Ausgabe 
7.9.1918
 
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Der endlose Weg«

Roman aus Sibirien. Von I. O x e n h a m.

Autorisiert Nachdruck verboten.

(Fortsetzung.)

Es wird hiermit verfügt, daß der Inhaber dieses Passes, Stepan Jwanowitsch Jliire, reisen mag innerhalb der Grenzen Mur Sibirien, wo es ihm beliebt, nur nicht in der Provinz von Irkutsk; unter keinen Umständen jedoch wrd aus keinem Anlaß darf der genannte Stepan Jline sich *m irgendeinem Ort länger als zehn Tage aufhalten. Die Polizei hat diese Anordnung mit äußerster Strenge durch-- zusühren."

Ein drittes, ein viertes Mal las Stepan diesen Vermerk furch, langsam, sorgfältig. Er war wie verwirrt minuten- ang, unfähig zu denken, als sein Hirn die volle Bedeutung rer wenigen Worte erfaßte-

?lh, es war itid>t die bodenlose Ungerechtigkeit von alle­dem, die ihn am schiversten traf. Nicht die Verbannung, nicht der Verlirst der Schmiede, nicht der finanzielle Ruin. Das war ja etwas Alltägliches unter Puschkin. Sibirien war aroß. Und alle seine Gouverneure konnten doch nicht Pasch- kins sein!

Aber bei allen Heiligen was bedeutete, dieser Patz? Was sollte das heißen? Was war das für eine Teufelei? Zehn (Tage nirgends länger bleiben dürfen als zehn Tage! Wie sollte man da leben? Wie sollte man da ar­beiten?

Ganz langsam sickerte das Begreifen in sein Hirn.

So sollte er denn ein heimatloser Wanderer sein von nun an »md dahinstreifen über das weite Sibirien ohne Rast und Ruhe in ewigem Wandern! Sommer und Winter, ge­sund oder krank, lebend oder sterbend immer auf dev Straße . . . Ohne Heim. Ohne Freunde. Denn wie konnte ein Mann sich Freunde erwerben, der nach wenigen Tagen von jedem Ort immer wieder fortgejagt wurde! Und Katia? Und Katinka? Der Mut wollte ihm sinken, als er an Weib und Kind dachte.

Bei Gott, das war zu viel.

Er sah deu Polizeichef au. Mit einem ver>virrteu scheuen Blick, 'in den: es sprühte und funkelte vor ohnmächtiger Wut »me tu den Augen eines »vilden Tieres, das in der Falle gefangen ist und mit letzten Zornes kraften reißt und zerrt. Der Chef der Polizei sah sich den bebenden Mann vor ihm ruhig an und rauchte weiter: er hatte schon viel schlimmere Dinge erlebt und dieser Jline schien ja wenigstens ver­nünftig zu sei»:, sich zu fügerp ohne eine lächerliche Szene zju macheir. Was der Paß da bedeutet für den Mann H du lieber Gott, als Polizeiches koimt'A er sich feineres! Entpsttl.de»» wirtlich »licht leisdeit. Zivar tat ihm Jline im Grunde leid, aber »vas half das ? Er rauchte ruhig weiter. ..

Es ist Ml viel! Es ist infam k" shieß Stepan Mischen den Zähnen hervor.

Könnte no«ch viel schlimmer sein," brurnmte der Rauchchv

Schlimmer? Schlimnteres kamt es nicht geben! Möge Gottes Fluch- Jt

Sa-ge das lieber nicht laut! Du kannst es dir ja denket», we»rn du rvillst," riet der Beamte.PafchkinS Ohren sind gar hellhörig und sie reichen »veit!'<

Möge Paschkirr

Pst, mein Freund," utahnte der Raucher wiederEs hätte dir wirklich »roch viel Schlimmeres passieren können . die Knute an jedem zehnten Tajg wie dem unglücklichen Woronin. Er hat nicht viele von diesen zehnten Tagen ausgehalten, das darfst du »nir glauben. Entschieden, es hätte schlimmer sein können. Du brauchst ja nichts zu tun, als hübsch langsam vorwärts Ml trampeln. Hübsch gemüt­lich."

Das »var es. Nur ein hübsch langsames Vorwärts- trampeln Sommer und Winter gesund oder krank, lebend oder sterbend bis endlich die Lebenslinie abge- trampelt »var.

Ich mutz nach Hause gehen und Nachdenken," sagte Jline, den Ponzeichef aus ausdruckslosen Augen anstarrend.

So ist's recht. Geh nach Hause, Stepan Jwanowitsch, und denke nach; aber denke »licht zu viel und denke nicht zu laut. Vergiß nicht, daß seine Exzellenz Ohren hat. Und wann gedenkst du, dijch nach Jennisseisk ans dM Weg zu machen T

,,Nach Jenisseisk?^^

"Nun, nach Jakutsk »virst du tvohl nicht »vollen, denke ich mir, und Irkutsk ist dir verschlossen. Wann wirst du reisen?'

Stepan Jline sah ihn starr an, gab aber keirre Atttwort.

Nun sagen »vir, morgen nachmittag. Nun geh nach Hause u»ld denke »rach. Aber nicht laut!"

Und Stepan ging in das bestlmdene Gasthaus, in dem er »vohitte, und warf sich aus sein Bott, so, wie ein verlvundetes Tier sein Lager anffllcht. Er katn sich plötzlich alt und verbraucht und durnm vor. Keinen zu­sammenhängenden (vedankeur konnte er fassen, nichts sich überlegen. Die ei»re ungeheuerliche Tatsache verstopfte ihm den Weg z»»m De»rken ...

Wandern ewig ivandern--

Reguttgslvs laig er die Nacht über da, weder garlz »vach/nd noch ganz schlafend, und es »var ih»rr, als liege eitle eiseskglle Hand ungeheuer schwer ih»»l auf Hirll unb Sinnen. Jmtnlsr müder wurde er. J»n»ner apathischer. Als er des Morgens aufstand, fühlte er sich zwanzig Jahre älter: denn Hoffnung ist LebM, u»ld er hatte nichts mehr zu hoffen im Leben.

Dil machst dich aus den Weg? So ist's recht!" sagte der Chef der Polizei vergnügt, als Stepan auf das Polizei^ burean kam, uw sich seine Papiere abzuholen. ,Ms hätte schlimwer ausfallen rönnen für dich; oh ja, viel schlimmer. Wohin gehst du?"