Samstag, den M- September
1ÜM
Der endlose Weg.
Roman aus Sibirien. Von I. O x e n h a nt v a s Autorisiert — Nachdruck verboten.
(Fortsetzung.)
„So! Aus dem Geschäfts unternehmen fliegen zutrst KeW P'rozent in meine Tasche als Zinsen für mein ant- elegtes Kapital. Von dem Rest erhalte ich drei Anteile und u einen, solange, bis du mir mein Kapital zurückzahlen kannst. Dann können mir ja ein neues Abkommen treffen. Ist dir das recht?"
,^Ja, und du kannst mir vertrauen, Peter Krop."
„Das wußte ich oder ich hätte dir den Vorschlag nicht gemacht. Und ich vertraue Leuten selten, Jline, denn sie sind meistens Schurken oder Narren, und ich bin weder das eine noch das andere."
,Aa. Aber eins muß ich dir noch sagen," meinte Stefan nachdenklich. „Mein Weib kann jeden Tag in dem Haus chres Vaters in Selemsinsk ankommen. Einmal in jedem Monat muß ich nach. Selemsinsk und mich nach ihr erkundigen. Ist sie dort, so nehme ich sie mit mir."
,S)as ist sehr gefährlich/" sagte Peter Krop, ebenso nachdenklich „Wenn du in die Hände von Puschkins Polier fällst —"
Stepan nickte nur. Er wie Peter Krop wußten ganz genau, was dann passieren würde.
„Und wie heißt der Vater deiner Frau?" fragte Peter.
„Wassili Totsin."
„Äh!" und das eine Wort sprach Bände.
„Auch daran erinnere ich mich jetzt," sagte Peter Krop nach einer Weile. „Ich wußte doch, daß ich dich auch schon gesehen haben mußte irgendwo. Damals bei deiner Hoch- mt Ich «erinnere mich sehr gut an Katia Wassiliewna und Marya Feodorowna. Jawohl, eine Frau, die sich ausgezeichnet aufs Handeln versteht, die Marya Feodorowna!"
Dann verfiel er wieder in Nachdenken. „Weißt du, was Wassili Totsin tun wird?" fragte er endlich.
„Er wird versuchen,: Katia und das Geld zu behalten. Aber Katia wird mir folgen. Mit dem Geld werden wir ja sehen. Ich brauche vor allem Katia und Katinka. Glaubst hu, Peter Krop, daß Paschkin sie nicht ziehen lassen wird?"
„Paschlln ist aller Dinge fähig. Gott plage ihn! Er raubte mir viertausend Rubel und ließ mich obendrein beinahe totknuten. Tatukoff, der Gouverneur dieser Provinz, ist schlimm genug, aber ein Engel, verglichen mit Paschkin. jErn Wahnsinniger ist er, dieser Paschkin! Vielleicht kann ich etwas Über dein Weib erfahren, Stepan Jwanowitsch. Gehe lieber nicht mehr nach Selemsinsk, bis du bestimmt weißt, daß sie dort ist."
„Bringe wir Nachricht von ihr, und ich werde dir dankbar sein," sagte Stepan. „Ich habe so lange nichts von Weib mrd Kind gehört."
- > ,Sch will tun, was W kann," sagte Peter Krop.
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Wie Peter Krop, der Jude, die große Summe v 0 H,.tausend Rubeln so anlegt, daß er weder ProfitnochZinsen er ho ffen kann . . .
Sv begann ein neues Leben für Stepan, und, wenn sein Herz nicht weit weg im Norden in der Stadt Irkutsk gewesen wäre, während er mit feinem Karren über die schlechten Straßen der Provinz Jenisseisk zog, dann hätte er wirklich ein glücklicher, zufriedener Mann sein können/ trotz aller Befehle und Pässe des Gouverneurs Paschkin. Denn wo eines Mannes Liebe ist, da weilt auch sein Herz, und Stepan Jline hatte keinen andern Wunsch im Leben, als wiedervereint zu fein mit Katia und Katinka. Doch Peter! Krop hatte ja gesagt, er würde in Erfahrung bringen, wo Katia fei und wie es ihr ginge, und Stepan war ganH sicher, baß ihm das gelingen würde. Denn die Juden sind ein wunderbar kluges Volk trotz ihrer niederen Sucht nach Ge8d und Geldeswert. Und so schnell konnte es ja auch nicht gehen, «zweifellos. Der Handelsverkehr zwischen Irkutsk und Jenisseisk war nur spärlich,, und Peter Krop mußte auf Gelegenheiten zu Erkundigungen warten, da er auf steter Wanderung war wie Stepan selbst.
Mo wartete er geduldig trotz aller Sehnsucht.
Er tat sein Bestes, Peter Krop zu beweisen, daß er recht gehabt hatte mit seinem Vertrauen, und wurde ein gute« Händler. An den Teufelspaß in seiner Tasche dachte er gar nicht mehr, denn er tat ihm nicht mehr so weh. Er wänderte .jetzt in Geschäfkm, so sagte er sich, und nicht unter Paschkins unbeugsamem Willen. Er verspürte gar keine Lust, die Vorschriften des Passes zu übertreten. Die Zeit dazu war noch nicht gekommen.
Mit Geld in den Taschen standen ihn: kleine Bequemlichkeiten zur Verfügung, wie die Dörfer sie boten. Auch viele Freunde hatte er sich erworben: nicht nur unter den Bauern, die seine Kunden wurden, sorrdern auch unter den Nomaden der Täler und Steppen. Seine ernste stille Art, seine Ehrlichkeit als Händler, sein hartes Los machten die Menschen, mit denen er zusammentraf, zu seinen Freunden.
Zuerst hatte er Schwierigkeiten mit der Polizei befürch-- tet, weil er fortwährend in der gleichen Provinz hin und her Mg, anstatt in gerader Wanderung Sibirien zu durchstreifen, aber diese Angelegenheit hatte Peter Krop mit Gouverneur Tatukoff in Ordnung gebracht, auf Wegen und mit Mitteln, die schließlich, nur ihn und den Gouverneur interessierten, die sich aber unschwer erraten lassen.
Während her ersten drei Pdonate arrangierte der alte Peter feine und Stepans Route so, daß sie sich in kurzen Zwischenräumen Grafen, um abzurechnen, Waren umzutau-- schen «und dann weiter zu ziehen. Aber Peter Krop war nicht umsonst fünfundsechzig Jahre alt geworden in einer Welt schlauer Glaubensgenossen. Er kannte seine Lente. Er vertraute bald Stepan Jline blindlings. Nach und nach, dehnte ejr die Reisen weiter aus und sie trafen sich seltener, denn Peter wußte/sdaß seine zehn Prozent Zinsen und seine fünf-


