu Z n s a m m e n st ö- ß c n geführt hätte, was zu verhüten eine Pflicht deS Obersten war. Daß Oberst v. Reuter mit der Verhängung deS Belagerungszustandes gedroht hat, war rcchttich nicht zulässig. Aber es war als ernste Mahnung an die Bevölkerung zur Wahrung der Ruhe gemeint.
Bezüglich des Angeklagten Schabt sei zu bemerken, daß von einer widerrechtlichen Freiheitsberaubung durch ihn nicht die Rede sein könne. Der Anschuldigung gegenüber, Schadt sei unberechtigt in die Wohnungen der Zeugen Levh und Gunz einge- drungcn, wird festgcsteilt, daß nach den bezüglichen militärischen Destimmuilgcn Schadt als Wachthabender und dienstlich mit der Festnahme von Personen beauftragt war, die sich etwa einer Gesetzwidrigkeit schuldig gemacht hatten. Leutnant Schadt hielt sich zu seinem Vorgehen sür berechtigt. Was die vorsätzliche körperliche Mißhandlung deS Zeugen Kornmann anbclangt, so hat das Gericht keine Veranlassung, dem einzigen Zeugen, dem Kornmann selbst Glauben zu schenken. Auch sei nicht anzunehmeu, daß durch einen Schlag mit der stachen Hand ein Backenzahn sich löse. Tas Gericht hält einen schlüssigen Beweis nicht für erbrach! und spricht mich in diesem Punkt den lAngcklagten stir vollkommen schuldsrei. ,
Das Urteil wurde vom Publikum mit lebbafiem Beifall ausgenommen.
Lnver Pascha und Gencral Liman von Sanders.
Tie Ueberraschunge» aus Konstautinopel hören nicht auf. Nun heißt cs plötzlich, Liman v. Sanders werde nach dem Willen des neuen Kriegsininisters doch nicht KvrpS- iommandeur werden, und cs ist vorläufig noch dunkel, ob Eimer hier in voller Uebereinstimmung inil den deutschen Auffassungen gehandelt hat. Da angeblich noch immer russisch-deutsche Erörterungen gepflogen werden, erscheinen diese Neuigkeiten in einem eigentümlichen Lichte.
Nach einer halbamtlichen Veröffentlichung aus Kvu- stautinopel beabsichtigt der Kriegsniinistcr, in der Erwägung, daß das Kommando des c rft t n Armeekorps einen großen Teil der Tätigkeit des Generals Lim au v. Sanders in Anspruch nähme, zum Schaden seiner hohen Mission als Gencralinspetleur, von welcher der Kriegsminister die glücklichsten Ergebnisse für eine schnelle Reorganisation des Heeres erwartet, einen türkischen General mit dem Koinmando des ersten Armeekorps zu betrauen, welcher dabei von einem deutschen G c n e r a l st ab s o s f i z i e r unterstützt werden soll.
Kriegsminister Envcr Pascha crtlärte im „Tanin" in einer Rechtfertigung zur Pensionierung zahlreicher Ossi ziere, gegenwärtig gebe cs in der Türici zwei Cadres, einen sür die Friedenszctt und einen für die Kriegszeit. Die höheren Ossizicre nähmen in Friedenszeitcn Stellungen ein, welche sie in Kriegszeiten anderen Ossizieren überlassen müßten. Eine Verjüngung der Cadres sei notwendig, um dein Dualismus ein Ende zu machen. Für di: Offiziere, welche die Schule vor 10 Jahren, zu einer Zeit verließen, da man sich noch wenig mit der Kriegskunst befaßte, die den modernen Fortschritten nicht gefolgt sind und infolge ihres Alters jede Initiative verloren haben, sei die Zeit der Ruhe geiommen. Ter Minister crtlärte: Die Türkei brauche im Frieden nur einen Efseltivstand von 200 000 Mann. Tas Budget des Kriegsministeriums werde demnach die Summe von sechs Millionen nicht übersteigen, gegen 10>- Millionen im lausenden Jahre. Tic Psort: verösseutttcht außerdem folgende Feststclsiing: Das Komniando über die Dar - da netten und den Bosporus unterstehe nicht dem Kommandeur des ersten Armeekorps, sondern dem Kriegs minister. Das Kriegsgericht und der Belagerungszustand falle gleichfalls ausschließlich unter die Befugnisse des Kriegsministers.
Tie „Boss. Ztg." meldet aus Petersburg: Laut „Nowoje Wremja" dauern die Verhaudlungcu zwischen Rußland und Deutschland übeer die d e u t s ch e M i > litärmission fort. Deutschland habe erklärt, keine Schwierigkeiten schassen zzi wollen. Rußland hoffe daher auf eine bciderseisig befriedigende Lösung der Frage.
Tie Subskription für die türkische Flotte wird in Konstansinopel und in der Provinz eifrig fortgesetzt. Ter Konstantinopeler Gcncralrat hat sich auf Antrag des Ministers des Innern Talaat, der der Sitzung beiwohnte, durch Akklamation im Prinzip für die Einführung eines Steuerzuschlages für die Flotte ausgesprochen.
Tic türtisch-serbischen Friedciißvcrhaudluiigc».
werden in diplomatischen Kreisen als abgebrochen betrachtet. Die Tclegiertcn sind seit drei Wochen nicht zu Verhandlungen zusaimnengetreden. Von serbischer Seite wird erklärt, daß die Unterbrechung veranlaßt worden sei durch neue Forderungen der Türkei in Fragen, die schon dreimal besprochen und angenommen worden seien. So seien die Fragen der Nationalität, der Watiifs und der niuselmani- schcn Gemeinden noch strittig. Die serbische Regierung sei
Gießer,er Aonzertvere!»».
Zweites Kammermusik-Konzert.
Gießen, den 12, Januar Wer je in München irttr, sei es als Student oder auch nur vorübergehend, dem wird wohl neben der berühmten und geliebten Münchner „Gemütlichkeit" ein Haupimoment im Leben der schönen Jsarstadt unvergeßlich sein: Tie Pslegc der Kunst auf jedem Kunstgebiete Und neben der Malerei wird in musikalischer Hinsicht so außerordentlich viel geboten, dnß München heute wohl als erste Kunststadt im ganzen Reiche angcieben werden darf. So durfte man den, ersten Austreten des „Münchner StreichguartcttS" in Gießen mit besonderem Interesse cntgegenschen, und die ständigen Besucher der Konzertvercinskonzette hatten einmal Gelegenheit, den höchstkultivierten Tarbiettingen dieses erstklassigen Streichaiiartctts lauschen zu können,
TaS Spiel dieser Vereinigung, bestehend aus der ungemein sympathisch berührenden, technisch wie musikalisch aus vollendeter Meisterschaft stehenden Persönlichkeit Professor Kilians, des krait- — besonders auf dem Spezialgebiete der Bachpilcge in München lwch ge ick ätzten Georg Knauer, deS in jeder Hinsicht de deutenden Bratschisten Professor VollnhalS, der aber in der Akademie der Tonkunst selbst als Lehrer für Kammermufiksviel tätig ist und Prosessor Hegar, der an Stelle des ausgeschiedencn Prosessor Kitter seit dieser Konzertsaison dem Quartett angebörl und der sicki dank seiner hier so ofi gerühmten Vorzüge säst ganz dem herrlichen Ensemble eingereiht hat.
Die vier Herren begannen mit dem Quartetr von Brahnzs öi Nr 2 in ?bmoll und zeigten hier vieltcicht ani besten, aus welch hoher tünstleriicher Sluse sic musizieren, Ta war, abgesehen van der liebevollsten Ausführung auch der kleinsten IN der Partitur angegebenen Nuance, alles io echt brahmsisch, so herb und dennoch so schtveigend in jedem Don, der sehr schwere erste Satz so sein in jedem Instrument abgetönt — ich erinnere nur an die herrlich wiedergcgebene Stelle bei der Dertersührung des zwttten Themas in der Bratsche — daß man wieder einn-.al ordentlich miischwelgen konnte. Tie KäMilene des zweiten Latzes brachte Mei. ster Kilian »um innerlichsten Tönen, rm dritten Satze war die Unter- streickiung des Degriises „moderaw" von äußerst wohltuender Wirkung ini Geaensatz zum Allegretto v i v a c e und IIN letzten Satz l°gten die Künstler eine rhhthmiickc Klarheit und Krau an den Tag waren überhaupt so musiziertreudig geifimmt, daß man »ch nur — eine längere Pause gewünscht hätte, um sich ein wenig
deni erlebten Genüsse noch hingcben zu können. Doch cs stand ja noch Höheres in Beethovens Öp. 59 Nr. 2 E-Moll bevor. Ich habe dieses Werk vor ungesähr neun Jahren vom „Joachimauartett" gehört — eine Leistung, die mir besonders im zweiten Satze - immer unvergeßlich sein wird und so tonnte ich gestern in lieber Erinnerung die glänzende Wiedergabe genießen, lind wie echt im Geiste Beethovens nmsizierten die Münchner; schon die ersten zwei Aklorde voll Kraft und Trotz und dann begann cS wie eine leise Seclcnschwingung, ein unterdrückter Seufzer und schwoll und tönte und sang und bekundete im letzten Satze eine Lebensfreude stürmisch und jung und ungetrübt, daß die vier wunderbaren Künstler endgültig den Sieg über eine gewisse Antcilnahmlosigkeit des PublilumS (bef. mährend des BrahmSguartcttS) davontrugen. Was sollte noch folgen? Ehre wem Ehre gebührt: so beschloß Vater fsaydn mit seinem Op. 20 Nr. 4 in T-Dnr, einem ganz genialen Werk, den Abend. Und die Wiedergabe war ein Kabinettstück echter Kammermusik.
Ter Saal ivieS gestern bedenkliche Lücken aus, was wohl nicht nur aus Rechnung der karnevalistischen Unterhalttmgen, sondern viel eher aus eine provinziale Voreingenommenheit gegen alles, was nicht einen intcrnattonalen „Starrust' wie „Caruso" besitzt, zurückzuführcn sein dürfte. Man sollte den Bestrebungen des KonzcrtvcreinsvorstandeS wahrlich dadurch entgegcnkvmmen, daß nian anckt d i c Konzerte besticht, die zufällig für Gießen weniger belanntc Namen aut dem Programm iübren. a-i.
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— Jet erste Inhaber der BerlagSsirma Brock- h a u S, der frühere Parlamentarier Heinrich Eduard BrockhauS, ist im Alter von 84 Jahren gestorben. Mehr als 40 Jahre hat er an der Seite seines Vaters, dann seit dessen Tode mit seinem jünge ren Bruder Heinrich Rudols BrockhauS das umfangreiche und weitverzweigte Unternehmen geleitet und ihm die hohe Stellung, die cs seit seiner Begründung im deutschen Buchhandel cinnimmt, dauernd zu wahren gewußt.
— Der Umbau des Palazzetto Venezia, der bekanntlich znm Sitz der österreichisch-ungarischen Botschaft in Rom anSersehcn war, ist mm vollendet, und die Beamten werden hinnen kurzem die neuen, völlig modern hergerichteten Räume beziehen, lieber die Verstümmelung dieses historischen Palastes Pauls II., der eines der herrlichsten Bauwerke Roms war, ist seinerzeit eine allgemeine Klage durch die gebildete Welt gegangen. stfiin ist eS wenigstens erfreulich, daß das ehrwürdige Tenkmol, das nach außen so schwer geschädigt wurde, im Innern
nach Möglichkeit erhalten worden ist. Wie im Cicerone berichtet wird, Nwrde die häßliche alte Sttege im Hauptpalast umgelcgl und int Qiiatrrocentostil neu erbaut Fragmente, die man bei der Umsetzung des Palazzetto sand, antike Trümmerstücke und andere schöne Bauteile, wurden in der bohen Loggia eiugcmauctt. Bei dein Wiederauibau kam ein seiner historischer Sinn zur Geltung, und jo ist cs eine glückliche Ueberraschung, den neuen Hos mit seinen lustigen Bogenstellungen zu sehen. Das obere Stockwerk der Bogenhalle, das srüher vermauert war. ist jetzt geöffnet. Ein Renaisiancegärilein mit einem Renaiilanccbrnnncn ist in der Mitte angelegt, und in der römischen Sonne sprießen Zypressen, Lorbeer und Buchsbaum rasch empw. Auch sonst sorgte der gegen» artige Botschaster am Vatikan Prinz Schönburg-Hartcii- stcin daflli, daß gerettet wurde, was zu retten war. Er ließ in einem der Prunkgemächer unter Ufias die Münzen und Ton scheiben sammeln, die man in großer Zahl in den Fundamenten anSgxgrabem und stellte die Büste Pauls II, von Bcllano in schöner Weise wieder aus, Tic Gcsckstchte des Umbaues, bcr dem reiche Funde an Marmorfragmenten, Münzen, Terrakotten usw zutage traten, wird von Tr. Ludwig Pollak verfaßt, dkr sich bei diesen Weiderherstellungsarbeiten mannigiache Verdienste-erworben. Hat auch das neue Gebäude viel an Schönheit cingebüßt, so hat es doch einen Vorzug vor dem alten erhalten: es ist be- guem Und gesund, und nran darf sagen, daß heute kein Botschaster in Rom glänzender wohnt als der österreichisch:.
* M o d e I ch >v a l l. Wag RndoU Hfidebrand, der große -vrackigelchrte, vor gerade 30 Jahren i>> feinen „Wcbnnfett über Gott, die Welt und das Ich" »iederschrieb, da? aüt auch heute nocki: „(sin Zeichen der Umtehr von gelehrtem Worticbwolt lebe ich in der Beiloge der illltgeineinen Zeitung, wo einer über religiös- vliiloiopbiswe Begritje der Sgtatava aut Madagaskar schreibt: „Ihre Ansicht übw da§ höchste Wesen ist — wenn wir uns doch einma' so griechiich und lateinisch ausdrücke» sollen — eine onthrovo- morvbische Objektivierung ihrer eigene» ctl'ischen Jndividiialilot, was Schiller ebenso kurz und gnt wie schön deutsch io gewßt bol In seinen Göttern inalt sich der Mensch. Schon äkenovbanes saate übrigens 500 Jalire vor unserer Zeilrechnuna Sle-nliches eniie enstoch. Schade, daß sich unsere benngen Denker kein Vorbild 01 dieser klaren Sprach« nehme». Alles, was i» jenem Modesanvall aeschrieben ist, wird einnial als veraltet und geschmacklos an- wideen; nur was in der andern, einsachen Form gesoßt ist, wirt und kan» nie veralten,"


